Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 7)

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

In Der triebhafte Charakter untersuchte Reich die Genese dieser Störung sehr detailliert anhand von Fallgeschichten seiner klinischen Patienten. Zu dieser Zeit (1925) bewegte er sich noch innerhalb des psychoanalytischen Rahmens (wenngleich in der Monographie bereits Andeutungen seiner Abkehr erkennbar sind). So sind, erklärt der junge Reich, Triebunterdrückung und Sublimierung die Eckpfeiler der Kultur. Das infantile Lust-Ich muss eine Versagung erfahren, damit Reifung stattfinden kann. Damit einher geht die Etablierung der Realitätsprüfung und die Bildung von Objektbeziehungen. Aber jede Versagung führt zu einer Aufspaltung der libidinösen Energie. Einem Säugling die Brust anzubieten und sie ihm dann wieder zu entziehen stellt zum Beispiel die Dualität von Triebbefriedigung und Triebverweigerung dar – das früheste Modell für Ambivalenz. (Zu dieser Zeit wurde allgemein angenommen, dass ohne Ambivalenz keine psychische Entwicklung stattfinden könne.) Reich schlug vier mögliche Verläufe der Ambivalenz vor, wobei alle bis auf den ersten zu einem pathologischen Ergebnis führen:

1. Bei einer liebevollen Bezugsperson erfährt der Säugling partielle Triebbefriedigung und partielle Versagung und entwickelt dadurch allmählich eine gewisse Fähigkeit zur Verdrängung. Das Kind kann die Versagung aufgrund seiner Liebe zur Bezugsperson tolerieren; die partielle Verdrängung lässt anschließend Raum für die Ersatzbefriedigung des Triebes.

2. Das Kind erfährt gleich zu Beginn eine vollständige (und nicht nur allmähliche) Triebfrustration, z.B. durch harte Entwöhnung oder totale Einschränkung der Masturbation. Dies führt zu einer totalen Verdrängung, wobei die Ambivalenz den Hass bevorzugt. Die Fähigkeit zur Liebe ist stark beeinträchtigt und es entsteht ein zwanghafter Charakter.

3. Im frühesten Stadium besteht eine völlige Abwesenheit von Triebfrustration. Das Kind wächst z.B. ohne Aufsicht und mit uneingeschränkter Triebbetätigung auf, nur um später im Leben in einen schweren Konflikt mit der Umwelt zu geraten. Vor einem solchen Hintergrund entstehen die kriminellen Typen.

4. Einer ausgiebigen frühen, uneingeschränkten Triebbefriedigung steht eine plötzliche, verspätete Triebfrustration brutaler, traumatischer Natur gegenüber. Daraus entsteht der Triebhafte, der in der Regel eine Vorgeschichte von unbeständiger Erziehung besitzt und früh der Sexualität von Erwachsenen ausgesetzt ist.

Beim Triebhaften wird die Sexualität in einem abnorm frühen Stadium stimuliert und ausgelebt. Dies ist nicht zu verwechseln mit dem Selbstregulationsansatz, der den Ausdruck der kindlichen Sexualität auf einem altersgemäßen (und energetisch angemessenen) Niveau zulässt. Aus den Fallgeschichten wird ersichtlich, dass Reichs triebhafte Patienten ein pornografisches sexuelles Umfeld erlebten, in dem die Betreuer oder Außenstehende Überstimulation offerierten und sexuellen Missbrauch, einschließlich Inzest, ausübten. Sie waren folglich sexuell sehr überladen und überstimuliert. Von gesunder Genitalität konnte hier aber keine Rede sein, sondern eher von einer Eruption prägenitaler Triebe und polymorph-perverser Neigungen.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , ,

18 Antworten to “Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 7)”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Bestätigung von Charles Konias These von der Polarisierung in der antiautoritären Gesellschaft. Es macht keinen Sinn mehr zwischen Linken, Sozialdemokraten, Sozialliberalen, Linksliberalen, Sozialisten, Kommunisten, Roten Faschisten zu unterscheiden – es sind durchweg Pseudoliberale/Kommunisten. Und umgekehrt: diese Leute kennen auch keinerlei Abstufungen mehr: entweder du bist für oder gegen das Merkelsche Faschoregime oder nicht. Wenn nicht, wirst du erbarmungslos ausgemerzt. Jetzt noch durch vollständige Ausgrenzung aus der Öffentlichkeit, perspektivisch aber durch „Soderbehandlung“. „Ach, Unsinn!“ Nun ja, ich sag nur „Anti“fa!

    • Robert (Berlin) Says:

      „Langsam schwant vielen, dass Merkel nicht allwissend ist, und wir bemerken, dass Aldi schneller und billiger Masken herbeigeschafft hat und es bei Lidl genauso schnell Selbst-Tests gibt. Was wäre wohl gewesen, wenn wir denen die Beschaffung des Impfstoffs aufgetragen hätten. Uschi von der Leyen hätte in die Röhre geschaut.

      Nicht der Markt hat versagt. Der Staat stellt seit einem Jahr seine Ratlosigkeit zur Schau. Um das zu kaschieren, operiert er mit noch größerer Panikmache und noch massiveren Eingriffen in unsere Grundrechte bis ins Schlafzimmer. Statt auf die vorhandene Struktur der Hausärzte zu vertrauen, die ihre Pappenheimer kennen, wurden monströse Impfzentren etabliert und planwirtschaftliche „Prioritäten” erfunden, die Risikopatienten übersehen.

      In den Ministerpräsidentenkonferenzen hat die herrschende Klasse ausreichend ihr Unvermögen dargestellt, unser Leben besser zu regeln als wir selbst. Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht. Aber das Vertrauen in die Politik und die Staatsgläubigkeit ist verloren. Wir müssen unser Leben, unsere Zukunft schon wieder selbst in die Hand nehmen. “

      https://www.achgut.com/artikel/die_feinde_der_offenen_gesellschaft_machen_sich_kenntlich

  2. Robert (Berlin) Says:

    Zu Punkt 3:
    Ich denke, dass dies von den heutigen linken Reichianern als Selbstregulierung missverstanden wird. Aber auch Kinder in Kinderläden werden dermaßen falsch erzogen.

    • Robert (Berlin) Says:

      Dieser Punkt könnte sich auch auf Männer orientalischer Herkunft beziehen, die als Jungs der Prinz sind und später hart frustriert werden. Daraus entstehen dann kriminelle Typen, wie Koopman schreibt.

  3. Robert (Berlin) Says:

    Hier noch mal das Original, auch zum Download

    https://archive.org/details/DerTriebhafteCharakter

  4. Christian Says:

    Das Ende der Welt, in der wir aufgewachsen sind – der Triumph der emotionalen Pest:

    • Peter Nasselstein Says:

      Ich kann nur immer wieder auf zwei Dinge verweisen: den verbrecherischen Silvio Gesell-Scheiß (Schwundgeld) und Drucker, der an deinen Computer angeschlossen ist:

      • Frank Says:

        „Silvio Gesell-Scheiß (Schwundgeld)“: Aber Zins und Zinseszins sind doch schon ein Problem, das darf man nicht verharmlosen. Wie so oft, bekommt man das Gutes nicht in Reinform – und an sich Gutes kann mit dem Laufe der Zeit schlecht werden, z.B.: „Es zeichnet sich immer mehr ab, daß Libertäre einen fatalen Fehler begangen haben, als sie vorbehaltlos die freie Wirtschaft unterstützt und gegen den Staat verteidigt haben, inklusive der Großbanken und vor allem Unternehmungen wie Amazon oder Tesla. Es zeichnet sich nämlich immer mehr ab, daß diese Konzerne unsere Freiheiten noch mehr, auf perfidere und vor allem auf effektivere Weise einschränken, …“ https://nachrichtenbrief.com/2021/05/01/arbeitsdemokratie-emotionelle-pest-und-sozialismus-teil-42/

        • Peter Nasselstein Says:

          Es klingt immer so, als wenn Zinsen grundsätzlich nicht zurückgezahlt werden. Werden sie aber, wenn alles klappt. Das Haus ist abbezahlt etc. Außerdem weiß jeder, daß Kredite und damit die Zinsen irgendwann verfallen. Das nächste Mal sollte sich der Geldgeber vielleicht besser überlegen, wem er Geld für was leiht! Außerdem ist die Idee eines „Reset“ nicht so abwegig: ab und an sollte wirklich ein Schlußstrich gezogen werden. Im alten Israel war das alle 49 Jahre der Fall.

