Posts Tagged ‘Neugeborene’

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 3)

18. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Fallbeispiel (Fortsetzung)

George hat Komponenten eines Gesichtsorgasmus erlebt – Zucken von Lippen und Kinn – während Episoden von verstärktem Schrecken, Sehnsucht und Traurigkeit, die er im Bett mit Angela erlebt hat. Diese okularen und oralen Phänomene gemahnen an Reichs Beschreibung der Schwierigkeit des schizophrenen Charakters, sein okulares und orales Funktionieren biophysisch mit dem Rest seines Organismus zu integrieren:

Es gibt „…eine Störung im Augensegment, von der wir glauben, daß sie etwas mit dem oralen Orgasmus zu tun hat, mit dem Gesichtsorgasmus beim Säugling.“ (Reich 1949b, S. 52) „Ich habe noch keinen Schizophrenen gesehen, der keine schwere traumatische Erfahrung in der Entwicklung seiner oralen Sehnsucht gemacht hat … Der Schizophrene ist energetisch stärker als jeder andere Typ. Da gibt es einen sehr starken Energiepush nach außen. Wenn er draußen auf nichts trifft, einfach nichts. Es gibt keinen Kontakt … [Aber das Kind] kann sich noch nicht panzern … Es könnte Wut entwickeln, schreiende Wut… Nun die Augen … die kommen hier ins Spiel … Wenn es einen derartigen Mangel an Verschmelzung der verschiedenen Funktionen gibt, eine Schwäche, und die Augen beginnen bei einem oralen Orgasmus, einem Gesichtsorgasmus zu zucken …. dann wird die Verbindung zwischen dem Zucken und einer schweren traumatischen Erfahrung in der Entwicklung der oralen Sehnsucht in die spätere orgastische Erfahrung in der Pubertät übertragen …. Schizophrenie tritt hauptsächlich in der Pubertät auf …. Es gibt einen großen Aufschwung, wenn die orgastische Funktion einsetzt … Es gibt einen enormen Schock oder Angst bzw. Schrecken mit Augen und Mund und Zucken aus … dem Säuglingsalter …. Dann kann es in der Pubertät zu einem Zusammenbruch kommen, wenn der gesamte Organismus in orgastische Kontraktionen zu geraten beginnt …. die Augen sind sehr involviert …. Nicht nur in der Krankheit, vor allem aber in den Endphasen [der medizinischen Orgontherapie], wenn die orgastischen Funktionen einsetzten. Dann passiert etwas mit den Augen. Die Augen passen nicht dazu. Der Organismus weigert sich sozusagen, die Augen in die Gesamtfunktion einzubringen, als wäre damit Terror verbunden. Und in den Augen liegt Schrecken. In den Augen setzt ein Terror ein, der die umfassende Funktion der Zuckungen verhindert und ihnen, die angenehm sein sollten, widerspricht. Und das scheint spezifisch für den schizoiden Charakter zu sein … der Schizophrene … ist hervorragend in der Integration. Er ist intelligent. Er weiß so viel. Er integriert sich gut. Aber gerade das ist seine Gefahr … Seine große Intelligenz, seine hochenergetische Funktion, die nach vollständiger orgasmischer Beteiligung verlangt. Nur das stellt die Gefahr dar [kursiv und fett von mir – DH] … Die Basis des Gehirns paßt nicht dazu … Es gibt einen Riß … die schizophrene Spaltung bzw. der Riß ist im Kopf zentriert, vor allem in zwei Regionen. Eines sind die Augen, die mit der Basis des Gehirns verbunden sind, und das andere ist der Mund. Beide, insbesondere die Augen, gehen offenbar zurück auf die ersten zwei oder drei Lebenswochen, in denen das Neugeborene die Welt ergreift und beginnt, die Welt zu integrieren und sich von der Welt zu trennen….Man kann den Schizophrenen an seinem Unwillen erkennen, seine Augen und den gesamten oberen Bereich innerhalb des restlichen Funktionierens schwingen zu lassen.“ (Reich 1949b, S. 67-70)

Über ihre ganze sexuelle Beziehung hinweg erlebte George häufig klare Episoden bewußten Schreckens. Diese treten in der Regel unmittelbar nach dem Beginn des Intimwerdens im Bett auf. Meistens ist er in der Lage, ohne offensichtliche Angst intim zu sein, aber er hat diese Episoden des Schreckens auch häufig. Während dieser Episoden wird er überwältigt und verspürt das Bedürfnis, sich von Angela loszureißen (glücklicherweise ist Angela, eine ziemlich gesunde Hysterikerin, bemerkenswert verständnisvoll, geduldig und empathisch). Er liegt dann mit Angstzuständen auf dem Rücken, meistens stumm, starrt an die Decke und vermeidet vollständig jeglichen Augenkontakt.

Während dieser Episoden ist sein Körper zunächst steif. Er geht in seinen Augen „weg“ und kann Angela nicht ansehen. Er hat das Gefühl, sich in sein Hinterhaupt zurückzuziehen, so als ziehe sich seine Energie zu diesem Ort zurück, um sich irgendwie zu verstecken. Allmählich erlebt er kleine Zuckungen, die in seinem Hinterkopfbereich beginnen und langsam seinen Körper bis zu seinen Füßen hinunterlaufen. Ich habe solche Episoden auch in seiner Therapie miterlebt. Wenn sich dieses Zucken entwickelt, wandelt es sich in ein allgemeines Zittern um. George hat das Gefühl der Zuckungen, die aus seinem Hinterhaupt stammen und sich auf seinen ganzen Körper ausbreiten, mit einem alten zerfallenden Steingebäude verglichen, in dem Teile eines Steinvorsprungs – sein Hinterhaupt – abbrechen und zu Boden prasseln.

Wenn das Zittern voranschreitet, bilden sich gemeinhin Tränen in seinen Augen. Zunächst gibt es kein offenes Weinen. Es ist das Bild von jemandem, der zu sehr Angst davor hat zu weinen und dergestalt nach Hilfe zu rufen – gelähmt. Mentale Bilder und Gedanken beginnen sich George aufzudrängen und er ist dann in der Lage, Angela verbal mitzuteilen, was er sieht und denkt und fühlt. Manchmal ist er mit traurigen Gedanken und Gefühlen über seine gescheiterte Ehe überfordert. Zu anderen Zeiten ist er über seine Kinder tief traurig und wünscht sich, er hätte ihnen ein besseres Familienleben bieten können. Manchmal hat er Gedanken und Gefühle über seine Mutter und seinen Vater und darüber, wie ungeliebt, allein und geschädigt er sich in seiner Herkunftsfamilie fühlte. All dies wird im allgemeinen zu sehr tiefem, quälendem Schluchzen führen, begleitet von einem tiefen kosmischen Gefühl, im Universum verloren und losgelöst zu sein, verzweifelt allein und vernachlässigt. Er ist jedoch in der Lage, diese Gefühle gegenüber Angela auszudrücken, und so wird es ihm möglich, sich emotional wieder mit ihr zu verbinden, was dann zu einem erfolgreichen Neuansatz der genitalen Umarmung führt.

