Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 1)

von Robert Hase

In einem Artikel von Reich, der früher gekürzt auf der alten Website des Wilhelm Reich Museums herunterladbar war (1), sind bisher weitgehend unbeachtete Details zu finden, die einige wichtige Fragen klären, die in den bisher veröffentlichten Texten nur kurz angeschnitten werden. Der Artikel „Work democracy in action“ stammt aus der ersten Nummer der Annals of the Orgone Institute aus dem Jahre 1947. Der Artikel selber wurde früher fertig gestellt, da Reich an seinem Ende schrieb:

Orgonon, Maine

August, 1944

Die Frage stellt sich, warum dieser Text bisher nie ins Deutsche übersetzt wurde. Einerseits war er schwer erhältlich, auch größtenteils unbekannt, andererseits gibt er unbequeme Erklärungen zu brennenden politischen Problemen, die bis heute von Politikanten und Freiheitshausierern nicht gern gehört werden.

Reich erklärt in diesem Artikel, warum er die organisierte Politik aufgab, warum die Sexpol scheitern musste und diskutiert einige Probleme der Arbeitsdemokratie. Außerdem fließen manche Details seines Werdegangs ein.

Reich schreibt, dass das Orgone Institute keine homogene Gruppe sei und dass verschiedene Arbeitsgruppen weltweit agieren. „Auf der anderen Seite gibt es Soziologen mit sozialistischer Orientierung, die noch tief in den Ideologien der Vorkriegszeit oder gar in Parteiideologien verwurzelt sind und sich schwertun, mit unserer arbeitsdemokratischen sozialen Ausrichtung Schritt zu halten.“

Bevor Reich die emotionelle Pest entdeckte, stand er ihren Auswirkungen ratlos gegenüber. So meint er, dass erst im Laufe der letzten Jahre (also vor 1944) das Problem so deutlich hervorgetreten sei. Davor fühlte er sich völlig hilflos angesichts der immer wiederkehrenden Katastrophen in seiner Arbeit, die wie ein unabwendbares Schicksal erschienen. Er konnte das Geschehen nicht richtig einordnen, wusste nicht, wie er Einschreiten sollte und machte sich verständlicher Weise selbst Vorwürfe, dass eine Leerstelle in seinem Verständnis dafür mitverantwortlich war.

Man bedenke nur, wie übel Reich bei seinen Kindern mitgespielt wurde, die ihm von ihrer Mutter und deren psychoanalytischen Kollegen absichtlich entfremdet wurden.

Reich schreibt eine Chronologie seines Wirkens unter dem Aspekt der emotionellen Pest und meint, als er sich um 1922 ganz der Psychoanalyse widmete, führte diese Verschiebung des Hauptinteresses zum Verlust einer Reihe wertvoller Freunde, die bei der klassischen Naturwissenschaft blieben und seitdem mechanistische Biologen, Chemiker oder Physiker wurden. Er hätte keinen Kontakt mehr mit ihnen, aber dass man getrennte Wege ging, erzeugte keine Feindseligkeiten.

Darüber wissen wir wenig, aber es müssten Studienkollegen vor oder aus der Zeit seines Medizinstudiums sein. Er belegte ja nicht nur medizinische Vorlesungen.

Als er dann zwischen 1923 und 1926 begann, seine Orgasmus-Theorie zu entwickeln, verlor er eine Reihe guter Mitstreiter unter den Psychoanalytikern. Einige wurden bittere Feinde, die später zum Mittel der Diffamierung griffen. Zu dieser Zeit entwickelte sich auch der Konflikt mit Freud. Andererseits gewann die junge Theorie neue und begeisterte Mitarbeiter unter den Psychoanalytikern im technischen Seminar in Wien und Berlin und später in Kopenhagen und Oslo.

Als er nach 1927 praktischen Kontakt mit der Soziologie aufnahm und die soziale Sexualökonomie entwickelte, wurden viele Marxisten seine Freunde und Mitarbeiter, während sich eine Anzahl befreundeter Psychoanalytiker von ihm abwandten. Als er jedoch zur Zeit der deutschen Katastrophe mit der Kritik des parteipolitischen Denkens begann (MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS u.a.), wurden viele Parteipolitiker zu seinen Feinden, weil die soziale Sexualökonomie und die strukturelle Psychologie (Charakteranalyse, politische Psychologie) zu hohe Ansprüche an sie stellten. Er fand sich allein, d.h. sowohl außerhalb der psychoanalytischen als auch der politischen Organisationen Europas wieder.

Zu dieser Zeit begann eine neue Diffamierungskampagne gegen ihn und seine Mitarbeiter. Diese wurde von den Politikern unter den Schlagworten „Freudismus“ oder „Sexualismus“ und von einigen Psychoanalytikern, zunächst erfolgreich, mit dem Schlagwort „Schizophrenie“ geführt. (Damit meinte er sicherlich zuerst Otto Fenichel, aber auch Anna Freud, seine Frau Annie Reich und andere. In diesen Zusammenhang fallen auch die Versuche, seine Kinder gegen ihn zu beeinflussen.)

„Ich habe meine Studenten aus den psychoanalytischen Seminaren verloren. Nicht einer von ihnen blieb; nicht einer von ihnen machte den Schritt in die Charakteranalyse und später in die Biophysik. Das war der härteste Schlag in meiner wissenschaftlichen Laufbahn.“

Als Reich 1937 den schwierigen Schritt von der rein psychologischen Methode der Charakteranalyse zur biophysikalischen Technik der Vegetotherapie machte, verlor er wieder einige wichtige und fähige Mitarbeiter, darunter den einflussreichen Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Oslo, Harald Schjelderup (2).

Die meisten der von Reich „nach 1933 ausgebildeten Ärzte, Psychologen und Pädagogen hielten jedoch dem Druck stand und machten mit, oft mit großen Schwierigkeiten, aber noch öfter mit Begeisterung“.

Fußnoten

(1) Jetzt hier zu finden: https://pdfcoffee.com/annals-of-the-orgone-institute-pdf-free.html

(2) https://en.wikipedia.org/wiki/Harald_K._Schjelderup

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12 Antworten to “Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Ich hätte gerne den Artikel vollständig ins Deutsche übersetzt, aber eine Genehmigung für diesen Blog erschien gänzlich aussichtslos. Außerdem soll er zuerst von WR in Deutsch geschrieben sein, also hätte man gleich um den deutschen Urtext fragen können.

  2. Peter Nasselstein Says:

    How I Became A Medical Orgonomist: Salvatore Iacobello M.D.

    Salvatore Iacobello M.D. tells Dr. Burritt how he came to the practice medicine and medical orgone therapy. As a young man, Dr. Iacobello had hopes for helping those around him but he was under the impression that political solutions were the answer. It wasn’t until he read Wilhelm Reich’s The Mass Psychology of Fascism that he learned that politics couldn’t solve humanity’s problems and that his path would take him to working with his fellow man’s emotional life.

    https://adifferentkindofpsychiatry.blubrry.net/2021/06/30/how-i-became-a-medical-orgonomist-salvatore-iacobello-m-d/

  3. Peter Nasselstein Says:

    Wozu „linke“ Politik führt:

    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/polizeieinsatz-in-berlin-entweder-sie-tragen-einen-bh-oder-sie-muessen-gehen-li.168397

    Reich wollte mit diesen linken Vollpfosten („Berlin“) nichts, aber auch rein gar nichts mehr zu tun haben.

    Oder etwa: es gibt extrem großzügig geschätzt 40 Millionen Arbeiter in Deutschland und extrem niedrig geschätzt Ausgaben für Asylbewerber von 40 Milliarden Euronen. Das bedeutet, daß, wieder grob geschätzt (von wegen Scheingenauigkeit), jeder Arbeiter diesen Leuten jeden Monat 100 Euro überweist! Und dann vielleicht nochmal 100 Euro für den ganzen Grünen Schwachsinn. Plus 100 Euro für Merkels Mißwirtschaft (Europa etc.) und die bloße Existenz des Euro. Und und und – etwa die hohen Mieten, weil jedes Jahr eine ganze Großstadt nach Deutschland geholt wird.

    Wie war das mit Ausbeutung und Sexualunterdrückung?

    Sexualunterdrückung in Deutschland? Beispiel: jeder hat seinen Safe Place, nur Frauen nicht, denn die müssen ihre intimsten Verrichtungen nun zusammen mit Transgenderwesen verrichten. Und nachts haben sie de facto Ausgangsperre!

    • Peter Nasselstein Says:

      Und dann ist da noch ein sexualökonomischer Faktor, der diese ganze „Grüne“ Schweinerei zusammenhält:

      https://gloria.tv/post/ss4PR1NZfte12QDjEf6wEum2w

    • Robert (Berlin) Says:

      “ jeder hat seinen Safe Place, nur Frauen nicht, denn die müssen ihre intimsten Verrichtungen nun zusammen mit Transgenderwesen verrichten“

      Stimmt nicht! In Berlin werden Männertoiletten zu Unisextoiletten (benutzbar für beide Geschlechter) umgewidmet, so dass du beim Urinieren im Urinal durch Frauen mit Kinder gestört wirst. Auch keine angenehme Situation.

      • Peter Nasselstein Says:

        Selber Stimmt nicht!:

        Ein prominentes Beispiel: öffentliche Toiletten. An die Stelle von Männer- und Frauenklos treten mehr und mehr die „Unisex“- bzw. „genderneutralen“ Toiletten. Auch an Schulen und Universitäten. Das hat, wie britische Zeitungen berichten, die Folge, dass manche Schülerinnen während ihrer Periode den ganzen Tag nichts trinken, die Schule schwänzen oder Blasenschäden durch Zurückhalten des Urins riskieren, aus Angst, auf der genderneutralen Toilette von Jungen beobachtet und ausgelacht zu werden. Auch an anderen Orten der Gesellschaft, wo Frauen bislang aus gutem Grund unter sich waren, sind sie es nun nicht mehr. Aktuelle Beispiele betreffen sportliche Wettbewerbe und Unterkünfte für obdachlose Frauen.

        https://www.achgut.com/artikel/kein_safe_space_fuer_frauen

      • Robert (Berlin) Says:

        Wollte nur „jeder hat seinen Safe Place, nur Frauen nicht“ widerlegen. Auch Männer nicht!

    • Peter Nasselstein Says:

      Apropos Frauen:

  4. Peter Nasselstein Says:

    Die häßliche Fratze Silvio Gesells!

    https://www.t-online.de/finanzen/news/unternehmen-verbraucher/id_90365332/strafzinsen-auf-girokonto-auch-postbank-bittet-ihre-treuen-kunden-zur-kasse.html

    • Frank Says:

      „Strafzinsen, und zwar für Guthaben, die oberhalb einer Freigrenze von 50.000 Euro liegen.“: Mein Tipp: Das Postbank-Spendenkonto auf unter 50TE abschmelzen, vielleicht bei einer exklusiven Nachrichtenbrief-Stammleser-Bildungsreise 🙂

  5. Robert (Berlin) Says:

    „Das war der härteste Schlag in meiner wissenschaftlichen Laufbahn“
    Also in den letzten Jahren bis 1944, später hatte Reich noch viel härtere Nackenschläge zu verkraften. Außerdem meint er nur die Wiener oder Berliner, denn die Skandinavier, die er in Berlin schon kennengelernt hatte (Ola Raknes, Nic Waal), wechselten ja zu ihm.

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