Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 4)

von Dr. med. Dr. phil. Barbara Goldenberg Koopman

 

Fallgeschichte (Fortsetzung)

Eine Mutterübertragung auf mich ließ nicht lange auf sich warten. An der Oberfläche nahm sie die Form an, dass sie das gute, klagende kleine Mädchen war, die der Mutter gefallen wollte. Dies bannte einen starken Negativismus, Boshaftigkeit und sadomasochistische Provokation. Nachdem oberflächliche Wut in den Augen mobilisiert war, konnte ich diesen Trotz leicht in unbegrenzten Mengen anzapfen, indem ich sie treten und „Nein!“ schreien ließ. Gleichzeitig wies ich immer wieder auf den Abwehrcharakter der Fassade des „guten kleinen Mädchens“ hin.

Die Therapie wurde auf dieser Schiene über etwa ein Dutzend Sitzungen mit konstanter Charakterarbeit fortgesetzt. Der Negativismus schien unermesslich zu sein – „‚Nein‘ unter Schichten von ‚Nein‘“, wie es die Patientin formulierte. Die Arbeit am Augensegment setzte sich in verschiedenen Verästelungen fort: Augenkontakt mit mir, wobei verschiedene Emotionen zum Ausdruck gebracht werden, die Augen weit aufreißen beim Einatmen, gleichzeitige stimmliche und Licht-Stimulation usw. Ich musste vorsichtig sein, da die Augenarbeit schnell Schwindel hervorrufen konnte, gefolgt von einer Kontraktion des gesamten Organismus und dem Gefühl, das Drogenerlebnis neu zu erfahren. Letzteres war nie allzu klar definiert, sondern bestand aus einem umfassenden Entsetzen oder einer schweren Angst, die manchmal von Angst vor der Auflösung geprägt war. Ich sah mich daher einerseits mit extremem Negativismus konfrontiert, andererseits mit einer beunruhigenden Fragilität. Das Problem bestand darin, sie zwischen den beiden zu „titrieren“e, ohne sie zu überfordern. Ich warnte sie, sie solle mir sagen, wenn sie das Gefühl habe, dass es ihr zu viel werde.

Während dieser Zeit nahm die Mutterübertragung eine weitere Verzweigung an. Ein Teil des Negativismus schien eine Abwehr gegen scheinbar positive Gefühle gegenüber mir zu sein. Eine Sondierung offenbarte tiefe Trennungsangst, die regelmäßig durch das bloße Ende einer Therapiesitzung hervorgerufen (aber regelmäßig unterdrückt) wurde. Sich auf mich einzulassen, bedeutete demnach die Möglichkeit, mich zu verlieren. Dies beruhte alles auf ihren tiefen Abhängigkeitsbedürfnissen und dem Wunsch, dass ich diese befriedigen würde.

Nach weiteren zwei Monaten „Titrieren“ zwischen der negativistischen Kontaktverweigerung und der Mobilisierung der Fernwahrnehmung begann Frau M., sich ihres eigenen Weggehens aus dem Kontakt, wie es sich in ihrem Alltag ereignete, gewahr zu werden und sich selbst zurückzurufen. Zum ersten Mal berichtete sie über eine klarere Wahrnehmung; wie es sich anfühlt, in Kontakt zu sein.

Ich machte weiter auf die Abwehrnatur ihrer „gutes kleines Mädchen“-Fassade aufmerksam. Trotz ständiger Bemühungen ihre negativen oder misstrauischen Gefühle über mich auszuloten, konnte sie erst im darauf folgenden Monat eine direkte Feindseligkeit gegenüber mir verbalisieren. Schließlich kam es zu einer Fülle von Beschwerden: Ich hätte keine Entscheidungen für sie getroffen; die Therapie ließe sie „zu viel fühlen“, sie wollte sich nicht vor mir „emotional verausgaben“, Kindheitserinnerungen kehrten zu unpassendsten Gelegenheiten zurück ungewollt und unwillkommen, so wie damals, als sie auf Droge war, ich sollte mehr körperlich mit ihr arbeiten. Ich wies darauf hin, dass sie wütend auf mich sei, mir misstraue und Dinge von mir wolle, die ich ihr vorenthalte. Sie antwortete, indem sie den Wunsch äußerte, mir, entsprechend ihrer Tochter, auf den Kopf zu schlagen, so wie es die Mutter mit ihr getan hatte. Sie war dann in der Lage, eine Menge Wut direkt gegen mich loszulassen, während sie auf die Couch schlug.

