Posts Tagged ‘Hans Hass’

Der Mensch als Orgonmotor

18. September 2026

Frei nach Pawlow glaubte man ursprünglich, daß (beispielsweise) die wellenförmige Schwimmbewegung eines Aals auf einer Kette von Reflexen beruht. Ein Reflex regt den nächsten an. Ein rein mechanischer Vorgang. Doch durch Durchtrennen von Nerven konnte experimentell gezeigt werden, daß diese Bewegung auch ohne sensorische Rückmeldung abläuft, sozusagen „autonom“. Die Nervenzellen im Rückenmark feuern von sich aus in einer perfekt koordinierten wellenförmigen Sequenz. In den 1930er Jahren hatte der Verhaltensbiologe Erich von Holst (beispielsweise) bei Aalen das Gehirn vom Rückenmark getrennt und die sensorischen Nervenbahnen durchschnitten. Dieses simple Experiment bildete die Grundlage der modernen Neurobiologie und Verhaltensforschung. Was wir hier vor uns haben sind pulsatile orgonotische Funktionen, die unabhängig von der Umwelt und unabhängig vom Gehirn aus sich heraus agieren.

Hans Hass schreibt dazu:

Dieses Ergebnis war in doppelter Weise ungemein interessant. Erstens widerlegte es die Ansicht des russischen Biologen Pawlow und seiner Schule, die alle Instinkthandlungen auf „Ketten“ von einzelnen Reflexen zurückführten. Nach dieser Vorstellung – die damals von den meisten Biologen geteilt wurde – hätte die Bewegung eines Muskelsegmentes über innere Sinnesreize die Bewegung des nächstfolgenden auslösen müssen. Als einen solchen „Kettenreflex“ hatte man sich bisher den regelmäßigen Ablauf der Schwimmbewegung des Aales vorgestellt. Bei diesem Präparat waren jedoch keinerlei Rückmeldungen an das Rückenmark möglich, es konnten somit die Segmente einander nicht beeinflussen. Zweitens aber, und fast noch wichtiger, zeigte dieses Experiment, daß dieser offenbar von einer Stelle gesteuerte Bewegungsvorgang gar keines äußeren Reizes bedurfte, um abzulaufen. Die motorischen Zellen, welche die Schlängelbewegung kommandierten, waren vielmehr „spontan aktiv“. (Hass: Expedition zu uns selbst. Das Geheimnis menschlichen Verhaltens, NATURPHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN, Bd. 4, München: Universitas 1987)

Es ist etwas unglücklich, da die falschen Assoziationen hervorgerufen werden, daß das lokale Netzwerk im Rückenmark, daß für die Rhythmik autonomer Muskelbewegungen, u.a. das Atmen, zuständig ist, ausgerechnet als „Zentraler Mustergenerator“ (Central Pattern Generator, CPG) bezeichnet wird, weil das Rückenmark Teil des Zentralen Nervensystems ist. Nochmal: das ganze läuft als „kontinuierlicher Antrieb“ autark, spontan aktiv ab, d.h. ohne sensorische Rückmeldungen von der Peripherie und ohne Befehle vom Gehirn.

Natürlich initiiert das Gehirn das Gehen, Kauen und Schlucken und beeinflußt das Atmen, doch der CPG feuert die Nervensignale autonom. Genauso modulieren Signale von der Peripherie her zwar diese autonome Rhythmik des CPG, aber das ändert nichts daran, daß der CPG aus sich selbst heraus pulsiert, d.h. auch sozusagen „im Leerlauf“ weiterlaufen würde.

Werden der betreffende CPG zerstört, kann man beispielsweise zwar noch gehen, doch ist dieses Gehen nicht mehr flüssig, nicht mehr koordiniert, nicht mehr unwillkürlich, sondern nur noch rein mechanisch, roboterhaft. Es ist wie bei Reichs Orgonmotor, der zwar mit elektromagnetischer Energie betrieben werden konnte, seine charakteristische „flüssige“ Bewegung aber nur durch das Einspeisen von autonom pulsierender Orgonenergie vollführen konnte.

Der NACHRICHTENBRIEF für bunte Vielfalt!

