Die soziopolitische Diathese (Teil 5)

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Im Gegensatz zu den beiden Seiten des neurotischen gesellschaftspolitischen Spektrums, die von fast gesunden oder „echten“ Liberalen und Konservativen bis zu ihren tödlichen Extremen reichen, postulieren wir ein theoretisches genitales Ideal, nämlich den funktionellen soziopolitischen Charakter.7 Er würde von seinem Kern aus funktionieren, unverzerrt, und somit vollen Kontakt mit diesem Kern (sein natürliches Selbstvertrauen), mit seiner Umgebung (sein natürliches Verantwortungsbewusstsein) und mit dem Kosmos (seine Gefühl der Zugehörigkeit) haben (1, S. 67-9)g. Er wäre weder durch Rebellion gegen noch durch Konkurrenz mit dem Vater motiviert, sondern vielmehr durch seine natürlichen Bedürfnisse des Überlebens und der Erfüllung für sich selbst, für jene, die er liebt und die er bewundert und respektiert. Da die Naturgesetze seine Wegweiser wären, würde sein Verhalten Respekt für diese Gesetze zeigen. Man könnte sagen, dass er in dem Sinne konservativ sein würde, dass er in engerer Harmonie mit der Natur steht und Kontakt zum Kern hat. Es ist konservativ, Naturschutz auf ehrliche Weise zu praktizieren; bedächtig zu handeln, aber entschieden, wo Gefahr besteht; die Hoffnungsvollen vor den Hoffnungslosen, die Anständigen vor den Verbrechern, die Unabhängigen und Freien vor den weniger Freien und Versklavten zu schützen. Es ist konservativ, sich in der Orgontherapie vorsichtig von den oberen Segmenten zum Becken zu bewegen; zu wissen, was man macht, warum und wohin man geht; respektvoll vor der Macht und Majestät der Natur sowohl innerhalb als auch außerhalb des menschlichen Organismus zu sein; und medizinisch und wissenschaftlich vorbereitet zu sein, um bei jeder Anforderung das Beste aus sich rauszuholen. Nur ein verächtlicher Liberaler würde mit solchen Dingen spielen wie ein Kind mit einem Spielzeug.

Der genitale Charakter wäre selbstbewusst (Kernkontakt), verantwortlich (Umweltkontakt) und er würde sich „zugehörig“ fühlen (kosmischer Kontakt). Er wäre nicht abhängig von der Herde für sein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden, obwohl er eine natürliche Sozialität und Anteilnahme hätte. Er wäre in der Lage, seine natürliche Aggression für Liebe, Arbeit, Wissen, Kreativität und Verteidigung einzusetzen – wenn nötig sogar zu töten. Da er orgastisch potent ist, gäbe es keinen Bedarf an kompensatorischer Energie.

Kommen wir nun zur Frage der liberalen und konservativen Differenzierung, Gesundheit und Prognose zurück. Um es zu wiederholen, sowohl der Liberale als auch der Konservative sind gepanzerte Typen, aber der Konservative hat immer noch einen Grad an Kontakt, Aggression und Zusammenhalt in seiner Funktionsfähigkeit, der ermutigender ist als beim Liberalen. Das war die Bedeutung bei Reich, als er konstatierte, der „Konservative eine Chance hat, anständig zu bleiben“. Um eine Analogie zu ziehen, ist es viel einfacher, die sexuell unterdrückte Jugend der 50er Jahre und ihre zeitgenössischen Pendants mit Orgontherapie zu behandeln als die abgefahrenen „Kiffer“ der 60er und 70er Jahre (9, 10). Es ist viel schwieriger, eine grundlegend kontaktlose, intellektuelle Abwehr zu durchdringen als eine gefühlvolle muskuläre oder moralistische. Funktionelle Wissenschaft „favorisiert“ oder „missbilligt“ nicht eine bestimmte gepanzerte soziale oder politische Orientierung aus politischen Gründen. Man muss mit dem arbeiten, was verfügbar ist, um Säuglinge und Kinder zu schützen; um das Leben sowohl im Einzelnen als auch im sozialen Bereich zu schützen. Unsere Ziele sind nicht die des machtorientierten Politikers, der wie das eine oder das andere politische Wesen erscheinen kann, wie es jeweils seinen Ambitionen zu Gute kommt.8h Aber wenn eine der bestehenden politischen Kräfte dazu tendiert, unsere funktionellen Ziele enger als andere zu verfolgen und gleichzeitig einen gesunden Respekt für die Gefahr von sekundären Trieben und der Anerkennung der biologischen Unfähigkeit der Massen für Freiheit zeigt, ist es natürlich, dass wir uns in diese Richtung bewegen. Wir müssen bedenken, dass die größte Gefahr für die Freiheit der Welt heute von der extremen Linken und nicht von der Rechten ausgeht. Daher war und ist für Reich und für die Orgonomie die konservative Position die vorzuziehende. Reich sagte einmal, er sei nie ein politischer Kommunist gewesen. Das ist genau der Punkt und er wurde von Reich angesprochen, als er mehr Einsicht über die soziopolitische Charakterologie gewann als in seiner früheren Periode.

 

Fußnoten

7 Für ausführlichere Beschreibungen des genitalen Charakters siehe Reichs Character Analysis und Bakers Man in the Trap.

8 Denken Sie an die vergangenen und gegenwärtigen Entwicklungen im Weißen Haus.

 

Anmerkungen des Übersetzers

g Der Mensch in der Falle, S. 117-19.

h Anspielung auf die Watergate-Affäre.

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
7. Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1972
8. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1967
9. Koopman, B. G.: „The Rise of the Psychopath“, Journal of Orgonomy, 7:40-58, 1973
10. Koopman, B. G.: „Mind Expanders – Peril or Pastime,“ Journal of Orgonomy, 3:213-25, 1969

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Eine Antwort to “Die soziopolitische Diathese (Teil 5)”

  1. Peter Nasselstein Says:

    A Different Kind of Psychiatry:
    A Monthly Series
    ACO Clinical Case Presentations & Discussions

    Interview with Peter A. Crist, M.D.
    „An Adolescent Comes Out of the Fog of Marijuana“

    The first event in the ACO’s new monthly series of clinical case presentations and discussions coming up on Saturday, November 17, 2018 from 4:00PM to 5:00PM at the ACO campus in Princeton is „An Adolescent Comes Out of the Fog of Marijuana“ by Peter A. Crist, M.D. Joining Dr. Crist will be Dale Rosin, D.O. as discussant. Dr. Crist shares his insights about the new series and the upcoming case presentation.

    Dr. Crist, what was the inspiration for this series?

    Dr. Crist: „Medical orgone therapy can treat a wide range of conditions. Unfortunately, the type of therapy we do is not as well-known as we would like it to be. Dr. Rosin suggested that one way to spread the word would be to host a regular series open to the public where the ACO medical orgonomists could present cases they have treated. We decided monthly presentations would be a good way to inform people about what we do and tell family, friends and other new people about it.“

    The first three presentations in the series are on marijuana related cases. Why is that?

    Dr. Crist: „We had such a great response to our recent ACO-sponsored forum, Problems with Marijuana, that we wanted to continue the discussion and offer the public the opportunity to hear first-hand from therapists in the trenches about how medical orgone therapy makes a difference in treating problems related to marijuana use. Subsequent presentations will explore the treatment of other emotional difficulties.“

    Why did you choose the particular case you will present on November 17?

    Dr. Crist: „The case that I will be presenting is one that I wrote up for the Journal of Orgonomy in 2002 about an adolescent I treated who had problems with marijuana. What strikes me about the case is that the basic problems it illustrates are just as true now as they were then. In fact, it’s almost as if it could have been written today. It shows what’s happening with young people, especially kids who have a lot of heart. They don’t know how to live in the world we’re in and, as this case clearly shows, medical orgone therapy can help young people find different ways to tolerate their feelings and live with them, which is the basic goal of therapy.“

    Did your patient have other problems in addition to marijuana use?

    Dr. Crist: „The patient’s basic problem was what we refer to as people ‚going out of contact‘ as a way of handling unpleasant emotions, which is really what all drug-related problems are–the person trying to handle intolerable feelings by using the drug to go out of touch with them. Marijuana has been referred to as the „care-less“ drug because it can put the user in a state of feeling fine and not being bothered by anything. My patient’s attitude about his family, school and life in general was ‚“who cares?“‚–and it became clear to me as treatment progressed that marijuana mimicked his character attitude.“

    What was your approach with him?

    Dr. Crist: „The case illustrates using the character analytic approach (an approach to therapy in which we deal with the person’s typical defenses, or the typical way they handle their emotions). Rather than dealing with his use of marijuana as a moral issue, I worked with him to help him see how he used the drug to reinforce his usual attitude, and to learn how to tolerate his feelings without smoking pot. As he began to tolerate feeling more as we dealt with his tendency to not care, it became clear that he cared a great deal, which is why things were so difficult for him. He was actually a sensitive and caring young man. He showed many of the features of other young people with drug and alcohol problems who I’ve treated.“

    Why should a young person come to this presentation?

    Dr. Crist: „I encourage young people to come so they can see a different way to handle their emotions and also find out that there are people who can help them deal with their feelings without needing to use drugs or alcohol to manage them.“

    What will parents learn?

    Dr. Crist: „The case also shows how important working with the young man’s mother was, and I’m excited about sharing with parents a new perspective about how to deal with marijuana use other than seeing it as something they just have to allow their kids to do, or be hard-assed about. Neither tactic works with young people. Young people need guidance but will resist people telling them what to do. The approach I used with my patient was to help him come to see things for himself rather than tell him what to see or do. It takes patience.

    I think adults in general–whether they are parents or not–will get a lot out of this case because it offers hope. Many people have a ‚doom and gloom‘ attitude about young people today, and I want to open people’s perspectives so that they can see that young people have good hearts and can find ways to live in the world with who they are and what they feel.“

    The series is free to attend. Seating is limited and advance registration is recommended. Call (732) 821-1144 or register online.
    American College of Orgonomy
    http://www.orgonomy.org

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: