Posts Tagged ‘Marxisten’

Der Nihilist, der Zyniker und der Fanatiker

23. Januar 2023

Montesquieu, Voltaire, Buffon, Rousseau, Diderot, Helvétius, Condillac, d’Alembert, Holbach – sie alle widmeten sich der vernünftigen Erhellung natürlicher und moralischer Wirkungsgesetze in der Welt, während einzig er, der unbelehrbare La Mettrie, die dunklen, antiaufklärerischen Seiten einer menschlichen Maschinenmoral mit den denkerischen Fluchtpunkten von Agnostizismus, Atheismus, Nihilismus und Gewissenslosigkeit entwickelte. Kein Wunder, distanziert sich unter diesen Bedingungen das Projekt „Aufklärung“ von einer Figur, die nur als Kritiker, ja Verräter am gemeinsamen Ziel einer fortschrittsoptimistischen „Erleuchtung“ gelten kann. (Ursula Pia Jauch: Jenseits der Maschine, München 1998, S. 31)

Für den Marxisten Max Adler (…) zeigt sich an Stirners Einzigem die kognitive Beschränktheit, moralische Fragwürdigkeit und politisch-soziale Destruktivität bürgerlicher individualistischer Ideologie – ein Deutungsschema, das standardisiert und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fortgeschrieben wurde. In der Entgegensetzung von wissenschaftlichem Sozialismus und bürgerlicher Ideologie erscheint Stirner regelmäßig als Vertreter der bürgerlichen Ideologie. Adler sah Stirner hingegen differenzierter: Er ist für ihn auch genauso ein „Vorläufer“ des Marxismus und zwar hinsichtlich seiner psychologischen Einsichten und – marxistische Dialektik – seiner Bekämpfung aller und jeder Ideologie. (Information Philosophie, Heft 2/12, Juni 2012, S. 90).

(…) Reichs Kampfansage an Freuds „Kulturkonservatismus“ und Versuch der „Radikalisierung“ der Psychoanalyse stand im Zeichen einer Befreiung der ‚wahren Natur’ von der kulturellen Sexualmoral. Reich war stets auf der Suche nach dem biologischen Fundament der Triebe, von dem aus er die gesellschaftlich geschaffene Verkümmerung der Menschen kritisieren konnte. Weil sich, so Reich, das „menschliche Tier“ (…) durch den historischen „Einbruch der Sexualmoral“ (…) von seiner Natur und dem in ihr schlummernden harmonisierenden „sexualökonomischen“ Selbstregulationsprinzip entfremdete, herrschten in der Welt seelische und körperliche Störungen, Krieg, Gewalt und Irrationalismus vor. Wieder aufgehoben werden könne diese Entfremdung nur durch die Herstellung der „orgastischen Potenz“ der Menschen (…). An den richtigen Orgasmus ist die ganze Reichsche Norm geknüpft, und das Glücksversprechen einer natürlichen harmonischen Ordnung. Freuds revolutionäre Erkenntnis war es gerade – auch hier zeigt sich wieder die dem Freudschen Denken immanente Tendenz zur Entbiologisierung des vermeintlich Natürlichen –, dass der scheinbar natürlichen genitalen Sexualität eine lebensgeschichtliche Genese zugrunde liegt, dass sie nichts Ursprüngliches ist. Dies brachte ihn dazu, den Begriff der Sexualität auf die Dimension der Lust im Allgemeinen auszuweiten und eine infantile Sexualität zu konstatieren, eine These, mit der er auf breitesten Widerstand stieß. Reich macht diese Freudsche Differenzierung zwischen dem Sexuellen, dem Streben nach Lust, und der Genitalität, der psychosexuellen Zentrierung der Lust im Genitalorgan, wieder rückgängig und fällt so (…) hinter Freud zurück. Genitalität, auch noch reduziert auf ein physiologisch fassbares Konzept, ist ihm ein „Naturgesetz“, das sich selbsttätig entfalten würde, würde sie nicht sexualmoralisch gehemmt, und wird zum Fetisch, dem jede andere Lustform zum Opfer fällt. (Markus Brunner: Eros und Emanzipation. Zur Dialektik der sexualrevolutionären „Radikalisierung“ der Freudschen Psychoanalyse. In: Dehmlow: “… da liegt der riesige Schatten Freud’s jetzt nicht mehr auf meinem Weg”, Marburg 2008, S. 270-287)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 35)

6. Dezember 2022

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Reich schrieb am 3. Februar 1952, 4 Uhr morgens, unter der Überschrift „Der stille Beobachter“ eine Art Tagebucheintrag:

Die Anarchisten in Paris haben die UN-Delegierten mit Eiern und Tomaten beworfen und riefen, korrekt, aber dumm, „weder Truman noch Stalin“. Sie würden mich sicher erschießen, wenn sie an die Macht kämen, obwohl sie mich jetzt bewundern und mir rechts und links Juwelen politischer Slogans abnehmen, ohne die Quelle zu nennen, außer in einer sehr minimalen Weise, und bereits meinen Namen verunglimpfen, indem sie mich einen Bolschewiken nennen und behaupten, ich wüßte nichts vom Anarchismus. Sie kennen meine Stirner- und Kropotkin-Zeit von 1919 nicht. Das paßt zu ihrem Versuch, aus der sexuellen Jugendfrage politisches Kapital zu schlagen, indem sie die „Freiheit der LIEBE“ für die Jugend proklamieren … den politischen Weg, den Weg, den ich nicht klar von MEINEM Weg getrennt und 1928 bis 1934 bekämpft habe; den aussichtslosen Weg des politisch lästigen Freiheitshausierers. Sie wüßten nicht, wie sie mit einem einzigen Fall von Zusammenbruch aufgrund von Orgasmusangst bei einem fünfzehnjährigen Mädchen umgehen sollten. Sie können in kritischen Zeiten aus purer Unwissenheit, gepaart mit politischem Eifer, zu einer Bedrohung werden. Mit „gut meinen“ allein ist es nicht getan.

Reichs Biograph hat das wie folgt übermittelt: In Bezug auf die Anarchisten (eine englische Gruppe von Anarchisten schrieb häufig an Reich und veröffentlichte Artikel über seine Arbeit) sagte er: „Wir wollen keine Anarchie, wir wollen Ordnung. Wir nehmen den rationalen Kern aus dem Anarchismus, dem Kommunismus. Ich habe große Bewunderung für Kropotkin. Aber sie vergessen, daß sich die Zeiten ändern, daß die Wahrheit von gestern die Lüge von heute ist“ (M.R. Sharaf: „Some Remarks of Reich: Summer 1948“, Journal of Orgonomy 2(2), November 1968, pp. 215-224, siehe auch Ilse Ollendorffs Wilhelm Reich, S. 104).

Im Gegensatz zu Marx mit seinen „ehernen Gesetzen der Geschichte“, die letztendlich alles rechtfertigten und die Marxisten zu Todfeinden der Anarchisten machten, stand Kropotkin für die Befreiung von der religiösen Moral, für das „System des Nicht-Regierens“. Keime dieser freien Vereinbarung gäbe es schon heute überall im öffentlichen, zumal im wirtschaftlichen Leben. Reichs späteres Konzept der Arbeitsdemokratie. Der Unterschied ist natürlich, daß Reich, ähnlich wie Marx, „strukturelle“ Probleme sah, auch wenn es bei Reich natürlich keine polit-ökonomischer, sondern solche charakterstruktureller Natur waren. In seiner Jugend sah er die Wahrheiten bei Kropotkin und später bei Marx – doch diese vermeintlichen Wahrheiten erwiesen sich später aufgrund seiner Durchdringung der menschlichen Charakterstruktur als Lüge. Versuch das mal einem dieser schrecklichen vermeintlichen „Reichianer“ zu erklären…

Der entscheidende Einfluß von Marx auf Reich, für den Marx weitgehend mit den Anfangskapiteln von Das Kapital identisch war, liegt weniger in der Kernaussage des Buches, nämlich in der Arbeitswertlehre (die ja auch für Marx selbst der Dreh- und Angelpunkt war), sondern vielmehr im ganzen barocken Zitaten- und Belegfirlefanz, der diesen Kern umgibt: die genauso überflüssigen wie überlangen Beschreibungen der Verflechtungen der Produktion. Für Marx war das alles nur Füllmasse, um irgendwie sein Buch vollzukriegen. Eine Füllmasse, die nichts mit der Arbeitswertlehre zu tun hat – die aber vielleicht Reich dazu gebracht hat (in Rückgriff auf Stirners „Verein“ und Kropotkins „System des Nicht-Regierens“) das Konzept „Arbeitsdemokratie“ zu formulieren.

Wobei ich mir natürlich Reichs Ausführungen über die absonderlich aristotelisch-katholische Arbeitswertlehre in Menschen im Staat bewußt bin! Verkompliziert wird das ganze dadurch, daß Kropotkin ein heftiger Feind Stirners war, jedenfalls dessen, was er für „Stirner“ hielt („rücksichtsloser Egoist“ etc.). Vertrackt. Jedenfalls ging es Reich immer darum, das Primäre (z.B. „primäre Triebe“) vom Sekundären (z.B. „sekundäre Triebe“) zu trennen. Teilelement dieser seiner „Bewältigung der Vertracktheit“ war die Verlagerung der „philosophischen“ Fragen ins Biologische: von Stirner zum Orgon. Dergestalt hat die Entdeckung des Orgons eine (Teil-)Bedeutung (eine „LSR-Bedeutung“), die weder die Orgon-Verächter noch die Orgon-Begeisterten erfassen.

Verschwörungstheorien (Teil 3)

23. September 2022

Seit den Anfängen der sozialen Orgonomie 1928 gab es stereotyp immer wieder den gleichen Einwand: Reich räume den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht den gebührenden Raum ein. In früheren Zeiten ging es dabei meist um Versatzstücke des Historischen Materialismus, was letztendlich stets auf böse Machenschaften der Kapitalisten hinauslief. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Diskurs zunehmend „verpoppt“ bzw. amerikanisiert und es geht ganz direkt um Verschwörungen, etwa die der „Bilderberger“, ohne Rückgriff auf anspruchsvolle politökonomische Analysen. Die werden durch unterhaltsame Kriminalgeschichten ersetzt.

Die Antwort der Orgonomie auf diese Kritik ist denkbar brutal: hier kommt ein imgrunde psychotischer Mechanismus zum tragen, der in der autoritären Gesellschaft noch ausgiebig rationalisiert war und sich sogar den Anstrich der Wissenschaft gab, heute, in der antiautoritären Gesellschaft, jedoch nackt zutage tritt. Die durch die eigene Panzerung, die tatsächlich externe Ursachen hat, verfremdeten (!) und verzerrten Wahrnehmungen und Impulse, also ein innerliches Geschehen, wird nach außen projiziert und externen Ursachen zugeschrieben. So kommt es zu den überhandnehmenden Verschwörungstheorien.

Genauso, wie die rege Phantasietätigkeit und generelle Hyperaktivität des Paranoiden darauf abzielt, der schizophrenen biophysischen Schrumpfung entgegenzuarbeiten, an deren Ende der „ausgebrannte“ Schizophrene steht, versuchen die Menschen in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls mit Hilfe florider Phantasietätigkeit der „biosozialen Schrumpfung“ entgegenzutreten. Und genauso, wie es beim Schizophrenen, der typischerweise seinen Psychiater mit langatmigen Exposés und „Dokumentationen“ zumüllt, in denen sein Wahn bis ins kleinste Detail „belegt“ wird (beispielsweise kann der Tagesschausprecher „aus logischer Sicht“ nur ihn ganz persönlich gemeint haben!), ausschließlich um die Projektion innerer Vorgänge geht, handelt es sich auch bei der einstigen „Marxistischen Gesellschaftsanalyse“ und den heutigen Verschwörungstheorien um ein ausschließlich psychopathologisches Phänomen, egal wieviel „Evidenz“ auch immer beigefügt wird. (Das heißt nicht, daß Marxisten und Verschwörungstheoretiker „kränker“ als du und ich sind: es ist ihre Art, mit den Problemen umzugehen, die wir alle habe.)

Was projiziert wird, ist natürlich nichts anderes als die Ursprungsgeschichte der Panzerung in der autoritären Familie: „das Kapital“, „die Juden“, „die Bilderberger“, etc. sind Masken des Ödipuskomplexes. Dadurch gewinnen die Verschwörungstheorien auch ihre Überzeugungskraft: die Panzerung hat, wie bereits erwähnt, externe Ursachen. Die lassen sich aber nicht beseitigen, indem man den durch die Panzerung hervorgerufenen Wahrnehmungsverzerrungen folgt und diese auch noch rationalisiert. Wie dann?

An den gesellschaftlichen Zuständen wird sich erst dann etwas ändern, wenn die Panzerung verschwindet, was voraussetzt, daß die Massen von der Existenz der Panzerung erfahren und gewahr werden, daß diese für die gesellschaftlichen Zustände verantwortlich ist. Erst danach macht es Sinne von „Verschwörungen“ zu reden.

Panzerungverschwoerung

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (5,43-12,37) (Teil 3)

5. Mai 2022

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist grafik-5.png

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (5,43-12,37) (Teil 3)

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (1,1-5,42) (Teil 2)

26. April 2022

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist grafik-5.png

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (1,1-5,42) (Teil 2)

Orgonomie und Metaphysik (Teil 52)

15. April 2022

Der Unterschied von Intellekt und Emotion stellt sich wie folgt dar:

a.       Orgonometrisch gesehen ist es der Unterschied zwischen einer „Bewegung“ weg vom gemeinsamen Funktionsprinzip CFP (Mechanismus) und dem Zurück zum CFP (Mystik).

b.       In der bio-sozialen Sphäre ist es der Unterschied zwischen der Fassade (Liberalismus) und dem Kern (Konservatismus – verzerrter Kontakt zum Kern).

c.       Bio-strukturell ist es der Unterschied zwischen dem Gehirn (Intellekt) und dem Solarplexus (Emotion).

d.       Bio-dynamisch ist es der Unterschied zwischen Sensation und Emotion (Emotion wird zu Sensation: die „intellektuelle Linke“; oder Sensation wird zu Emotion: die „emotionale Rechte“).

Im täglichen Leben zeigt sich der Unterschied in der intellektuellen Abwehr der Linken: (a) „man muß unterscheiden und differenzieren“, (b) man muß debattieren und verhandeln (den Intellekt benutzen), (c) intellektuelle Verachtung – die Energie geht nach oben, und (d) eine kalte, objektive Sicht der Welt (die USA sind nicht das Sternenbanner, sondern Geographie und Wirtschaft).

… und der muskulären Abwehr der Rechten: (a) „grundsätzlich“ und „das Endergebnis“, (b) es ist selbstverständlich (Bauchgefühl), (c) ein „muskulärer“, bodenständiger Ansatz und (d) eine warme, sentimentale Sicht der Welt (die USA sind nicht Geographie und Wirtschaft, sondern das Sternenbanner).

In allgemeinen „Henri Bergson’schen“ Begriffen ist es (a) der Unterschied zwischen Denken (Analysieren, d.h. „Fixieren“) und E-Motion (Bewegung, d.h. „bewegt werden“), und (b) zwischen Raum und Zeit: Erinnerung (Zeit wird zu Raum) und Synchronizität (Raum wird zu Zeit). In religiöser Hinsicht der Unterschied zwischen dem intellektuellen „Talmudisten“ und dem emotionalen „Chassidim“, dem intellektuellen Staat und der emotionalen Kirche usw.

Der wache Leser wird sagen, daß das ganze doch viel zu schematisch sei. Richtig! Aber genau deshalb hat Reich in seine Gleichungen das Funktionszeichen, das so ähnlich aussieht wie ein Integral, eingeführt: um darauf hinzuweisen, daß es sich um FUNKTIONEN handelt. Es sind keine „festen Gegebenheiten“, wie etwa Legosteine, sondern es kann zu Funktionswechsel, Funktionsaufspaltung, Funktionszusammenführung usw. kommen. Ein unveränderlicher Legostein kann Myriaden von unterschiedlichsten und ständig im Fluß befindliche Funktionen ausüben.

Umgekehrt könnte die Funktion eines bestimmten Legosteins ebensogut durch etwa Knetmasse oder eine Stück Holz erfüllt werden. Der Logostein könnte zusätzliche Funktionen im Gesamtgefüge übernehmen oder mehrere Legosteine könnten die Funktion übernehmen, die bisher nur einer innehatte etc. Es könnte sich aber auch die Funktion selbst ändern. Beispielsweise könnte ein „Legohaus mit Spitzdach“ zu einem „Legoschiff mit Spitzkiel“ werden, wodurch sich das gesamte gemeinsame Funktionsprinzip (CFP) verändern würde.

Wenn wir schließlich berücksichtigen, daß wir es bei der orgonomischen Funktion nicht mit einer Abstraktion zu tun haben, sondern mit konkreten orgon-energetischen Prozessen und daß es hier nicht um intellektuelle Spielereien, sondern um die Frucht von emotionalem orgonotischen Kontakt geht, kann man über meine obigen Ausführungen diskutieren.

Zur Illustration könnte man darauf hinweisen, daß nicht alle Kirchenmänner rechts stehen. Ja, aber deren Linkslastigkeit hat eine emotionale Färbung, für die jeder beinharte Marxist nichts weiter als abgrundtiefe Verachtung empfindet. Oder umgekehrt haben viele Linke einen Hang zum Mystizismus, aber dieser ist auffällig verkopft und typischerweise, for lack of a better term, „sensational“ geprägt, statt emotional. Funktionelle Aufstellungen muß man so betrachten: funktionell.

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 3. Reich und die Juden / Das Judentum (Teil 1)

2. April 2022
Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dieemotionellepest.jpg

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 3. Reich und die Juden / Das Judentum (Teil 1)

Paul Mathews: Besprechung SEX-POL-ESSAYS, 1929-1934 von Wilhelm Reich

5. Januar 2022

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist mathews6.jpg.

Besprechung SEX-POL-ESSAYS, 1929-1934 von Wilhelm Reich

Orgonomie und Metaphysik (Teil 2)

22. Oktober 2021

Wohin man blickt, lebt der Mensch in einer doppelten Welt: dieser materiellen Welt und einer immateriellen „Anderswelt“ ganz entsprechend unserem Tagesbewußtsein und unserem Traumbewußtsein. Diesen Doppelcharakter der Weltwahrnehmung findet man bei jedwedem primitiven Stamm und bei allen Religionen und Weltanschauungen. Wenn nicht explizit, wie bei allen „Esoterikern“, dann implizit und verklausuliert, wie etwa bei Moslems und Marxisten: die Welt ist ein bloßer Traum, „entfremdet“, ein „Fetisch“, die wahre Welt kommt erst nach dem individuellen Tod bzw. wenn die Entfremdung kollektiv aufgehoben ist. Okkult, von wegen „verborgene Kräfte“, wird das ganze, wenn man über die „geistige Welt“ die materielle Welt beeinflussen will, das tägliche Brot von Voodoo, Hexen, Schamanen, Satanisten etc.

In die gleiche Kategorie fallen die diversen „energetischen“ Heilmethoden, „energetische Medizin“ und ähnliches, inklusive der diversen „Reichianischen“ Schulen. Sie reden zwar von „Energie“ gar dem „Orgon“, aber das sind alles nur Worte, die für die besagte „Anderswelt“, „Geist“, „verborgene Kräfte“ stehen, keineswegs aber für die kosmische Lebensenergie! Es ist nicht viel anders, als würde man die Orgonenergie mit Sauerstoff, Wasser, Vitaminen etc. gleichsetzen. Das macht zwar bis zu einem gewissen Grad Sinn, trägt aber offensichtlich nicht weit.

Der Mystizismus zeigt sich auch bei denjenigen, die im Bereich der orgonomischen Wissenschaft tätig sind und aufgrund struktureller Beschränkungen nicht in der Lage sind, funktionelle Forschung zu betreiben. Einige engagieren sich in bereits existierenden Alternativen zur mechanistischen Wissenschaft, während andere ihre eigene Art von Mystik entwickeln. Worte und Ausdrücke wie „höheres Bewußtsein“ und „Energie bewegen“ sind Hinweise auf eine Tendenz zum Mystizismus und mystischen Denken. (Charles Konia: „Neither Left Nor Right (Part II): The Breakdown of Social Structure” Journal of Orgonomy 30(1), Spring/Summer 1996, S. 75)

Daß die gespaltene Sichtweise der Welt nicht ganz abwegig ist, zeigt die Wissenschaft schlechthin, die Physik. Physiker (und damit alle anderen Naturwissenschaftler!) können gar nicht anders als Platonisten zu sein. Das fängt bei Berechnungen von Alltagsproblemen an und endet bei der Elementarteilchenphysik: letztendlich reduziert sich die Welt auf abstrakte mathematische Strukturen. Was hier fehlt, hat Reich in Äther, Gott und Teufel angeschnitten, die Rückführung dieser Formeln auf die Bewegungsgesetze der Orgonenergie (siehe Teil 1). In Anlehnung an Henri Bergson („die Idee ist ein stehengebliebener Gedanke“) kann man sagen, die besagten abstrakten Strukturen sind „stehengebliebene Energie“.

Mit der Entdeckung des Orgons und der davon nicht zu trennenden Entwicklung der funktionellen Denktechnik war Reich der Erste, der die Dichotomie überwunden hat, d.h. sowohl die Mystik (Anderswelt) als auch die „Mechanistik“, die voneinander untrennbar sind und den „Mechano-Mystizismus“ bilden.

Imgrunde geht es um die Herstellung von Kontakt, weshalb auch eine Orgontherapie Grundvoraussetzung jeder Beschäftigung mit der Orgonomie ist. Konkret geht es um die Herstellung von emotionaler Tiefe, ohne die jedweder Zugang zum gemeinsamen Funktionsprinzip CFP (siehe Teil 1) unmöglich ist und jede Rede von „Energie“ ein bloßes Lippenbekenntnis bleiben muß (Mystizismus) und jede Praktik unbeholfener Mechanismus.

Siehe auch „Gefühle und Mystizismus“ im 3. Band meines Buches Orgonometrie (S. 88f) und als Illstration die morgige Besprechung.

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 2)

3. Juli 2021

von Robert Hase

Reich klärt daraufhin die Frage, wieso er die Sozialisten hinter sich ließ.

Zuerst weist er auf eine wesentliche Veränderung in der sozialen Orientierung hin, die damals noch immer für eine gewisse Verwirrung sorgte. Viele seiner Mitarbeiter waren entweder aus sozialistischen Kreisen gekommen oder hatten persönliche oder ideologische Verbindungen zu ihnen. Er selbst hatte jahrelang als Arzt in sozialistischen Organisationen gearbeitet und seine massenpsychologischen Veröffentlichungen waren nicht nur grundsätzlich sexualökonomisch, sondern auch stark sozialistisch gefärbt gewesen.

Dann entstand ein scharfer Konflikt in seiner Gruppe, was die gesellschaftspolitische Position betrifft. Auf der einen Seite sei klar, dass die Marxsche Soziologie und Ökonomie theoretische und praktische Verbindungen zur Sexualsoziologie aufweist. Die Sexualökonomen aber sind in erster Linie Naturwissenschaftler, Ärzte und Lehrer, während die Marxisten in erster Linie Politiker waren.

Sie selbst kommen aus der Psychoanalyse oder anderen Zweigen der Naturwissenschaft; die Vertreter der Politik aber kämen aus Parteikreisen. „Daraus folgte die Rückwärtsbewegung der Politik und die Vorwärtsbewegung unserer Naturwissenschaft, wodurch sich die Kluft zwischen Wissenschaft und Politik rasch vergrößerte“.

Reich blickt dazu auf die Situation in der Sowjetunion. Dort gäbe es eine schrittweise Regression vom revolutionären zum autoritären nationalistischen Prinzip, in der Ökonomie und der sozialen Sexualökonomie; eine Regression, die damals, in den 1930er und 40er Jahren, das Stadium der Propaganda für kinderreiche Familien erreicht hatte, bis hin zur Wiedereinführung der reaktionären Sexualgesetzgebung, der mit Orden behängten Generäle, der Kirchenhierarchie, der Abschaffung des gemeinsamen Schulunterrichts von Jungen und Mädchen usw. Seine Gruppe dagegen war über die Grenzen der Psychologie hinausgegangen, hatten ihrer bisher nur psychologischen und soziologischen Charaktertheorie ein biophysikalisches Fundament gegeben und folgende Tatsachen festgestellt: „Die sexuelle Energie ist die Lebensenergie schlechthin, und, die menschliche Charakterstruktur verankert den sozialen Prozess mittels der sexuellen Energien.“

In ihrer gegen den Fortschritt gewandten Entwicklung entwickelten die Politiker ein zunehmend schlechtes Gewissen und brachten entsprechend schärfere Maßnahmen gegen die Gruppe in Stellung, die weiterhin an der Idee des Internationalismus festhielt „und auf der BIOLOGISCHEN Grundlage der Produktivkraft, der Arbeitskraft“, arbeitete. (Womit Reich, seiner Meinung nach, Marx genauso treu blieb, wie er zur gleichen Zeit Freud treu blieb, weil er dessen Libidotheorie nicht nur hochhielt, sondern ihr ein festes biophysikalisches Fundament gab. [PN]*) Das schlechte Gewissen der politischen Linken erklärte die Tatsache, dass die meisten Angriffe und Verleumdungen von irgendeinem Gewicht aus dem Lager der sozialistischen Politiker gekommen waren. In Deutschland kamen sie von den Kommunisten schon 1932, als die Konzepte der sozialen Sexualökonomie in der Masse der Menschen verbreitet wurden, später in Skandinavien kamen sie von Mitgliedern sozialistischer Organisationen.

Der Bruch mit den alten politischen Organisationen wurde vollständig, während die Verbindung mit der Marxschen Soziologie fester wurde. Die Gruppe verstand, warum die politischen Organisationen Opfer des Faschismus wurden; es war wegen ihres mangelnden Verständnisses der Rassenmystik, der sozialen Sexualökonomie und der Biopsychiatrie (wobei das „Bio-“ auf die biophysikalische Panzerung verweist). Sie wussten auch, wo die Ökonomie einer Ergänzung durch die Tiefenpsychologie bedurfte, wo die Gruppe Konzepte korrigieren und Lücken im Verständnis des biosozialen Prozesses füllen konnte. Allmählich gelangten sie zu der Einsicht, dass die gesellschaftliche Entwicklung vom Viel-Parteien-System über das Ein-Parteien-System (Diktatur) zum Kein-Parteien-System und schließlich zur natürlichen Arbeitsdemokratie verläuft. (Damit umschrieb Reich seine Entwicklung von der parlamentarischen, d.h. „kompromißlerischen“ Sozialdemokratie, über die Kommunisten mit ihrem revolutionären Alleinvertretungsanspruch hin zur, wenn man will, „Alleinherrschaft“ der Arbeit, die keine auf bloßen Meinungen beruhenden „Abstimmungen“ kennt, gleichzeitig aber auch jedwede Diktatur ausschließt! [PN]) Entsprechend zeichne sich neuer gesellschaftlicher Konflikt am Horizont ab: der zwischen der Welt der Arbeit und der Welt der Politik.

Immer deutlicher sahen Reich und seine Mitarbeiter, dass „der pathologische Charakter der Politik seine Grundlage im biopathischen Charakter hat, in der starren Panzerung und Lebensangst des mechanisierten, gepanzerten Menschentieres,“ das ohne politische Führer nicht leben kann. Je tiefer ihre Forschungen in die Biophysik vordrangen, desto deutlicher wurden diese Tatsachen, aber desto größer auch ihre (Reich und seine Mitarbeiter, siehe oben) Ohnmacht. Denn nun wussten sie besser als zuvor, wie tief in den biologischen Grundlagen des Menschen dessen soziales Elend verankert ist und wie gigantisch die biosoziale Katastrophe des Menschentieres ist.

Fußnoten

* [PN] steht für Peter Nasselstein und bezeichnet seine Anmerkungen.