 

Anmerkungen des Übersetzers

e In der medizinischen Umgangssprache wird der Begriff Titration für die schrittweise Anpassung einer Medikamentendosis verwendet

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 3 (1969), Nr. 2, S. 213-225.
Übersetzt von Robert (Berlin).

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3 Antworten to “Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 4)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Beim Übersetzen wurde mir klar, wie stark mein Negativismus ist. Es ist, wie wenn man eine Krankengeschichte liest und zahlreiche Symptome an sich selbst entdeckt.

    Leider sind innere und äußere Umstände alles andere als rosig bei mir, aber wenn ich wie in Miesepeter oder Wutzombie erscheine, verbessert sich mein Zustand auch nicht. D.h., man muss kein dauerlächelnder Buddha werden, aber wenn man eine positive Ausstrahlung hat, erhält man auch mehr positives Feedback.

  2. Peter Nasselstein Says:

    American College of Orgonomy

    US1 Article
    The Vital Doctor-Patient Relationship

    We are pleased to share with you an article with the ACO’s views about the doctor-patient relationship which appeared this week in the March 27, 2019 „Doctor’s Day“ issue of U.S. 1 Newspaper.

    The Vital Doctor-Patient Relationship

    In today’s world, many people, including children, adolescents and adults of all ages are more stressed out, anxious and depressed than ever. Many are detoured by apparent quick fixes without knowing that lasting solutions are available.

    The board certified doctors affiliated with Princeton’s American College of Orgonomy (ACO) know that to achieve long-term effects requires time-time to develop a relationship of genuine trust between doctor and patient. Together they can then address painful emotional problems. ACO-trained doctors work with their patients to help them face the causes underlying their symptoms. With this kind of focus and approach, patients can lead fuller, more satisfying lives.

    In an effort to share how ACO therapists work, the College is hosting a monthly series of hour-long presentations with open discussion that showcase a doctor’s work with specific patients. These are free of charge and open to the public. The next meeting, on Saturday, April 13, features Dr. Philip Heller’s treatment of a patient who experienced a psychiatric emergency that was turned into an opportunity for positive change. On Mother’s Day weekend, Saturday, May 11, Dr. Susan Marcel will focus on the vital importance of the emotional care of pregnant women, infants, and expectant fathers during the prenatal, birthing and postnatal experiences. She will also address the ways midwives and obstetricians handle their emotionally difficult work environment. (For more information about these presentations, see „Ride the Emotional Rollercoaster“ in this issue of US1.)

    To understand the different approach offered by ACO therapists, visit the website: http://www.adifferentkindofpsychiatry.com. If you are interested in finding a therapist in your area or want to learn about the process of becoming a therapist, you will find that information, as well.

    For a more personal view of one therapist,
    Dr. Peter Crist, president of the ACO, will offer readings from his memoir in progress, All People Great and Small, during a special event at the ACO campus on Saturday, April 6 from 4:00 p.m. to 6 p.m. His selections will include stories from his childhood, college years, medical training and time as a professor of psychiatry at UMDNJ-Rutgers Medical School that together give a sense of how he became the kind of doctor he is today. Admission for this presentation is $45. Reception will follow.

    Board certified in internal medicine and psychiatry, Dr. Crist notes: „Many of my patients bring up their medical problems during their psychotherapy sessions. I realized it’s a rare uninterrupted block of time for them to talk to a physician they trust. It’s a sad reflection on the current state of medicine in which primary care physicians lack the time to really listen to their patients. For several thousand years the doctor-patient relationship has been one of the most significant as well as intensely emotional and intimate of all human bonds. At the ACO, we continue to train doctors in the tradition of the sacred, healing relationship between doctors and patients that dates back to Hippocrates and before.“

    For more information about the ACO’s events, therapy referral service and training programs, contact the American College of Orgonomy. Phone (732) 821-1144; Email: aco@orgonomy.org; Websites: http://www.orgonomy.org and http://www.adifferentkindofpsychiatry.com.

    This article can also be found on our Orgonomists in the Public Eye page and US1 online „The Vital Doctor-Patient Relationship“ „Ride the Emotional Roller Coaster.“ https://princetoninfo.com/american-college-of-orgonomy-the-vital-doctor-patient-relationship/

  3. Peter Nasselstein Says:

    https://princetoninfo.com/american-college-of-orgonomy-ride-the-emotional-roller-coaster/

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