Posts Tagged ‘Kapitalismus’

Peter im Netz (Teil 2): Fickt sich Peter selbst ins Knie?

17. Dezember 2018

Ist es nicht selbstschädigend alles zu vermengen? Warum einen Linksliberalen mit rechter Politik verprellen, wenn der wertvolle Beiträge meinetwegen zur orgonomischen Astronomie leisten könnte? Warum immer diese Anspielungen auf das Christentum, was Leute abschrecken könnte, die gegen so etwas allergisch sind? Allein schon was ich Buddhisten antue! Warum wirklich jeden Reichianer davontreiben, der kein Fan von Elsworth F. Baker, Paul Mathews und Charles Konia ist?

Dazu ist zweierlei zu sagen. Erstens ist dieser Blog kein Geschäft. Das Unangenehme am Kapitalismus ist nicht etwa, daß man hart und rücksichtslos sein muß, sondern vielmehr daß man jedermanns Freund sein muß. Geschäftspartner, Kunden, Beamte, relevante Politiker – allen muß man ständig Honig um den Bart schmieren. Doch ich will niemandem etwas verkaufen, bin von niemandem abhängig und genieße es, mich deshalb hier nicht verbiegen zu müssen! Außerdem schafft man sich keine Freunde, man findet sie!

Zweitens liegt das besagte „unglückliche Vermengen“ im Wesen der Orgonomie. Der Charakter formt alles, insbesondere aber die drei zentralen Tabubereiche: Sex, Politik und Religion. Der Meister des Small Talk segelt elegant an diesen drei Untiefen vorbei, an denen das Gespräch zu stranden droht. Eine orgonomische Seite, die aber am Wesentlichen vorbeigeht, statt penetrant drauf zuzusteuern, wäre eine vollständige Absurdität.

Reich ist mit schlafwandlerischer Sicherheit in die drei Fettnäpfchen getreten und hat schließlich in ihnen getanzt, als er nacheinander Die Funktion des Orgasmus (Sex), Die Massenpsychologie des Faschismus (Politik) und sein Buch über die Schöpfung, Die Bione (Religion), schrieb. Wenn du als Leser nicht von einem Herzinfarkt in den anderen taumelst, ist es keine Orgonomie, sondern bloß schwules Gesülze. Gott wird die Lauwarmen angewidert ausspucken! Entweder brennst du orgonotisch oder du bist bereits am Verwesen, ohne selbst davon zu wissen. Ein übelriechender Furz (ein Gespenst), kein Mensch!

Modju Gregor Gysi

4. Dezember 2018

Neulich habe ich Teile eines Interviews mit Gregor Gysi auf N3 mitgekriegt. Er erzählte, wie er in den 1990er Jahren mit den „Republikanern“ (der damaligen „Afd“) umgegangen sei. Ohne Scheu habe er auf ihren Versammlungen gesprochen, billigte ihnen zu, daß man in Deutschland vielleicht tatsächlich eine Milliarde D-Mark einsparen könne, wenn man alle „Ausländer“ rauswerfe. Die „Republikaner“ hätten begeistert geklatscht, doch habe Gysi danach für betretenes Schweigen gesorgt, als er ihnen sagte (ich paraphrasiere): „Warum glaubt ihr, daß ausgerechnet IHR von dieser eingesparten Milliarde profitieren würdet?“ Er meinte damit die Deutschen aus der Unterschicht. Man könne, so Gysi weiter, die AfD nur erfolgreich bekämpfen, wenn man den Menschen klarmache, daß sich die Armen untereinander solidarisieren müßten, statt sich (von der Oberklasse) gegeneinander aufhetzen zu lassen.

Klingt gut, ist aber vollkommener Schwachsinn:

  1. Die, was das Einkommen betrifft, obersten 10% der Bevölkerung, bringt über 40% des gesamten Steueraufkommens auf und über 30% des gesamten Steuer- und Sozialbeitragsaufkommens. Bei den obersten 30% sind es entsprechend fast 70% und über 60%. Diese Steuermilliarden werden praktisch ausschließlich für Sozialklimbim ausgegeben. Für was denn sonst? Davon mehr als die Hälfte für Ausländer!
  2. Die Politik der Linken wird dafür sorgen, daß der Motor, der diese Steuermilliarden produziert, ähnlich wie einst die „DDR“ an unprofitablen Industrieruinen erstickt.
  3. Die Sozialschwachen werden schutzlos den Wölfen zum Fraß vorgeworfen, sollen sich aber mit diesen solidarisieren – sonst sind es Nazis!
  4. Weder die Kapitalisten, noch die Proletarier dürfen für ihre eigenen Interessen eintreten.

Der Kapitalismus funktioniert so gut, weil der Zwang zu Unternehmungen, die sich rentieren, für hohe Effizienz sorgt. Ein Effekt ist, daß dadurch manche märchenhaft reich werden. Und es ist vollkommen natürlich, daß sie diesen Reichtum an die Träger ihres Erbguts weiterreichen wollen. Gemäßigte sozialistische Gesellschaften wie die Bundesrepublik und beispielsweise Schweden versuchen dieses Ungleichgewicht zumindest etwas auszugleichen, indem sie Steuern und Abgaben erheben, die schlichtweg eine Enteignung darstellen. Und dann kommen Leute wie Gysi, die den Unterschichten weißmachen wollen, dieser Staat wäre nicht für sie da, sondern die Steuererträge würden für die Reichen ausgegeben (bzw. zur Finanzierung von Steuererleichterungen für die Reichen). Leute wie Gysi wollen den Mechanismus, d.h. den mörderischen Zwang zur Rendite (die kapitalistische „Ausbeutung“) abdrehen, der diese Steuererträge erwirtschaftet. Beispielsweise kämpft man gegen die „unsoziale“ Schließung von nicht mehr profitablen Werken. Auf diese Weise garantiert man, daß der Kapitalismus schon bald nicht mehr den grotesk ausufernden Sozialstaat aufrechterhalten kann. Und schließlich sollen die deutschen Profiteure dieses sterbenden Sozialstaates ihre staatlichen Zuwendungen auch noch mit vollkommen fremden Parasiten teilen.

