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Reich und Nietzsche

4. Mai 2026

Eine Nachbildung von Nietzsches Totenmaske hing an prominenter Stelle in Reichs Arbeitszimmer in Wien.

Also sprach Zarathustra war eines von Reichs „10 Büchern“. Nietzsche stand er in mancher Beziehung näher als Freud, z.B. sagte er in Reich über Freud ein Strindberg, Ibsen oder Nietzsche hätten keine Angst vor jenen intensiven Gefühlen des Lebens, wo „Freud anscheinend in seinem eigenen Bedürfnis zu ’sublimieren‘ befangen war.“

Für Reich stand Nietzsche mit Marx gegen den Zeitgeist Anfang des Jahrhunderts, als die Schuldidee und die absolute Moralität in den Vordergrund geschoben wurden. Nietzsches Kritik an der Moral öffnete den Weg „in den Bereich des unbewußten Seelenlebens, das von Freud erfaßt und erforscht wurde“ (Äther, Gott und Teufel).

Den Begriff „Es“ hatte Freud bei Georg Groddeck und dieser bei Nietzsche entliehen.

Reich schreibt in Der triebhafte Charakter:

„Im Manne ist ein Kind verborgen, welches spielen will.“ Mit diesen Worten hatte Nietzsche die klassische Formel Freuds über den neurotischen Konflikt antizipiert.

Reichs erster größerer Aufsatz über „Libidokonflikte und Wahngebilde in Ibsens Peer Gynt“ (Frühe Schriften) fängt mit einem Nietzsche-Zitat an, welches wohl auf die Leiden des Menschen an seinen inzestuösen Bindungen anspielen soll:

Ich lehre Euch den Übermenschen. Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau. Und ebenso soll der Mensch für den Übermenschen sein: Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau.

Das Genie ist seinen orgonotischen Strömungen gewahrer als Homo normalis, er empfindet die gepanzerte Agonie stärker. Nietzsche war ein solch zutiefst kranker Mensch – der gleichzeitig gesünder war. Reich schreibt:

Die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne enttäuscht in die Erstarrung zu flüchten, geht einher mit der Fähigkeit, Glück zu nehmen und Liebe zu geben. Um mit Nietzsche zu reden: Wer das „Himmel-hoch-Jauchzen“ lernen will, muß sich auch für das „Zum-Tode-betrübt“ bereithalten.“ (Die Funktion des Orgasmus)

Als zu viel zu ertragen war, brach der „Wissende“ schließlich doch an seiner Gesund-/Krankheit psychotisch (siehe Charakteranalyse, KiWi, S. 583).

Der homo normalis, der seinen ersten Sinn verloren hat, macht das Leben für derartige Individuen zu schwer und unerträglich.

Nietzsche wurde gebrochen, indem man ihn isolierte, ihn in die Einsamkeit abdrängte. (Reich über Freud)

In seiner Autobiographie (Die Funktion des Orgasmus) kommt Reich auf seine Beschäftigung mit der Ibsenfigur zurück und beschreibt sie als einen Menschen, der „aus der marschierenden Reihe dieser Menschen herausspringt. Man verlacht ihn, wenn er harmlos ist, man versucht ihn zu vernichten, wenn er kräftig ist.“ Was sie aber nicht davon abhielt den Peer Gynt zu einem Teil ihres „Kultur“gutes zu machen.

Reich hat die Popularisierer seines Werkes schon in Nietzscheanischer Gewandung durchschaut:

Es gibt geistreichelnde junge Leute, die man in ernsten Kreisen in Europa als „Kulturschmöcke“ zu bezeichnen pflegte. Sie waren klug, aber ihre Intelligenz diente einer Art Kunstbetätigung um ihrer selbst willen, ohne die todernsten Probleme eines Goethe oder Nietzsche je praktisch begriffen oder erlebt zu haben, lieben sie es, einander Klassik vorzuzitieren. Gleichzeitig ist ihr Wesen von Visionen geprägt. Sie betrachten sich als moderne, freisinnige von keiner Konvention belastete Lebewesen. Da sie ernsten Erlebnissen unfähig sind, ist ihnen die Geschlechtsliebe eine Art Kinderspiel. (Charakteranalyse)

Reich und Nietzsche ist es nicht gelungen, die Schweine und Schwärmer aus ihren sauberen Gärten zu halten. Doch trägt Nietzsche ohne Zweifel selber beträchtliche Schuld an dem, was später kam. Reich schreibt:

Es hat wenig Sinn (…) sich einen Übermenschen zu erträumen, der sich von den Menschen in der Falle total unterscheidet, wie es Nietzsche getan hat, bis er, selbst in der Falle eines Irrenhauses gefangen, endlich die volle Wahrheit über sich selber schrieb – zu spät… (Christusmord)

So geht es den meisten, die nicht stillehalten, und die anderen wollen sich gar nicht erst blamieren. Sie sind von vornherein klug und überlegen gewesen. (Die Funktion des Orgasmus)

Dem deutschen Orgontherapeuten Walter Hoppe zufolge verband Schopenhauer seinen Begriff des Willens, der eine zentrale Bedeutung in der Philosophie Nietzsches erlangen sollte,

mit der Sexualenergie, die er [Schopenhauer] als identische Kraft mit der Natur schlechthin zur Darstellung bringt. Der Wille schreibt er, ist ebenso wie die Sexualität eine Kraft, der der gesamten Natur zugrunde liegt, die Kraft, die Liebhaber und Planeten anzieht. (Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, München 1984)

So ist auch Nietzsches „Wille zur Macht“ zu verstehen, als Ausdruck des orgonomischen Potentials, das Energie vom niedrigeren zum höheren Niveau fließen läßt. Er schreibt 1888:

Das Leben als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch als Wille zur Akkumulation der Kraft –: alle Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: Nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden. (Umwertung aller Werte, der gesammelte Nachlaß)

Und „sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? – und in der kosmischen Ordnung?“

Im Nachlaß sind auch Anklänge an den spezifisch orgonomischen Bewegungsbegriff zu finden:

Die Bewegungen sind nicht „bewirkt“ von einer „Ursache“ (das wäre wieder der alte [aristotelische, PN] Seelenbegriff!) – sie sind der Wille selber, aber nicht ganz und völlig!

1881 oder 82 hat Nietzsche seinen folgenden „Hauptgedanken“ formuliert, der zeigt, wie er wohl den anthropoiden „theistisch patriarchalen Gott“ für tot erklärte, aber gleichzeitig die Entdeckung des wirklichen „Gottes“ als Ausdruck der Vereinigung von organismischer und kosmischer Orgonenergie ohne „mystische Abweichung“ vorwegnahm (der große Mittag und die Ewigkeit“, „das kosmische Ich“, etc.) und damit nach Kopernikus, Bruno und Darwin das letzte illusionäre Zentrum (das Ich) aufhob:

Hauptgedanke! Nicht die Natur täuscht (…) die Individuen (…), sondern die (…) legen sich alles Dasein nach individuellen, das heißt, falschen Maßen zurecht (…) In Wahrheit gibt es keine individuellen Wahrheiten, sondern lauter individuelle Irrtümer – das Individuum selber ist ein Irrtum. (…) Wir sind Knospen an einem Baume, – was wissen wir von dem, was im Interesse des Baumes aus uns werden kann! Aber wir haben ein Bewußtsein, als ob wir alles sein wollten und sollten, eine Phantasterei von „Ich“ und allem „Nicht-Ich“. Aufhören, sich als solches phantastisches Ego zu fühlen! (…) Den Egoismus als Irrtum einsehen! Als Gegensatz ja nicht Altruismus zu verstehen! das wäre die Liebe zu den anderen vermeintlichen Individuen. Nein! Über „mich“ und „dich“ hinaus! Kosmisch empfinden! (Kritische Studienausgabe, Bd. 9, S. 442f)

Wo Nietzsche 1875 schrieb: „auf immer trennt uns von der alten Kultur, daß ihre Grundlage durch und durch für uns hinfällig geworden ist“ und bis auf die Vorsokratiker zurückging, schrieb Reich: „der orgonomische Funktionalismus steht von vornherein außerhalb des Rahmens der maschinell-mystischen Zivilisation“ der letzten 6000 Jahre (Äther, Gott und Teufel).

Beide hatten jenen „Durst nach großen und tiefen Seelen – und immer nur dem Herdentier zu begegnen!“ (Nietzsche) – Reichs „Kleiner Mann“. Beide sind schließlich an gebrochenem Herzen gestorben „alone, like a dog“ (Reich); im Bewußtsein des Kleinen Mannes, der es schon immer besser wußte, in Scham und Schmach verreckt. Nietzsche nannte sich in einer, einen Tag nach seinem endgültigen Zusammenbruch verfaßten, Postkarte „Der Gekreuzigte“.

Wie etwa ein Goethe mußten sie sich in ihrer Einsamkeit mit Christus identifizieren, als Gebende denen ewig die Lust des Nehmens verwehrt sein würde, als Werkzeug einer höheren Macht, unfreiwillig sich opfernd für die Sache des „Übermenschen“ – dem „Kind der Zukunft“.

Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nichts zurückgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren. (Also sprach Zarathustra)

Ich könnte auch viel Schlechtes über Nietzsche schreiben – ich laß es:

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen willl, blickt um so schärfer nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist – und verrät sich selbst damit. (Jenseits von Gut und Böse, S. 228)

Robert hat diesen Aphorismus dahin interpretiert, daß „die Schwächen des anderen auch meine Schwächen (sind) und lehne ich dessen Schwächen ab, so lehne ich auch mich ab – verrate mich also selbst“. Ich hab das anders verstanden: Wer bei den Großen, etwa Freud oder Reich, wie heute in Biographien üblich, das sucht, was die Großen klein („niedrig“) und unbedeutend („Vordergrund“) macht, zeigt nur, „verrät“ nur, daß er selbst klein und unbedeutend ist. Die „Entlarver“ entlarven sich selbst!

Ein Jahr vor der Geburt des fanatischen Wagnerianers Hitler hat Nietzsche in seiner Beschreibung des Wagnerianertums praktisch schon alles über den Nationalsozialismus gesagt:

Dazu gehört bloss Tugend – will sagen Dressur, Automatismus, „Selbstverleugnung“. Weder Geschmack, noch Stimme, noch Begabung: die Bühne Wagner’s hat nur Eins nöthig – Germanen!.. Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine… Es ist voll tiefer Bedeutung, dass die Heraufkunft Wagner’s zeitlich mit der Heraufkunft des „Reichs“ zusammenfällt: beide Thatsachen beweisen Ein und Dasselbe – Gehorsam und lange Beine. – Nie ist besser gehorcht, nie besser befohlen worden. Die Wagnerischen Kapellmeister in Sonderheit sind eines Zeitalters würdig, das die Nachwelt einmal mit scheuer Ehrfurcht das klassische Zeitalter des Kriegs nennen wird. (Der Fall Wagner, A 11)

Trotzdem wurde immer wieder versucht, Nietzsches „Übermenschen“ mit für den rassistischen Nationalsozialismus verantwortlich zu machen. Nun, Hitler hat in Mein Kampf Nietzsches Namen, wie den jeder anderen deutschen Geistesgröße auch, nur als Mythus ausgenutzt und später in den Tischgesprächen gar nicht erwähnt. Wahrscheinlich hat er ihn nie gelesen, denn diesen Autor konnte Hitler nicht durchfliegen, wie es seine Art war, um ein ideologisches Destillat herauszuziehen. Der sich jeder Festlegung verweigernde Nietzsche eignet sich denkbar schlecht für die Verwurstung zur „fanatischen“ Weltanschauung:

Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie. (Jenseits von Gut und Böse, A. 154)

Es stimmt, daß Nietzsches Schwester (mit ihrem unseligen Machwerk Der Wille zur Macht) und der Philosoph Alfred Baeumler versuchten, Nietzsche zum reaktionären „soziobiologischen“ Philosophen zu verkürzen. Doch der Versuch ihn zum neuen offiziellen Staatsphilosophen zu machen, war alles andere als erfolgreich. Die Nazis stoppten sogar die offizielle Kritische Gesamtausgabe, denn Nietzsche verkörperte all das, was die Nationalsozialisten haßten: Freigeist, Abweichler, Verächter der Volksgemeinschaft, Staats- und insbesondere Reichsfeind, Sympathisant der Judenheit und Frankreichs, etc. Man konnte beim vermeintlichen philosophischen Urvater der nationalsozialistischen Ideologie nachlesen, daß die Deutschen eine Mischrasse mit überwiegend vorarischen Anteilen seien (Jenseits von Gut und Böse, A 244), und was ihre „rassische Verbesserung“ betraf, fand Nietzsche die Juden als „Ingredienz bei einer Rasse, die Weltpolitik treiben soll, unentbehrlich“ (Studienausgabe Bd. 11, S. 457).

Neben Baeumler beriefen sich die beiden deutschtümelnden Existentialisten Karl Jaspers und Martin Heidegger auf Nietzsche. Aber beide zeigten in ihren Vorlesungen über Nietzsche auf, daß er so ungefähr das Gegenteil der Nazi-Ideologie vertrat. Georg Picht (Nietzsche, Stuttgart 1988) hält Heideggers Vorlesungen sogar für eine der mutigsten und wichtigsten Widerstandshandlungen in Hitlerdeutschland, denn Heidegger habe sich konsequent gegen jede oberflächliche Politisierung von Nietzsche, gegen jede biologistische Fehlinterpretation gewandt, das Gerede vom „wotanischen Archetypus der Macht“ verworfen und den Machtbegriff der Nazis verhöhnt.

Hatte Heidegger anfangs angenommen, „die Bewegung“ würde die Logik des von Nietzsche diagnostizierten Nihilismus überwinden und sich ihr zugewandt, weil sie scheinbar eine „grüne“ antitechnokratische Politik vertrat, sozusagen das Gegenteil der Tötungsfabrik Auschwitz, erkannte er in ihr schließlich die Vollendung des Nihilismus. Heidegger führt Nietzsches Diktum an, daß jeder Versuch, dem unvollständigen Nihilismus, in dem wir leben, zu entgehen, das Gegenteil des Erstrebten hervorrufen wird, nämlich den vollständigen Nihilismus, wenn bei diesem Versuch nicht alle bisherigen Werte umgewertet werden (Holzwege, Pfullingen 1963, S. 208).

Allenfalls kann man Nietzsche mit dem italienischen Faschismus in Zusammenhang bringen, denn Mussolini war in der Tat Nietzscheaner. Betrachtet man Nietzsches Schriften aus diesem Blickwinkel, findet sich dort ohne Zweifel faschistisches Gedankengut. Gleichzeitig hat Nietzsche aber auch die Psychoanalyse (sowohl Freud als auch Adler) vorweggenommen – und manchmal muß man sich beim Lesen die Augen reiben, wenn man über eine der vielen schlechthin orgonomischen Stellen bei Nietzsche stolpert. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Am Ende seines bewußten Lebens wollte Nietzsche eine „Partei des Leben“ gründen und sie gegen die Kräfte des Nihilismus mobilisieren, die das unschuldige Leben „jenseits von Gut und Böse“ unterminieren. Diese Kräfte sind der nihilistische Mystizismus und der nihilistische Sozialismus, d.h. die Entwertung des konkreten Lebens durch eine fiktive ideale Welt. Die „Partei des Lebens“ macht „die Physiologie zur Herrin über alle anderen Fragen“, das bedeutet Höherzüchtung der Menschheit und das Ausrotten alles „Entarteten und Parasitischen“, das sich in der „Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathenen, An-sich-selber-Leidenden“ findet.

