Das Projekt „Children of the Future” des „Orgonomic Infant Research Center” (O.I.R.C.) (Teil 1)

von Bernd Laska

Die patriarchalisch-autoritäre Ära der Menschheitsgeschichte hat versucht, die sekundären asozialen Triebe durch zwangsmoralische Verbote in Schach zu halten. So kam der fragwürdige Kulturmensch dazu, ein strukturell dreifach geschichtetes Lebewesen zu werden. An der Oberfläche trägt er die künstliche Maske der Selbstbeherrschung, der zwanghaft unechten Höflichkeit und der gemachten Sozialität. Damit verdeckt er die zweite Schicht darunter, das Freudsche „Unbewußte“, in dem Sadismus, Habgier, Lüsternheit, Neid, Perversionen aller Art etc. in Schach gehalten sind, ohne jedoch das geringste an Kraft einzubüßen. Diese zweite Schicht ist das Kunstprodukt der sexualverneinenden Kultur und wird bewußt meist nur als gähnende innere Leere und Öde empfunden. Hinter ihr, in der Tiefe, leben und wirken die natürliche Sozialität und Sexualität, die spontane Arbeitsfreude, die Liebesfähigkeit. Die letzte und dritte Schicht, die den biologischen Kern der menschlichen Struktur darstellt, ist unbewußt und gefürchtet. Sie widerspricht jedem Zug autoritärer Erziehung und Herrschaft. Sie ist gleichzeitig die einzige reale Hoffnung, die der Mensch hat, das gesellschaftliche Elend einmal zu bewältigen.

Wilhelm Reich

 

Was Reich hier geschrieben hat, hielt er sicher nicht für seine „Meinung“ zu dem angesprochenen Problem, sondern für objektive Wahrheit (jetzt bitte nicht zu philosophieren anfangen!). Man kann Reichs Arbeit ab Mitte der dreißiger Jahre durchaus unter dem Aspekt sehen, daß er es ablehnte, weiterhin diese Wahrheit wie eine Meinung zu propagieren („unpolitisch“ wurde) und seine Arbeitskraft statt diesem hoffnungslosen Unterfangen der Aufgabe widmete, diese Wahrheit nach allen Richtungen hin auszubauen und experimentell zu fundieren. In diesen Zusammenhang läßt sich auch das 1950 begonnene Projekt „Kinder der Zukunft“ einordnen. Es hatte zur Aufgabe, empirisch zu erforschen, was eigentlich ein „gesundes Kind“ vom bioenergetischen Standpunkt aus ist. Bis dahin wußte man darüber gar nichts. Man hatte lediglich die klinischen Erfahrungen aus der vegetotherapeutischen und charakteranalytischen Behandlung bereits gepanzerter Menschen.

Auf der Zweiten Internationalen Orgonomischen Konferenz am 25.8.1950 gab Reich einen Bericht über das Orgonomische Säuglingsforschungszentrum (Orgonomic Infant Research Center OIRC), das zu diesem Zweck gegründet worden war. Dieser Bericht erschien 1951 im Orgone Energy Bulletin II/4, als Protokoll einer anscheinend ohne Manuskript gehaltenen Rede. Da er mir ziemlich unsystematisch erscheint, habe ich bei der Übersetzung einige Umstellungen und Zusammenfassungen vorgenommen.

Das Orgonomische Säuglingsforschungszentrum (nach OEB II/4)

Am 16.12.1940 trafen sich 40 Fachleute – Ärzte, Kinderschwestern und Sozialarbeiter – im Orgon-Institut in Forest Hills, New York, um eine der schwierigsten Aufgaben auf dem Erziehungssektor zu diskutieren: DAS STUDIUM DES GESUNDEN KINDES. Es waren diejenigen unter etwa 100 Arbeitern auf dem Gebiet der orgonomischen Medizin und Erziehung, die am besten für die Aufgabe geeignet zu sein schienen. Die Neuheit der Aufgabe lag darin, daß einerseits Gesundheit bei Kindern ein Hauptproblem der Erziehung wurde und andererseits die Bezeichnung „gesundes Kind“ noch nie zuvor klar erläutert wurde; es hatte auch noch niemand versucht, Krankheit und Gesundheit in Säuglingen zu unterscheiden.