Das Erschreckende ist, daß die Massen die ganze Perfidie und abgrundtiefe Bosheit eines Kommunisten wie Gysi nicht erfassen können. Sie kapitulieren vor einem „Denken“ und einer Pseudologik, das bzw. die von der Wirklichkeit vollkommen abgetrennt ist. Ich verweise auf meinen gestrigen Blogeintrag. Irgendein isoliertes Element wird herausgegriffen, seines funktionellen Zusammenhanges beraubt und um es herum eine Scheinwirklichkeit errichtet. Das nennt sich Demagogie.

Psychotherapie und das Projekt „Kinder der Zukunft“

26. Oktober 2018

In Kinder der Zukunft (Gießen, 2018) beschreibt Reich den „perfekten Kontakt“ seines Sohnes Peter als Kleinkind. „David“ so heißt er im Buch, lebt aus dem Kern heraus, ist „transparent“, durchlässig. Er ist ehrlich, aufrichtig, direkt, bescheiden und freundlich. Reich fährt fort: „Wir haben bereits solche Eigenschaften bei biopathisch Erkrankten [im Verlauf der Heilung] aus der Tiefe aufsteigen sehen. Jetzt finden wir das Gleiche in natürlich heranwachsenden Kindern“ (S. 41).

Die Worte, die ich nachträglich in eckige Klammern gesetzt habe, stammen nicht von Reich selbst, sondern sind eine Erfindung des Übersetzers, werden aber Reichs Intention entsprechen. Die Qualitäten, die das ungepanzerte Kind mitbringt und im Laufe der Zeit entfaltet, tauchen auch im Verlauf einer regelgerechten psychiatrischen Orgontherapie auf. Das „Kind der Zukunft“ ist in uns verschüttet, ähnlich wie die Arbeitsdemokratie am Grunde des Kapitalismus fortwirkt. Wenn wir arbeiten, haben wir automatisch Anteil an der Gesundheit. Wir werden Teil der Gemeinschaft aller Arbeiter. Wenn wir in Orgontherapie gehen, öffnen wir die Tür zu den „Kindern der Zukunft“. Entsprechend behandeln Orgontherapie-Patienten ihre Kinder anders – sie empfinden Solidarität mit ihnen.

Wilhelm Reich, Reichist

23. Oktober 2018

Doktrinen wie der Marxismus und die Psychoanalyse, die in der Rückschau die gesamte Aufmerksamkeit okkupieren, waren in Wirklichkeit zu ihrer Zeit nur Teil von, nur jeweils ein Ausdruck unter vielen von entsprechenden umfassenden Bewegungen. Bei beiden waren es zwei Reaktionen auf den Kapitalismus: beim Marxismus war es die „soziale Bewegung“ und bei der Psychoanalyse die, wenn man so will, „surrealistische Bewegung“. Die erstere wehrte sich gegen die Zerstörung der alten Sozialstrukturen durch den Druck der kapitalistischen Rationalisierung, die letztere gegen die entsprechende Okkupation des Innenlebens. Reichs Sexualökonomie war Teil der umfassenden „Mentalhygiene-Bewegung“ der Zwanziger Jahre, die im Lichte der modernen Medizin das antike Ideal eines gesunden Geistes in einem gesunden Körper wiederbeleben wollte und zwar für die Massen der arbeitenden Bevölkerung. Ähnliches läßt sich über die Orgonomie sagen. Die entsprechende umfassende Bewegung wird anhand des „Reichianismus“ evident.

Die Orgonomie ist Teil jener „Wellness-Bewegung“, die seit vielen Jahrzehnten in Frauenzeitschriften evident wird, Yoga, Tai-Chi, Thai-Massage, Feldenkrais, Alexander-Methode, etc. Nicht zuletzt aber die schier unzähligen „neo-Reichianischen“ Therapien. Reich war sich dieses Zusammenhangs durchaus bewußt.

Myron Sharaf zeigte Reich einmal einen Artikel aus dem Magazin Look, in dem Übungen zur Lockerung von Körperverspannungen vorgestellt wurden, die jetzt durch Esalen und andere Encounter-Schauplätze populär werden. „Ich war wütend“, schrieb Shraf, „weil die Übungen oberflächlich wirkten und weil seine [Reichs] eigene tiefere Arbeit nicht erwähnt wurde. Aber zu meiner Überraschung lächelte Reich in einer wohlwollenden Weise und sagte, solche Bemühungen seien gut, sie gehörten zu einer allgemeinen kulturellen ‚Aufweichung‘, die den Weg für ein tieferes Gewahrsein bereite.“ Zu anderen Zeiten kritisierte Reich derartige Entwicklungen scharf. (David Boadella: Editorial zu Energy and Character, Vol. 3, No. 1, Jan. 1972, S. ii)

Wie mit Linken leben?

22. August 2018

Mir persönlich wird immer wieder „Opportunismus“ vorgeworfen, weil ich mit bestimmten Leuten gut zurechtkomme, das würde doch allem widersprechen, was ich so schreibe! Aber dieser Vorwurf ist purer Moralismus, d.h. alle Funktionsebenen werden wild durcheinandergeworfen. Es ist mir mit Verlaub scheiß egal, ob mein Bäcker ISIS-Anhänger, Kommunist oder eine Sozialdemoratte ist. Meine Freundlichkeit ist nicht gespielt, sondern gehört integral zu diesem Funktionsbereich („Brötchenkaufen“). Alles andere ist Moralismus und das diametrale Gegenteil der Orgonomie! (Von wegen „authentisch sein“!)

Vor Jahrzehnten habe ich mit bestimmten Leuten noch politisiert, aber damals ist mir ein derartiger Haß, eine derartige herablassende Verachtung und ein derartiger scharfer Moralismus (!!!) entgegengeschlagen, daß ich das früh als vollkommen sinnlos fallengelassen habe. Um sich hier aufzureiben, ist das Leben wirklich viel zu kurz! Es gibt jede Menge andere funktionelle Ebenen, auf denen man sich von Mensch zu Mensch begegnen kann und sei es, daß man den ganzen Abend nur rumalbert.

Problem sind wirklich die Linken, die die Gesellschaftspolitik („Man muß doch was tun!“) zu ihrer Ersatzreligion gemacht haben. Sie müssen alles politisieren und moralisieren. Mit diesen Spinnern kann man ja nicht mal über das harmloseste alle Themen sprechen, das Wetter, da sie nicht nur sofort mit dem „Klima“ ankommen, sondern auch mit den vermeintlichen Ursachen des „Klimawandels“, dem Kapitalismus des weißen Mannes. In deren Augen wirst du schon zum „Nazi“, nur weil du für den Rest deines Lebens Glühbirnen gehortet hast! Nicht mal das besagte „Rumalbern“ ist noch möglich, weil dank der Political Correctness, dem alles erstickenden Moralismus der Linken, jede noch so unschuldige Bemerkung auf die Goldwaage gelegt wird. Es wird demnach zunehmend schwerer eine gemeinsame Funktionsebene zu finden. Wir steuern wirklich auf einen Bürgerkrieg zu, der dann unvermeidlich wird, wenn alle bioenergetischen Brücken gekappt sind.

Über Panzerung, Krieg und Frieden (Teil 3)

19. August 2018

von Paul Mathews, M.A.

Bisher haben wir die Kriege der Zivilisation als Produkt der Neurosen der Zivilisation behandelt – als wirkliche Biopathien. Tatsächlich können wir tragfähige Analogien zwischen klassischen und funktionellen Interpretationen von physischen und sozialen Biopathien ziehen. Zum Beispiel beruht die klassische Interpretation der kardiovaskulären und Krebs-Biopathien hauptsächlich auf chemischen Ernährungsfaktoren, einer gewissen Anerkennung von physischem Stress und vagen Vorstellungen von emotionalen Faktoren, während die bioenergetischen Faktoren nie berührt werden. Das funktionelle Verständnis dagegen gelangt zu den Kernfragen von orgonotischer Pulsation, Panzerung und orgastischer Impotenz. In ähnlicher Weise befasst sich die klassische Interpretation einer sozialen Biopathie wie Krieg hauptsächlich mit sozio-ökonomischen Faktoren, zeigt nur eine sehr vage Kenntnis emotionaler Faktoren und berührt niemals die bioenergetischen Faktoren. Selbst die vorgeblich anarchistische, „anti-alte-schule-kommunistische“ Neue Linke plappert noch immer die antikapitalistischen, antiimperialistischen Plattitüden des Roten Faschismus daher, beweihräuchert das maoistische China und seine internationalen Ableger, verurteilt Freud und verzerrt die funktionellen, orgonomischen Aspekte von Reichs Werk und lehnt sie zugunsten seiner früheren marxistischen Schriften ab. Hier haben wir ein weiteres perfektes Beispiel für den heutigen „biologische[n] Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“. Um wieder Reich zu zitieren:

Jetzt zu den Kommunisten: ich war nie ein Kommunist im üblichen Sinne. Ich war nie ein politischer Kommunist. Ich möchte, dass Sie das betonen. Niemals. Oh ja, ich habe in der Organisation gearbeitet. Ich habe mit ihnen zusammengearbeitet. Ich war überzeugt, dass der Kapitalismus schlecht ist, aber ich glaube heute nicht mehr, dass das Elend durch den Kapitalismus verursacht wurde (11, S. 114)e.

Die Ideologie der Neuen Linken von heute ist nicht mehr als eine Abwandlung des „Vulgärmarxismus“ der Alten Linken und ist in gewisser Hinsicht sogar weniger differenziert. Ihr Anspruch, eine biologische mit einer sozialen Revolution zu verbinden, wird durch ihre Losungen und Handlungen widerlegt, die keinerlei Verständnis für biologische Funktionen haben. Ironischerweise kommt sie in ihrem vermeintlichen Kampf gegen das autoritäre Patriarchat in dessen funktionellen Gegensätzen am stärksten zum Ausdruck – Zügellosigkeit, Gesetzlosigkeit, Pornografie – alles Kennzeichen des Roten Faschismus.2

Gibt es schließlich Kriterien für eine rationale Kriegsführung? Gibt es so etwas wie einen notwendigen Krieg? Die Antwort ist ja, solange die organisierte emotionale Pest fortbesteht, um die menschliche Freiheit und das Überleben zu bedrohen. Wir können die folgende Analogie aufstellen: Es ist bedauerlich, dass Polizeibeamte benötigt werden, um die Bürger, die „leben und leben lassen“, vor den Kriminellen zu schützen. Gäbe es keine Panzerung, keine sekundären Triebe, dann gäbe es keine Kriminellen und somit auch keinen Bedarf für die Polizei. Sobald die Kräfte der Zerstörung entfesselt sind, muss sich der Mensch selbst verteidigen – egal wie sehr er den Krieg und die Existenz der Polizei beklagt. Die Beschwichtigung des Kriminellen oder der Pest führt nur zur Katastrophe.

Aber selbst innerhalb der gepanzerten Struktur der menschlichen Gesellschaft gibt es eine Hierarchie von besseren und schlechteren Systemen. Die besseren Systeme sind jene, die Hoffnung in Richtung Freiheit und Selbstbestimmung und der gesünderen Entwicklung von Säuglingen und Kindern bieten. Reich empfand, dass die westlichen Demokratien, insbesondere die Vereinigten Staaten, die besseren und gesünderen Systeme (3 und 11 und in persönlichen Mitteilungen) gegenüber den schwarzen und roten faschistischen Systemen von Nazi-Deutschland, dem faschistischen Italien und der gesamten kommunistischen Welt sowie den starren alten Patriarchien Asiens repräsentierten. Es ist also kein Zufall, dass die größten Umwälzungen heute in den Vereinigten Staaten stattfinden (veranlasst von ihren Todfeinden, die die stärkste Bastion der menschlichen Hoffnung und Freiheit in der kranken Welt nicht tolerieren können), wo die Freunde des wahren Fortschritts nicht nur gegen die überkommenen Dinge, die Veränderungen brauchen, kämpfen müssen, sondern auch gegen diejenigen, die die Dinge vorzeitig und irrational ändern möchten.

 

Fußnoten

2 Vgl. Schema der „Massenpsychologie des Faschismus“ (S. 169). Beachten Sie auch die politische und pornografische Verzerrung von Reichs Werk im Film „WR – Mysterien des Organismus“ des jugoslawischen Kommunisten Dusan Makavejew. (Siehe das Editorial und die Rezension auf S. 227).

 

Anmerkungen des Übersetzers

e Wilhelm Reich über Sigmund Freud, Schloß Dätzingen 1976, S. 77.

 

Literatur

3. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York:
11. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 2, S. 165-174.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein

Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen (Teil 5)

25. Juni 2018

von Paul Mathews, M.A.*

Das Jugendproblem

Die Jugend scheint heute einen Siedepunkt erreicht zu haben. Überall hören wir von ihren drastischen Aktionen: Schlachten mit der Polizei, Blockade konträrer Meinungsäußerungen oder die Besetzung von Gebäuden großer Universitäten. In vielfältiger Weise – Kleidung, Verhalten, Lebensgestaltung, Drogenkonsum, Sprache und Gewalt – hat die moderne Jugend eine Unruhe und Unbeständigkeit gezeigt, die vielleicht ohne Vergleich ist. Professor Feliks Grossg beschreibt in The Seizure of Political Power (6) eine Klasse junger Andersdenkender, die die Tendenz hat in Zeiten der Spannung in Erscheinung zu treten, um unterschiedliche radikale und faschistische Ziele zu unterstützen. Diese jungen Dissidenten werden nach Catilina, dem radikalen Gegner von Cicero, der sich an junge und machthungrige Männer wandte, Catilinarianer genannt. Professor Gross schreibt:

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten die Kommunisten in Italien und Frankreich einen Anteil, einen mächtigen Anteil der catilinarianischen Intellektuellen. In der Sowjetunion genießen sie einen hohen Status und eine privilegierte wirtschaftliche Position [wenn sie der Parteilinie folgen – P.M.]. Ein verarmtes, müdes Europa konnte den Schriftstellern, Dichtern, Malern und einigen der ehrgeizigen, machthungrigen Studenten wenig bieten. Moskau bot mit seiner gewandten und wirksamen Taktik, seinen politischen Fähigkeiten und seiner starken ideologischen Anziehungskraft eine verlockende Alternative … Viele schlossen sich indessen an, weil der Kommunismus eine emotionale und ideologische Anziehungskraft hatte (6: S. 389f).

Der hergebrachte Kommunismus (roter Faschismus) ist schnell dabei, die Jugendrebellion für seine eigenen Zwecke auszunutzen, indem er emotionale Pestreaktionen schürt, obwohl die jungen Rebellen den revolutionären Zielen der Neuen Linken treu ergeben sind. Das Credo der Rebellen ist der marcusianischen Ethik entnommen, die alles Abschreckende, alle Regeln und Vorschriften meidet, die das Millennium der aktuellen radikalen Ideale aufhalten würden. Die Marcusianer gedeihen unter der liberalen Toleranz ihres ungeheuerlichsten Verhaltens, aber charakteristischerweise verachten sie genau diesen Liberalismus. Laut Marcuse und seinen jugendlichen Anhängern ist nur die marcusianische Ideologie gültig. Da die Massen „verblödet“ und von den technologischen und materiellen Belohnungen des Kapitalismus verführt wurden, obliegt es einer elitären Gruppe, diesen Massen der Freiheit und Gleichheit zu berauben, bis sie durch die richtige Gehirnwäsche des evangelikalen Marcusianismus „entlaust“ wurden. So schlägt er in seinem Aufsatz „Repressive Toleranz“ (9)h vor, „dass Gruppen und Bewegungen die Rede- und Versammlungsfreiheit entzogen wird, die eine aggressive Politik, Aufrüstung, Chauvinismus und Diskriminierung aus rassischen und religiösen Gründen befürworten oder sich der Ausweitung öffentlicher Dienste [ein Euphemismus für ‚Sozialismus‘ – P.M.] widersetzen.“ Man braucht nicht viel Phantasie, um zu sehen, wohin dieses Rezept führen könnte.

Eine andere Facette der Jugendrebellion ist paradoxerweise die Vergötterung des alternden Ideologen. Sie ersetzen somit die entthronte ältere Generation durch einen Vertreter, der ein entfremdeter, ewiger Rebell ist. Dies gibt ihnen ein selbstgerechtes Gefühl, mit einem quasi-religiös im Beigeschmack, und befriedigt ihr geheimes Bedürfnis nach erwachsener „Führung“. Platon, Sokrates, Catilina, Michael Bakunin, Marcuse, Spock und Paul Goodman präsentieren ein historisches und aktuelles Spektrum solcher älterer Führer. Lewis S. Feuer weist in seinem jüngsten Buch auf die unbewussten ödipalen Faktoren in den Studentenbewegungen, sowie auf ein homosexuelles Element in dieser älteren Gruppe hin (3: S. 525-27)i.

Man kann hier ein Muster nachzeichnen, das ungefähr am Ende des Zweiten Weltkriegs begann: ein Muster verstärkter Kommunikation; erhöhter Katastrophenangst in unserem Atomzeitalter; erhöhter Druck seitens der faschistischen Linken in Europa, China, Korea, Kuba, dem Nahen Osten und Vietnam; zunehmender verfehlter Nachgiebigkeit gegenüber dieser faschistischen Linken; zunehmender Zynismus in Bezug auf traditionelle Werte, sowohl weltlicher als auch religiöser (letztere initiiert vom Ökumenischen Konzil unter Papst Johannes XXIII.); und die Selbstgeißelung von Individuen und Nationen aufgrund von Schuldgefühlen und liberaler Propaganda.

 

Fußnoten

* Pädagoge, Sprachlehrer und Kliniker. Doktorand der Psychologie, New York University. Mitglied des American College of Orgonomy. [Anm. d. Übers.: Paul N. Mathews (1924-1986)]

 

Anmerkungen des Übersetzers

g Polnisch-US-amerikanischer Soziologe. Nach Promotion in Polen Stipendium in England, wo er als Mitarbeiter des Anthropologen Bronisław Malinowski an der London School of Economics forschte. Bis zu Malinowskis Tod 1942 blieb die enge Verbindung zwischen Lehrer und Schüler bestehen (Feldforschung bei den Arapahoi aus dem Wind River Reservat in Wyoming, USA). 1946 bis 1977 Fakultätsmitglied der Abteilung für Soziologie am Brooklyn College.

h https://www.marcuse.org/herbert/pubs/60spubs/65reprtoleranzdt.htm

i https://www.questia.com/read/99893234/the-conflict-of-generations-the-character-and-significance

 

Literatur

3. Feuer, L.S..: The Conflict of Generations. New York: Basic Books, 1969

6. Gross, F.: The Seizure of Political Power. New York: Philosophical Library, 1958

9. Marcuse, H.: „Repressive Tolerance“, A Critique of Pure Tolerance by H. Marcuse, R. P. Wolff, and B. Moore

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 111-125.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein

Arbeitsdemokratie, Reichtum und orgastische Impotenz

16. Juni 2018

Wirkliche Unternehmer, d.h. an der Arbeitsdemokratie ausgerichtete Unternehmer, machen Gewinne, um sie in das weitere Wachstum ihres Betriebes zu investieren, um ihre Vision voranzubringen. Diese aufzustellen und anzustreben und andere damit anzustecken ist ihre arbeitsdemokratische Funktion. Ihr Wohlstand dient nur der Erhaltung ihrer Arbeitskraft, als Ansporn mehr zu leisten und nicht zuletzt zur Repräsentation gegenüber Kreditgebern und Investoren. Letztendlich ist ihr Reichtum Ausdruck ihrer Lebensbejahung.

Ganz anders der „antiarbeitsdemokratische“ Unternehmer. Bei ihm dienen der Reichtum und das Streben nach immer mehr Reichtum nur der Kompensation einer tiefsitzenden Unzufriedenheit, „Unbefriedigbarkeit“, letztendlich schwerer orgastischer Impotenz. Die innere Leere soll durch materielle Güter aufgefüllt werden. Da dies unmöglich ist, wirkt der typische Reiche so auffällig unzufrieden, mißmutig, melancholisch und frustriert. Er hat alles und steht trotzdem vor dem nichts. Man hat alles erreicht und wird doch nicht froh. Ein Leben, das nur noch im Suff, unter Drogen und Psychopharmaka ertragen werden kann. Die bloße körperliche Nähe dieser „Nihilisten“ kann unerträglich sein!

Eine mechanistische, kollektivistisch-sozialistische Erklärung dieser „Tristesse der reichen Parasiten“ wäre, daß sie abgetrennt sind vom gesellschaftlichen Arbeitsprozeß, isoliert sind von ihren arbeitenden Brüdern und Schwestern, die sie ausbeuten und vor denen sie ständig unbewußt Angst haben; Angst, daß sie ihres Diebesgutes („Eigentum ist Diebstahl“) wieder verlustig gehen. Oder wie man so schön sagt: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freud ist doppelte Freud!“ Der bioenergetische Kern dieser Volksweisheit ist, daß menschlicher Kontakt die Bioenergie erregt und damit die Kontraktion („Leid“) aufhebt bzw. die Expansion („Freud“) weiter verstärkt. Der in der Arbeitsdemokratie eingebundene Unternehmer hat daher nicht die emotionalen Probleme des reichen Kapitalistengesindels.

Eine mystische Erklärung wäre, daß materielle Güter unsere Seele nicht wirklich berühren können, uns sogar nur noch weiter von Gott, „der Geist ist“, trennen – „denn eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich komme“. Diese auf verzerrtem Kernkontakt beruhende Auffassung kommt der Erklärung mit der orgastischen Impotenz noch am nächsten, obwohl sie auf der Negierung alles „Weltlichen“, letztendlich Sexuellen beruht.

Formaldemokratie und Arbeitsdemokratie

10. Juni 2018

Im alten Griechenland, im ursprünglichen, republikanischen Rom, bei den germanischen Stämmen und den hebräischen Stämmen, in den Republiken Italiens und der Hanse, etwa Hamburg, hat es eine Demokratie gegeben, eine Volksherrschaft. Dabei können wir davon absehen, wer denn dieses „Volk“, d.h. die Wahlberechtigten waren, nämlich freie, reiche Bürger; auch ob es überhaupt „Wahlen“ im heutigen Sinne gab. Es geht um das Prinzip der Repräsentation und die Ablehnung der Tyrannei. Die Demokratie, egal ob sie sich ein republikanisches, pseudo-monarchistisches Gewandt gibt, wie in Amerika, oder ein pseudo-absolutistisches, wie das deutsche Kaiserreich, wo der „Kaiser von Gottes Gnaden“ vom Parlament abhängig war: aus historischen und praktischen Gründen kann es keine vernünftige, praktikable Alternative zu ihr geben. Man nehme nur den Zweiten Weltkrieg, wo Churchill eine umfassendere diktatorische Machtvollkommenheit besaß als Hitler, der stets auf das fragile NS-Machtgefüge und die Wehrmacht Rücksicht nehmen mußte und tatsächlich beinahe weggeputscht wurde – etwas, was in einer Demokratie wie England schlichtweg undenkbar ist. Oft wird das Problem des Machtwechsels erläutert, der nur in einer Demokratie reibungslos funktionieren kann.

Man braucht gar nicht darüber diskutieren und sich irgendwelche utopische Alternativen zu den westlichen Demokratien ausdenken. Das ist alles geschichts- und realitätsblinder Unsinn! Auch Phantasien über eine „direkte Demokratie“ führen zu nichts. Ich hätte gar keine Lust mich mit jedem Scheiß, etwa „Hochschulreform“ oder „Hoheitsrechte im Wattenmeer“ zu beschäftigen und darüber abstimmen zu müssen. Ich will auch nicht, daß die Bäckereifachverkäuferin und der Radioastronom darüber abstimmen. Es gibt schlichtweg keine Alternative zu einer repräsentativen Demokratie, wo Leute dafür abgestellt werden, sich in solche drögen Themen einzuarbeiten.

Dabei sollen Abgeordnete ausschließlich ihrem eigenen Gewissen folgen und so, ähnlich wie bei einer Umfrage bei repräsentativen 1000 Bürgern, den Volkswillen widergeben. Es hat sich dann aber das Gegenteil etabliert: das imperative Mandat der Parteien („Fraktionszwang“), das Ausdruck der gesellschaftlichen Panzerung ist: links gegen rechts bzw. eine Zersplitterung in Kleinparteien. Dergestalt spiegelt das parlamentarische System die Panzerstruktur des Massenindividuums wider. Ein erster Schritt wäre die Einschränkung der Parteienmacht und ihre Ersetzung durch Selbstregulation: der Abgeordnete folgt ausschließlich seinem Gewissen. Der Euro und die Umvolkung hätten es in einem solchen System nie gegeben.

Was bedeutet dabei „Gewissen“? Hier wird das Volk systematisch in die Irre geführt, indem man die „Gewissensfrage“ stets in einen „moraltheologischen“ Zusammenhang stellt. Etwa gilt der (verfassungswidrige!) Fraktionszwang nicht, wenn es, wie bei Gesetzesentwürfen zur „Abtreibung“ (also Mord), um „Gewissensfragen“ geht. Nein, in parlamentarischen Demokratien steht „Gewissen“ nicht für ein mystisches „Seelenheil“, sondern ganz pragmatisch für die Arbeitsdemokratie. Das bedeutet zweierlei:

  1. Der Abgeordnete entscheidet nicht willkürlich nach Gusto, sondern aufgrund seines arbeitsdemokratischen Sachverstandes und wenn der nicht vorhanden ist, holt er sich entsprechendes arbeitsdemokratisches Fachwissen ein. Er entscheidet also nicht als Neurotiker, d.h. irrational, sondern „gewissenhaft“, rational, also als genitaler Charakter.
  2. Der Abgeordnete entscheidet nicht als Vertreter seiner Partei, d.h. gepanzert („gesellschaftliche Panzerung“ – siehe meine Ausführungen oben), sondern als gewissenhafter Vertreter des gesamten, einheitlich, „ungepanzert“ funktionierenden Volkes und gibt so den Volkswillen wider. Er entscheidet also nicht als Neurotiker, sondern als genitaler Charakter. Siehe dazu folgende orgonometrische Gleichung:

    vieleigenheit

Praktisch alle Verfassungen der westlichen Welt sind in dieser Hinsicht perfekt und bräuchten so gut wie gar nicht verändert werden. Das einzige Problem ist die Panzerung der Massenindividuen (die innerlich zerrissen, eben gepanzert sind) und die daraus abgeleitete gesellschaftliche Panzerung (gesellschaftliche Zerrissenheit, ideologischer Parteienstreit). Utopisten und sogenannte „Gesellschaftsreformer“, durchweg persönlichkeitsgestörte Arschlöcher, gehören samt und sonders in die Psychiatrie. Jedenfalls sollte man derartige Spacken einfach ignorieren.

Ähnliches ließe sich über das Verhältnis von Marktwirtschaft („Kapitalismus“) und Arbeitsdemokratie sowie über pestilente „Kapitalismuskritiker“ mit ihren „alternativen Wirtschaftsmodellen“ sagen!

Historische Vorworte zur niederländischen Ausgabe von „Die Sexualität im Kulturkampf“ (Teil 2)

9. Juni 2018

VORWORT
ZUM ZWEITEN DRUCK DER NIEDERLÄNDISCHEN AUSGABE

Das politische und soziale Leben in den Niederlanden steht seit der Befreiung im Abschwung. Die klerikale Reaktion gewinnt an Boden und die Beschränktheit im Bereich der Sexualmoral nimmt mit jedem Tag zu.

Übrigens ist der Rückfall nicht auf die vorherrschenden Ansichten über Sexualität beschränkt, die Freiheit an sich steht auf dem Spiel. Was bedroht ist, gehört nicht ausschließlich zu den spirituellen Werten einer Handvoll fortschrittlicher, bewusster Menschen (und das ist glücklicherweise, auch jetzt, viel mehr als eine Handvoll), die ein Interesse am Ausgang des Kampfes zwischen Sklaverei und Freiheit haben, was jetzt in fast allen Bereichen des Lebens vor sich geht.

Daher ist die Neuauflage von „Sexualität und neue Kultur“, (die erste Ausgabe erschien 1939) eine der populärsten Arbeiten von Dr. Wilhelm Reich, dessen Bücher in der Regel nicht leicht zu verdauen sind, eine mutige Tat.

Mutig nicht nur wegen der ungewöhnlichen Offenheit mit der Reich über das Problem Sexualität schreibt, sondern vor allem, weil Reichs Ansichten sehr revolutionär sind und von allen Seiten angegriffen werden.

Die Seite Reichs zu wählen bedeutet in Vielem, auch in den fortschrittlichsten Kreisen, eine Bombe platzen zu lassen; die oft aus unbewussten, schwer zu formulierenden Motiven aufbrodelnden Widerstände gegen Reich bleiben äußerst stark. Ein bemerkenswertes Phänomen ist zum Beispiel, dass es in unserem Land bisher nicht gelingen durfte, Anhänger für die Theorien Wilhelm Reichs zu gewinnen. Einige Intellektuelle, selbstverständlich aus progressiven Haushalten, haben sich die Mühe gemacht, Reichs Schriften genauer zu studieren; sie haben sowohl schriftlich als auch verbal mutige Versuche gemacht, die neuen Theorien den Arbeitern näher zu bringen, aber leider erwies sich der Widerstand als zu stark. Die seltenen Bücher und Broschüren sind nicht verschwunden, nur hier und da findet man im Bücherregal eines links Orientierten ein fast vergessenes Stückchen Reich. Ein Gespräch darüber führt meist zu einem negativen Ergebnis: Man scheint von ihm nicht sonderlich beeindruckt gewesen zu sein, zumindest nicht in dem Maße, dass man die revolutionäre Bedeutung von Reich auch und vor allem für die traditionellen Ansichten zur Revolution sehen möchte. Die am häufigsten gehörte, aber auch die einfältigste Sichtweise, mit dem man das Gespräch gewöhnlich beendet, ist: „Nun, es war natürlich eine große Sache diese Theorie so darzustellen, aber seine Position ist schon wieder passé.“ Da zielt man denn auf die oft geäußerte Kritik, die darauf hinausläuft, dass Reichs bewiesener Zusammenhang zwischen sexueller Unterdrückung und Sklavenmoral schwer zu argumentieren scheint, dass aber die freieren sexuellen Beziehungen unter den heutigen Jugendlichen noch keine Garantien für ein wachsendes soziales Verantwortungsbewusstsein gezeigt haben. Diese Kritik ist oberflächlich und an den Haaren herbeigezogen. Denn die sexuellen Beziehungen, die sich ein Teil der heutigen jungen Menschen erlauben, deutet noch nicht auf das Vorhandensein einer wirklichen freien Sexualmoral hin. Sie ist schwer belastet mit Angst- und Schuldgefühlen, sie ist oft wenig mehr als „Onanieren zu zweit“. Übrigens gibt es noch mehr zu berichten über diese „Widerlegung“ von Reich, was jedoch die Spannweite eines allgemeinen Vorworts übersteigt.

Ein Vorwort bedeutet normalerweise nicht, eine Analyse des Autors oder des initiierten Buches zu geben, sondern eine Bemerkung über die Bedeutung der vorliegenden Ausgabe zu machen und den Leser daran zu erinnern, warum das eingeführte Buch für ihn von Interesse sein könnte.

Also muss ich zu meinem Ausgangspunkt zurückkehren. Zu Beginn meines Vorwortes habe ich eine Verbindung zwischen der Neuauflage dieser Übersetzung und der Bedrohung der Freiheit gelegt, die jetzt in eine akute Phase eingetreten ist. Sobald man den Kern von Reichs Ansichten erreicht hat, ist diese nicht schwer zu entdecken. Es ist sehr schwierig, diese Ansichten kurz zu formulieren, sie sind sehr schwer auf den Punkt zu bringen. Versucht man dies, so bleibt die gefundene Formel sehr ungenügend und unvollständig. Mit dieser Einschränkung muss Folgendes gelesen und kritisch gegenüber dem tatsächlichen Inhalt dieses Buches getestet werden.

Das Problem der Freiheit, so Reich, hat sehr viel, wenn nicht gar alles, mit der Sexualmoral zu tun. Die wirtschaftliche und geistige Sklaverei im Kapitalismus hat ihre Wurzeln in der Unterdrückung der natürlichen Triebbefriedigung. Dieser einfache Indikator weist in Richtung einer Synthese, die im Gehirn Reichs stattgefunden haben muss, nämlich eine bemerkenswerte Zusammenfassung zweier Denkweisen, die jeweils ihre eigenen Gründe abdecken und nach der Auffassung einiger Autoren sich total widersprechen: der historische Materialismus von Marx-Engels und die Psychoanalyse von S. Freud.

Die zunächst von Freud angenommene Spannung zwischen Lebenstrieb und Todestrieb wurde von Dr. Wilhelm Reich, von der Psychoanalyse und von Anhängern der marxistischen Theorie des dialektischen Materialismus in Frage gestellt und überarbeitet als grundsätzlicher Gegensatz zwischen dem Individuum und der Außenwelt, in diesem Fall der kapitalistischen Gesellschaft.

Und er beweist weiter, wie eng die Sexualmoral mit der Ideologie der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verwoben ist. Er kommt dann zu einigen Schlussfolgerungen, wovon die Wichtigste wohl diese ist: Rebellion gegen den Kapitalismus ist für die Arbeiterklasse nur negativ, wenn die Akzeptanz der sozialen Revolution nicht einhergeht mit der Eroberung einer neuen, eigenen Sexualmoral für sich selbst und die Gesellschaft. Tatsächlich kommt man nach dem Lesen von Reichs Büchern zu dem Schluss, dass die soziale Revolution sinnlos ist, solange der revolutionäre Geist sich nicht erstreckt auf den ganzen Menschen, sein Denken, Fühlen und Handeln, besonders mit Bezug zur Sexualität.

Die Akzeptanz von Obrigkeit, Autorität, Unterwerfung hängt weitgehend davon ab, in welchem Maße man seine sexuelle Moral unmittelbar und kritiklos der allgemeinen bürgerlichen Auffassungen entliehen hat, die in der Verneinung und das Verpöntsein des Sexualtriebs wurzeln.

Das meinte ich, als ich Reichs Buch eine aktuelle Bedeutung zuerkannte. Zurzeit erscheinen unzählige Bücher über das Sexualleben des Menschen, jedoch vermochte sich keiner soweit vorzuwagen wie Dr. Wilhelm Reich, so dass trotz der Vielfältigkeit des Lesematerials dieses Buch einzigartig bleibt, das nun einem erbitterten Kampf ausgesetzt sein wird.

Nichtsdestotrotz ist es notwendig, dass das Problem noch einmal aufgeworfen wird, und deshalb müssen wir der Herausgeberin für ihre mutige Tat dankbar sein. Besonders jetzt, wo die römische Heuchelei mehr Einfluss gewonnen hat, als es der Freiheit guttut.

Zu diesem Zeitpunkt ist eine große Dosis Zivilcourage vonnöten unter diesen Umständen für das Recht sexueller Befriedigung zu plädieren, für die Anerkennung der Sexualität als ein wertvolles Element des Lebens, für das Recht eines jeden Menschen auf Glück, das ohne sexuelles Glück unvollkommen ist.

Man braucht nicht in jeder Hinsicht mit den Ideen Wilhelm Reichs übereinstimmen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass der Aufbau eines sozialistischen Lebens- und Weltbildes die Annahme der vollständigen sexuellen Befriedigung einschließen muss, ohne die der Mensch kein Mensch und die soziale und kulturelle Freiheit keine Freiheit sein kann.

Deshalb bildet die Neuauflage dieser Übersetzung einen Beitrag zur Verteidigung der Freiheit in den Niederlanden.

Möge dies von allen verstanden werden, die die Freiheit lieben, die verstehen, dass ein Mensch ohne Freiheit nichts als ein Haus- und Arbeitstier ist.

JACQUES REES