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Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 1)

1. Juli 2021

von Robert Hase

In einem Artikel von Reich, der früher gekürzt auf der alten Website des Wilhelm Reich Museums herunterladbar war (1), sind bisher weitgehend unbeachtete Details zu finden, die einige wichtige Fragen klären, die in den bisher veröffentlichten Texten nur kurz angeschnitten werden. Der Artikel „Work democracy in action“ stammt aus der ersten Nummer der Annals of the Orgone Institute aus dem Jahre 1947. Der Artikel selber wurde früher fertig gestellt, da Reich an seinem Ende schrieb:

Orgonon, Maine

August, 1944

Die Frage stellt sich, warum dieser Text bisher nie ins Deutsche übersetzt wurde. Einerseits war er schwer erhältlich, auch größtenteils unbekannt, andererseits gibt er unbequeme Erklärungen zu brennenden politischen Problemen, die bis heute von Politikanten und Freiheitshausierern nicht gern gehört werden.

Reich erklärt in diesem Artikel, warum er die organisierte Politik aufgab, warum die Sexpol scheitern musste und diskutiert einige Probleme der Arbeitsdemokratie. Außerdem fließen manche Details seines Werdegangs ein.

Reich schreibt, dass das Orgone Institute keine homogene Gruppe sei und dass verschiedene Arbeitsgruppen weltweit agieren. „Auf der anderen Seite gibt es Soziologen mit sozialistischer Orientierung, die noch tief in den Ideologien der Vorkriegszeit oder gar in Parteiideologien verwurzelt sind und sich schwertun, mit unserer arbeitsdemokratischen sozialen Ausrichtung Schritt zu halten.“

Bevor Reich die emotionelle Pest entdeckte, stand er ihren Auswirkungen ratlos gegenüber. So meint er, dass erst im Laufe der letzten Jahre (also vor 1944) das Problem so deutlich hervorgetreten sei. Davor fühlte er sich völlig hilflos angesichts der immer wiederkehrenden Katastrophen in seiner Arbeit, die wie ein unabwendbares Schicksal erschienen. Er konnte das Geschehen nicht richtig einordnen, wusste nicht, wie er Einschreiten sollte und machte sich verständlicher Weise selbst Vorwürfe, dass eine Leerstelle in seinem Verständnis dafür mitverantwortlich war.

Man bedenke nur, wie übel Reich bei seinen Kindern mitgespielt wurde, die ihm von ihrer Mutter und deren psychoanalytischen Kollegen absichtlich entfremdet wurden.

Reich schreibt eine Chronologie seines Wirkens unter dem Aspekt der emotionellen Pest und meint, als er sich um 1922 ganz der Psychoanalyse widmete, führte diese Verschiebung des Hauptinteresses zum Verlust einer Reihe wertvoller Freunde, die bei der klassischen Naturwissenschaft blieben und seitdem mechanistische Biologen, Chemiker oder Physiker wurden. Er hätte keinen Kontakt mehr mit ihnen, aber dass man getrennte Wege ging, erzeugte keine Feindseligkeiten.

Darüber wissen wir wenig, aber es müssten Studienkollegen vor oder aus der Zeit seines Medizinstudiums sein. Er belegte ja nicht nur medizinische Vorlesungen.

Als er dann zwischen 1923 und 1926 begann, seine Orgasmus-Theorie zu entwickeln, verlor er eine Reihe guter Mitstreiter unter den Psychoanalytikern. Einige wurden bittere Feinde, die später zum Mittel der Diffamierung griffen. Zu dieser Zeit entwickelte sich auch der Konflikt mit Freud. Andererseits gewann die junge Theorie neue und begeisterte Mitarbeiter unter den Psychoanalytikern im technischen Seminar in Wien und Berlin und später in Kopenhagen und Oslo.

Als er nach 1927 praktischen Kontakt mit der Soziologie aufnahm und die soziale Sexualökonomie entwickelte, wurden viele Marxisten seine Freunde und Mitarbeiter, während sich eine Anzahl befreundeter Psychoanalytiker von ihm abwandten. Als er jedoch zur Zeit der deutschen Katastrophe mit der Kritik des parteipolitischen Denkens begann (MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS u.a.), wurden viele Parteipolitiker zu seinen Feinden, weil die soziale Sexualökonomie und die strukturelle Psychologie (Charakteranalyse, politische Psychologie) zu hohe Ansprüche an sie stellten. Er fand sich allein, d.h. sowohl außerhalb der psychoanalytischen als auch der politischen Organisationen Europas wieder.

Zu dieser Zeit begann eine neue Diffamierungskampagne gegen ihn und seine Mitarbeiter. Diese wurde von den Politikern unter den Schlagworten „Freudismus“ oder „Sexualismus“ und von einigen Psychoanalytikern, zunächst erfolgreich, mit dem Schlagwort „Schizophrenie“ geführt. (Damit meinte er sicherlich zuerst Otto Fenichel, aber auch Anna Freud, seine Frau Annie Reich und andere. In diesen Zusammenhang fallen auch die Versuche, seine Kinder gegen ihn zu beeinflussen.)

„Ich habe meine Studenten aus den psychoanalytischen Seminaren verloren. Nicht einer von ihnen blieb; nicht einer von ihnen machte den Schritt in die Charakteranalyse und später in die Biophysik. Das war der härteste Schlag in meiner wissenschaftlichen Laufbahn.“

Als Reich 1937 den schwierigen Schritt von der rein psychologischen Methode der Charakteranalyse zur biophysikalischen Technik der Vegetotherapie machte, verlor er wieder einige wichtige und fähige Mitarbeiter, darunter den einflussreichen Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Oslo, Harald Schjelderup (2).

Die meisten der von Reich „nach 1933 ausgebildeten Ärzte, Psychologen und Pädagogen hielten jedoch dem Druck stand und machten mit, oft mit großen Schwierigkeiten, aber noch öfter mit Begeisterung“.

Fußnoten

(1) Jetzt hier zu finden: https://pdfcoffee.com/annals-of-the-orgone-institute-pdf-free.html

(2) https://en.wikipedia.org/wiki/Harald_K._Schjelderup

Buchbesprechung: THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson (Teil 3)

24. Dezember 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Den Höhepunkt bildet jedoch die Analyse von Marcuse, der laut Robinson mit seinem Konzept von Repression und Sexualität sowohl Freud als auch Reich überholt hat: Nicht Freuds Realitätsprinzip stehe im Widerspruch zum Lustprinzip, sondern das Leistungsprinzip, ein Begriff, der eine zusätzliche Unterdrückungd der prägenitalen Sexualität im Interesse einer Genitalität symbolisiert, die den ausbeuterischen Funktionen von Kapitalismus und Imperialismus dient. Das Konzept der polymorphen Perversität des Menschen wird als verleugnete Funktion rehabilitiert, die für das menschliche Glück notwendig ist. Hier, so Robinson, knüpft Marcuse an Marx‘ Konzept des Mehrwerts an, der, neben der zusätzlichen Unterdrückung, für die Entfremdung und Verdinglichung des modernen Menschen verantwortlich sei. Man kann in diesen im Wesentlichen verkopften und metapsychologischen Spekulationen die Sackgasse sehen, die sich aus der Unkenntnis oder Ablehnung der orgastischen Funktion und des Primats der Genitalität ergibt. Für Marcuse wird die Genitalität zu einem Instrument in den Händen der Unterdrückung; und Freuds Hypothese des Urverbrechens, wie sie durch Roheims Erkenntnisse über die Totempraktiken der Primitiven gestützt wird, wird neu interpretiert, um den Urvater in den kapitalistischen Ausbeuter und die mordenden Brüder, die ihre Schuld in der Totemnahrung sühnen, in das Proletariat zu verwandeln. Homosexualität als Ausdruck polymorpher Perversität, verwandelt sich von einer Neurose, die auf orgastische Impotenz und Kastrationsangst hinweist, in eine Rebellion gegen die „genitale Tyrannei“ und in eine „soziale Funktion . . . analog zu der des kritischen Philosophen“ (S. 208).

Es wird gezeigt, daß Marcuse (wie Robinson in seinem Umgang mit Reich, Roheim, etc.) alles und jeden neu interpretiert, von der hegelschen Dialektik und dem Marxismus über Nietzsche und Schiller bis hin zu Freud. Wie Robinson hat auch er alles destilliert, was für seine vorgefassten Meinungen offensichtlich nützlich war und, wo es nicht hineinpasste, gründlich „rationalisiert“. Sogar die sexuelle Freizügigkeit wurde abgelehnt, wenn er der Meinung war, dass sie im Interesse der Ablenkung vom Problem der Ausbeutung verwendet würde; und das Produkt dieser Ausbeutung – der Wohlstand der technologischen Gesellschaft – wird zu etwas Fluchwürdigem. Das endgültige oder letzte Stadium scheint die Unterstützung einer neofaschistischen Elite von Jugendlichen der Neuen Linken zu sein. Die Rolle der patriarchalischen Familie wurde nun durch die Funktion der modernen technologischen Gesellschaft und ihrer Kommunikationsmedien ersetzt; so ist laut Marcuse der Ödipuskomplex nicht mehr relevant. Dieses Sammelsurium von Widersprüchen und Verzerrungen („Neuinterpretationen“) wird vom Autor als Inbegriff des „Freudianismus“ und sogar des „Reichianismus“ ernst genommen. Es ist beängstigend zu erkennen, dass ein bedeutender Teil unserer Jugend direkt oder indirekt von diesem Durcheinander geleitet wird.

Neben der Anti-Genitalität ist der Aspekt, der sich aus Robinsons These am stärksten ergibt, sein Anti-Konservatismus. Er nimmt für sich in Anspruch, Reich, Roheim und Freud vor dem konservativen Standpunkt zu retten. Wie viele andere ist er nicht in der Lage, den Konservativen vom Reaktionär zu unterscheiden und er findet es schwer zu verstehen, inwiefern Pioniere wie Freud, Reich und Roheim konservative Positionen haben einnehmen können. Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass es dem Genie und der Größe dieser Menschen eigen war, dass sie ein instinktives Bewusstsein für die Gefahren sekundärer Triebe hatten und so das verantwortungslose „radikale“ Verhalten vermieden haben, das sich aus der falschen Anwendung ihrer wirklich radikalen (die Ursachen suchenden) Erkenntnisse ergibt. Was das am meisten bewunderte Thema des Autors betrifft, Marcuse, wird dessen aktive Identifikation mit den schlimmsten Elementen des skrupellosen Linksradikalismus und – jawohl – der Pest ihn letztendlich auf einen anrüchigen Platz in der Geschichte der Sozialreform verweisen. Es ist kein Zufall, dass Reich den Todestrieb widerlegt, während Marcuse ihn hochhält.

 

Anmerkungen des Übersetzers

d „Während jede Form des Realitätsprinzips ein beträchtliches Maß an unterdrückender Triebkontrolle erfordert, führen die spezifischen Interessen der Herrschaft zusätzliche Kontrollausübungen ein, die über jene hinausgehen, die für eine zivilisierte menschliche Gemeinschaft unerlässlich sind. Diese zusätzliche Lenkung und Machtausübung, die von den besonderen Institutionen der Herrschaft ausgehen, sind das, was wir als zusätzliche Unterdrückung bezeichnen.“ (Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1977, S. 42)

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 136-140.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Sexpol 2018: Vernichtet den Freudianismus und „Reichianismus“!

14. November 2018

Bei Freud und den anderen Vertretern der Psychoanalyse wird man vergeblich nach einer Beschreibung des genital-orgastischen Erlebens suchen. Es wird reduziert auf infantil-perverse Libidoanteile wie Saugen, Pissen und Defäkieren. „Orgasmus“ kommt nur vor als „Rückkehr in den Uterus“ bzw. als illusorische selige Erfahrung der einstigen symbiotischen Beziehung des Säuglings zur Mutter. Letztendlich ist für den Psychoanalytiker der Orgasmus eine „Illusion“ wie die Religion. Der reife, durchanalysierte Mensch kann über Kindereien wie die Reichs nur milde lächeln!

Die sexualfeindliche Reaktion ist zäh, weshalb im „Reichianismus“ Freud ständig neu aufersteht. Hier wäre beispielsweise Modju Alexander Lowen zu nennen, der ganz im Sinne Freuds die Funktion des Orgasmus durch das „Grounding“ ersetzte, die Verbindung zur „Mutter Erde“; das Ersetzen des Lustprinzips, durch das Realitätsprinzips. In „neo-Reichianischen“ Kreisen ist die Ablehnung der Konzepte „Genitalität“ und „genitaler Charakter“ universell. Imgrunde ist das alles eine Wiederkehr des Freudianismus und man kann es durchweg in die Tonne treten, Dieses Ungeziefer wird ausgemerzt werden, die Geschichte wird über diesen reaktionären Dreck hinwegschreiten!

TOD DER REAKTION!