… Der Plan lag fast 10 Jahre, bis die ersten praktischen Maßnahmen zur Organisation der Lösung der Aufgabe im Jahre 1949 getroffen wurden. Die Aufgaben des OIRC wurden abgegrenzt, indem folgende Bereiche ausgeschlossen wurden:

Das OIRC bietet keine üblichen sozialen Dienste an; diese werden bereits von anderen, bestehenden Einrichtungen geleistet.

Das OIRC nimmt in der Regel keine kranken Kinder in Behandlung, außer in Fällen, wo erwartet werden kann, daß durch die Behandlung wichtige Einsichten für das Studium des Gesundheitsprozesses im Neugeborenen gewonnen werden können … Die Hoffnung, über das Studium der biopathischen Funktionen zu klaren Aussagen über gesunde Entwicklung zu kommen, hat sich nicht erfüllt.

Das OIRC gibt keine Ehe- oder Sexualberatung, außer den Eltern, deren Neugeborene unter seiner Beobachtung stehen …

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Wilhelm Reich Blätter 1/76N.

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7 Antworten to “Das Projekt „Children of the Future” des „Orgonomic Infant Research Center” (O.I.R.C.) (Teil 1)”

  1. Abrasax Says:

    Der Mensch und die Menschheit wachsen aus dem Unbewußtsein ins Bewußtsein hinein, wobei viele erfahrenen und gelernten Dinge ins Unterbewußtsein verschoben werden und dort wirken. Die Arbeit von Freud und Reich ermöglicht uns heute mit den erwähnten drei Begriffen umzugehen, das ist eine sehr starke Leistung. Aber viele Menschen setzen das Unbewußte und das Bewußte gleich, was völlig falsch ist. Es ist ja auch nicht so, daß die Menschen wüssten, was das Bewußtsein ist. Und mit den zwei anderen anderen Begriffen verhält es sich ebenso. Meistens träumen wir in diese Begriffe irgendetwas hinein, was sich irgendwie richtig anfühlt.

    Mich stört die unglaubliche Fixierung von Reich auf die Sexualität. Er scheint damit enorme Probleme gehabt zu haben. Ich meine, warum hat sich Reich nicht im gleichen Maß mit dem Wachsen und dem Denken und dem Arbeiten beschäftigt? Das sind doch unglaublich wichtige und interessante Themen, die mit dem Leben tatsächlich untrennbar verbunden sind. Hat sich Reich mit Motivation beschäftigt?

    Motivation ist ein neutraler Begriff, der bis in eine unfassbare Tiefe hinein ausgearbeitet werden kann. Zusammen mit der richtigen Motivation des Menschen gedeiht alles oder verdirbt alles.

    • Robert (Berlin) Says:

      Ich habe jetzt nicht den Eindruck, dass du sein Gesamtwerk kennst. Sonst würdest du gar keine Fixierung sehen, sondern einen Naturwissenschaftler, der sich mit unendlich vielen Themen auseinandersetzte. Dass die Sexualität eine Grundlage für Geisteskrankheiten und Biopathien darstellt, kannst du ihm ja schlecht vorwerfen, wenn es wirklich so ist.
      Motivation ist schlicht mit einer Stauungsneurose schwer zu generieren. Das Problem würde sich bei orgastischer Potenz gar nicht stellen, weil der biologische Kern die Motivation produziert.

      • Abrasax Says:

        @Robert: vor einigen Jahren habe ich die Bücher von Reich zusammengekauft, die ich finden konnte, aber ich kann sie nicht lesen, sie stehen in der Ecke. Ich lese hier ein wenig mit und es dreht mir oft die Zehennägel auf. Ich erkenne voll an, daß Reich wichtige Dinge entdeckt hat und darum herum allerhand Forschungen durchgeführt hat. Beim Mitlesen und Durchstöbern im Internet und beim Nachdenken und Nachfühlen oder Nachempfinden, hat sich in mir ein seltsames Gefühl zu dieser Arbeit entfaltet. Ich fühle, empfinde und denke über einige Dinge eben anders und ich finde, das ist in Ordnung so.

    • Peter Nasselstein Says:

      Den inneren Schweinehund zu überwinden, ist gleichbedeutend mit der Überwindung der Panzerung. Ich verweise auf die Stelle in Peter Reichs Der Traumvater (München 1975, S. 28f), wo Reich am Beispiel einer Filmszene mit John Wayne kritisch die übliche Auffassung von „Motivation“ beleuchtet:

      Und die Art, wie sie etwas leisten oder durchsetzen, ist ebenfalls hartleibig. Erinnerst du dich an den Film mit John Wayne, in dem er stürzt und zum Krüppel wird? (…) Du weißt, als er im Bett saß, auf das Ende seines Gipsverbandes schaute und seine Zehen beobachtete, beschloß er, wieder gehen zu lernen. Und er sagte immer wieder zu sich: „Ich muß diesen Zeh bewegen. Ich muß diesen Zeh bewegen.“ Schau, das ist die starre, die verkrampfte Art, Dinge zu überwinden. (…) Hindernisse und Behinderungen in dieser Weise zu überwinden, durch Gewalt, durch sogenannte Willenskraft (…) das ist die starre, verkrampfte, mechanistische Art, Leistungen zu vollbringen. Er mußte sich so anspannen und verhärten, sich selbst mit aller Gewalt dazu zwingen, wieder gehen zu lernen, daß er darüber vergaß, wie man liebt und freundlich ist. (…) Am besten ist es, einfach zu atmen, sich zu entspannen und es auf natürliche Weise kommen zu lassen. Erzwinge nie etwas, laß es einfach auf natürliche Weise eintreten, dann ist es immer okay.

      • Abrasax Says:

        @Peter: in dem sehr interessanten Textauszug geht es eigentlich nicht um Motivation, sondern um Gegenüberstellung von der Anwendung einer mechanistischen Willensanstrengung und dem Ideal einer natürlichen Willensentfaltung. Wir finden einige Beispiele davon im Neuen Testament der Bibel. Ich möchte nun fragen, konnte Reich das Ideal in die Praxis umsetzen? Vielleicht kennen Sie ein Beispiel. Was sagt man einem Gelähmten? Bemühe Dich darum wahrhaftig Liebe zu schenken und wahrhaftig freundlich zu sein? Entspanne Dich und steh auf und gehe heim. Wir bzw. ich komme hier an gewisse Grenzen wo ich in Gefahr komme zum lächerlichen Schwaller zu werden. Dinge sagen oder schreiben, die ich noch nicht wirklich verstehe und begreife. ich weiß, da ist etwas sehr wichtiges, es liegt sozusagen direkt vor meinen Augen und Ohren, aber irgendwie stehe ich noch gewaltig neben der Spur.

        • Peter Nasselstein Says:

          Alles dreht sich bei Reich um die Hingabe bzw. die Angst davor: Orgasmusangst (DIE FUNKTION DES ORGASMUS), die Angst zu terfallen (das Kapitel über die schizophrene Spaltung in der CHARAKTERANALYSE), die Fallangst (DER KREBS).

          Siehe auch die „natürliche Arbeitsgedmokratie“ und das Cloudbusting: Secundum naturam.

          • Abrasax Says:

            Ja, die „Angst“ vor dem totalen Orgasmus. Ich muß lachen, denn auch ich beherrsche den ganz und gar nicht. Aber ich habe ungefähr eine Ahnung um was es hier wahrhaftig geht. Eine sehr heilige Angelegenheit. Um diese heilige Angelegenheit voll ausleben zu können, müssen viele Systeme des Menschen sehr rein sein. Das hat mit dem Christentum wie wir es hier erzählt bekommen haben, nur noch in Spuren zu tun. Mich würde nun noch interessieren, wem oder was sich Reich hingeben möchte.

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