Einmal, im Bett mit Angela, aber in einem dieser ängstlichen, tiefen und einsamen „kosmischen“ Gefühlszustände (die m.E. mit seiner Erfahrung mit der schizophrenen Spaltung zu tun haben), präsentierte sich vor seinem geistigen Auge ein mentales Bild des Seins im Mutterleib. Anstatt sich im Mutterleib warm und verbunden zu fühlen, hatte er ein seltsames Gefühl von Trennung und Kälte, Einsamkeit, Leere und Berührungslosigkeit, etwas ähnlich dem Gefühl, wie oben beschrieben, im Universum losgelöst und verloren zu sein. Diese Erfahrung war sehr unheimlich und fühlte sich für ihn äußerst überzeugend an. Er schluchzte sehr tief, während er neben Angela im Bett lag. Er hatte das Gefühl, daß er eine tatsächliche somatische Erinnerung an den Mutterleib hatte und daß dieses Gefühl der Unverbundenheit, des schizophrenen Autismus, dort im Uterus seiner Mutter begonnen haben könnte. Ich glaube, daß es nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich ist, daß seine Schizophrenie im Mutterleib begann und daß dies in der Tat eine wirkliche somatische Erinnerung an den Mutterleib gewesen sein könnte, obwohl es unmöglich ist, dies mit Sicherheit zu wissen.

Bei einer anderen Gelegenheit, diesmal während einer therapeutischen Sitzung mit mir, während er in einem tiefen Gefühlszustand auf dem Rücken lag, bekam er das Bild und das Gefühl, ein Säugling zu sein und auf einem kalten Edelstahltisch in einem Operationssaal auf dem Rücken zu liegen.3 Bei dieser Gelegenheit hatte er auch den Eindruck, daß er irgendwie eine tatsächliche somatische Erinnerung durchlebt hat und auf irgendeine Art von Operationstisch im OP gelegt wurde nach seiner Geburt durch einen geplanten Kaiserschnitt. Das Datum seiner Geburt wurde vorher gewählt, ohne auf das Einsetzen der Wehen zu warten, um mit dem Kaiserschnitt zu beginnen. Die Wehen werden normalerweise durch Hormone ausgelöst, die vom Fötus abgegeben werden, wenn der Fötus „fertig“ ist. George hat gesagt, er fühle sich im Leben immer als „nicht bereit“, und er fühle ständig Angst und Alleinsein, auch in Gesellschaft anderer.

 

Anmerkungen

2 In seinem alltäglichen Leben ist er sich im Laufe der Jahre sehr bewußt geworden, daß sich sein Hinterkopf zusammenzieht, wenn er sich davon abhält etwas auszudrücken.

3 Diese Art von Bildern und Gedanken „kommen zu ihm“, statt die Eigenschaft eines bewußt gewollten Denkens zu haben. Es ist, als ob das Bild in ihn eindringt. Das Phänomen hat eine abgespaltene Qualität, als ob der Gedanke oder das Bild nicht sein eigen wären.

 

Literatur

  • Reich W 1949b: Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic. Orgonomic Functionalism 6, 1996. Rangeley, Maine: The Wilhelm Reich Infant Trust

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Das Projekt „Children of the Future” des „Orgonomic Infant Research Center” (O.I.R.C.) (Teil 2)

24. Dezember 2018

von Bernd Laska

Das Orgonomische Säuglingsforschungszentrum (nach OEB II/4) (Fortsetzung)

Alle bisherigen Ansichten über Erziehung hatten Anpassung an die speziellen nationalen, religiösen, rassischen oder sonstwelchen Ideale zur Grundlage und zum Ziel … Gesundheit und Normalitat wurden gleichgesetzt … ein Katholik hat da andere Vorstellungen als ein Hindu, ein Moslem andere als ein Liberaler, und im heutigen Rußland soll das Kind „wie Stalin“ werden… … Alle diese Ansichten haben eines gemein: DIE VÖLLIGE AUSSERACHTLASSUNG DER NATUR DES KINDES. Gesundheit, Normalitat sind nach Interessen definiert, die außerhalb des Bereichs der Entwicklung von Kindern liegen. Diese Ansichten beginnen damit, was ein Kind sein SOLL, und nicht mit der Frage, was ein Neugeborenes IST …

… Das Neugeborene ist nicht, wie irrtümlicherweise oft angenommen wird, ein leerer Sack oder eine chemische Maschine, in die jeder seine Ideen, was ein Mensch zu sein hat, hineinschütten kann. Es bringt ein enorm produktives und adaptives Energiesystem mit auf die Welt, das aus eigenem Antrieb Kontakt mit seiner Umgebung herstellt und anfängt, diese nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Die grundlegende und wichtigste Aufgabe jeder Erziehung, die vom Interesse am Kind geleitet ist und nicht im Dienst von Parteiprogrammen, Profit, Kirche o.ä. steht, besteht darin, jedes Hindernis zu entfernen, das dieser naturgegebenen Produktivität und Gestaltungsfähigkeit der biologischen Energie im Wege steht … Diese Kinder werden ihre eigenen Wege zu wählen haben und ihre eigenen Ziele bestimmen. Wir müssen von ihnen lernen statt ihnen unsere verqueren Ideen und bösartigen Praktiken aufzuzwingen, die sich in jeder neuen Generation immer wieder als äußert schädlich erwiesen haben …

… LASSEN WIR DIE KINDER SELBST UBER IHRE ZUKUNFT ENTSCHEIDEN! Unsere Aufgabe besteht darin, sie dazu zu befähigen und ihre natürliche Fähigkeit dazu nicht zu zerstören … Wir haben kein Recht, unseren Kindern zu sagen, wie sie ihre Zukunft bauen sollen; wir können unseren Kindern nur so genau wie möglich sagen, wo und wie wir gescheitert sind …