30. August 2026

1994 wies Hans Hass darauf hin, daß die Umweltproblematik zu einem entscheidenden Entwicklungsfaktor werden könnte: „Ein gemeinsamer Feind, eine alle betreffende Gefahr kann das Wunder zuwege bringen, daß sämtliche individuellen Interessen und Zwiste sich wie Rauch auflösen und so eine auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtete Einheit entsteht“ (Die Hyperzeller, S. 252).

Auch wenn Hass es selbst nicht ausspricht, kann man doch sagen, daß die Entwicklung der menschlichen Organisationen zwangsweise zu einem Weltstaat führen wird. Nichts anderes war die Funktion des Umweltgedöns seit Anfang der 1970er Jahre.

Meines Erachtens wäre das erst recht das definitive Ende des Lebens auf diesem Planeten, denn ein einzelner Fehler in der Zielsetzung dieses weltumspannenden Staates kann zum Untergang führen, ohne daß es auf diesem Planeten noch eine Alternative gäbe. Wie viele Zivilisationen, etwa in Mittel- und Südamerika, sind vor unserer Zeit spurlos verschwunden! Und trotzdem hat die Menschheit überlebt. Das wird nicht der Fall sein, wenn sich der Kantsche Traum vom „Weltfrieden“ jemals materialisierte.

Das Hauptproblem ist stets, daß man Probleme „global“ anpacken will, zu denen man den bioenergetischen Kontakt verloren hat. Die einzige gangbare Alternative ist die Arbeitsdemokratie: daß jeder einzelne so viel Verantwortung für sich und seine unmittelbare Umgebung übernimmt, wie nur irgend möglich, auf daß „höhere“ „Verantwortungsträger“ überflüssig werden. So funktioniert jeder Vogel- und Fischschwarm! Selbstregulation statt Fremdregulation. Überspitzt ausgedrückt: Das Problem ist nicht, daß es auf dieser Welt zu viel Bewaffnete gibt, sondern zu wenige! Alle, die irgendwelche abstrakten Platonischen Ideen, Kantschen Imperative vertreten und eine weltumspannende Ethik vertreten, die uns von einer Greta Thunfisch eingebleut werden soll, sind unsere Todfeinde.

„Natur“ und „Unnatur“

4. August 2026

Man kann den menschlichen Organismus (die Biologie) unmöglich vom zivilisatorischen Umfeld trennen. Genausowenig wie man einen Einsiedlerkrebs von der Blechdose trennen kann, die seinen Hinterkörper schützt. Aus dieser Sicht ist es egal, ob z.B. ein Splitter, der in die Unterhaut eindringt, von Makrophagen aufgefressen oder von Chirurgen entfernt wird. Von der Funktion her gibt es nämlich keinen Unterschied zwischen der Instanz „Immunsystem“ mit dessen Angestellten (den Makrophagen) und der Instanz „Krankenhaus“ und dessen Angestellten. Die einzige Frage, die zählt, ist, ob die für den Organismus lebensnotwendige Funktion erfüllt wird oder nicht. So gesehen geht etwa die Frage, ob ein Tumor „natürlich“ abgebaut wird oder „unnatürlich“ chirurgisch beseitigt wird, vollkommen am Kern des Problems vorbei. Diese Trennung von Natur und Zivilisation ist selbst ein zivilisatorisches Kunstprodukt.

Das Lehren uns die beiden großen Funktionalisten Wilhelm Reich und Hans Hass: aus funktioneller Sicht sind Gegensätze wie biologische Selbstregulation vs. zivilisatorischer Eingriff, oder selbstherrliches Individuum vs. universalistischer Gruppenzwang vollkommen künstlich und lenken nur von der wirklichen Fragestellung ab. Und diese wirkliche Fragestellung lautet schlicht und ergreifend: Leben oder Tod?

Es geht darum die orgonotische Pulsation zu steigern. Dies kann sogar bedeuten gegen die „Natur“ zu arbeiten. Zum Beispiel gilt es die Sexualität endgültig von der Fortpflanzung zu trennen, d.h. durch bessere Verhütungsmittel von der „Biologie“ zu befreien. Etwas „Unnatürlicheres“ als Verhütung kann man sich wohl kaum vorstellen. Auch könnte ich mir Eingriffe in die Keimbahn vorstellen, um alle Erbkrankheiten endgültig auszumerzen. Auch sehe ich nicht ein, daß es fürderhin objektiv unattraktive Menschen geben sollte. Es ist dem Lebensprozeß inhärent, daß wir uns von den Evolutionsgesetzen befreien und eine neue Rasse züchten, über den Menschen hinaus. Seit dem letzten Jahrhundert ist die natürliche Auslese ohnehin außer Kraft gesetzt, so daß von „Natürlichkeit“ keine Rede mehr sein kann, und wenn wir nicht entarten wollen, muß etwas Neues an ihre Stelle treten. Solange der weiteren Entfaltung der Genitalität gedient wird, ist alles erlaubt, wobei, frei nach Reich, dabei der Weg identisch mit dem Ziel sein muß.

Um die Zukunft zu sichern, d.h. keine Frankensteins an die Keimbahn heranzulassen, ist es notwendig, daß es neben der Orgonomie keine andere „Weltsicht“ geben darf. Und das meine ich vollkommen ernst. Alles andere ist Verrat am Lebendigen. Es geht hier nicht um größenwahnsinnige Weltherrschaftspläne, sondern schlicht und ergreifend darum, daß anstelle der mechanistischen Wissenschaft der orgonomische Funktionalismus zu treten hat. Und das ist nicht so unrealistisch, wie es klingt. Man denke nur daran, wie in ihrem Bereich, d.h. auf atomarer Ebene, praktisch von heute auf morgen die Quantenmechanik die klassische Mechanik weltweit verdrängt hat. Das geht wahnsinnig schnell. Erinnert sei daran, wie vor nicht langer Zeit ganz real von einem Tag zum Tag anderen die gesamte etablierte Theorie über Magengeschwüre umgestoßen wurde. Täglich liest man, daß dank neuer Beobachtungen, Experimente, Erkenntnisse irgendwelche bisherigen Theorien hinfällig geworden sind.

Egal wie technologisch fortgeschritten und „unnatürlich“ wir sind, wir bleiben Teil der Natur. Die einzige Frage ist, um mit Reich zu reden, ob wir „charakterologisch und neurotisch krank (sind), deformiert und (nicht) funktionieren im Sinne der Naturgesetze“ (Reich über Freud, S. 86). Wir müssen von der individuellen (Genitalität) und gesellschaftlichen (Arbeitsdemokratie) Panzerstruktur wieder Teil der Natur werden (orgonomischer Funktionalismus).

Ein gutes Beispiel für fehlgeleitete „Natürlichkeit“ war das „Waldsterben“: ein bloßer Mythos. Er beruhte einfach darauf, daß es in Mitteleuropa seit über 1000 Jahren nicht mehr soviel Wald gab, daß dieser Wald hoffnungslos überaltert ist und daß ein Großteil der Bäume nicht dort stehen, wo sie eigentlich hingehören. Natürlich stirbt der Hochwald ab, wenn dort Bäume aus dem Flachland angepflanzt wurden, und natürlich sterben Nadelbäume dort ab, wo natürlicherweise Laubbäume wüchsen. Und was etwa Waldbrände in Amerika betrifft: sie sind ein Produkt der Feuerbekämpfung in den letzten Jahrzehnten! Als die ersten Weißen nach Amerika kamen, waren sie baß erstaunt, wie „aufgeräumt“ doch die Wälder waren, ohne viel Unterholz und sehr licht (das Gegenteil der wilden Urwälder im feuchten Mitteleuropa). Das war so, weil diese Wälder regelmäßig durch Blitzschlag Feuer fingen, was sie licht hielt. So konnte es mangels Brennholz am Boden nie richtige Feuerkatastrophen geben. Dann kamen in diesem Jahrhundert die weißen „Umweltschützer“ und haben diese sporadischen natürlichen Waldbrände jeweils gelöscht. D.h. die Wälder wurden dicht und voll Unterholz – und je mehr man die immer schlimmer werdenden Feuerkatastrophen eindämmt, desto verheerender werden sie. Und das Tragische ist, daß die heutigen Großfeuer die Wälder tatsächlich irreparabel schädigen. Es gibt also keine schlimmeren Verbrecher als Feuerlöscher. Das ist mein Credo: je mehr Waldsterben und Waldbrände (wenn es nicht eh schon zu spät für gesunde Feuer ist) desto besser.

Bewußtsein und Orgasmusfunktion

29. Juni 2026

Das profane Alltagsbewußtsein ist, frei nach Konrad Lorenz und Hans Hass, kaum mehr als „Probehandeln“. Unsere Vorfahren mußten jeweils „abschätzen“, bevor sie von einem Ast zum anderen sprangen! Allein von daher ist es abwegig zu glauben, daß das Bewußtsein in irgendeiner Weise etwas „Höheres“ sei. Wenn wir schon tiefer ins „Geheimnis Bewußtsein“ tauchen wollen, nähern wir uns seinem eigentlichen Wesen am besten anhand des Träumens, einfach weil das etwas Autonomes ist, was sich unserer Kontrolle entzieht. Hier herrscht das Vegetativum, nicht der „Wille“!

Der Traum ist, frei nach Freud, immer eine animalische Wunscherfüllung. In ihm leben wir uns unwillkürlich aus. Er hat etwas „Sexualökonomisches“ und wir sind in diesem Bereich Tier, ganz Tier. Aus dem Bewußtsein etwas „Überweltliches“ zu machen, ist auch von daher einfach lächerlich. Bewußtsein ist wie der Traum seinem Wesen nach „triebhaft“ und all unsere hehren „hochgeistigen“ Vorstellungen über Gott, das Jenseits, ein Leben nach dem Tode, „höhere Welten“ etc. sind eine Funktion davon. Unsere Imagination ist eine minderwertige Ausformung der Orgasmusfunktion. Man betrachte doch bitte alle Paradiesvorstellungen und alle Vorstellungen einer „geistigen Welt“: die Welt der Glückseligen…

Grundlegend anders als jedes „Computerprogramm“, das seine Daten konsolidieren und die Festplatte „reinigen“ muß, geht es im Traum vor allem um Emotionen. Es ist eine bioenergetische Entladung, die im Schlafen ähnlichen Prozessen im Wachen entspricht, insbesondere der Sexualität. Der Traum ist, frei nach Charles Konia, sozusagen der Orgasmus im Funktionsbereich der koexistenten Wirkung. Da wir im Schlaf körperlich paralysiert sind, entladen wir uns in der Imagination = Bewußtsein!

Wichtig für das Thema „Traum und Bewußtsein“ ist vor allem die Assoziationsleistung. Denkbar separate Dinge werden miteinander verknüpft. Das ist die Grundlage von aller Kreativität und Imagination. Das mag in der mechanistischen Schlafforschung unter „Gedächtniskonsolidierung“ verbucht werden, aber es ist eindeutig mehr. Es ist eine direkte Entsprechung der genitalen Überlagerung. Zwei Funktionsvariationen vereinigen sich und schaffen etwas Drittes.

Daß das Träumen eine Vorform des Tagesbewußtseins ist, sieht man eben daran, daß es nicht nur um die Vergangenheit („Gedächtniskonsolidierung“) geht, sondern vor allem auch um die Zukunft. Nach der Threat Simulation Theory ist auch der Traum von „Probehandlungen“ geprägt, d.h. es werden mögliche Gefahrenlagen für den Tag durchgespielt.

Charakteristisch für die heutige Traumforschung ist die vollständige Fixierung auf Hirnleistungen, d.h. das ZNS, während tatsächlich im Schlaf das Vegetative Nervensystem den Organismus dominiert. Der Tiefschlaf wird durch einen Überhang des Parasympathikus geprägt („Aufladung“), im Traumschlaf tritt der Sympathikus hinzu („Entladung“) – genauso wie der Orgasmus sympathisch innerviert ist. Während sich dergestalt das Vegetativum austobt, ist – zeitgleich mit unserem Wachbewußtsein – die Kontrolle des ZNS über die Skelettmuskulatur abgeschaltet (Schlafparalyse).

Im Traum hören wir nichts und wir sprechen nicht, sondern wir werden zu „Telepathen“. Entsprechend muß unser Wachbewußtsein etwas mit unserem Sprechapparat, der vollständig zur Skelettmuskulatur gehört, zu tun haben. Bewußtsein ist folglich, wenn zur koexistenten Wirkung (traumhafte Imagination) und Pulsation (Vegetativum) die relative Bewegung (Skelettmuskulatur) und die KRW hinzutritt.

Das wird in der Darstellung des Erregungsverlaufs im energetischen Orgonom unten beschrieben. Dazu paßt auch, wie etwa der schizophrene Geisterseher Rudolf Steiner zeitlebens sexuelle Erfüllung in der „geistigen Welt“ suchte und davon überzeugt war, daß eines Tages der Mensch sich nicht mehr mittels der Genital- sondern der Sprachorgane fortpflanzen werde.

Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 2. Die Funktion des Orgasmus, f. Der orgasmische Affe

24. Juni 2026

Peter Nasselstein: Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 2. Die Funktion des Orgasmus, f. Der orgasmische Affe

Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 2. Die Funktion des Orgasmus, d. Die Evolution des Orgasmus

20. Juni 2026

Peter Nasselstein: Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 2. Die Funktion des Orgasmus, d. Die Evolution des Orgasmus

Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 2. Die Funktion des Orgasmus, b. Sex wozu?

16. Juni 2026

Peter Nasselstein: Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 2. Die Funktion des Orgasmus, b. Sex wozu?

Wilhelm Reich, Physiker: 5. Das Atom und das Orgon, d. Orgonomisches Potential und Bewußtsein

7. April 2026

Wilhelm Reich, Physiker: 5. Das Atom und das Orgon, c. Das orgonomische Potential und das Lebendige

Wilhelm Reich, Physiker: 1. Biophilosophie, a. Platon und Aristoteles (Teil 1)

22. Oktober 2025
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Wilhelm Reich, Physiker: 1. Biophilosophie, a. Platon und Aristoteles

Sexualität und Arbeit (Teil 3)

29. Juli 2025

Reich hat nur eine einzige Entdeckung gemacht:

Die Funktion der orgastischen Plasmazuckung. Sie stellt den Küstenstrich dar, von dem aus sich alles weitere ergab. (Äther, Gott und Teufel, S. 3)

Deshalb müssen wir auch bei einer orgonomischen Betrachtung des Wirtschaftsgeschehens von diesem Küstenstrich ausgehen. Insbesondere von der Überlagerung, die zumindest bei Vertebraten untrennbar mit der orgastischen Plasmazuckung verbunden ist und auch sonst, so Reich 1950, das ganze Tierreich bestimme. „Und sie könnte wohl zu einer neuen Grundlage (…) für einen neuen Gesellschaftsaufbau werden“ (Orgonomic Functionalism, Bd. 2, S. 69).

Jedes einzelne der drei Bereiche der Arbeitsdemokratie (Liebe, Arbeit und Wissen) kann man mit der Überlagerungsfunktion verbinden. Zum Beispiel ist Arbeitsdemokratie nie Monolog eines „Wissenden“, sondern immer Dialog zwischen den Arbeitenden. Dieser Dialog ist funktionell identisch mit Überlagerung und deshalb auch die einzig mögliche Grundlage der orgonomischen Theoriebildung. (Es sei in diesem Zusammenhang an die „Philosophien des Dialogs“ von Martin Buber und Hermann Levin Goldschmidt erinnert. Reich ist u.a. daran kaputtgegangen, daß es niemanden gab, mit dem er sich auf gleichem Level austauschen konnte.)

Die sexuelle Gemeinschaft geht aus der Überlagerungsfunktion hervor und kulminiert in der genitalen Umarmung. Die sich (manchmal) aus diesen Überlagerungsprozessen herausbildende Familie entwickelt zusätzlich eine Funktion, die im Gegensatz zur Sexualität steht: die Arbeit. „Gegensatz“ im Sinne von einem wechselseitig bedingenden Hin und Her. So ist es nicht nur pestilente Sexualablehnung, wenn sich traditionelle moslemische Kulturen militant gegen die ja auch aus orgonomischer Sicht groteske, verächtliche, kontaktlos freizügige westliche „Kultur“ wenden, die aus den Frauen ständige Sexualobjekte gieriger Tölpel macht. Diese gesellschaftliche Sexualisierung gefährdet den Familienzusammenhalt und damit das Gefüge der Gesellschaft: sowohl emotional als auch ökonomisch.

Man denke nur einmal an all die Menschenopfer (nicht gezeugte oder abgetriebene Kinder), die auf dem Altar von „Emanzipation“ und „Selbstverwirklichung“ dargebracht wurden. Gleichzeitig gefährdet nachlassende Arbeitsdisziplin und mangelnder Arbeitsethos die Genitalität im Kern, denn alles, was uns an Strukturen umgibt (Kleidung, Häuser, etc.), dient dem Schutz der organismischen Pulsation im allgemeinen und dem der Genitalien im besonderen. Entsprechend ist die „arbeitsscheue“ und „sexbesessene“ Linke letztendlich sexualfeindlich!