Diese zweite Partei, die mystische und utopische Partei, wolle Rache am Leben nehmen und das Leben auslöschen, wenn die Partei des Lebens ihr nicht zuvorkommen würde (so Nietzsche in seinen letzten Notizen, Studienausgabe Bd. 13, S. 638 und im Ecce homo Bd. 6, S. 374).

Bereits 1882 hatte er sich notiert:

Wir als die Erhalter des Lebens. Unvermeidlich entstehend die Verachtung und der Haß gegen das Leben. Buddhismus. Die europäische Thatkraft wird zum Massen-Selbstmord treiben. (…) Wenn wir nicht uns selber erhalten, geht alles zu Ende. Uns selber durch eine Organisation. Die Freunde des Lebens. (Studienausgabe Bd. 10, S. 43)

Reich hat mit seiner „Partei des Lebens“ Nietzsches Differenzierung zwischen dem neurotischen Mystiker, der das Leben nihilistisch abtötet, und dem freien, gewissenlosen Menschen aufgenommen. Aber Reich unterschied in der letzteren Gruppe weiter zwischen den freien Menschen, die ihre sekundären Triebe leben, und den freien Menschen, die ihre primären Triebe leben (Emotionelle Pest und Genitalität, die in Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen noch eins waren), zwischen Faschismus und Arbeitsdemokratie. Ganz entsprechend hatte sich schon der Nietzscheanismus in zwei Gruppen aufgespalten: Vertreter des faschistischen Herrenmenschentums auf der einen und Verteidiger des Lebendigen auf der anderen Seite.

Die faschistischen Nietzscheaner haben nicht nur primäre und sekundäre Triebe miteinander vermengt (was ja auch Nietzsche selbst getan hatte), sondern überhaupt Nietzsche und „die Partei des Leben“ verraten, indem sie sie von neuem mit der nihilistischen, christlichen Moral vergifteten. Nietzsche wurde von all dem eingeholt, was er überwunden hatte. Dieses national-christliche Gedankengebäude faßte Nietzsches Schwester Elisabeth, die spätere Hohepriesterin des nationalsozialistischen Nietzsche-Kults, noch zu Nietzsches Lebzeiten zusammen, als sie schrieb, gemeinsam mit den Wagnerianer Bernhard Förster, ihrem späteren Ehemann, würde sie „schwelgen“ in „Mitleid, heroischer Selbstverleugnung, Christentum, Heldentum, Vegetarismus, Ariertum, südliche Kolonien“ (Peters: Zarathustras Schwester, München 1983, S. 108).

So ebnete sich der Weg für den nationalsozialistischen Mißbrauch Nietzsches. Hermann Josef Schmidt schreibt dazu:

Auch nationalsozialistische „Nietzsche“interpretation wäre ohne vorherige „christliche“ Nietzscheverkleisterungen, beginnend spätestens 1895 mit der opportunistischen „großen“ Nietzschebiographie seiner Schwester – und ohne eine Serie von Textstellen, die, aus ihrem Zusammenhang gerissen, sich schaurig lesen (z.B. das geklitterte Buch Der Wille zur Macht, PN) – zumindest in ihrer Breitenwirkung nicht möglich gewesen. Auch hier hat deutsches Christentum – man lese nur die Reden und „Abschiedsworte“, die am 28.8.1900 an Nietzsches Grab gehalten bzw. vorgetragen wurden (…) – dem Nationalsozialismus glänzend vorgearbeitet. (Nietzsche absconditus, Berlin 1991, S. 274)

Der radikale Nietzsche darf nicht verwässert werden, wenn man nicht alles zerstören und in sein Gegenteil verkehren will, vielmehr muß man, wie Reich es getan hat, Nietzsche weiter radikalisieren. Dies ist der einzige gangbare Weg. Es gibt keinen Weg zurück.

Man betrachte nur die gegenwärtige moralistische Kampagne in Deutschland gegen den „Fremdenhaß“. Von der äußersten Linken bis zum Papst sind sich, unterstützt von den neusten soziobiologischen Erkenntnissen, alle einig, daß man das teuflische „Tier im Menschen“ mit seinem „angeborenen Rassismus“ überwinden müsse. Es ist kaum etwas gegen das wissenschaftliche Fundament dieses Konzeptes zu sagen, zumal Malinowski sogar bei den Trobriandern rassistische Ressentiments gegen angrenzende Stämme und gegen Polen (Malinowski) festgestellt hat. Müssen wir uns also auf unsere humanistische Wertewelt besinnen, diese steinzeitlichen Triebe durch unsere zivilisatorische Energie überwinden und dergestalt die archaischen Sümpfe trockenlegen? Oder haben wir mit Nietzsche die „Partei des Lebens“ zu ergreifen? Die Orgonomie, die mindestens so weitreichende humanitäre Ziele hat wie die Humanisten, will die Sümpfe nicht in eine Wüste verwandeln, aber auch nicht das Gesetz des Dschungels in die Städte tragen, sondern für einen geregelten Abfluß sorgen, so daß sich eine schöne Auenlandschaft ausbilden kann.

Worum es geht, wird durch zwei Zitate aus Reichs Tagebuch von 1947 beleuchtet:

Wie recht Nietzsche doch hat! Ein kreativer Mensch darf sich nicht von Mitleid mitreißen lassen. (American Odyssey, S. 417)

Immer wieder kehre ich zu Nietzsche zurück, zu diesem Mann von großem Wissen und tiefem Leid. Sein Schicksal war es, für die ganze Menschheit zu leiden – wegen dessen, was er ahnte, aber nicht verstand. Er wußte sogar um den Kern der Güte, der unter dem Eisblock verborgen lag. (S. 432)

1944 hatte sich Reich über den damals sehr bekannten Astrophysiker Arthur Eddington und den Platonismus der Physiker notiert:

Eddingtont hat es offen gesagt: Die Physik arbeitet mit Schatten, ihr fehlt die Verbindung zur Welt der Sinne. (…) Die „Welt der Schatten“ wird lebendig werden. Das gegenwärtige Leben wird zugrunde gehen, neue Menschen, Kinder, Städte und Gedanken werden erblühen, so frisch wie Nietzsches Mistralwind, der alles beiseite bläst, was dem Sinn des Lebens widerspricht. Wir haben gerade erst begonnen. (S. 248)

Orgonphysik ist sozusagen eine Physik ohne „Schattenwelt“ – ohne Über-Ich…

Peter Töpfer (Teil 13)

17. Dezember 2025

Diese Serie von Blogeinträgen klingt so wie ein systematisches Heruntermachen von Töpfers Bemühungen. Ich bin durchaus mit gegenteiligen Absichten an dieses Projekt herangetreten. Denn tatsächlich ist er umfassend gebildet, belesen, originell, ein unabhängiger Denker und schreibt ein hervorragendes Deutsch – jedenfalls ein besseres als ich. Außerdem sind wir in etwa die gleiche Generation. Er ist sehr offen, was seine eigene Befindlichkeit und Lebensgeschichte betrifft. Man muß ihm zu Gute halten, daß er bei mir als Leser den Impuls weckte auch selbst in die, wenn man will, Tiefenwahrheit zu gehen. JEDER HAT IRGENDWO RECHT!

Zentral für ihn scheint der Schmerz, gar der „Urschmerz“ zu sein. Ich hingegen muß sagen, daß Traumata m.W. keinerlei Rolle in meiner Abpanzerung gespielt haben, sondern vielmehr die Kontaktlosigkeit meiner Eltern, die man an kaum etwas Konkretem festmachen kann, die mich aber vielleicht gerade deshalb nachhaltig verunsichert hat. So kann selbst ein Wunschkind, daß mit Liebe und Zuneigung überschüttet wurde, emotional krank werden.

Meine Mutter ist an der Reeperbahn als Tochter eines Kellners und einer Kellnerin aufgewachsen, damals hochangesehene Berufe. Das Problem war, daß die alleinerziehende Kellnerin tagsüber schlafen mußte und die Kinder deshalb aus der Wohnung verbannt wurden. Tag ein Tag aus mußte meine Mutter bei jedem Wind und Wetter ihren Puppenwagen runter zum Bismarckdenkmal schieben und dort ihre Zeit damit verbringen, ihren Puppen die Liebe und Wärme zu schenken, die ihre Mutter, die sie kaum sah und ihre Oma, die sich fast ausschließlich um die Kinder kümmerte, meiner Mutter vorenthielten. Diese früh verwitwete Oma war ein schreckliches, kaltherziges, verbittertes, verbiestertes, sadistisches Weib. Meine Mutter empfand nie etwas anderes als abgrundtiefen Haß für dieses niederträchtige Scheusal. Eine ihrer gegen meine Mutter gerichteten Sprüche war beispielsweise: „Ich wollte, Deine Mutter hätte dich wegmachen lassen, wie all die anderen verfluchten Bälge auch!“ Meine Mutter schwor sich ihre eigenen Kinder nie zu schlagen, nie zu erniedrigen und ihnen alle Liebe der Welt zu schenken.

Mein Vater war geprägt durch frühen Kriegsdienst, Kriegsgefangenschaft und daran anschließendes 10 jähriges Exil in England als Knecht auf einem Bauernhof, einfach weil er nach einem kurzen Besuch glaubte, das vollkommen zerbombte Hamburg sei auf ewig zerstört. Ihm wurde schließlich eine Farm oder Ranch in Alberta angeboten, denn es galt immer noch das englische Weltreich zu bevölkern, aber er zog es vor in den Schoß seiner katholischen Familie nach Hamburg zurückzukehren, die er zutiefst verachtete, nachdem er miterlebt hatte, wie man eine uneheliche Cousine zeitlebens als „Frucht der Sünde“ behandelt hatte. Er kehrte zurück, weil sein Vater, mein Opa, den ich leider nie kennenlernen durfte, im Suff tödlich verunglückt war. Ein Suff, in den ihn meine Oma, ebenfalls ein schreckliches Weib, getrieben hatte. Einst sollte mein Vater seinen Vater aus der Kneipe abholen. Was er da zu Gesicht bekam, ließ ihn schwören, niemals selbst zu trinken. Also kurzentschlossen entschied er sich, seiner nun zur Witwe gewordenen Mutter beizustehen: statt das vielversprechende Abenteuer Alberta, wählte er aus reiner Gutmütigkeit das Dasein als Hafenarbeiter im Hamburger Hafen.

Diese Familiengeschichte trug mir die untergründige Kontaktlosigkeit zweier vom Leben Betrogener ein und den Neid und abgrundtiefen Haß meiner frühen Spielkameraden und das damit zusammenhängende sozusagen „außerfamiliäre“ Trauma für mich, das einen lebenslangen Hang zur Sozialphobie erzeugte. Sie kannten keine liebevollen Mütter, keine gewaltfreien und dem Alkohol abholden Väter, kein intaktes Familienleben, sondern nur Streit, Familiendramen und Gewaltexzesse im Suff. Als einziger Spielkamerad blieb mir der Sohn eines, wie ich im nachhinein glaube, Anthroposophen, der in unserer Behelfsheimsiedlung für Ausgebombte einen Schrebergarten besaß.

Die fremdelnde Distanz zu und tiefsitzende Verachtung für „unsere Gesellschaft“ steckte tief in mir drin, als ich ähnlich wie Töpfer absurd früh zu geistigen Höhenflügen ansetzte. Ich werde häufig gefragt, warum ich all das, etwa diesen Blog, mache: weil ich spätestens seit meinem 13. Lebensjahr nichts anderes tue, als – das, was ich tue… Hier eine Schöpfung aus der Zeit meines Erwachens in Richtung Orgonomie:

Bild Nr. 19

Die Frage nach dem Sinn und Funktion meiner Tätigkeit stellen mir immer Leute, deren Leben vollständig leer ist; die ihre Abende und ganze Nächte mit Computerspielen verbringen, allein schon um ihrer öden Beziehung zu entfliehen, und sich auch sonst nur mit irgendeinem verblödenden Scheißdreck beschäftigen, den sie nur mit Alkohol und Psychopharmaka ertragen können! Jede Tiefe ruft in ihnen Panik hervor. An sich tun sie nichts anderes als sich die Zeit bis zum Tod zu verkürzen.

Was mich von Töpfer unterscheidet, ist, daß mir sein radikaler Subjektivismus vollkommen fremd ist. Wie ich bereits ausführte, hat sein gesamter Ansatz etwas Kindlich-Magisches an sich: wenn ich selbst die Augen zumache, sehen mich die anderen nicht. Für ihn lebt jeder in seiner eigenen Wahrheit. – Dabei muß ich spontan an Bronislaw Malinowskis Analyse von „Wissenschaft und Magie“ bei den Trobriandern denken. Die Trobriander denken nur in jenen Bereichen wie Kinder, nämlich magisch, wo sie die Umwelt nicht gezielt beeinflussen können. Ändert sich das, löst sich die magische Lebenshaltung in Luft auf. Beispielsweise werden die Schiffe für die weiten Expeditionen in die Inselwelt Mikronesiens nach allen Regeln rationaler Handwerkskunst („Wissenschaft“) gebaut, ohne auch nur einen Hauch von Magie. Wenn es aber um so etwas Unberechenbares wie die Unbilden des Wetters und des Weltmeeres geht, greift man zu kindischen Zaubersprüchen und irgendwelchen magischen Amuletten. Diese Magie weicht bei den Primitiven (jedenfalls bei den genital gesunden Primitiven) instantan der wissenschaftlichen Aufklärung, so wie die Sonne die Wolken vertreibt, wenn sie die Situation praktisch bewältigen können. – Es hat etwas zutiefst Beunruhigendes, daß dieses subjektivistische Weltbild bei Töpfer immer mehr alles zuwuchert und daß dann noch unter dem Vorwand, die LSR-Aufklärung praktisch zu machen und dergestalt zu vollenden. „Wissenschaft“ ist sein großes Feindbild.

Peter Töpfer (Teil 10)

5. Dezember 2025

In Tiefenwahrheit geht Töpfer von Laskas Aussage aus, die sich im kognitiv-rationalen Bereich erschöpfende Alte Aufklärung, sei durch eine neue, im affektiv-emotionalen Bereich operierende und damit „praktisch“ werdende zu ersetzen. Laska meinte damit schlicht das grundsätzliche Infragestellen des irrationalen Über-Ichs und davon ausgehend das Verhindern, daß sich ein solches in zukünftigen Generationen ausbildet und diese zu den gleichen Gefühlskrüppeln macht, wie wir es sind. Töpfer hingegen meint das Auffüllen der „existentiellen Leere“ durch „Immanenz“ (nicht etwa Transzendenz in der Voraufklärung). Praktisch hätte Laska sozusagen zum den „Urschmerz“ verwindenden „Urschrei“, zur Existenz selbst, vordringen müssen. Laska selbst, als Person!

Töpfers zweiter Punkt kreist darum, daß, so Töpfer, die Sexualität erst mit der Pubertät anfängt, die Menschen aber schon vorher „enteignet“ wurden und zwar eben nicht durch sexuelle, sondern durch „existentielle“ Schuldgefühle bzw. noch früher durch körperliche Traumata. Das würde nicht nur durch die Freudsche/Reichsche/Laskasche These von der infantilen Sexualität verdrängt, sondern diese Traumatisierungen würden, durch den dadurch angeregten Pädosex, verstärkt, wenn nicht erst verursacht werden, womit Reich und Laska ihre eigenen Theorien, die Rede von der Neurosenprophylaxe und von den „Kindern der Zukunft“, ad absurdum führten. (Daß entgegen Töpfers Theorie im Normalfall weniger laute Traumata, sondern die stille Kontaktlosigkeit der Eltern bei der Panzerbildung eine Rolle spielt, sei nur nebenbei erwähnt.)

Da ich (Peter Nasselstein) Töpfers Quelle für diese Anschuldigungen bin, rennt er bei mir offene Türen ein. Ja, es sind im Umfeld Reichs unverzeihliche Dinge geschehen, Malinowski (und damit Reich) hat sich beim Alter der Trobriander geirrt, d.h. den Beginn sexueller Aktivitäten zu früh angesetzt und in unserer Gesellschaft ist „früher Sex“ fast immer die verzweifelte Suche nach körperlicher Nähe und Wärme, d.h. nach einem Ersatz für die schmerzlich vermißte frühkindliche mütterliche und väterliche Nähe. Womit sich der Kreis schließt, denn heute kann kaum ein Vater vollkommen entspannt die Windel seiner Tochter wechseln oder sie zärtlich umarmen. Das ganze Thema ist zum Verzweifeln. Daß es aber keine infantile Sexualität gibt… War Töpfer denn selbst nie Kind? Hat er in der Badeanstalt nie beobachtet, wie der Fünfjährige plötzlich wie Arnold Schwarzenegger daher stolziert, wenn die Blicke seiner Kameradinnen auf ihn fallen, während das fünfjährige Mädchen gegenüber unserem kleinen Rambo kokettiert und „weibliche Signale aussendet“? Hat er nie in der Ersten Klasse mit einer Spielkameradin konkrete „Heiratspläne“ geschmiedet? Ich habe IHR sogar den größten materiellen Schatz geschenkt, den ich je auf Erde besessen habe, eine exotisch-orientalische Keksdose bis oben mit Glassplittern gefüllt, die ich gefühlt „über die die Jahre“ auf dem Bahndamm aufgelesen hatte. Einem Spielkameraden hätte ich diesen unfaßbaren Reichtum in tausend Jahren nie gegeben. SIE brauchte mich nur anlächeln und ihr langes blondes Haar im Wind wehen lassen und ich war ein willenloser Haufen Wackelpudding.

Ich fühle mich mißbraucht. Ich bespreche Bücher, egal, ob das der Orgonomie nützt oder schadet, weil ich ausschließlich der objektiven Wahrheit verpflichtet bin. Töpfer benutzt das, um… Ich schicke Töpfer als freundliche Geste Material zu Bert Brecht aus dem LSR-Archiv zu, da ihn das als gelernten DDR-Bürger doch sicherlich interessiert. Er preßt es wie eine Zitrone aus und dichtet Laska aus hingeworfenen Brief-Stellen „Ich-Schwäche“ an. Töpfer:

Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch (…) Laska selbst eigentlich nur bedingt als Aufklärer im Sinne einer Neuen Aufklärung gelten kann. Er hat zwar „Gott von der Weltbühne vertrieben“ (Erste Aufklärung), aber Laska „entlarvt“ sich tatsächlich selbst als „Naturerscheinung“ und anerkennt sich fast als solche. (…) Zumindest zweifelt Laska die „Phänomene“ als „auf sich als Selbstsüchtigen beziehend“ an. Es sind keine selbstigen, zu seinem Ich gehörigen, es sind nicht seine eigenen Phänomene. Er räumt ziemlich deutlich der Wissenschaft die Deutungshoheit über seine eigene Person ein: Er fragt nämlich, „ob das oft beschworene ‚Eigene‘ nicht sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘ ist.“ Der Zusammenhang, in dem Laska diese Frage stellt, ist der einer anderen Frage, nämlich der, „ob man überhaupt [etwas Bestimmtes] ‚will‘“. Was ist dieses Bestimmte? – Die Antwort darauf findet sich in diesem Satz Laskas: „Sie (sic! PN) werfen die Frage auf, wie man […] ‚das Fremde‘ aus sich wieder herausbekommt, um so nur ‚das Eigene‘ übrig zu behalten, ja, ob oder ggf. in welchem Maße man (bei sich) darüber verfügen kann.“ Es geht hier also präzise um die Frage, ob LSR – das ist in diesem Falle Laska selbst – tatsächlich überhaupt bereit ist, „im Affektiv emotionalen zu operieren“ (Zweite Aufklärung), sprich: sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ (Laska) zu unterziehen, oder ob er nicht er selbst und mit ihm die Alte Aufklärung „in eine Sackgasse geraten“ sei. Aber wir diskutieren diese Frage und Laskas Ich-Schwäche nicht hier (…). (S. 52f)

Bevor ich auf diese Zusammenhänge im nächsten Teil genauer eingehe, muß und möchte ich bei dieser Gelegenheit etwas weiter ausholen:

Ganz im Sinne Stirners (und übrigens auch Nietzsches) ist das Ich des Egoisten nichts vom Himmel Gefallenes, nichts sozusagen überweltlich „Selbstisches“, sondern primär Fremdes (die Mutter-, Familien- und Stammesbindung), aus dem wir uns emanzipieren und zum Eigner werden. Von Biologie und Stammesgeschichte, will ich erst gar nicht anfangen. Töpfer hingegen scheint von einer Art „autonomen Seelenfunken“ auszugehen, der in dieser „fremden Welt“ gefangen wird und sich im „Urschrei“ aus dieser schmerzlichen Gefangenschaft wieder befreien muß: Gnosis, versponnen in der „inneren Wahrheit“!

Wie ist das nun mit dem Eigenen „aus orgonomischer Sicht“? Zunächst einmal ist es so, daß je fundamentaler wir die Natur betrachten, also auf Quantenebene, desto mehr verschwindet jedwede Individualität. Beispielsweise sind alle Elementarteilchen, etwa Elektronen, voneinander prinzipiell vollkommen ununterscheidbar. Wenn ich doch das eine Elektron vom anderen dadurch unterscheide, einfach indem ich es verorte, etwa in der Blasenkammer oder im Doppelspaltexperiment, geht die quasi „kollektivistische“ Quantenwelt in unsere „individualistische“ Alltagswelt über. Beim Doppelspaltversuch werden durch diese „Individualisierung“ aus Wellen, die sich überlagern und dergestalt Interferenzmuster erzeugen, ganz normale Partikel, so als handele es sich um Pistolenkugeln oder dergleichen. Nun ist es so, daß nicht nur durch Verortung, sondern prinzipiell keine zwei Pistolenkugeln, keine zwei Sandkörner oder andere beliebige Objekte der Makrosphäre identisch sind. Genauso ist es mit jedem Menschen ab dem Moment der Empfängnis. Der Unterschied ist, daß wir im Gegensatz zum Sandkorn empfinden können (wie auch jede Amöbe!) und schließlich darüber hinaus ein Bewußtsein unserer Individualität entwickeln (wir empfinden, daß wir empfinden). An diesem „Geistigen“, dem Bewußtsein bzw. dem Empfinden, machen Leute wie Töpfer das Individuum fest. Nun ist es aber so, daß dieses „Geistige“ selbst zum „Quantenbereich“ gehört, d.h. hier fällt das Individuelle weg. Das sieht man schon an der (notwendigerweise kollektivistischen) Sprache: es gibt keine zwei identischen konkreten Bäume, aber der abstrakte Begriff „Baum“ ist universell. Oder mit anderen Worten: es gibt keine „individuellen Seelenfunken“, vielmehr ist unser Innenleben gewissermaßen „kollektiv“. Wir sind zwar unverwechselbare Individuen und „eigen“, aber diese Eigenheit ist etwas in jeder Hinsicht Sekundäres, das nur durch den Kontakt mit der Außenwelt entsteht und durch diesen Kontakt aufrechterhalten wird. Wie das Elektron in der Doppelspaltanordnung, „muß ich gesehen werden“, um zum Individuum und zum Eigner meiner selbst werden zu können.

Das Kind kristallisiert sich wie ein Salzkorn aus dem Meer (Mutter-, Familien- und Sippenbindung). Man kann nur hoffen, daß dieses „Meer“ sich aus den richtigen Bestandteilen zusammensetzt und durch seine Bewegung, etwa sexuellen Mißbrauch, diese „Kristallisation“ nicht stört.

In der Tat, wir sind nur „Naturerscheinung“, tatsächlich nur „Sozialerscheinung“! Alles andere ist Kontaktlosigkeit und – Entfremdung! Ich weiß, daß viele Stirner auf Töpfers vollkommen abstruse, selbstwidersprüchliche, da entfremdende „existentielle“ Weise lesen (Depersonalisation, Derealisation), aber genau deshalb sind wir ja Laskaianer: uns interessiert einzig und allein die Herausarbeitung der Funktion des irrationalen Über-Ichs. Andere Stirnerianer können sich meinetwegen ins Knie ficken!

rational/irrational (Teil 1)

10. Oktober 2025

In der Orgonomie gibt es keine Trennung zwischen dem Freudschen Primärvorgang (der ganz vom Lustprinzip bestimmt wird) und dem Sekundärvorgang (wo das Realitätsprinzip eingreift), zwischen den primären Gefühlen und der sekundären Ratio. Der Sekundärvorgang kann aus orgonomischer Sicht vollkommen irrational sein („Der Intellekt als Abwehrfunktion“, siehe Reichs Charakteranalyse), während der Primärvorgang Leitfaden eines rationalen Diskurses sein kann (Animismus, ozeanische Gefühle, orgonomischer Funktionalismus). Die Grenze zwischen rational und irrational ist die gleiche wie zwischen primären Trieben und sekundären Trieben.

Psychoanalyse, Marxismus, etc. haben primäre Triebe und sekundäre Triebe vermengt und die Label rational bzw. irrational sowohl auf Äußerungen primärer als auch sekundärer Triebe verteilt. Zum Beispiel ist für die Psychoanalyse das ungepanzerte Kind in seiner Suche nach Lust irrational und muß an die rationale Realität angepaßt werden. Für den Marxismus ist die gesamte Geschichte des gepanzerten Menschentiers historisch-materialistisch notwendig und etwa die Trobriander, die diesen Prozeß nicht mitgemacht haben, irrationaler „Völkerschrott“, der ausgemerzt gehört, wenn er der Revolution im Wege steht (Engels).

Zusammengefaßt kann man sagen, daß für die Orgonomie diese gesamte Zivilisation und ihre Wissenschaft verrückt ist, weil sie rational und irrational nicht trennen kann. Ein Kompliment, daß der Orgonomie dann spiegelverkehrt heimgezahlt wird: „Reich war verrückt“.

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (3. Drittel)

13. Juli 2025

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (3. Drittel)

Die fünf Stufen der Orgonomie (Teil 2)

13. Mai 2025

Im Verlauf der Evolution triumphiert die „Energetik“ (die Funktion des Orgasmus) über die Mechanik (die „egoistischen Gene“). Das sieht man etwa daran, daß der sexuell frustrierte Mann sich zusehends wie ein „asozialer“ Schimpanse benimmt bis hin zum Babymord, während der sexuell befriedigte Mann sich, for lack of a better term, sozial „rational“ verhält. Ethnographisch kann man das am Unterschied zwischen dem typischen Moslem des Nahen und Mittleren Ostens und dem Trobriander festmachen, also daran, was James DeMeo in seiner Saharasia-Theorie statistisch nachgewiesen hat, als er Kinderrechte, Frauenrechte, Sexualmoral, Freiheitsindex etc. en detail hinsichtlich der Unterschiede zwischen den Völkern untersuchte. Die genetisch orientierten Anthropologen können das, die von DeMeo gefundenen systematischen Unterschiede, nicht erklären: daß sich die einen „wie Tiere“ benehmen, die anderen – rational.

Konturiert wird das alles dadurch, daß die Genetik zum Orgon-Bereich der koexistierenden Wirkung gehört. Die ungelöste Grundfrage der konventionellen Genetik ist ja, wo die ersten genetischen Codes überhaupt herkamen, um Leben zu ermöglichen bzw. erst zu konstituieren. Nach dem Muster: es wäre so, als würde man Schimpansen auf Tastaturen rumklimpern lassen, bis durch Zufall ein Shakespeare‘sches Sonett entsteht.

Diese Frage nach dem ersten genetischen Code, der das Leben am Anfang erst ermöglichte, ist natürlich Einfallstor für Neuauflagen eines mittelalterlichen Kreationismus. Es regnet, weil der Regengott es regnen läßt! Leben existiert, weil der Schöpfergott das so wollte! Tatsächlich ist der genetische „Urcode“ unmittelbarer Ausdruck orgonotischer Funktionen, ähnlich wie es Pulsation und Orgonom-Form im Bereich nur relativen Bewegung sind, nur eben im Bereich der koexistierenden Wirkung.

Was soll man sich darunter konkret vorstellen? Zunächst einmal war es letztendlich das Orgon, das durch Shakespeare ein Sonett geschrieben hat. Man betrachte dazu, was Freud über die Wirkung des Unbewußten und was Reich 50 Jahre über die Urgründe des Bewußtseins im letzten Kapitel von Die kosmische Überlagerung geschrieben haben. Dazu möchte ich aus dem Artikel „The Phantom-DNA-‘Wave Biocomputer‘“ von Peter P. Gariaev et al. vom Institute Control of Sciences, Russian Academy of Sciences, Moskau zitieren:

Diese Arbeit ändert die Vorstellung über den genetischen Code grundlegend. Sie behauptet:

1) daß die Evolution der Biosysteme genetische „Texte“ geschaffen hat, die den natürlichen, kontextabhängigen Texten der menschlichen Sprachen ähneln und den Text nach sprachähnlichen Mustern formen.

2) daß der Chromosomenapparat gleichzeitig als Quelle und Empfänger dieser genetischen Texte fungiert, indem er sie dekodiert bzw. kodiert, und

3) daß das Chromosomenkontinuum multizellulärer Organismen einem statisch-dynamischen Multiplex-Zeit-Raum-holographischen Gitter entspricht, das die Raum-Zeit eines Organismus in einer verschachtelten Form umfaßt. Das bedeutet, daß die DNA-Wirkung, die die Theorie vorhersagt und die das Experiment bestätigt,

i) die eines „Gen-Zeichen“-Lasers und seiner solitonischen elektroakustischen Felder ist, so daß der Gen-Biocomputer diese Texte in einer Weise „liest und versteht“, die dem menschlichen Denken ähnlich ist, aber auf seiner eigenen genomischen Ebene des „Denkens“. Es wird behauptet, daß natürliche menschliche Texte (unabhängig von der verwendeten Sprache) und genetische „Texte“ ähnliche mathematisch-linguistische und entropisch-statistische Merkmale aufweisen, wobei diese die Fraktalität der Verteilung der Zeichenhäufigkeitsdichte in den natürlichen und genetischen Texten betreffen, und wobei im Falle genetischer „Texte“ die Zeichen mit den Nukleotiden identifiziert werden, und

ii) daß die DNS-Moleküle, die als Gen-Zeichen-Kontinuum eines jeden Biosystems konzipiert sind, in der Lage sind, holographische Vorabbilder von Lebensstrukturen und des Organismus als Ganzes als ein Register dynamischer „Wellenkopien“ oder „Matrizen“ zu bilden, die aufeinanderfolgen. Dieses Kontinuum ist das messende, kalibrierende Feld für den Aufbau seines Biosystems.

Wenn die Orgonomie recht hätte, müßte auf anderen Planeten in fernen Galaxien das Leben erstaunlich ähnlich wie hier sein. Wenn die mechanistische Biologie recht hätte, wäre das nicht der Fall – wenn es überhaupt anderes Leben gäbe.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 151)

25. August 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Im Kern des Gottesglaubens sah LaMettrie das Schuldgefühl, Stirner die verinnerlichten Hierarchien, bzw. das jenseits in uns, und Gott Reich das Über-Ich bzw. die Panzerung: das Fremde verdrängt das Eigene. Es geht nicht darum, ob es „horizontal“, also in unserer Umwelt einen „Gott“ gibt, d.h. irgendwelche ominösen Mächte, die man auch als „die Materie“ bzw. „Allmutter“ bezeichnen könnte, sondern um die „vertikale“ Frage, ob es ÜBER mir einen Gott gibt, ein „Über-Ich“, das mich besetzt, besitzt wie ein Dämon. Dann ist es auch egal, ob ich mich als „Atheist“ bezeichne, wie etwa die Marxisten, die trotzdem fromm sind, „vertikal“ von Schuld und Moral beherrscht werden, oder ob ich an die beseelte Natur glaube (Animismus), also formal „Theist“ bin, aber dabei im Sinne Reichs „ungepanzert“ bin.

Natürlich ist auch beides möglich bzw. ist beides meist ineinander verschränkt wie etwa in der Griechischen Stoa: der Mensch ist „horizontal“ eingebunden in einen Kosmos, in dem alles mit allem verknüpft ist, und (bzw. aber) es geht „vertikal“ um die Beherrschung der Begierden. Ob man dieses „Über-Ich“ personifiziert, wie dann später im Christentum, ist letztendlich egal, weshalb auch die Frage nach dem (A-)Theismus in die Irre führt. Deshalb konnte auch Reich von Marx und insbesondere Lenin so in die Irre geführt werden: weil Reich zumindest anfangs nicht klar zwischen „Gottlosigkeit“ und „Über-Ich-Losigkeit“ unterschieden hat.

Das bringt mich abschließend noch einmal zum leidigen Thema „irrationales Über-Ich“ vs. „rationales Über-Ich“: Stirner unterschied zwischen von oben eingegebenen und von der Umwelt angeregten Ideen. Das „irrationale Über-Ich“ ist sozusagen „vertikal“, gibt Befehle wie ein Puppenspieler, der seine Marionette dirigiert, das „rationale Über-Ich“ hingegen ist „horizontal“. Ich muß mich im gesellschaftlichen Raum orientieren und einpassen, was ich automatisch seit Kindheitstagen beim gemeinsamen Spielen und allgemein im Umgang über die Goldene Regel und etwa den Straßenverkehr lerne. Dadurch entwickele ich etwas (das „rationale Über-Ich“), das ich gerne als „Neben-Ich“ bezeichnen möchte: es ist nicht die „vertikale“ Stimme meines Vaters von oben („Über-Ich“), sondern die „horizontale“, d.h. die auf Augenhöhe befindliche Stimme meines Nebenmannes („Neben-Ich“). Keine (ver)inner(licht)e Instanz über mir im Sinne Stirners, sondern neben mir, d.h. ich identifiziere mich nicht mit dem Vater, sondern mit dem Bruder. Das Über-Ich ist „unappelierbar“ – mit dem Nebenmann hingegen „kann man sprechen“. Ich trage damit nicht meinen fremden Feind (Über-Ich), sondern meinen gleichgesinnten Freund (Neben-Ich) in meinem Inneren. Erinnert sei an Stirners „Verein“!

Beim Über-Ich spricht Stirner von den internalisierten Hierarchien, dem Jenseits oder vielmehr Gott in uns und, in Bezug auf die „frommen Atheisten“ von der Gesellschaft in uns. Beim Neben-Ich ist auch etwas in uns: Wollust ist nur möglich, wenn ich mich auf den Partner einlasse, mich mit ihm bzw. natürlich ihr identifiziere, ähnlich in der gemeinsamen Arbeit oder überhaupt in einem gedeihlichen zwischenmenschlichen Miteinander, Stichwort „Spiegelneuronen“. Beim Über-Ich sind meine Ich-Grenzen sozusagen nach oben hin („vertikal“) verschmiert, d.h. das Ich wird vom Über-Ich okkupiert, der Mensch ist nicht mehr er selber, sondern nimmt einen „Charakter“ an, spielt eine bloße Rolle und vergißt dabei, daß er dabei nur Schauspieler ist. Beim Neben-Ich sind meine Ich-Grenzen sozusagen zur Seite hin („horizontal“) verschmiert. Und genau hier ist auch eine Lücke in Stirners Gedankengebäude, denn ohne die Menschen „neben mir“, meine Mitmenschen gäbe es gar kein „Ich“, keine Sprache, kein Bewußtsein, kein Begriff von „selbst“ bzw. vom „Selbst“: ohne ein Außen gibt es kein Innenleben. Und selbst das ist noch rein akademisch, denn ohne soziale Umwelt gäbe es mich von Anfang an gar nicht, da ein einzelner Mensch nicht nur biologisch und materiell, sondern vor allem auch emotional gar nicht lebensfähig wäre. Beim Säugling ist das offensichtlich. Ich weiß natürlich, daß für Stirner die Familie und all das kein „Verein“ in seinem Sinne ist… – wie gesagt, da ist eine Lücke in seinem Denken. Sowohl bei La Mettrie (wie Christian Fernandes in seinem neuen Buch ausführt) und Reich (jedenfalls dem späten Reich – den Laska nicht mehr als so wichtig empfand) sehe ich diese Lücke nicht.

Das „Horizontale“ ist auch beim Militär wichtig: das „vertikale“ Befehl und Gehorsam ist, klar, unverzichtbar, aber imgrunde wichtiger für die Kampfkraft ist die „horizontale“ Kameradschaftlichkeit: ich muß mich auf meinen Nebenmann verlassen können, im Zweifelsfall mein Leben für ihn geben, und wir müssen ein eingespieltes Team sein. Potentiell stört da alles „Vertikale“ eher. Das machte absurderweise auch die Stärke der Wehrmacht aus, die dezidiert „horizontal“ funktionierte, mit weitgehender Entscheidungsfreiheit der unteren Ränge und einer landsmannschaftlichen Homogenität der Züge (beispielsweise waren der Unteroffizier und alle anderen im Zug meines Vaters Hamburger, die sich blind verstanden und in jeder Hinsicht die gleiche Sprache sprachen). Während die Alliierten, insbesondere die Amis und die Russen, starr auf zentrale Führung setzten und auf eine Durchmischung der Kader, damit die Einzelnen nur über die Führung verbunden waren. Problem ist, die Zentrale weiß gar nicht, kann gar nicht wissen, was gerade an der Front vor sich geht und die Soldaten können untereinander kaum kommunizieren. Ähnliches läßt sich über die Betriebsführung im täglichen Wirtschaftsleben sagen. Diversität ist unsere schlimmste Schwäche! – Das Über-Ich ist vollkommen kontaktlos banane, während das Neben-Ich nichts anderes ist, als eben das: Kontakt mit der Wirklichkeit.

Im platonischen Dialog Protagoras erläutert Hippias in einer sehr kurzen Rede ethische und politische Ansichten. Wie auch andere zeitgenössische Sophisten stellt er dort die Natur (phýsis) in einen Gegensatz zum in der menschlichen Gesellschaft geltenden Gesetz (nómos). Wenn Dinge einander ähnlich sind, so seien sie es von Natur aus; einige Menschen seien von Natur aus Verwandte, Freunde und Mitbürger. Das Gesetz hingegen sei ein Tyrann der Menschen und erzwinge vom Menschen Unnatürliches. https://de.wikipedia.org/wiki/Hippias_von_Elis

Hier gehört auch die Frage von Theismus und Über-Ich hin: Laska hat sich explizit gegen den bei Reich so wichtigen Komplex (Bachofen, Matriarchat, Trobriander, DeMeos Saharasia-Theorie, Historischer Materialismus – „Urkommunismus“) verwahrt und alles auf eine Utopie ausgerichtet. Diesen Unterschied zwischen „Gott über mir“ und „Gott neben mir“, findet sich beispielsweise noch bei den germanischen Göttern. Grabfunde, Überlieferungen, etc. weisen darauf hin, daß sich unsere heidnischen Vorfahren nicht groß um das Christentum scherten. Ein weiterer Gott, ein weiterer Kult, der problemlos in die existierenden Tempel und Kulte und Überlieferungen integriert werden konnte. Man war sozusagen auf Augenhöhe mit den Göttern. Ganz anders bei den Christen, die radikal alles „Heidnische“ zurückwiesen und schließlich sogar die Inquisition ins Leben riefen und den Staatsapparat einschalteten, um „Ungläubige“ grausam töten zu lassen. Für mich ich das ein fernes Echo des Unterschieds zwischen einer „Neben-Ich-Gesellschaft“ und einer „Über-Ich-Gesellschaft“.

— Ende der Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 138)

11. Juni 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Kann man sich ein eine unpassendere Überschrift für Laskas LSR-Projekt vorstellen: „konservativ“? Wenn es einen Ort in Laskas LSR-Projekt dafür gibt, dann beim von ihm eingeführten „rationalen Über-Ich“, mit dem er explizit von Stirner abweicht.

Haben sich auch ungepanzerte Trobriander schuldig gefühlt? Genauso wie du dich schuldig fühlst, wenn du irgendwas an deinem Auto nicht überprüft hast und dergestalt einen schweren Unfall schuldhaft verursachen könntest. Das sind rationale Schuldgefühle. Das „rational“ gilt selbst dann, wenn etwas Schlimmes passiert, nachdem der besagte Trobriander irgendein magisches Ritual beim Bootsbau versäumt hat und das Boot später kentert. „Rational“ kann man also nicht abstrakt „rationalistisch“ betrachten.

Rational ist erstens was den eigenen Interessen und den Interessen jener dient, mit denen man sich identifiziert (Familie, Gemeinschaft, Nation, Rasse, Menschheit), und zweitens spontan dem primären Lebensimpuls entspringt. Hat beispielsweise das Mitglied eines Nachbarstamms der Trobriander Schuldgefühle, weil er verabsäumt hat, seinen Sohn zu beschneiden und der dann verunglückt („ihn die Götter strafen, weil er unrein ist“), dann ist das formal zwar die gleiche Situation wie beim besagten Bootsunglück, aber dem Sohn wird objektiv durch die Verstümmelung geschadet und sie entstammt zweifelsfrei lebensfeindlichen („irrationalen“) Motiven.

Zwar sind beide Rituale (Magie beim Bootsbau, Beschneidung) objektiv sinnlos, aber „subjektiv“, d.h. im bioenergetischen, psychologischen und sozialen Zusammenhang sind sie nicht gleichwertig. Die Beschneidung schadet der Lebensenergie, hinter der „guten Tat“ (vorgeschobenes Motiv) lauert Sadismus (wahres Motiv) und das gesamte gesellschaftliche Umfeld ist toxisch.

Laska hat zwischen einem „rationalen Über-Ich“ und einem „irrationalen Über-Ich“ unterschieden. Vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen sehe ich das so: man kann vollkommen ungepanzert sein und trotzdem Schuldgefühle haben, aber man kann nicht ungepanzert sein und gleichzeitig gegen die Sexualität von Kindern und Jugendlichen sein!

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Aberglaube” und folgende

5. Februar 2024

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Aberglaube“ und folgende

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 69)

17. Juni 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

LaMettrie zusammengefaßt:

1. die Maschine, und zwar eine sozusagen „vitalistische Maschine“ im Sinne von Friedrich Kraus („vegetative Strömung“, Elektrolyte, Membranen, „Bioelektrizität“) und Reichs „sexualökonomischer Lebensforschung“.

2. die Bedeutung der Imagination, die dieses „Maschinelle“ sozusagen in die geistige Welt ausweitet und so der üblichen „geistigen Welt“ (Philosophie, Kultur) ein Ende setzt. (Ich habe den Eindruck, daß Ursula Jauch in ihrem großen Buch über LaMettrie mit ihrer Rede, ihrem Gerede, von der „Wiederverzauberung der Welt“, LaMettrie verfehlt, denn der will die geistige Welt ganz im Gegenteil endgültig entzaubern.)

3. sein Konzept der Wollust als eine teilweise verblüffend paßgenaue Vorwegnahme der Reichschen Orgasmustheorie. (LaMettrie verwendet sogar explizit den Begriff „die Funktion der Wollust“).

4. schließlich die Negation des Schuldgefühls, des später sogenannten „Über-Ich“; eine innere bzw. verinnerlichte Instanz, die diese ganze natürliche Maschinerie durcheinanderbringt („verdorbene Imagination“ durch Triebstau) und so die Menschen um ihr Glück bringt.

In Die Kunst, Wollust zu empfinden exemplifiziert LaMettrie seine quasi „sexualökonomische“ Weltsicht mit Hilfe einer Art hypothetischer „Trobriander“, d.h. zwei Menschenkindern, die sich in einer Art Garten Eden lieben. Dieses sozusagen „sexualökonomische“ Idyll findet seine Entsprechung in ökonomischen Szenarios dieser Zeit mit Hirten und Fischern und Bauern, die ihre Güter frei austauschen. Man denke nur an Adam Smith. Typisch Rokoko! Und natürlich anthropologischer Unsinn. Wie uns die „genital gesunden, matristischen“ Trobriander in Melanesien zeigen, ist sowohl das Liebesspiel als auch die Ökonomie nicht primär ein einfacher wilder Austausch im Hier und Jetzt, in dem der Faktor Zeit keine Rolle spielt, sondern das Eingehen von längeren Bindungen durch Geschenke, die zurückgezahlt werden müssen – mit Zins. So entsteht ein Gewebe von gegenseitigen Verpflichtungen, die die Gesellschaft zusammenhält.

Interessanterweise ging und geht es den Marxisten und selbst den heutigen „Zinskritikern“ stets darum, dieses Geflecht gegenseitiger Verpflichtungen zu zerschlagen und die Wirtschaft auf bloßen Tausch zu reduzieren (was war die DDR-Wirtschaft anderes als offizieller und inoffizieller primitivster Tauschhandel?) und die Sexualität auf Physiologie frei vom „bürgerlichen“ Brimborium.

Ich erwähne das, weil es zeigt, wie schnell LSR ins Gegenteil verkehrt werden kann. Unvermittelt steht LaMettrie neben seinem Gegensatz, dem Marquis de Sade, Stirner wird zum Paten irgendwelcher „Egoisten“, gar Serienmördern, und Reich wird zum Urvater der „sexuellen Revolution“… – und das durch kaum merkliche Akzentverschiebungen, die der Oberflächlichkeit der Massen zu schulden ist. LaMettrie wird einerseits zum Propheten mechanischer Androiden, andererseits zu einer Art „Drogenpapst“ und vor allem zum Vorgänger von de Sade!

Genau deshalb hat Laska um jedes Wort gerungen, nur um nicht wieder L und S R mißverstanden dastehen zu lassen.