Die Arbeit des OIRC bestand aus vier Teilbereichen:

  1. Pränatale Fürsorge für gesunde, schwangere Frauen: Sexualökonomische Beratung beider Eltern; Routineuntersuchungen; Vermeidung von Dingen, die schädigend auf den Embryo wirken können, wie zu enge Gürtel, mangelnde orgastische Entladung usw.
    Benutzung des Orgonakkumulators während der Schwangerschaft. Regelmäßige sorgfältige Untersuchung des bioenergetischen Verhaltens des Organismus, insbesondere des Beckens. Untersucht werden sollte, welchen Einfluß Depressionen, gestauter Haß usw. auf den Embryo haben, worüber so gut wie nichts bekannt ist.
  2. Sorgfältige Überwachung der Geburt und der ersten Lebenstage des Neugeborenen: Diese Zeit ist sehr entscheidend in der Entwicklung; die meisten chronischen oder melancholischen Depressionen entwickeln sich aus so früher Frustration. Die fehlerhafte Entwicklung der Wahrnehmungsfunktion während der ersten sechs Wochen sind die Ursachen für die Entwicklung der schizophrenen Spaltung oder eines schizoiden Charakters. Die größte Schwierigkeit ist hier unsere geringe Kenntnis der bioenergetischen Ausdrucksweise des Neugeborenen.
  3. Verhinderung der Bildung eines Charakterpanzers in den ersten fünf bis sechs Jahren: Auch hierüber war klinisch wenig bekannt. Wir konnten erwarten, daß es ein Unterschied war, ob wir bereits stark gepanzerte Kinder zu behandeln hatten, oder ob wir das Beginnen der Panzerbildung in einem anderweitig sich natürlich entwickelnden Kind erkennen sollten. Es war nichts bekannt, welche Charakterzüge im Säuglingsalter infolge früher Panzerung und welche infolge natürlichen Lebensausdruckes auftreten. In den letzten Jahren hatten wir einige Kinder nach dem Prinzip der Selbstregulation aufwachsen sehen. Diese Kinder waren in ihrem Wachstum und in ihrer Entwicklung so wenig wie möglich durch Einflüsse von Kultur, Kirche, Staat o.a. behindert worden. Sie waren für uns die besten Lehrer; wir lernten mehr über Biologie und Selbstregulation als in dreißig Jahren Arbeit als Psychiater und Ärzte. Es war, im Ganzen gesehen, wie ein Blick in das „gelobte Land“. Es war außerdem eine Lektion darüber, was die emotionale Pest des Menschen am Menschen anrichtet. Diese Kinder entwickelten unterschiedliche charakterliche Reaktionen. Es war uns nicht bekannt, inwieweit dies gesetzmäßige, biologische Entwicklungen waren. Von der etablierten Wissenschaft konnten wir keine Hilfe erwarten; wir mußten ganz von vorn anfangen.
  4. Studium und Aufzeichnung der weiteren Entwicklung dieser Kinder bis zum Abschluß der Pubertät.

Aus diesem Plan ist leicht ersichtlich, daß dies ein sehr langfristiges Programm war. Die ersten entscheidenden Ergebnisse waren wahrscheinlich erst in zehn bis fünfzehn Jahren zu erwarten.

Was aus dem Projekt „Kinder der Zukunft“ geworden ist, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich ist es infolge der bald einsetzenden Verfolgung Reichs, des Prozesses und schließlich seines Todes abgebrochen worden. Jedenfalls ist meines Wissens nichts mehr darüber publiziert worden (B.L.).

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Wilhelm Reich Blätter 1/76N.

Das Projekt „Children of the Future” des „Orgonomic Infant Research Center” (O.I.R.C.) (Teil 1)

23. Dezember 2018

von Bernd Laska

Die patriarchalisch-autoritäre Ära der Menschheitsgeschichte hat versucht, die sekundären asozialen Triebe durch zwangsmoralische Verbote in Schach zu halten. So kam der fragwürdige Kulturmensch dazu, ein strukturell dreifach geschichtetes Lebewesen zu werden. An der Oberfläche trägt er die künstliche Maske der Selbstbeherrschung, der zwanghaft unechten Höflichkeit und der gemachten Sozialität. Damit verdeckt er die zweite Schicht darunter, das Freudsche „Unbewußte“, in dem Sadismus, Habgier, Lüsternheit, Neid, Perversionen aller Art etc. in Schach gehalten sind, ohne jedoch das geringste an Kraft einzubüßen. Diese zweite Schicht ist das Kunstprodukt der sexualverneinenden Kultur und wird bewußt meist nur als gähnende innere Leere und Öde empfunden. Hinter ihr, in der Tiefe, leben und wirken die natürliche Sozialität und Sexualität, die spontane Arbeitsfreude, die Liebesfähigkeit. Die letzte und dritte Schicht, die den biologischen Kern der menschlichen Struktur darstellt, ist unbewußt und gefürchtet. Sie widerspricht jedem Zug autoritärer Erziehung und Herrschaft. Sie ist gleichzeitig die einzige reale Hoffnung, die der Mensch hat, das gesellschaftliche Elend einmal zu bewältigen.

Wilhelm Reich

 

Was Reich hier geschrieben hat, hielt er sicher nicht für seine „Meinung“ zu dem angesprochenen Problem, sondern für objektive Wahrheit (jetzt bitte nicht zu philosophieren anfangen!). Man kann Reichs Arbeit ab Mitte der dreißiger Jahre durchaus unter dem Aspekt sehen, daß er es ablehnte, weiterhin diese Wahrheit wie eine Meinung zu propagieren („unpolitisch“ wurde) und seine Arbeitskraft statt diesem hoffnungslosen Unterfangen der Aufgabe widmete, diese Wahrheit nach allen Richtungen hin auszubauen und experimentell zu fundieren. In diesen Zusammenhang läßt sich auch das 1950 begonnene Projekt „Kinder der Zukunft“ einordnen. Es hatte zur Aufgabe, empirisch zu erforschen, was eigentlich ein „gesundes Kind“ vom bioenergetischen Standpunkt aus ist. Bis dahin wußte man darüber gar nichts. Man hatte lediglich die klinischen Erfahrungen aus der vegetotherapeutischen und charakteranalytischen Behandlung bereits gepanzerter Menschen.

