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Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 18)

11. Oktober 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VII. Arbeitsdemokratie und Selbstregulierung

Der Leser würde die Orgonomie gründlich mißverstehen, hätte er den Eindruck, die Orgonomie sei eine individualistische oder gar biologistische Theorie, die die sozio-ökonomische Bedingtheit der menschlichen Existenz außer acht lasse, und stattdessen die Orgasmusunfähigkeit des einzelnen für gesellschaftliche Mißstände verantwortlich mache. Die Orgonomie ist keineswegs blind für gesellschaftliche Verhältnisse. Sie stellt Gesellschaftstheorie vielmehr auf ein naturwissenschaftlich begründetes Fundament.

Die menschliche Gesellschaft ist von Beginn der Geschichtsschreibung an geprägt durch eine gepanzerte Charakterstruktur des Menschen, die die Geschichte entscheidend mit geformt hat, und die durch den gesellschaftlichen Erziehungsprozeß von Generation zu Generation mitgeschleppt wurde und so auch die verschiedenen sozialen Revolutionen überstand. Die Anschauung, man müsse die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse verändern, um die Charakterstruktur des Menschen zu verändern, wird z.B. widerlegt durch die Erfahrungen der russischen Oktoberrevolution. Eine bloße Veränderung der ökonomischen Grundlagen ist alleine nicht in der Lage, dem Menschen zu einer freiheitlichen Charakterstruktur zu verhelfen.1 Die Frage nach dem Ursprung der menschlichen Panzerung kann von der Orgonomie bislang nicht eindeutig beantwortet werden. Reich glaubte entgegen seiner früher vertretenen Auffassung, daß die wirtschaftliche Situation nicht ursprünglich für die Entstehung der Panzerung verantwortlich ist. „Wir wissen, daß es größtenteils sozio-ökonomische Einflüsse (Familienstruktur, kulturelle Vorstellungen vom Gegensatz zwischen Natur und Kultur, Anforderungen der Zivilisation, mystische Religionsvorstellungen usw.) sind, die die Panzerung in jeder neugeborenen Generation von Kindern reproduzieren. Diese Kinder werden als Erwachsene ihre eigenen Kinder zwingen, sich zu panzern, bis endlich irgendwo eines Tages die Kette unterbrochen wird. Die heutige gesellschaftliche und kulturelle Reproduktion der Panzerung bedeutet nicht, daß es in der weit zurückliegenden Vergangenheit der Menschheitsentwicklung, als die Panzerung zum ersten Male einsetzte, ebenfalls sozio-ökonomische Einflüsse waren, die den Panzerungsprozeß in Gang setzten. Es scheint eher umgekehrt gewesen zu sein: Die Panzerung dürfte zuerst dagewesen sein, und die sozio-ökonomischen Prozesse, die heute und während der ganzen uns schriftlich überlieferten Geschichte immer wieder gepanzerte Menschen hervorgebracht haben, waren nur die erste wichtige Folge der biologischen Verirrung des Menschen.“2 Die Panzerung des Menschen, die Reich als biologische Verirrung bezeichnet, weil sie die natürliche Orgonenergiepulsation im Menschen unterdrückt, reißt den Menschen aus seiner harmonischen Verwurzelung in der Natur. Natur und Kultur werden Gegensätze, ebenso Individuum und Gesellschaft, Triebanspruch und Triebverzicht.

Eine Gesellschaft kann nur dann in Übereinstimmung mit ihren natürlichen Funktionen existieren, wenn die einzelnen Gesellschaftsmitglieder in Harmonie mit ihrer natürlichen Lebensenergie leben. Die patriarchalisch-autoritäre Ära der Menschheitsgeschichte hat die sekundären asozialen Triebe des Menschen, die Resultat des Verlustes der freien Energieströmung und der Charakterpanzerung sind, durch zwangsmoralische Verbote in Schach zu halten versucht. „So kam der fragwürdige Kulturmensch dazu, ein strukturell dreifach geschichtetes Lebewesen zu werden. An der Oberfläche trägt er die künstliche Maske der Selbstbeherrschung, der zwanghaft unechten Höflichkeit und der gemachten Sozialität. Damit verdeckt er die zweite Schicht darunter, das Freudsche ‚Unbewußte‘, in dem Sadismus, Habgier, Lüsternheit, Neid, Perversionen aller Art etc. in Schach gehalten sind, ohne jedoch das Geringste an Kraft einzubüßen. Diese zweite Schicht ist das Kunstprodukt der sexualverneinenden Kultur und wird bewußt meist nur als gähnende innere Leere und Öde empfunden. Hinter ihr, in der Tiefe, leben und wirken die natürliche Sozialität und Sexualität, die spontane Arbeitsfreude, die Liebesfähigkeit. Diese letzte und dritte Schicht, die den biologischen Kern der menschlichen Struktur darstellt, ist unbewußt und gefürchtet. Sie widerspricht jedem Zug autoritärer Herrschaft und Erziehung. Sie ist gleichzeitig die einzige reale Hoffnung, die der Mansch hat, das gesellschaftliche Elend einmal zu bewältigen.“3 Nach orgonomischer Auffassung ist der biologische Kern, gebildet von der im Innern des Menschen pulsierenden Lebensenergie, die funktionell identisch ist mit der kosmischen Orgonenergie, in der Lage, das menschliche soziale Verhalten ohne zwangsmoralische Vorschriften selbstregulierend zu organisieren. Anders formuliert: Eine Gruppe ungepanzerter Menschen verhält sich natürlich und spontan und bildet eine soziale Gemeinschaft, die in Übereinstimmung mit den natürlichen Funktionen harmonisch zusammenlebt.

