Du bist nicht Wilhelm Reich! (Teil 2)

Reich hat die „göttliche“ Dimension durchaus nicht ausgelassen. Die Frage ist nur, was für einen Gott Reich vertreten hat. Es fing alles damit an, daß er Freuds Atheismus überwunden hatte. Stichwort „ozeanische Gefühle“ gegen Freuds allmächtigen „Geist“, Körper (Reich) gegen Gehirn (Freud), Materie (Reich) gegen Geist (Freud), Natur (Reich) gegen Kultur (Freud), der bioenergetische Kern (Reich) gegen die „bürgerliche Fassade“ (Freud).

Genau hier beginnt die „Reichianische“ Mystik: die Spiritualität dieser Leute ist verkopft, verschroben und kompliziert, ist inspiriert von fernen Kulturen und lange zurückliegenden Zeiten und sie hat so gut wie nichts mit einem unmittelbaren Ausdruck des bioenergetischen Kerns zu tun.

Das ganze ist ein einziges Angebot, dem bioenergetischen Kontakt, dem „ozeanischen Gefühl“, „nach oben“ zu entkommen. In den Augen wegzugehen. Jedenfalls finde ich diesen Augenausdruck bei fast allen „Reichianern“. Er entspricht exakt dem, den man auch findet, wenn man nachts über die Reeperbahn geht und die Augenpartie der Sehmänner betrachtet, die die Sexshops, Pornokinos und Liveshows verlassen.

Die Entsprechung geht sehr weit. Man stelle sich vor, man sitze auf einer Parkbank und erlebt einen grandiosen Sonnenuntergang. Reicht dieses Erleben nicht vollkommen aus? Wäre es nicht eine ekelerregende Perversion, dabei anthroposophisch über den „Sonnengeist“ Christus und seine Blutspende für die Erde zu sinnieren oder an Ra, den ägyptischen Sonnengott, zu denken oder sich auf das Sonnen-Chakra zu konzentrieren und dabei die entsprechenden Mantras zu murmeln. Das wäre das Gegenteil von echter Spiritualität. Hingabe vs. Mind-Fucking.

Charakteristisch für solche Menschen ist auch, daß sie wirkliche Spannung nicht ertragen können, wie sie um Leute wie Reich und Jerome Eden herrschte. Das läuft ungefähr so ab: sie sehnen sich nach „action“ und Kontakt, dann kommt tatsächlich „action“ und Kontakt und sie flüchten „nach oben“ und träumen weiter von „action“ und Kontakt. Eine „spirituelle“ Stufenleiter, die zu immer mehr „Vergeistigung“ führt.

Ich kann an all dem, was uns an „Reichianischer“ angeblicher „Esoterik“ geboten wird, beim besten Willen nichts erkennen, was das orgonomische (for lack of a better term) Paradigma sprengen würde. Ganz im Gegenteil zeigt es nur mal wieder, wie vollkommen überflüssig die „spirituelle“ Ebene ist; daß sie nur eine einzige Funktion hat: vor den ozeanischen Gefühlen, vor der Überflutung des Ich zu bewahren. Es ist ein verzweifeltes Festklammern von Leuten, die ohne diesen Anker, in ihrer Psychose ertrinken würden.

Flucht! Dazu paßt auch das manische Ansammeln diverser Therapietechniken. Wie mal ein südindischer Ayurveda-Arzt gesagt hat: Ich habe 30 Jahre gebraucht, um mich in dieses System auch nur ansatzweise einzuarbeiten – während europäische Ärzte einen dreiwöchigen Kursus machen und dann als „Ayurveda-Spezialisten“ firmieren. Dieses wirre Kraut-und-Rüben-Herumtherapieren kann nur kontraproduktiv sein.

Da reiht sich dann die „Körpertherapie“ ein. Allein schon der Begriff „Körpertherapie“! Entweder weiß man, was man tut, oder man weiß es nicht! Entweder kann man 50 Meter weit schwimmen oder man ertrinkt auf dieser Strecke. Entweder ist man Orgontherapeut oder man ist es nicht. Entweder man ist Chirurg oder man ist es nicht – und Orgontherapie ist nichts anderes als (biophysische) Chirurgie!

Und dann immer dieses Halbwissen. Da ist dann beispielsweise von „Tao-Yoga“ die Rede, das irgendwie mit der „Orgontherapie“ gleichgeschaltet wird. Erst mal werden hier zwei Kulturkreise zusammengemanscht, die wenig miteinander verbindet. Yoga dient der Meisterung des Körpers, damit er der Meditation nicht im Wege steht: der Körper wird wie ein Esel gezüchtigt und unter das Joch (= Yoga) gespannt; die Seele soll hier auf Erden schon genauso frei und unabhängig vom Körper sein, wie später im Tode. Taoistische Übungen andererseits dienen nun weniger der Vergeistigung, sondern ganz im Gegenteil dem Drang nach einem ewigen körperlichen Leben (da der Taoismus ursprünglich kein Leben nach dem Tode kannte), indem die Lebenssäfte nicht sinnlos verausgabt werden: insbesondere durch Coitus reservatus und die Unterdrückung aller Emotionen und Affekte. Beide Traditionen sind im Zen in eins geflossen: die Apotheose des Sitzens und der Unterdrückung aller Gefühle.

Zerschlag das einheitliche Orgon mit deiner blockierten Wahrnehmung und deiner von „Reichianischen“ „Therapien“ irreversibel zerstörten biophysischen Struktur und du hast ein Trümmerfeld vor dir aus abgespaltenen Kräften: Engel-Geistern aus der spirituellen Welt vs. den Dämonen aus der materiellen Welt. Und dein ganzes späteres Leben dreht sich darum, diesen kosmischen Kampf mit Hilfe von „Energiearbeit“ auszufechten.

Ich bin mir sicher, daß ein Mensch, der spürt, wie sein Gehirn sich peristaltisch bewegt (das eigentliche Zeichen eines befreiten okularen Segments), anstatt in einem ständigen „Krampf der reinen meditativen Anschauung“ unbeweglich im Schädel zu ruhen – daß solch ein Mensch gar nicht in der Lage ist, die existierenden östlichen Meditationspraktiken auszuüben. Das ist wie mit der Verdauung: warum sollte ein in dieser Hinsicht gesunder Mensch, sich hinsetzen und „Verstopfung“ üben, um sich der Verdauung bewußt zu werden?! Und das täglich!

Was bedeutet eigentlich „Spiritualität“? Spiritualität ist die Kunst der Unterscheidung. Die Fähigkeit z.B. wahre Kunst von Mist zu unterscheiden. Angesichts dessen, was heute als „moderne Kunst“ gilt, kann man den spirituellen Verfall ablesen. Von dem degoutanten MÜLL, der uns als Esoterik verkauft wird, will ich gar nicht erst reden! Echte Spiritualität ist das Vermögen, wirkliche Tiefe von oberflächlichem Dreck, wie er zu 99,9 Prozent in „Esoterikläden“ angeboten wird, zu unterscheiden.

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10 Antworten to “Du bist nicht Wilhelm Reich! (Teil 2)”

  1. Avatar von O. O. Says:

    In Berlin schien es schon Anfang der 90-er „unter Reichianern“ eine Art Wettbewerb zu geben, wer als erstes die Erleuchtung erlebe. Mir war dieses Hobby fremd. Tatsächlich wurde neben Reichs Tutorien beim Mittagstisch an der FU diskutiert, wie man die Erleuchtung erleben könne und was wohl hierfür zu tun war.- Auch nach Jahren hat wohl keiner von Ihnen eine solche erlebt, aber der Glaube daran war stark. Es war das Äquivalent zur orgastischen Genitalität, jedoch ohne Orgasmuserleben, sondern durch „Sublimierung“ der Körperenergien ins Hirn. – Sozusagen der ultimative „Hirnfick“. Und letzteres ist wohl einigen Gelungen, auch wenn es nicht leuchtet.

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    Heute sind es vor allem einige zwanghaft strukturierte Patienten, die nach einem Stück emotionalem Glück fragen und dies nicht erreichen können. In ihrer depressiven Verzweiflung grübeln sie über den Weg, wie dies für sie zu ereichen ist. Ihnen fällt alles Mögliche ein, warum sie dies nicht erreichen werden und fordern vom Therapeuten die schnelle Erlösung, die Anweisung, die sie dieses Glück schnell für ein paar Stunden erleben läßt.
    Jeder Vorschlag und jeder Satz wird mit einem „ja, aber …“ gekontert und dann wird weitergejammert.

    – So lebt jeder, der nach Erleuchtung Suchende und der nach dem Glücksmoment Jagende in seiner eigenen Welt und verpasst den Moment des blauen Himmels an einem sonnigen Sommertag, von denen es ja kaum noch welche gibt.

    André Heller meinte auf seiner LP „Verwunschen“: „Die größten Abenteuer sind im Kopf! Und sind sie nicht im Kopf, so sind sie nirgendwo.“

  2. Avatar von Klaus Klaus Says:

    Entschuldigung, ich will ja hier nicht wahllos Müll hineinkopieren. Aber man muss einfach sehen, dass in einer öffentlichen Diskussion „Reich“ und „Orgon“ irreversibel mit Eso verquickt ist. Bin da ohne Hoffnung. Man sehe mal hier: http://www.pagan-forum.de/Thema-Orgon-Akkumulator :
    „Hallo,

    oh Göttin, welch Verwechslung!

    Ein Orgonstrahler hat nichts mit einem Orgonakkumulator zu tun! Zumindest nichts was die Bauform betrifft. Die von Paganlord auszugsweise gelieferte Beschreibung ist schon richtig für den Orgonstrahler (Die Beschreibung war auch ursprünglich von mir ;-)), wenn auch nicht alle Details verraten werden.
    Der Orgonakkumulator besteht lediglich aus abwechselnden Schichten Metall und Organischem, verarbeitet zu einem Kasten. Dabei muss der Innenkasten aus Metall sein, die äussere Schicht organisch. Organisch zieht Frequenzen an, Metallisches strahlt ab, dadurch entsteht ein kaskadenähnlicher Effekt (Verstärkereffekt) in EINE Richtung. Verstärkt wird, wie auch beim Orgonstrahler alles. Positiv wie auch negativ. Natürlich ist ein „Orgonakkumulator“ nicht rein negativ. Die Anwendung in unserer versmogden Umgebung lässt ihn jedoch meist negativ funktionieren. Abhilfe ist jedoch möglich.

    Auf Reichs Forschungen (Nicht der Akkumulator!) basieren die meisten psychotronischen Waffen der Russen und Amerikaner. Auch ist die Optimierung der Gehirnwäsche ist auf ihn zurückzuführen. (Orgastischer Zustand: ORG-astisch, daher ORGon)
    Indem ein Mensch im künstlich erzeugten orgastischen Zustand gehalten wird, sind viele Bewusstseinsschichten besser der Programmierung zugänglich.

    das sollte reichen.

    Mit freundlichen Grüßen“

    • Avatar von O. O. Says:

      Wenn man sich über das Internet und mit „Kontakt zum W.R.-Institut“ informiert – welches eigentlich? – dann den Erfahrungsaustausch im chat oder bei facebook sucht, erhält man zwar alle Infos, die man zum Bau vielleicht benötigt, verwechselt es aber immer noch mit einer Pyramide oder einem Vogelkäfig oder ähnlichem. Nichts ist sorgfältig erarbeitet worden. Meinungen bildet man sich dann schon mal vorher. Wenn es das Orgon zum Download geben würde, wären die Server überlastet.
      Aber dieser link zeigt schon mal gut, was von Reich in Zukunft übrig bleiben wird – nach Turner, dem Wilhelm Reich Institut – Callcenter oder in den Medien.

  3. Avatar von Klaus Klaus Says:

    Ein Bekannter berichtete mir von einem Meditationsmeeting, bei dem der ihm bekannte ‚Blütenduft’ wahrnehmbar gewesen sei, der immer dann aufkomme – so seine Theorie –, wenn Meditierende die ‚Energie’, die sie aufnähmen, abgäben.
    Derartige ‚Erfahrungen’ gelten ihm und auch anderen häufig als Hinweis darauf, dass entsprechendes Handeln (Meditieren bestimmter Art …) wünschenswert, vorteilhaft, jedenfalls irgendwie positiv zu werten sei.
    Hier die Frage nach dem Wünschenswerten und der Abgrenzung ‚orgonomischer’ Werte von in Eso-Szenen typischen Werten. Mir ist ‚Blütenduft’ meines Wissens nicht begegnet (außer bei Blüten …). Ist der Blütenduft Hinweis auf Gesundheit? Oder eher auf DOR? Ist DOR schlecht, weil es in bestimmter Weise riecht oder stinkt? Begründungen …

    • Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

      Das atmosphärische DOR entspricht weitgehend dem, was früher „Miasma“ genannt wurde und das vor allem durch „üblen Gestank“ gekennzeichnet war. Man denke auch an den üblen Körpergeruch von Krebskranken im Endstadium („T-Zerfall“). Was gesundes Orgon betrifft: an einem „Orgontag“ sind alle Sinne „gehoben“: alles glitzert, alles klingt klarer, alles duftet.

      Hat sich nicht Jürgen Fischer detalliert mit Orgon und Sinneswahrnehmungen beschäftigt?

      • Avatar von Klaus Klaus Says:

        Kenne ich. Trotzdem hat man damit nichts, was man jmd. sagen kann, der sagt, Meditation sei großartig, und sich dabei offenbar durch Blütenduft (der ja positiv konnotiert ist) gestützt fühlt. Es bestehen in der ‚Orgonomie‘ wie in der Reichisten-Esoterik offenbar Wertungssysteme, wobei ein Phänomen zur Wertung anderer herangezogen wird – z. B. gutes Gefühl bei bestimmter Atmosphäre im ORAC, das den Tag in bestimmter Weise ‚durchstimmt‘ … ; daher will ich immer wieder auf Zusammenhänge hinaus (was hier einmal mit dem böse konnotierten Wort „Korrelation“ besetzt wurde).

        • Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

          Ja, mit Gefühlen kann man wirklich alles „beweisen“. Darauf beruht beispielsweise der Mormonismus: Wenn du im Herzen fühlst, daß es wahr ist, dann ist es wahr!

          Der nächste „Reichianische“ Schritt wäre jetzt natürlich der Hinweis, daß zwar die Schlußfolgerungen aus den Gefühlen beliebig seien, jedoch die Gefühle selbst echt: eine direkte Manifestation der orgonotischen Strömung im Organismus.

          Dagegen werden Meditationsjünger beispielsweise einwenden können, es sei doch genau „umgekehrt“: die Orgonenergie sei in Wirklichkeit das altbekannte Prana, Reich sei ein tantrischer Meister gewesen, ohne selbst davon etwas zu ahnen, und überhaupt sei die „vedische Wissenschaft“ schon vor Jahrtausenden weiter gewesen.

          Die Frage ist also, wie wir aus dem Bereich der bloßen Gefühle und Meinungen herauskommen: nur im Labor und in der Klinik. Ein etwas hilfloser Ersatz sind Berichte über Labor und Klinik.

          Aber die „vedische Wissenschaft“ macht doch genau dasselbe! Soll sie nur!

          Da Wissenschaft wenig mit Wahrheit zu tun hat, sondern nur damit, welche Anschauung die meisten Anhänger für sich gewinnt, ist es letztendlich ein gesellschaftliches Problem, welche Anschauung sich letztendlich durchsetzt: die gepanzerte oder die ungepanzerte.

          Nehmen wir CERN, die wissenschaftliche Einrichtung schlechthin: 99% der Messungen werden nie gesichtet und sofort gelöscht, weil sie von vornherein außerhalb des theoretischen Erwartungshorizonts liegen. Die Orgonenergie hat nicht mal den Hauch einer Chance registriert zu werden… Was ich sagen will: es ist nicht Sache der Phänomene an sich, sondern eine Sache der „Filter“ mit der wir sie wahrnehmen.

      • Avatar von O. O. Says:

        „Hat sich nicht Jürgen Fischer detalliert mit Orgon und Sinneswahrnehmungen beschäftigt?“ – Nein hat er nicht und kann er auch nicht. Er hat sich mit den Toten (Jesus Christi, Wilhelm Reich) beschäftigt und ihnen von den Lippen abgelesen, was sie sagen wollten, wenn sie Jürgen Fischer wären.
        An dem Tag, an dem Jürgen Fischer zum Orgon-Experten gemacht wird, ist der Beweis erbracht, dass das Orgon nicht existiert. Fischer ist der, der mit den Toten spricht, ein DOR-Kommunikator sozusagen. Seine ORACs werden nun im Windschatten von Bilbis hergestellt, also welches Orgon soll da noch rauskommen? Wie sensibel ist seine Wahrnehmung, die nichts merkt?

        Darüber kann mal der meditieren, der möchte; und wenn es dann nach „Blütenduft“ riecht, ist es vielleicht febreze oder ein Reiniger, der durch die gesteigerte Wahrnehmung durch die Nase geht und das ist schon besser als so manch anderer Geruch.

  4. Avatar von claus claus Says:

    Ich halte es eigentlich nicht für nützlich, Links zu dem reichianischen Müll zu liefern. Man braucht nur „Orgon“ u. dgl. zu googeln, und man bekommt ausschließlich diesen Müll. Aber das ist noch mal so exemplarisch: in Berlin, inspiriert von Senf und so, irgendwie zwischen Weltverschwörungseinsicht und Meditation, voller Sehnsucht nach DEM NEUEN MENSCHEN: http://www.strongtools.de/pages/home.php?lang=DE

    Beispiele:

    Die Geburt des „Neuen Menschen“ ist kein Wunschdenken sondern bereits im Vollzug.

    Warum Meditation der größtmögliche Luxus und der Schlüssel zur Lösung buchstäblich aller Probleme ist

    Wer uns wirklich regiert, warum das so ist und welche Auswirkungen das hat.
    Die angestrebte Neue Weltordnung und was es damit auf sich hat

    „Freue dich! Der Neue Mensch kommt, der Alte geht. Das Alte hängt am Kreuz und das Neue ist schon am Horizont. Freue dich! OSHO, ind. Mystiker

  5. Avatar von Peter Nasselstein Peter Nasselstein Says:

    Beispiel für die „Rotverschiebung“ in Deutschland. DIE CDU/CSU muß vernichtet werden genauso wie das übrige kommunistische Gekröse!!!

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