Auf der Zweiten Internationalen Orgonomischen Konferenz am 25.8.1950 gab Reich einen Bericht über das Orgonomische Säuglingsforschungszentrum (Orgonomic Infant Research Center OIRC), das zu diesem Zweck gegründet worden war. Dieser Bericht erschien 1951 im Orgone Energy Bulletin II/4, als Protokoll einer anscheinend ohne Manuskript gehaltenen Rede. Da er mir ziemlich unsystematisch erscheint, habe ich bei der Übersetzung einige Umstellungen und Zusammenfassungen vorgenommen.

Das Orgonomische Säuglingsforschungszentrum (nach OEB II/4)

Am 16.12.1940 trafen sich 40 Fachleute – Ärzte, Kinderschwestern und Sozialarbeiter – im Orgon-Institut in Forest Hills, New York, um eine der schwierigsten Aufgaben auf dem Erziehungssektor zu diskutieren: DAS STUDIUM DES GESUNDEN KINDES. Es waren diejenigen unter etwa 100 Arbeitern auf dem Gebiet der orgonomischen Medizin und Erziehung, die am besten für die Aufgabe geeignet zu sein schienen. Die Neuheit der Aufgabe lag darin, daß einerseits Gesundheit bei Kindern ein Hauptproblem der Erziehung wurde und andererseits die Bezeichnung „gesundes Kind“ noch nie zuvor klar erläutert wurde; es hatte auch noch niemand versucht, Krankheit und Gesundheit in Säuglingen zu unterscheiden.

… Der Plan lag fast 10 Jahre, bis die ersten praktischen Maßnahmen zur Organisation der Lösung der Aufgabe im Jahre 1949 getroffen wurden. Die Aufgaben des OIRC wurden abgegrenzt, indem folgende Bereiche ausgeschlossen wurden:

Das OIRC bietet keine üblichen sozialen Dienste an; diese werden bereits von anderen, bestehenden Einrichtungen geleistet.

Das OIRC nimmt in der Regel keine kranken Kinder in Behandlung, außer in Fällen, wo erwartet werden kann, daß durch die Behandlung wichtige Einsichten für das Studium des Gesundheitsprozesses im Neugeborenen gewonnen werden können … Die Hoffnung, über das Studium der biopathischen Funktionen zu klaren Aussagen über gesunde Entwicklung zu kommen, hat sich nicht erfüllt.

Das OIRC gibt keine Ehe- oder Sexualberatung, außer den Eltern, deren Neugeborene unter seiner Beobachtung stehen …

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Wilhelm Reich Blätter 1/76N.

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 20)

16. Oktober 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VIII. Schlußbemerkung

Die Orgonomie ist, wie wir gesehen haben, frei von ideologischem und dogmatischem Ballast. Ihr geht es einzig und allein um das Verständnis von Naturphänomenen und um die Wiederherstellung der natürlichen Funktionsweisen für den Menschen und die menschliche Gesellschaft. Oberstes Prinzip ist die rationale Auseinandersetzung mit Tatsachen. Hierbei ist wichtig, daß die Funktionsfähigkeit des menschlichen Orgonenergiesystems, das für die Empfindung und Wahrnehmung der Natur und der in ihr wirkenden kosmischen Orgonenergie verantwortlich ist, nicht beeinträchtigt ist. Hierin unterscheidet sich die Wissenschaft der Orgonomie von der traditionellen Wissenschaft, der Objektivität alles, Subjektivität so gut wie nichts bedeutet. Für die Orgonomie ist ein gesunder bioenergetischer Organismus (orgastische Potenz) zur korrekten Naturerkenntnis unerläßlich. Diese Anforderung wird heute von kaum einem Wissenschaftler erfüllt, die ja selbst auch alle eine lebensfeindliche Erziehung durchlaufen und Panzerungen aufgebaut haben, um das Lebendige abzuwürgen. Wie sollen nun aber Wissenschaftler, die das Lebendige (Orgonenergie) in sich selbst bekämpfen, das Lebendige außerhalb ihrer selbst erkennen können? Ein gepanzerter Wissenschaftler, der die Natur und den Menschen erforscht, ist wie ein Farbenblinder, der eine wissenschaftliche Untersuchung über Farben betreibt. Eine intakte Funktionsfähigkeit aller Sinnes- und Wahrnehmungsorgane, die an das freie, ungepanzerte Pulsieren der körpereigenen Orgonenergie gebunden ist, bildet die Grundlage der orgonomischen Forschungsweise, der es darum geht, natürliche – und nicht künstlich hervorgerufene Vorgänge im Naturgeschehen zu begreifen. Eine ausführliche Darstellung der orgonomischen Forschungsmethode, die Reich ‚orgonomischen Funktionalismus‘ nannte, findet sich in seinem Werk Ether, God and Devil,1 in dem er seine eigene Vorgehensweise reflektiert und gegen Mystizismus und Mechanismus abgrenzt. Die Orgonomie unterscheidet sich vom Mystizismus, der auch Reichs Auffassung die Orgonenergie zwar wahrnimmt, sie aber infolge der Panzerung des Mystikers losgelöst von der realen Existenz des Menschen betrachtet und sie als Überirdische, göttliche Macht bezeichnet, gerade dadurch, daß sie die Lebensenergie rational erforscht und in Verbindung zum menschlichen Organismus betrachtet.

Die Diskussion des orgonomischen Grundsatzes des „common functioning principle“, dem gemeinsamen Funktionsprinzip der verschiedenen Naturphänomene, demzufolge die Entstehung der Materie, die Organisation von Einzellern, die Funktionen des menschlichen Organismus, die Bildung von Wolken, Stürmen, Sonnensystemen etc. alle ein und demselben kosmischen Funktionsgesetz folgen, und nach dessen Auffassung die spezifischen Besonderheiten der verschiedenen Naturerscheinungen als Variation dieses gemeinsamen Funktionsprinzips, das den Urgrund des Universums beherrscht, verstanden werden, würde den Rahmen dieser Arbeit, der es um Darstellung der Orgonomie ging, sprengen.

Die Orgonomie stellt sicherlich kein fertiges Rezeptbuch für ein glückliches Leben dar und möglicherweise müssen einige Anschauungen revidiert werden, aber an der grundsätzlichen Existenz einer spezifischen Lebensenergie, die im Kosmos ebenso funktioniert wie im menschlichen Organismus, gibt es meiner Ansicht kaum noch begründete Zweifel.

In der Gegenwart kommt es meiner Auffassung nach darauf an, grundlegende Experimente der Orgonomie nachzuvollziehen und zu überprüfen und in einer größeren Öffentlichkeit eine sachliche Diskussion über Orgonomie zu führen. Dieser Prozeß hat bereits begonnen. Die weitere Entwicklung der Orgonomie hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, eine Erziehung der Neugeborenen auf der Grundlage der Selbstregulierung durchzuführen.