Das, was Hans Hass in seiner „Energon-Theorie“ als „künstliche Organe“ („zusätzliche Organe“) bezeichnet hat, kann man als Schutz des nacktesten, am wenigsten gepanzerten Wesens überhaupt ansehen. In seinen Naturphilosophischen Schriften (München 1987) bringt Hass das Beispiel des Einsiedlerkrebses, der seinen nackten Hinterleib durch ein fremdes „künstliches“ Organ, nämlich mit einem Schneckengehäuse schützen muß. Alle unsere künstlichen Organe sind unsere „Schneckenhäuser“, die unsere verletzliche Blöße schützen: unsere Genitalität. Dies liegt z.B. vor, wenn der nackte Affe Mensch sich in höheren Breitengraden mit einem Bärenfell bedeckt oder seine künstliche Wohnhöhle mit einer wärmenden Feuerstelle ausstattet.

Mit Reich können wir fragen: Wenn alle „Maschinen“ des Menschen dem Schutz der „tierischen“ Pulsation dienen, was hat dann das Menschentier dazu gebracht, maschinell zu entarten?

Offensichtlich haben die toten künstlichen Organe auf das lebendige Protoplasma des Menschentiers zurückgewirkt und es nach ihrem Muster umgeformt. Hass führt den kanadischen Soziologen Marshal McLuhan an (wobei natürlich beide nicht die Panzerung im Sinn hatten): „Jedes Medium (d.h. künstliches Organ) hat die Macht, seine eigenen Postulate dem Ahnungslosen aufzuzwingen.“ Im Reichschen Sinne, aber im konzeptionellen Rahmen der Energon-Theorie, kann man sagen: die künstlichen Organe (Maschinen, Werkzeuge) formten ihre Keimzelle (den Menschen), die sie ursprünglich geschaffen hatte, um sich selbst zu erhalten und fortzupflanzen, nach ihrem Bilde um, indem sie die Keimzelle „mechanisierten“, d.h. erstarren ließen, so unfruchtbar machten und letztendlich zerstören werden. Diesen Vorgang kann heute jedermann im Zusammenhang mit dem Computer unmittelbar beobachten. Der Mensch verändert sich in seinem Denken, in seinen Gefühlen und selbst in seinem Körper.

Die Mechanisierung des Menschen ist aber sicherlich nicht nur durch den obigen Prozeß entstanden, sondern auch dadurch, daß der Mensch selber als künstliches Organ mißbraucht wurde, wie man es mit Nutztieren macht – die ja eine ähnliche Pathologie zeigen wie der gepanzerte Mensch. Ich denke dabei nicht nur an die Sklaverei der Antike und die Fron des Mittelalters, sondern auch an die kapitalistische „Lohnsklaverei“. Hass: „Jeder ‚Sklave‘ war ein universal verwendbares künstliches Organ – und jeder, den wir heute gegen Bezahlung zu einer Dienstleistung für uns veranlassen, ist für die Zeit, da er uns ‚dient‘, ebenfalls unser künstliches Organ.“ Man lese dazu Reichs Kritik an dem entmenschlichenden Industriesystem des Privat- und Staatskapitalismus in Massenpsychologie des Faschismus und in Menschen im Staat.

Insbesondere dürfe, so Hass, fürderhin das Kind nicht länger „als ein künstliches Organ der Eltern oder der Gemeinschaft angesehen werden – sondern als ein sich bildendes, zu respektierendes eigenes Selbst“. Man lese dazu Reichs Kinder der Zukunft.

Das organismische Ganze ist durch Ordnung, orgonomisches Potential und einheitliche Pulsation definiert: am Anfang der biologischen Evolution steht die totale Pulsation bei Protozoen, diese einzelnen Pulsationen organisieren sich zum Metazoon, das im Laufe der Evolution sich zum Menschen entwickelt, wo die totale Pulsation von neuem auftritt. Die sich daraufhin entwickelnden arbeitsdemokratischen Organismen bilden das geschützte Biotop, in dem der Mensch seine Genitalität leben kann.