Die Rote Fahne, Wien, 3. Februar 1932: MANN UND FRAU IN DER PROLETARISCHEN FAMILIE von Wilhelm Reich

Wir müssen offen und ehrlich aussprechen was ist: Die Klassenbewußtheit der Mehrheit der Arbeiter reicht bis zur Tür des Hauses. Innerhalb der öden vier Wände, in der unmittelbaren Nähe des materiellen und sexuellen Elends, vergißt man leicht die Parolen, die auf den Fahnen der Revolution stehen. Die proletarischen Männer halten die Versklavung ihrer Frauen in geistiger und sexueller Hinsicht aufrecht. Es hat keinen Sinn, hier anzuschuldigen und zu verurteilen.

Aber es muß scharf und klar festgestellt werden, daß das übliche Verhalten von Mann und Frau in der proletarischen Familie die Konterrevolution im eigenen proletarischen Hause bedeutet. Wer trägt die Schuld? Das eheliche und familiäre Elend ist in der furchtbaren Lage der Arbeiterfamilie begründet. Die Arbeiterfrau ist nicht in der Lage, sich anständig und für den Mann sexuell anziehend zu kleiden; wenn sie im Fabriksbetrieb steht, leistet sie nicht nur Mehrwert für den Kapitalisten in der Fabrik, sondern auch zu Hause, denn sie muß überdies unbezahlt die ganze Hausarbeit verrichten.

Abgehärmt und körperlich verödet kann sie dem Mann nicht das bieten, was er nach anstrengender Arbeit zu Hause ersehnt. Der Mann wieder, verärgert von seiner Fabrikarbeit oder zermürbt durch jahrelange Arbeitslosigkeit, ist gereizt, brutal, wird leicht zum Trinker, das Daheim macht ihn nur noch mehr böse, und der geringste Anlaß führt zu dem jeden Bewohner einer Mietskaserne gewohnten „Familienleben“ des Arbeiters.

Hier hat die Trunksucht, hier hat das Verbrechen, hier haben die Gattenmorde ihre soziale Wurzel. Dazu kommt, daß der Arbeiter und die Arbeiterin, von der bürgerlichen Moral durchsetzt, sexuelle Besitzansprüche gegenseitig erheben, auch dann, wenn sie aneinander kein sexuelles Interesse mehr haben. In den Sexualberatungsstellen sieht man die lange Prozession der zerbrochenen Leben voller Jammer, Grausamkeit und ohne Ausweg, wie es auf den ersten Blick scheint. Gewiß keinen unmittelbaren für viele Einzelschicksale, Opfer der kapitalistischen Wirtschafts- und Sexualordnung.

Aber es gibt einen Ausweg: Die Arbeit jedes Einzelnen für die Änderung dieser Ordnung, für den Sturz des Kapitalismus. Es gibt Arbeiter, die die Parole der Gleichberechtigung der Frau schon jetzt ernst nehmen, die sich und die Frau politisch interessieren, die nachzudenken und miteinander zu verstehen anfangen, warum das alles so ist, warum sie einander zerquälen; statt einander zu beschuldigen und zu beschimpfen, lernen sie, den aufgespeicherten Haß gegen die herrschende Klasse zu richten, und sie werden Klassen- und Kampfgenossen.

Heute gelingt es nur wenigen, morgen wird es vielen gelingen, wenn wir uns nur mehr darum kümmern werden, wenn wir die Klassenbewußtheit auch in dieses geheimste Nest, das sich das Bürgertum im Proletariat gebaut hat, tragen werden. Es gilt, nicht nur von Kameradschaft zwischen Mann und Frau zu sprechen, sondern insbesondere auch die sexuellen Schwierigkeiten der proletarischen Ehe verstehen zu lernen, sich frei zu machen von der bürgerlichen Moral, soweit es die genossene „Erziehung“ erlaubt, und kampfentschlossen eine Atmosphäre bei den Unterdrückten zu schaffen, die ihnen ein Aufatmen ermöglicht.

Wir müssen die proletarische Ehefrage ebenso politisieren wie den proletarischen Gewerkschaftskampf, denn das Eheelend hat schon manchen Arbeiter seiner Gewerkschafts- und Parteiarbeit abspenstig gemacht, indem es ihm seine besten Kräfte raubte. Dann wird die Frau nicht keifen, wenn der Mann mal mit einer anderen poussiert oder in die Versammlung geht, und der Mann wird nicht so fest glauben, daß der Körper der Frau sein Eigentum ist. Dann wird er die Frau in Versammlungen mitnehmen und sie politisch interessieren. Dann erst kann die Grundlage dafür geschaffen werden, daß Mann und Frau, statt einander die Haare auszuraufen, ihre Wut gegen die herrschende Klasse richten können in gemeinsamer politischer Arbeit, zu der sie alle Kräfte brauchen. Aber täuschen wir uns nicht: Den großen Kehraus auch auf diesem Gebiet wird erst die soziale Revolution besorgen, die der Frau ihre vollen Rechte auf Geist und Körper wiedergeben wird.

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9 Antworten to “Die Rote Fahne, Wien, 3. Februar 1932: MANN UND FRAU IN DER PROLETARISCHEN FAMILIE von Wilhelm Reich”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Bei dem Rot bekomme ich Augenkrebs. Kannst du keine angenehmere Farbe wählen?

  2. Robert (Berlin) Says:

    Wer suchet, der findet

    http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=drf&datum=19320203&seite=7&zoom=33

    • Peter Nasselstein Says:

      DAS kannst du besser lesen?!

      • Robert (Berlin) Says:

        Ooch Peter, das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Fand nur gut, eine digitalisierte Quelle gefunden zu haben. Erstens kann man so noch andere Reich-Artikel finden, zweitens sieht man, dass bei dir die Sperrungen f e h l e n, und drittens sieht man, in welchem Kontext Reich abgedruckt wurde.
        Ansonsten, tolle Sache, diese vollkommen unbekannten Texte abzudrucken. Man sieht, Reich ist hier extrem kritisch, aber man staunt auch, was damals bei den Kommunisten noch möglich war.

        • Peter Nasselstein Says:

          Ich habe es mit der Lesbarkeit humorvoll gemeint.

          Was die Sperrungen betrifft: ursprünglich hatte ich sie übernommen, doch beim Korrekturlesen ist mir aufgefallen, daß sie wenig Sinn machen und wohl nur ein Artefakt des Zeitungssatzes ist.

          • Robert (Berlin) Says:

            Also für mich machen die Sperrungen total Sinn und können gar kein Artefakt sein, weil für Sperrungen im Bleisatz extra ein Spatium gesetzt werden musste, also zusätzlichen Aufwand machte.

  3. Peter Nasselstein Says:

    Widerstand im heutigen Wien:

    Es hat begonnen: die roten Ratten wollen unsere Stimmen zum Erstummen bringen und verfolgen uns mit ihren Drecksgesetzen, die kranke Gehirne ausgedacht und durch Pseudoparlamente gedrückt haben. Leute, solltet ihr einmal in die öffentlich-rechtlichen Medien geraten: MACHT IHNEN DAS LEBEN ZUR HÖLLE, von wegen Recht auf das eigene Bild, etc.

  4. claus Says:

    Muttertag – ein Hassobjekt der Linksliberalität. Und man findet sich dabei immer noch progressiv:
    https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wieso-der-muttertag-abgeschafft-gehoert-16182379.html

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