 

Fußnoten

  1. Dieses Werk ist bislang nicht in der Bundesrepublik veröffentlicht worden. Mir war es in französischer Übersetzung zugänglich: Reich, W., L’éther, Dieu et le Diable, Paris 1975

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 19)

14. Oktober 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VII. Arbeitsdemokratie und Selbstregulierung (Fortsetzung)

Die Orgonomie tritt ein für die Entwicklung sozialer zwischenmenschlicher Beziehungen auf der Grundlage des freien, lebendigen, ungepanzerten Menschen. Sie hat versucht, nachzuweisen, daß die menschliche Störung im biologischen Kern sich einerseits in sozialen Mißbildungen, in patriarchalischen Gesellschaftsformen unterschiedlicher Ausprägung, andererseits in organischen Störungen, wie z.B. der als Geißel der Bevölkerung unserer Gesellschaft angesehenen Krebserkrankung, ausdrückt. Eine wirksame Vorbeugung gegen den Krebs ebenso wie gegen gesellschaftliche Katastrophen wie Faschismus und Daktatur ist nach orgonomischer Auffassung nur gewährleistet, wenn es gelingt, die Charakterstruktur von Kindern so heranzubilden, daß sie sich selbst regulieren können und die allgemeine arbeitsdemokratische Atmosphäre ohne Widerstreben aufnehmen. Die Erziehung hat also die orgastische Potenz von Kindern heranzubilden und zu schützen. Sie muß ihre Erfolge daran messen, ob es gelingt, im Kinde den ursprünglichen, natürlichen, spontanen Kontakt des ungepanzerten Neugeborenen zu seiner Lebensenergie zu erhalten.

Die Orgonomie hat keine politische Strategie entwickelt, um eine Erziehungseinrichtung auf der Grundlage des Konzepts der Selbstregulierung ideologisch einzuführen. Darüber, wie eine konkrete Kindererziehung gestaltet wird, die sich für die Selbstregulierung des Kindes einsetzt, was nicht mit anti-autoritärer Erziehung und dem Ausleben der sekundären asozialen Triebe verwechselt werden darf, die ja erst als Reaktion auf eine Behinderung der Selbstregulierung auftreten, gibt es bislang kaum praktische Erfahrungen.

1950 gründete Reich das Projekt „Kinder der Zukunft“, auch „Orgonomic Infant Research Center“, kurz „ORIC“ genannt. Es hatte zur Aufgabe, empirisch zu erforschen, was ein gesundes Kind vom orgonenergetischen Standpunkt aus ist. Die Aussagen über Gesundheit waren ja bislang lediglich aus den klinischen Erfahrungen der Charakteranalyse und psychiatrischen Orgontherapie von bereits gepanzerten Menschen gewonnen. „Alle bisherigen Ansichten über Erziehung hatten Anpassung an die speziellen nationalen, religiösen, rassischen oder sonstwelchen Ideale zur Grundlage und zum Ziel… Gesundheit und Normalität wurden gleichgesetzt … ein Katholik hat da andere Vorstellungen als ein Hindu, ein Moslem andere als ein Liberaler und im heutigen Rußland (1950/K.H.) soll das Kind wie ‚Stalin‘ sein. Alle diese Ansichten haben eines gemein: Die völlige Außerachtlassung der Natur des Kindes. Gesundheit, Normalität sind nach Interessen definiert, die außerhalb des Bereichs der Entwicklung von Kindern liegen. Diese Ansichten beginnen damit, was ein Kind sein soll und nicht damit, was ein Neugeborenes ist… Das Neugeborene ist nicht, wie irrtümlicherweise oft angenommen wird, ein leerer Sack oder eine chemische Maschine, in der jeder seine Ideen, was ein Mensch zu sein hat, hineinschütten kann. Es bringt ein enorm produktives und adaptives Energiesystem mit auf die Welt, das aus eigenem Antrieb Kontakt mit seiner Umgebung herstellt und anfängt, diese nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Die grundlegende und wichtigste Aufgabe jeder Erziehung, die vom Interesse am Kind geleitet ist und nicht im Dienste von Parteiprogrammen, Profit, Kirche o.a. steht, besteht darin, jedes Hindernis zu entfernen, das dieser naturgegebenen Produktivität und Gestaltungsfähigkeit der biologischen Energie im Wege steht… Diese Kinder werden ihre eigenen Wege zu wählen haben und ihre eigenen Ziele bestimmen. Wir müssen von ihnen lernen statt ihnen unsere verqueren Ideen und bösartigen Praktiken aufzuzwingen, die sich in jeder neuen Generation immer wieder als äußerst schädlich erwiesen haben… Lassen wir die Kinder selbst ihre Zukunft entscheiden! Unsere Aufgabe besteht darin, sie dazu zu befähigen und ihre natürliche Fähigkeit dazu nicht zu zerstören.“1

Dieses Projekt war zwangsläufig langfristig angelegt. Weitere Veröffentlichungen liegen hierzu nicht vor. Es ist zu vermuten, daß das OIRC Projekt vorzeitig abgebrochen wurde infolge der gerichtlichen Verfolgung Reichs und seiner Inhaftierung.2 Ich halte es von seiten der Erziehungswissenschaft für erforderlich, ein derartiges Projekt neu aufzugreifen. Die Hoffnung, daß die Initiative von den erstarrten Hochschulen unseres Landes ergriffen wird, ist gleich null. Wissenschaftliche Grundlagenforschung, die den status quo zu herrschendem Nutzen antastet, ist nicht gefragt, zumal wenn sie, wie die Orgonomie, die latenten Ängste des Forschers berührt. So erklärt sich auch die Unkenntnis der Orgonomie bei den führenden (wohin führen die eigentlich?) Wissenschaftlern der Natur- und Geisteswissenschaften.

 

Fußnoten

  1. Vgl. Reich, W., Orgone Energy Bulletin (II/4) 1951, zit. nach: Wilhelm Reich Blätter 3/1975 S. 23f
  2. Ich beziehe mich auf einen Kommentar von Laska, B., Zum ORIC-Projekt, in: Wilhelm Reich Blätter 3/75 S. 24

ZUKUNFTSKINDER: 4. Geburtshilfe, d. Das blutige Grauen der Geburt

20. Februar 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

4. Geburtshilfe, d. Das blutige Grauen der Geburt

ZUKUNFTSKINDER: 4. Geburtshilfe, b. Die Emotionelle Pest auf der Entbindungsstation

16. Februar 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

4. Geburtshilfe, b. Die Emotionelle Pest auf der Entbindungsstation

Eine Charakteranalyse von KINDER DER ZUKUNFT

11. Februar 2018

Ich habe kritisiert, daß und wie die Herausgeber der amerikanischen Originalausgabe von 1983, Children of the Future mit der Zusammenstellung von Reich-Texten ein Buch „von“ Wilhelm Rech kreiert haben. Aber es ist nun mal da und je mehr ich mich hineinlese, desto mehr lerne ich es schätzen. Man nehme etwa das Kapitel „Fallangst bei einem drei Wochen alten Säugling“, dessen Bedeutung, etwa was die Beschreibung des „oralen Orgasmus“ von Babys betrifft, kaum überschätzt werden kann, das aber ungelesen und unbeachtet, und als Abschnitt eines längeren Kapitels auch praktisch unsichtbar, am Ende des dicken und nur schwerverdaulichen Buches Der Krebs sein Dasein fristet. Um so trauriger ist es, daß es jetzt in einer lieblosen (man nehme nur die redundante Fußnote des Übersetzers S. 112) und teilweise grob falschen Rückübersetzung (sic!) präsentiert wird.

Da heißt es, Mechanisten würden soweit gehen einen Plan auszuarbeiten, „wie viele Entwicklungsschritte ein Kind jeden Tag machen muß“ (S. 118). Dabei ist in den beiden Ursprungstexten nur von „steps“ bzw. „Schritten“ die Rede. „…stuttering, mutism, etc. are consequances of poor orgonotic functioning of the mouth and neck organs“, wenn die Mutter während des Stillens keinen orgonotischen Kontakt mit dem Säugling aufnehmen kann. Beim Übersetzer wird daraus: „…Stottern, Taubstummheit usw. sind Folgen mangelhaften Funktionierens der Mund- und Nackenorgane“ (S. 111). Ohne „orgonotisch“ macht das gar keinen Sinn: die Organe funktionieren nicht, weil sie nicht funktionieren… Im Original ist es „Mutismus“ und „orgonotisch schlecht funktionierende Mund- und Halsorgane“. Gott habe Erbarmen! Die Kinder werden doch nicht taub! Mutismus ist nicht „Taubstummheit“, sondern – Mutismus! Bitte bei Wikipedia nachschlagen! Wie um Himmels Willen soll ich sowas kommentieren, ohne ausfällig zu werden?!

Wie ungeschickt kann man sich eigentlich ausdrücken? Fußnote des Übersetzers S. 121: „Die vorgeburtlichen Einflüsse sind heutzutage zu einem wichtigen Bereich der Säuglingsforschung geworden. Zu Reichs Lebzeiten war dieser Zeitraum noch vollständig unerforscht.“ Warum nicht einfach: „Zu Reichs Lebzeiten waren sie noch vollständig unerforscht“?! Und so im ganzen Buch: es hat dank des Übersetzers etwas zutiefst Ungelenkes und Kontaktloses. Man könnte glatt sagen, daß das Buch „gepanzert“ ist und damit ein Widerspruch in sich selbst ist. Das fällt mir insbesondere ins Auge, weil angesichts dieser Texte meine Bewunderung und Liebe für Reich noch weiter gewachsen sind, – wenn das denn überhaupt noch steigerungsfähig gewesen wäre.

Man nehme nur folgenden – ja, Schwachsinn: „Die psychoanalytische Erklärung einer ‚Instinktangst‘, die in solchen Fällen meist zitiert wird, hilft uns auch nicht weiter. Denn dabei stellt sich die Frage: Welcher ‚Ich-Instinkt‘ soll hier verdreht worden sein?“ In Der Krebs stand: „Die psychoanalytische Erklärung der ‚Triebangst‘, die in einem solchen Fall vorgebracht wird, ist unbefriedigend: Welcher Art Trieb wurde abgewehrt?“ By the way frage ich mich, wo der amerikanische Übersetzer eigentlich den „ego instinct“ her hat: „The psychoanalytic explanation of ‚instinct anxiety‘ usually offered in such cases is not satisfactory. For the question would then be: What kind of ego instinct was being warded off?” Es geht bei Reich um die Abwehr der Sexualtriebe, nicht der Selbsterhaltungstriebe. Das macht doch alles überhaupt keinen Sinn, was Reich da von seinen beiden Übersetzern in den Mund gelegt wird!

Manches schmerzt, als würde jemand mit den Fingernägeln auf der Kreidetafel kratzen: „Vor der ersten [Fallangst-] Attacke ließ sich das Kind fröhlich von jedem Fremden nehmen“ (S. 115). Reich hatte geschrieben: „Das Kind pflegte vor dem ersten Anfall gern zu jedem Fremden auf den Arm zu gehen.“ So auch wörtliche ins Englische übersetzt („happily go into the arms of every stranger“), aber nein, der deutsche Übersetzer muß abartige Assoziationen im Unbewußten von mißtrauischen Lesern lostreten! Ich würde darauf nicht hinweisen, wenn das nur vereinzelt auftrete, aber diese Tendenz, alles in ein sadistisch-perverses Licht zu tauchen, prägt die Übersetzung!

Jetzt, wo ich genauer hinschaue, frage ich mich eh, ob das Buch nicht eher von Anton Salat, dem Übersetzer, als von Wilhelm Reich stammt. Erstmal ist das ja, wie gesagt, eh kein Buch von Wilhelm Reich, sondern eins von Mary Boyd Higgins und Chester M. Raphael, die selbstherrlich eine Sammlung von Reich-Manuskripten zu einem Buch kompiliert haben, das so tut, als wäre es ein so von Wilhelm Reich geplantes Projekt. Das sieht man etwa daran, daß bisher im Buch immer von „Orgonomie“ und „orgonomisch“ die Rede war, weil die Texte 1949/50 geschrieben wurden. Dem folgt unvermittelt ein „Kapitel“, das einige Jahre vorher geschrieben wurde, als Reich noch von „Sexualökonomie“ und „sexualökonomisch“ sprach. Das führt zu einer wahrhaftigen Katastrophe, denn der Text spricht angesichts der Abwehr von beginnenden Biopathien von der Notwendigkeit einer „sexualökonomischen Erziehung des Neugeborenen“ (S. 116). In Der Krebs, aus der dieses „Kapitel“ herausgerissen wurde, klingt das im Zusammenhang vollkommen harmlos. In Kinder der Zukunft, wo man in Fortführung der vorangegangenen Texte doch „orgonomische Erziehung des Neugeborenen“ erwartet, klingt das nach – SEX!