          Faszinierend ist auch der Bitcoin von wegen „Schwundgeld“. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es theoretisch 21 Millionen, die irgendwann alle geschürft sein werden. 4 (?) Millionen sind bereits verschwunden, weil der geschürfte Zahlencode verlorengegangen ist. Trotzdem funktioniert das Geld. Ob nun Bitcoins „gehortet“ werden oder schlichtweg verschwinden, ändert nichts an der Funktionsfähigkeit des Geldes.

          Die einfachste Lösung wäre, wenn man schlichtweg die Menschen selbst die Entscheidung überläßt, welches Geld sie bevorzugen. Also kein „gesetzliches Zahlungsmittel“ mehr, sondern konkurierende Privatwährungen. Dabei kann ich mir nicht vorstellen, daß außer irgendwelchen Sektierern, sich jemand ausgerechnet für „Schwundgeld“ entscheiden würden. Ohne „Leitzins“ würde sich auch die Sache mit den Zinsen anders darstellen.

          Übrigens gibt es ja schon heute in der islamischen Welt keine Zinsen. Komischerweise werden sie verdeckt und verklausuliert aber eben doch erhoben.

          Die Schwundgeldbefürworter sagen natürlich, daß in ihrem System Kredite vergeben werden, weil so das Geld dem Schwund entzogen wird. Gut, aber ist das dann nicht auch eine Art Zins? Und würde das nicht dazu führen, daß den Leuten geradezu verzweifelt die Kredite hinterhergeworfen werden, so daß das Volksvermögen vollkommen ungeprüft und skrupellos in irgendwelchen unüberlegten und ruinösen Projekten versickert. Ähnliches erleben wir ja heute, wo unser Geld, das uns dann fehlt, nach Südeuropa gepumpt wird, wo es mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

  5. Frank Says:

    Danke für die interessanten Infos.
    „Es klingt immer so, als wenn Zinsen grundsätzlich nicht zurückgezahlt werden. Werden sie aber, wenn alles klappt. Das Haus ist abbezahlt etc. Außerdem weiß jeder, daß Kredite und damit die Zinsen irgendwann verfallen. Das nächste Mal sollte sich der Geldgeber vielleicht besser überlegen, wem er Geld für was leiht!“
    Hier scheint ein Fehler zu sein: Zinseszins bedeutet doch nicht, dass der jeweilige Schuldner seine Zinsen nicht bezahlt (ein Sonderfall), sondern dass der Kreditgeber seine Zinserträge immer wieder neu anlegt.

    • Peter Nasselstein Says:

      Ich dachte daran, daß Schuldner die Zinsen mit einer weiteren Schuldenaufnahme bezahlt.

      • Frank Says:

        Danke.
        Es geht nicht um den einzelnen Schuldner, sondern darum, dass der Vermögende automatisch (durch Nichtstun, nachdem er einmalig einen guten Start hatte) immer reicher wurde (jetzt ist das gestoppt, durch den Nullzins). Das ändert jetzt aber nichts an Deinem Festhalten am Zinssystem? Zumindest „Silvio Gesell-Scheiß (Schwundgeld)“ solltest Du doch nicht mehr so formulieren, oder? Ohne das Jubeljahr, kollabiert das System. https://de.wikipedia.org/wiki/Erlassjahr
        Gesell hat das Problem erkannt, ob seine Lösung richtig ist?

      • Peter Nasselstein Says:

        Ich muß mich in die ganze Problematik (wieder) einarbeiten. Mag sein, daß ich meine Meinung ändere, vielleicht sogar grundlegend. Wenn das passieren sollte, dann wohl durch eine plötzliche Eingebung: „Moment mal!“ Es braucht Zeit, das sich alles „im Hinterkopf“ entwickeln zu lassen.

        Warum Zins (und damit Zinseszins)? Weil das der Gang alles Lebendigen ist. Oder wie Reich in Christusmord schreibt:

        Leben hat keine festen Vorstellungen davon, was in der Zukunft geschehen wird. Leben läßt diese Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen. Die Zukunft erwächst aus dem ständigen Strom der Gegenwart, wie auch die Gegenwart aus der Vergangenheit hervorgeht. Sicherlich gibt es Gedanken, Träume und Hoffnungen für die Zukunft; aber die Zukunft beherrscht nicht die Gegenwart, wie dies beim gepanzerten Leben der Fall ist.

        Wir werden die Gegenwart (bzw. unmittelbare Zukunft) stets der (fernen) Zukunft vorziehen. Je kränker wir sind, desto mehr leben wir in der Zukunft. Und genau das ist die Grundlage des Zinses: du mußt mir etwas dafür zahlen (den Zins), daß ich den Gebrauch meines Geldes in die Zukunft verlagere. Man kann auch sagen, daß zukünftige Güter einen geringeren Wert haben als gegenwärtige Güter. Sozusagen „Wertschwund“, der durch Zinsen ausgeglichen wird, um langfristiges Wirtschaften zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang kann ich mir gar nichts destruktiveres und unnatürlicheres vorstellen als die Gesellschen Lösungsansätze.

        Aber, wie gesagt, ich kann das alles jetzt unmöglich alles argumentativ durchdringen. Vielleicht irgendwann später, wenn ich mich längerfristig mit Wirtschaftslehre beschäftige.

        • Peter Nasselstein Says:

          Zins steht für Steigerung der Spannung, Negativzins für Entspannung (Tod und Zerfall – KREBS). ich kann verstehen, daß „Reichianer“ instiktiv auf das letztere abfahren, aber…

        • Frank Says:

          Vielen Dank für die Gedanken, auch den Einblick in die Denkwerkstatt.
          „Man kann auch sagen, daß zukünftige Güter einen geringeren Wert haben als gegenwärtige Güter.“ = das gilt für den „Reichen“ eher nicht, vielleicht ganz im Gegenteil, irgendwann wird es mühsam, neue Anlagen zu finden, da ist die automatische Vermehrung auf dem Konto angenehm – denke ich laienhaft 😉
          Auch für das Sparen für Krankheit, Alter oder Not ist das Gegenteil der Fall – solange „aber die Zukunft … nicht die Gegenwart … beherrscht …, wie dies beim gepanzerten Leben der Fall ist.“.
          „In diesem Zusammenhang kann ich mir gar nichts destruktiveres und unnatürlicheres vorstellen als die Gesellschen Lösungsansätze.“ = wie ich schon sagte, man könnte zwischen „Problem erkannt“ und „Lösung gelungen“ unterscheiden. Wobei die „Lösung“ natürlich der wesentiche Punkt ist = und Peter dann mit Recht sagen kann: „Silvio Gesell-Scheiß (Schwundgeld)“

    • Peter Nasselstein Says:

      Wie gesagt, ich muß mich mit all dem näher befassen im Zusammenhang mit „Ökonomie und Sexualökonomie“. Hier nu soviel:

      Es geht um den Unterschied zwischen Raum-Ökonomie (die Verteilung von Gütern) und Zeit-Ökonomie (das Hervorrufen und Tolerieren von bioenergetischer Spannung, die das Geheimnis der Produktivität des Kapitalismus ausmacht): Ökonomie ist im Kern Sexualökonomie.

      Wenn wir ständig alles austauschen würden (Fleisch gegen Getreide, etc.) und so instantan befriedigt würden, dann wäre das zwar eine gerechte Gesellschaft, aber eine ohne Wachstum, ohne Dynamik und vor allem ohne Produktivität. Wirkliche Wirtschaft beginnt mit „Zeit-Ökonomie“, d.h. dem Aufbau von bioenergetischen Spannungen, die sich über lange Zeiträume erstrecken und so die Gesellschaft organisieren. Daß dabei alle Arten von Ungerechtigkeiten entstehen können, ist offensichtlich.

      Gleichzeitig sollte klar sein, daß es unmöglich die Aufgabe der Orgonomie sein kann, nun eine vermeintlich „orgonomische Wirtschaftstheorie“ zu kreieren (auch wenn man diesen Begriff vielleicht gebauchen muß, einfach aus sprachlichen, sozusagen „wortökonomischen“ Zwängen heraus)*, vielmehr geht es darum, herauszufinden, warum alle Wirtschaftslehren nichts bringen.

      * Beispiel: „orgonomische Astronomie“ – würghhh – aber wie sich sonst verständlich machen, ohne jeweils mit ganzen Sätzen jonglieren zu müssen oder ins Ungefähre auszuweichen?! Daß wirklich allerletzte, was diese Welt braucht, sind weitere „Lehren“, „Theorien“ und „Weltanschauungen“.

      • Frank Says:

        Vielen Dank, lieber Peter, für die Gedanken. Und alle Deine Aktivitäten zur zumindest gedanklichen Erhellung der Welt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: