Funktionalismus, Evolutionismus, Diffusionismus

In der historischen Entwicklung der Reichschen „Orgonomie“ gab es nacheinander drei Theorien über den phylogenetischen Ursprung der Panzerung: das funktionalistische Modell nach Bronislaw Malinowski, wie Reich es 1931 in Einbruch der Sexualmoral dargestellt hat. Hier führt er die Aufhebung der Sexualität als Selbstzweck zurück auf äußere ökonomische Zwecke aufgrund universeller ökonomischer Akkumulations-Mechanismen – was aber eher auf das evolutionistische (pseudo-dialektische) System von Marx und Engels verweist:

Ein genuin Reichsches evolutionistisches Model wird 1951 in Die kosmische Überlagerung vorgelegt. Die wachsende Bewußtheit des Menschen führte irgendwann in der Urgeschichte dazu, daß er die existentielle Erschütterung durch den Sexus nicht mehr ertrug und sich dagegen sperrte, analog den Vorgängen bei katatonen Zusammenbrüchen. Reich beschreibt es in Die kosmische Überlagerung so, als seien die Triebe eine Gefahr für das Ich („Angst als Signal an das Ich“, Freud) und als sei deshalb etwas inhärent falsch am menschlichen Bewußtsein. Tatsächlich geht es aber nur um ein Problem der Integration von Funktionen, die schnell in Desintegration umkippen kann. Charles Konia zufolge war dieser Punkt mit der Sprachentwicklung erreicht, wo Bewußtsein und „Atemkontrolle“ aufeinandertreffen: während des biophysischen Integrationsprozesses konnten schon kleinste Störungen zu einem Zerfall (in diesem Fall Panzerung) führen. Ich selbst glaube, daß wir hier mit einem, wenn man so will „Kategorienfehler“, kämpfen: Es geht gar nicht um den Ursprung der Panzerung per se, sondern warum der Mensch so verdammt anfällig für Panzerung ist. Das einzige, was den Menschen vom Tier trennt ist Bewußtsein und Sprache.

Und schließlich in den 1980er Jahren das durch Reichs Auseinandersetzung mit der Wüstenbildung inspirierte diffusionistische Modell des Geographen James DeMeo, wonach die Entstehung der weltweiten Panzerung keiner universellen Mechanismen bedarf, da sie nachweisbar von einem mehr oder weniger klar umrissenen Herd („Saharasia“) sich im Laufe der Geschichte über die Erde ausbreitete.

Wie angedeutet schloß sich DeMeo dabei an Spekulationen des späten Reich über die Beziehung zwischen geographischen Wüsten und der inneren „emotionalen Wüste“ an. Denn Emotionelle Pest war für Reich nicht nur eine Metapher. Zum Beispiel schreibt Walter Hoppe:

Im Verlauf seiner Arbeit erkannte er (Reich) in der neurotischen Massenerkrankung, sofern sie nicht in der Stille abläuft, sondern in den zwischenmenschlichen Beziehungen Schaden anrichtet, einen Pestvorgang, der in seinen verheerenden Folgen die Pest des Mittelalters, die aus den menschenleeren Steppen Asiens im 14. Jahrhundert eingeschleppt wurde, bei weitem übertreffen würde. Reich prägte für diese Erscheinung den Begriff der emotionellen Pest. (Hoppe: Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, Kurt Nane Jürgenson, München 1984, S. 24)

Während sich die Psychoanalytiker vorher größtenteils auf Mythenforscher und Verwerter von Reiseberichten beriefen (z.B. Freud auf den Schreibtischgelehrten Frazer), war Reich der erste, der auf wirkliche ethnographische Feldforschung bezug nahm, auf den Frazer-Schüler Malinowski, der die Ethnographie erst zu einer Wissenschaft gemacht hatte. DeMeo hat schließlich in seiner „Saharasia-Studie“ die Sexualökonomie von über 1100 unterschiedlicher Kulturen miteinander abgeglichen.

Sowohl Reich als auch Malinowski bezeichneten ihre Ansätze als Funktionalismus. Bei Malinowski bedeutet das: individuelle Bedürfnisse schaffen sich die kulturellen und technischen Voraussetzungen ihrer Erfüllung. Wenn bei verschiedenen Gruppen ähnliche Erscheinungen auftreten, dann deshalb, weil sie der naheliegendste Ansatz zur Bedürfnisbefriedigung sind. Der Löffel zum Essen von Suppe brauchte nicht vermittelt werden, sondern konnte sich unabhängig an den verschiedensten Orten ausbilden. Er erfüllt schlichtweg seine Funktion. Von daher wird deutlich, daß Malinowskis Funktionalismus ausschließlich die rationalen Elemente einer Gesellschaft erklären kann. Um den Irrationalismus (die Emotionelle Pest) erklären zu können, benötigt man als Zusatzannahme ein diffusionistisches Modell wie DeMeos Saharasia-Theorie.

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2 Antworten to “Funktionalismus, Evolutionismus, Diffusionismus”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Als viertes Modell wäre noch die exoterristische Genese möglich, dass die Wüstenbildung durch den DOR-Ausstoß der EAs forciert wurde.
    Es ist auch zu fragen, warum gepanzerte Gesellschaften immer „erfolgreicher“ im technisch-militärischen Bereich als ungepanzerte sind. Die genitalen Gesellschaften müsste die EP der gepanzerten Gesellschaften erkennen und sich dagegen wappnen (wie wir weniger gepanzerten Kulturen gegen den Islam).
    Auch wäre zu fragen, ob die neuen Formen der Kontaktlosigkeit durch technische Geräte nicht neue Formen der Panzerung darstellen (auditiv-okulare Panzerung durch Smartphones).

  2. Tzindaro Says:

    You left out some other explanations. Charles Kelley theorized that the development of the capacity for focused purposeful behavior over a period of time was the origin of armoring. That this ability to armor temporarily evenually resulted in a more or less permanent armored state. He worked on what he called „Emotional Re-education“ to eliminate the long-term armoring, but keep the ability to use armoring as needed when the situation required it.

    Another neo-Reichian explanation was the catastrophist theory of Theodore Lazar, who wrote that global disasters of astronomical origin frightened prehistoric humans into a state of chronic fear for generations, leading to armoring as a cultural custom. He based his ideas on combining the theories of Velikovsky with those of Reich, but any other type of globally effective disaster would fit them as well. Such global events have now been well-established by astronomers, especially Klube and Naiper, whose discovery of recurrent large-scale meteor storms within the past 12,000 years has been documented.

    Velikovsky himself, although an orthodox Freudian, not a Reichian, used the historical disasters he claimed had happened to account for what he termed „racial amnesia“. This concept is close to that of Reich’s „armoring“ in it’s ability to account for human cultural irrationality.

    Both Lazar and Velikovsky can explain the world-wide distribution of irrational cultures by a world-wide catastrophe or series of catastrophes. Contrary to diffusionist theories or the 19th century idealism of Malinowsky, no rational human culture has existed in historical times. The belief that some remote tribal groups in a jungle or on a South Sea island somewhere exist in a „state of unspoiled nature“ is a fantasy. All human groups went through the same trauma and all became equally insane. The insanity manifests in different ways, but it is there in all of them.

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