Das haben Higgins und Raphael durch ihre dilettantische Herausgeberschaft zu verantworten, die allen akademischen Standards spottet. Darauf ist nun eine schlechte deutsche (Rück-) Übersetzung aufgepropft, die man teilweise schon gar nicht mehr als Übersetzung bezeichnen kann, nicht mal als „Nachdichtung“, denn sie hat manchmal kaum noch etwas mit dem originalen Reich-Text zu tun. Also: es ist von der Notwenigkeit einer sexualökonomischen Erziehung für Säuglinge die Rede. Nächster Satz: „Soweit ich dies überblicke, gibt es, trotz aller wichtigen sozialen Maßnahmen auf dieses Ziel hin, keinen anderen Weg“ (S. 116) Ein sinnloser, wirrer Satz! Aber Reich hat ohnehin etwas volkommen anderes geschrieben: „Soweit ich sehen kann, gibt es keinen anderen Weg. Wir wissen, welch strenge sozialen Konsequenzen dies hat.“

Reich: „Der Säugling tritt begreiflich gar nicht oder nur schwer aus sich heraus, wenn ihm aus der Umgebung keine lebendige Wärme, sondern nur starre Erziehungsregeln und unechtes Verhalten entgegenkommen.“

Amerikanische Übersetzung: „The infant will quite understandably not emerge from himself – or will do so only with the greatest difficulty – if only inflexible rules and ungenuine behavior are extended to him rather than living warmth.

Salats Rückübersetzung: „Es ist doch leichtverständlich, daß kein Kind sich von sich aus zurückziehen wird – oder wenn, dann nur unter den allergrößten Schwierigkeiten – außer wenn es dauernd starre Regeln und unnatürliches Verhalten anstelle von lebendiger Wärme ausgesetzt ist“ (S. 116).

In dem Kapitel fällt auf S. 118f ein bemerkenswerter, in unserem Zusammenhang sehr erhellender Satz Reichs, über Charakterstruktur und Schreibstil, den ich hier nach dem Original aus Der Krebs zitiere:

Ich meine, es sollte (und es wird einmal) üblich werden, eine Aussage ebenso von der charakterlichen Struktur des Aussagenden her zu beurteilen, wie man sie heute nur von der Eleganz des Stils her zu beurteilen pflegt (…).

Panzerung bei einem Neugeborenen, KINDER DER ZUKUNFT

9. Februar 2018

Wir haben hier einen hervorragenden Bericht, wieder einen der besten Texte Reichs, wenn man in der Übersetzung nicht über Sätze stolpern würde wie: „Das Baby schläft hin und wieder nachts für längere Zeit, aber nur, wenn die Mutter es im Arm hält. Das erschöpft die Mutter sehr“ (S. 94). Ein Säugling, der ab und zu mal nachts für längere Zeit schläft! Im Original: „Baby at times sleeps for longer stretches during the night only if mother holds it in her arms. This tires mother out.” Manchmal schläft das Baby nachts nur dann über längere Zeit, wenn die Mutter es im Arm hält. Das erschöpft die Mutter sehr.

„You be good or I’ll punch your nose,“ also: “Du bist brav oder es gibt eins auf die Nase”. Ein Satz, der das ungeschickte Verhalten des Vaters gegenüber dem Säugling umschreiben soll, wird übersetzt mit dem nicht nur sinnleeren, sondern auch sadistisch-brutalen Satz: „Geht es Dir gut, oder soll ich Dir die Nase brechen?“ (S. 95). Allein schon das Fragezeichen!

Warum dieses Rumreiten auf der Übersetzung? Weil es darum geht, die Fehler richtigzustellen, die die Orgonomie in Deutschland (wenn es eine solche überhaupt gibt) dauerhaft belasten. Und außerdem ist dieses „Rumreiten“ ein Ausdruck meiner Enttäuschung, denn, wie schon öfter gesagt: Reich wollte die „Laien“, die Mütter und Väter ansprechen. Es sollte ein Buch für die Massen sein. Welchen Eindruck sollen die aufgrund dieser Übersetzung von Reich und der Orgonomie bekommen?!

Es ist so wunderbar, wie einfühlsam Reich mit den Müttern umgeht: „Es ist natürlich, daß eine Mutter hin und wieder den Kontakt zu ihrem Kind für kurze Zeit verliert.“ Es geht hier nicht um Perfektion und „orgonomische“ Übermenschen, die immer im Kontakt sind, sondern: „Ein Zeichen für eine wache und lebendige Struktur ist das Wissen, ob der Kontakt mangelhaft ist.“ Es passe hier gar nicht hin wegen mangelndem Kontakt Schuldgefühle zu entwickeln. Vielmehr fragt Reich, „was solche Schuldgefühle an ihrem Organismus und darüber hinaus am Organismus ihres Kindes (bewirken)“. Fragen des orgonotischen Kontakts würden Mütter überall beschäftigen, obwohl die meisten „Spezialisten“ damit rein gar nichts anfangen können. Jedoch wußte davon der gute alte Landarzt (S. 97f). (In der Übersetzung findet sich statt dem „jedoch“, ein in diesem Zusammenhang sinnloses „dennoch“!) Das Kapitel schließt mit dem wunderschönen Satz: „Mütter sollen sich einfach mit ihrem Baby wohlfühlen – der Kontakt wird sich spontan entwickeln“ (S. 108).

Dieser „orgonotische Sinn“, dieses Gespür für die Lebensenergie, das Leben selbst – darum geht es. Damit können alle „einfachen Menschen“ etwas anfangen. Das ist ihr eigentliches Element. Hier, am „gesunden Volksempfinden“, kann die Orgonomie andocken und im deutschen Volkskörper Wurzeln schlagen. Dieses Buch kann von daher in seiner Bedeutsamkeit gar nicht unterschätzt werden. Aber was soll man mit Übersetzungen wie dieser anfangen:

Der psychologische Ansatz, wie etwa der psychoanalytische, kann nur den Zeitraum ab der Sprachentwicklung erreichen, also etwa bis zum dritten Lebensjahr. Vor diesem Alter müssen wir uns auf die emotionale Ausdrucksprache verlassen, wie auch auf den orgonotischen Kontakt, den man mit dem Lebenssystem des Kindes aufbauen kann. (S. 103)

Im Zusammenhang liest sich das so, als müsse man den orgonotischen Kontakt zusammen mit dem Lebenssystem des Kindes aufbauen. Eine Leseweise, die Reichs Grundkonzept und Grundintention diametral entgegensteht! Man „baut“ keinen Kontakt auf, man stellt Kontakt her! – Es ist von entscheidender Bedeutung, daß die Sprache klar und unmißverständlich ist.

Weil der Übersetzer unbegreiflicherweise das Kapitel „Fallangst bei einem drei Wochen alten Säugling“ aus der amerikanischen Übersetzung des deutschen Originalmanuskrips ins Deutsche rückübersetzt hat, haben wir ein objektives Maß:

  • Die Rückübersetzung: „Ich möchte meine Darstellung hier nur auf einen speziellen, schädigenden Einfluß in den ersten Lebenswochen beschränken, der bislang unbeachtet geblieben ist: dem Mangel an orgonotischen Kontakt zwischen dem Kind und der Person, die es betreut. Damit ist direkter orgonotischer Kontakt auf physische oder psychologische Weise gemeint.“ (S. 110)
  • Das amerikanische Original: „I would like to limit myself here to one specific damaging influence in the first weeks of life that has been neglected until now: the lack of orgonotic contact, of a direct physical or psychological nature, between the infant and the person who takes care of it.
  • Und schließlich das deutsche Originalmanuskript, Der Krebs: „Ich möchte mich hier auf einen bestimmten schädlichen Einfluß in den ersten Lebenswochen beschränken, der bisher vernachlässigt wurde: Das Fehlen des orgonotischen Kontaktes zwischen Pfleger und Säugling. Der Mangel an Kontakt kann unmittelbar körperlicher und er kann psychologischer Natur sein.“

Haben Sie gemerkt, wie Sie automatisch in den Augen weggegangen sind, d.h. kontaktlos wurden, als sie das unverständliche Geschwurmel der Rückübersetzung lasen und wie geerdet und kontaktvoll Sie sich bei Reichs Originaltext fühlten?!

Angesichts von Kinder der Zukunft wird jeder Elter sehen, daß sie oder er unmittelbar etwas zur orgonomischen Forschung beitragen kann, wenn sie oder er die Entwicklung des eigenen Säuglings beschreibt. Jede „einfache Frau“, jeder „einfache Mann“ hat potentiell unendlich mehr beizutragen, als all die Psychologen, Psychiater und Pädagogen, die mit ihren abgedrehten Theorien alles nur immer schlimmer machen. Orgonotischer Kontakt ist einfach und direkt. Erst die Panzerung macht alles kompliziert und – kontaktlos.

Hier eine schöne Illustration dieses Kapitels von dem Orgonomen Richard Schwartzman:

KINDER DER ZUKUNFT: Orgonomische Erste Hilfe für Kinder

30. Januar 2018

„Orgonomische Erste Hilfe“ ist in der Orgonomie ein stehender Begriff, nicht „orgonotische“. Siehe etwa hier und hier. Wie der Übersetzer von Kinder der Zukunft von daher aus „orgonomic character anlysis“ eine „orgonotische Charakteranalyse“ (S. 68) machen konnte, gehört zu den Geheimnissen dieser Übersetzung. Oder etwa, wenn die Rede ist vom „Entwicklungsweg unserer Kinder, die von Natur aus als Gott aufwachsen und von der Natur so geschaffen sind“ (S. 72). Welch eine lebensfeindliche, perverse, krankhafte Blasphemie, die jeden normalempfindenden Menschen empören muß! Im Original steht jedoch geradezu das Gegenteil: „Thus, the obstacles in the way of our children growing up as God and nature have created them are great.

Solche Schnitzer sind um so bedauerlicher, weil dieses Buch wirklich in die Hände des deutschen Volkes gehört, d.h. nicht etwa in die von ohnehin meist verpeilten „Fachleuten“, sondern in die Hände des „einfachen Mannes auf der Straße“. Reich zufolge wird „eine gesunde, sexuell erfahrene, mütterliche Bauersfrau meist viel leichter und sicherer die richtige Antwort für ein Kind finden, als ein noch so ausgebildeter und studierter Erzieher“ (S. 68). „Die Sorge um das Neugeborene braucht“, so Reich, nämlich „Naturverbundenheit, etwas, das durch künstliche, kulturelle Maßnahmen in keiner Weise ersetzt werden kann“ (S. 70).

In diesem Zusammenhang möchte ich den geneigten Leser dringend auf folgende orgonomische (nicht „orgonotische“!) Artikel aus dem Journal of Orgonomie verweisen, insbesondere den ersten:

Worum geht es? „Wir arbeiten direkt an der Basis der übelsten Gegensätze zur menschlichen Natur und den damit verbundenen Strukturen“ (S. 70). Was? Wie bitte? Kein Wort verstanden! Im Original: „We are working at the very roots of what are probably the most evil and involved contradictions of human nature.“ Ich erinnere an das Symbol des orgonomischen Funktionalismus: Wir arbeiten direkt an der Wurzel dessen, was wahrscheinlich der übelste und komplizierteste Gegensatz der menschlichen Natur ist. Es geht hier um die einheitlichen orgonotischen (!) Funktionen im Kind und nicht, um was „der örtliche Priester oder ein in der Regel völlig ahnungsloser Parteisekretär dazu meint“ (S. 69). Was soll das schon für ein merkwürdiger Gegensatz sein?! Im Original geht es um den Priester und den „utterly ignorant secretary of the Communist Party“. Also ein Gegensatz voller funktioneller Konnotationen im Kalten Krieg und darüber hinaus. Mein Gott, Reich ist ein funktioneller Denker. Orgonomischer Funktionalismus! Auf diesem sollte jede ernstzunehmende Übersetzung, überhaupt jede ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Reichschen Werk beruhen! ES GEHT HIER UM DIE KINDER DER ZUKUNFT, WAS AUCH BEDEUTET, DEN MYSTZISMUS UND MECHANISMUS DURCH DEN FUNKTIONALISMUS ZU ÜBERWINDEN.

Es gibt nichts Einfacheres, nichts Eingängigeres als die Orgonomie und den orgonomischen Funktionalismus, nur den „Fachleuten“, den „Reichianern“, scheint das ganze fremd und vollkommen unzugänglich zu sein! Alles, was sie zustandebringen, ist mechano-mystische Wirrnis!