Die Wiederherstellung der Fähigkeit zur Selbstregulierung beobachtete Reich bei Patienten, die ihre orgastische Potenz wiedererlangten. Sie ist dem heutigen Massenmenschen fremd, da er im Grunde freiheitsunfähig und autoritätssüchtig ist, unfähig, spontan zu reagieren, weil er sich auf sich selbst nicht verlassen kann. In unserer Gesellschaft wird die Selbstregulierung überdeckt und bekämpft von der sogenannten emotionellen Pest. Unter diesem Begriff verstand Reich „die Summe sämtlicher irrationalen Lebensfunktionen“,4 die sich als Konsequenz der Panzerung ergeben. Das irrationale Verhalten, das gegenwärtig in Form von Politik die Lebensverhältnisse der Menschen bestimmt, steht in schroffem Gegensatz zum natürlichen Arbeitsprozeß der Menschen. Reich war der Ansicht, der Arbeitsprozeß des Menschen sei grundsätzlich rational bestimmt. Als Beispiel führt er an, daß zwei oder mehr Menschen rationale Beziehungen zueinander entwickeln, solange sie gemeinsame sachliche Arbeitsprobleme bewältigen, sie zerstreiten sich aber sobald ideologische Anschauungen in die zwischenmenschlichen Beziehungen eingebracht werden. Die rationale Arbeitsfunktion bildet die Grundlage dessen, was Reich „Arbeitsdemokratie“ nannte. Arbeitsdemokratie bezeichnet die vorhandene Realität (nicht Ideologie) der in sich rationalen Arbeitsbeziehungen zwischen den Menschen, die die Grundlage aller gesellschaftlichen Errungenschaften sind. Diese natürlichen Arbeitsbeziehungen werden gegenwärtig durch die weit verbreitete Panzerung und durch politische Ideologien verzerrt.5

 

Fußnoten

  1. Vgl. Reich, W., Die sexuelle Revolution. Frankfurt 19711, S. 140 Anmerkung 2
  2. Reich, W., Ausgewählte Schriften, a.a.O. S. 544f
  3. Reich, W., Die Entdeckung… Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 175f
  4. Reich, W., Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt 1974 S. 330
  5. Vgl. ebenda S. 318–347

Mein Kopf! (Teil 2)

16. Mai 2015

Beta-Amyloidpeptide wirken antimikrobiell und spielen in der Informationsverarbeitung im Gehirn eine Rolle. Robert Pietrzak (Yale University) et al. konnten nun nachweisen, daß ängstliche Menschen eine erhöhtes Risiko haben an Alzheimer zu erkranken im Vergleich zu weniger ängstlichen Menschen, die die gleiche erhöhte zerebrale Amyloid-Beta-Konzentration haben. Info Neurologie & Psychiatrie (April 2015) kommentiert:

Neu und interessant ist der Befund, daß das Vorhandensein von Angstsymptomen einen moderierenden Einfluß auf den Zusammenhang von zerebraler Aβ-Konzentration und Manifestation kognitiver Defizite ausübt.

Man hat hier unmittelbar das orgonometrische Symbol vor sich:

alzheimerom

Daß in der eingangs erwähnten Studie von Depression keine Rede ist, ist darauf zurückzuführen, daß depressive Probanden von vornherein ausgeschlossen wurden.

Zugegeben ist diese Aufstellung etwas halsbrecherisch, doch gleichzeitig erschien eine Studie von Lena Johansson et al. (Universität Göteborg) bei der 38 Jahre lang der Neurotizismus sowie die Intro- und Extrovertiertheit von 800 Frauen erfaßt wurde.

Insgesamt erkrankten 153 der untersuchten Frauen an Demenz, darunter 104 an Morbus Alzheimer. Die Wissenschaftler fanden heraus, daß die Frauen, die sich in den Tests als sehr neurotisch zeigten, doppelt so häufig eine Demenz bekamen wie diejenigen, die hier sehr niedrige Werte hatten. Allerdings hing ersteres auch davon ab, ob die Frauen über einen längeren Zeitraum hinweg Streß ausgesetzt waren.

Intro- und Extrovertiertheit alleine schienen das Risiko für Demenz nicht zu erhöhen. Frauen, die jedoch hohe Neurotizismuswerte hatten und introvertiert waren, wiesen in der Studie das höchste Alzheimer-Risiko auf. Von 63 dieser Probandinnen erkrankten 16 (25 Prozent) an Alzheimer. Dagegen erkrankten 8 von 64 Frauen (13 Prozent), die extrovertiert und weniger neurotisch waren.

Streß, Introvertiertheit und „Neid, Launenhaftigkeit, Reizbarkeit, Neigung zu Nervosität und Anfälligkeit für Streß“ (Neurotizismus) verweisen wieder auf den bioenergetischen Faktor Kontraktion.

Reich hat über das Altern geschrieben:

Bis in die 40er Jahre herrschen normalerweise Wachstum, Sexualität, Lebensfreude, expansive Tätigkeit, geistige Entwicklung etc. vor. Von da ab, also mit dem Beginn des „Alterns“, der sogenannten „Involution“, nimmt die Kontraktion des Lebenssystems allmählich überhand. (…) Der Charakter wird „konservativ“ (…). (Der Krebs, Fischer TB, S. 257f)

Das ist die generelle Sichtweise, die karzinomatöse Schrumpfungsbiopathie: die verfrühte Involution. Die spezifische Sichtweise, d.h. von der verfrühten Verblödung (Dementia praecox) her, bietet die schizophrene Schrumpfungsbiopathie.

Reich zufolge leiden Schizophrene unter einer Art von Schrumpfunsbiopathie, bei der buchstäblich „das Gehirn wegfault“. Reich:

Die emotionelle und bioenergetische Zersplitterung im Schizophrenen führt bekanntermaßen früher oder später zu einem allgemeinen Verfall des Organismus mit üblem Körpergeruch, Gewichtsverlust, schweren biochemischen Stoffwechselstörungen und bisweilen auch echten kanzerösen Entwicklungen. Der Schizophrene verliert die Fähigkeit, bioenergetisch das normale Niveau aufrechtzuerhalten, und schrumpft deshalb auch körperlich. (Charakteranalyse, KiWi, S. 605f)

Der allgemeine Verfall des Organismus in den späteren Phasen des Prozesses ist Ergebnis der chronischen Schrumpfung des Lebensapparates – wie bei der Krebsbiopathie, nur mit unterschiedlicher Ursache und Funktion: Der schrumpfende karzinomatöse Organismus steht nicht in Konflikt mit gesellschaftlichen Einrichtungen, denn er hat resigniert; der schrumpfende schizophrene Organismus hingegen steht in vielfältigem Konflikt mit der Gesellschaft und reagiert auf sie mit einer spezifischen Spaltung. (ebd., S. 565)

Offensichtlich wirkt Omega 3 dieser spezifischen Form der Schrumpfung, die vor allem das Gehirn betrifft, von Anfang an entgegen:

Kinder- und Jugendpsychiater (G. Paul Amminger et al.) haben 81 Probanden mit „ultrahohen“ Psychoserisiko im Alter zwischen 13 und 25 Jahren untersucht. Die eine Gruppe erhielt über 12 Wochen hinweg Fischöl-Kapseln, die andere ein Placebo. Danach wurden die Studienteilnehmer über 40 Wochen hinweg beobachtet.

Nach dieser Zeit hatten 27,5 Prozent der Probanden aus der Placebogruppe eine Psychose entwickelt, aber nur 4,9 Prozent aus der Gruppe, die Fischöl-Kapseln genommen hatten. Neben der Symptomatik wurde auch das Funktionsniveau signifikant positiv beeinflußt.

The Journal of Orgonomy (Vol. 42, No. 2, Fall 2008/Winter2009)

20. Januar 2013

Peter A. Crists Aufsatz „What is the Emotional Plague? A Brief Introduction“ (S. 70-77) wurde in deutscher Übersetzung auf Dr. Vittorio Nicolas Netzseite veröffentlicht.

Hier die beiden Filme, bzw. die TV-Serie, die im Aufsatz eine Rolle spielen:

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=kPI1IRjonRE%5D

 

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=7s3D8f1x5V8%5D