In der Orgonomie gibt es keine Trennung zwischen dem Freudschen Primärvorgang (der ganz vom Lustprinzip bestimmt wird) und dem Sekundärvorgang (wo das Realitätsprinzip eingreift), zwischen den primären Gefühlen und der sekundären Ratio. Der Sekundärvorgang kann aus orgonomischer Sicht vollkommen irrational sein („Der Intellekt als Abwehrfunktion“, siehe Reichs Charakteranalyse), während der Primärvorgang Leitfaden eines rationalen Diskurses sein kann (Animismus, ozeanische Gefühle, orgonomischer Funktionalismus). Die Grenze zwischen rational und irrational ist die gleiche wie zwischen primären Trieben und sekundären Trieben.
Psychoanalyse, Marxismus, etc. haben primäre Triebe und sekundäre Triebe vermengt und die Label rational bzw. irrational sowohl auf Äußerungen primärer als auch sekundärer Triebe verteilt. Zum Beispiel ist für die Psychoanalyse das ungepanzerte Kind in seiner Suche nach Lust irrational und muß an die rationale Realität angepaßt werden. Für den Marxismus ist die gesamte Geschichte des gepanzerten Menschentiers historisch-materialistisch notwendig und etwa die Trobriander, die diesen Prozeß nicht mitgemacht haben, irrationaler „Völkerschrott“, der ausgemerzt gehört, wenn er der Revolution im Wege steht (Engels).
Zusammengefaßt kann man sagen, daß für die Orgonomie diese gesamte Zivilisation und ihre Wissenschaft verrückt ist, weil sie rational und irrational nicht trennen kann. Ein Kompliment, daß der Orgonomie dann spiegelverkehrt heimgezahlt wird: „Reich war verrückt“.
Schlagwörter: Animismus, Engels, irrational, Lustprinzip, Marxismus, ozeanische Gefühle, Primärvorgang, Psychoanalyse, Rational, Realitätsprinzip, Sekundärvorgang, Triebe, Trobriander
19. Juli 2016 um 10:02 |
Hier verstehe ich nun einiges nicht. „rational“ wird ja
– zum einen so gebraucht, dass man Verhalten oder Argumentation von jemandem beschreiben will; z.B.: „Er denkt ganz vernünftig“ oder „Er handelt ganz vernünftig“
– zum anderen als Bezeichnung für ‚Kopfgesteuertes‘ benutzt.
Eine Verwendung als Bezeichnung für ‚Naturgesetzmäßiges‘ wäre eine weitere Verwendung, und darunter fiele wohl alles.
19. Juli 2016 um 12:22 |
Komplizierte Wortklauberei. Verstehst du wirklich nicht, was gemeint ist?
19. Juli 2016 um 18:52 |
Nein. Bin zu dumm. Und natürlich neurotisch – mir fehlt die gesunde Intuition.
19. Juli 2016 um 22:21 |
Achso, na dann willkommen im Club!
Gut, dann versuche ich es mal mit einem wohlbekannten Zitat von Reich:
Hier finden wir, wie Reich die Begriffe verwendet: Natürlich, Natürlichkeit, biologisches Grundgesetz, biologische Grundfunktion, primäre Triebe, rational vs. neurotisch, zweite Natur, Widernatur, irrational.
Triebe bestimmen das Handeln, Denken und Fühlen. Der Begriff Funktion geht noch tiefer.
Reichs Begriff von Rationalität erweitert und begrenzt also die klassische Begrifflichkeit.
19. Juli 2016 um 22:04 |
„Rational“ im Stirnerschen Sinne handelt jener, der seinen eigenen Interessen gemäß handelt, irrational jener, der fremden, (spezifischer gesagt: angeeigneten fremden) Interessen gemäß handelt. Konkretisiert: wer aus dem Kern heraus agiert, handelt rational, wer aus der sekundären Schicht (der inkorporierten Außenwelt, „Über-Ich“) heraus agiert, handelt irrational. Und das vollkommen unabhängig davon, ob es gemeinhin als „vernünftig“, „kopfgesteuert“ (Kalkül) oder „intuitiv“ („höhere Einsicht“) betrachtet wird. Das gilt natürlich auch für das Probehandeln (Denken).
20. Juli 2016 um 05:32 |
Geht leider völlig am alltagssprachlichen Gebrauch vorbei; wäre dann Stirners Privatverwendung.
20. Juli 2016 um 08:46 |
Nein. https://en.wikipedia.org/wiki/Rational_egoism
http://rebirthofreason.com/Articles/Schieder/Ayn_Rand_and_Rational_Egoism_The_dynamo_of_human_progress.shtml
Stirner selbst hat m.W. nie von „rationaler Egoismus“ gesprochen, wurde aber so im Nachhinein eingeordnet.
20. Juli 2016 um 09:06 |
Es geht offenbar um eine bestimmte Art des Gebrauchs von „rational“. Diese betrifft wohl überhaupt nicht die Korrektheit von Wahrnehmung, Beschreibung und Schließen – also etwas, was sonst sicher als rational bzw. irrational charakterisiert wird. Das ist sehr speziell. Man könnte zwar behaupten, korrekt zu schließen, sei im Sinne des eigenen Interesses. Aber stimmt das immer? Spannender erscheinen mir nach wie vor die Unternehmungen des Explizierens, der Begriffsklärungen, und der Rekonstruktion von Wahrnehmung im 20. Jh. Was war vernünftig an den Schlüssen Reichs? Das heißt: Was war richtig aufgrund seiner Beobachtungen, oder was war wenigstens naheliegend?
20. Juli 2016 um 09:40 |
Und wieder:
Angesichts des WiekonntederJungedastun?-Geredes wegen Würzburg wird mir in dieser Sache klar: Wir nennen den Jungen (oder sein Tun) irrational. Was heißt das nun anderes als „nicht gesund“?
So wird man wieder auf Gesundheitstheorie zurückgeworfen (das gehört zu Reichs theoretischer Leistung); und eine Theorie hat ‚gegrounded‘ zu sein in Empirie und richtigem Schließen; das macht sie rational (und unterscheidet sie zum Beispiel von Sektenlehren).
19. Juli 2016 um 12:19 |
In der Kürze liegt die Würze! Brillant auf den Punkt gebracht.