Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 4)

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

II. Die Entdeckung der Orgonenergie: 1. Die Bione

Die Einsicht, daß die Spannungs-Ladungs-Formel sowohl den menschlichen Organismus als auch die Funktionen von Einzellern beherrscht, führte zu einer Reihe von Versuchen mit organischer und anorganischer Materie. Die Lebensformel, so wie sie von Reich entdeckt wurde, war im anorganischen Geschehen nicht anzuwenden. „Es gibt in der nichtlebenden Natur keinen Vorgang, bei dem eine mechanische Füllung in eine elektrische Ladung umschlägt. Dort gibt es entweder nur den mechanischen Spannungs-Entspannungsmechanismus, oder nur den elektrischen Ladungs-Entladungsvorgang.“1 Die Funktionen des Lebendigen beruhen also auf einer ganz spezifischen Kombination der Funktionen des Anorganischen. Reich hielt es für wahrscheinlich, daß die Spannungs-Ladungs-Funktion den Schlüssel zum Problem der Biogenese liefern würde.2

Reich versuchte nun, organische Substanzen (trockenen Moos oder Gras) einerseits, und anorganische Substanzen (Kohlenstaub, feiner Sand, Metallstaub) andererseits, so anzuordnen, daß spontan Prozesse in Gang kommen, die nach dem Viertakt: Spannung – Ladung – Entladung – Entspannung ablaufen. Er erhitzte die Substanzen und ließ sie anschließend in steriler Lösung quellen. Dabei beobachtete er, daß gequollene Materie, sowohl organischer wie auch anorganischer Herkunft, in flüssigkeitsgefüllte Bläschen von etwa 0,5 bis etwa 3 µ Größe zerfällt.3 Diese Bläschen nannte er Bione.

Die Bione werden erst in 2000facher Vergrößerung unter dem Mikroskop sichtbar. Sie zeigen bereits die Funktion der biologischen Pulsation, d.h. sie bewegen sich mit langsam ruckenden oder schlängelnden Bewegungen durchs mikroskopische Feld. Ihr Inhalt schimmert stets blau bis blaugrün und vibriert in feinster Weise. Ihre Beweglichkeit hält solange an, wie die feinen pulsatorischen Bewegungen und wie das Blau der Bläschen. Unter schwierigen Bedingungen sind die Bione auch kultivierbar.4 Sie zeigen die Funktion der Teilung und Verschmelzung und können sich an organisierten lebendigen Gebilden wie Protozoen formieren. Reich erklärte die biologische Reaktion der Bione dadurch, daß er sie als „membranöse Bläschen auffaßte, die ein bestimmtes Quantum Energie im Flüssigkeitsinhalt umfassen“.5 Es zeigte sich auch, daß größere Bläschen sich kleinere einverleiben, und daß stark blau leuchtende Bione Bakterien und kleine Protozoen lähmen oder töten. Ferner töten sie Krebszellen, indem sie sie durchdringen; manche Bionarten lähmen Krebszellen aus Mäusetumoren schon aus der Entfernung.

Reich betont, daß die Energie, die in den Bionen wirkt, nicht von außen künstlich zugeführt wird, sondern aus dem blasigen Zerfall der Materie aus dieser selbst entsteht. Die Bione sind nicht fertige Lebewesen, sondern Träger biologischer Energie, Übergangsformen vom Leblosen zum Lebendigen. Versuche ergaben, daß die meisten Nahrungsstoffe, Eidotter, gekochtes Hühnereiweis, Käse, Milch, gekochtes Gemüse, Fleisch jeder Art aus Bionen, also aus Energiebläschen aufgebaut sind. Alle Samenarten und Geschlechtszellen sowie die roten Blutkörperchen sind selbst Bione.

Die Bionversuche wiesen also auf eine mächtige Energie hin. Diese Energie, die sich in den biologischen Reaktionen der Bione manifestiert, schien identisch mit der von Reich bislang hypothetisch geforderten Lebensenergie (vgl. Lebensformel) zu sein. Aber noch war diese Energie nicht meßbar. Ihre Existenz schien aheliegend, objektiv nachweisbar war sie außer bei den Bionen noch nicht. Der Nachweis, daß es sich um eine universale, auch die menschlichen Funktionen steuerende Lebensenergie handele, stand noch aus.

 

Fußnoten

  1. Reich, W. Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung. Berichte über die Bioversuche in de: Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, Bd. 4 H 3 Lag mir als Raubdruck vor.
  2. Vgl. Raknes, O., Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt 1973, S. 33
  3. Vgl. hierzu und zu den folgenden Ausführungen Reich, W., Die Entdeckung des Orgons, in: Int. Zeitschrift f. Orgonomie S, 62ff Bd. I, Heft 2, 1951
  4. Diese Tatsache wurde von DuTeil in Nizza experimentell bestätigt. Vgl. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons, Der Krebs, a.a.O. S. 46
  5. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons, a.a.O. S. 64

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: