Vulgärorgonomie

In seiner Diskussion mit dem Psychoanalytiker Géza Roheim führt Reich aus, daß Flugzeuge zunächst gebaut wurden, um Distanzen zu überbrücken. Erst im nachhinein wurden sie in Träumen zu phallischen Symbolen. Für Roheim wurden jedoch die Werkzeuge des Menschen (beispielsweise) als Penissymbole geschaffen, die rationale Verwendung sei dann erst sekundär hinzugetreten (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 178).

Das ist ein schönes Beispiel wie fruchtbare Ansätze, etwa die Psychoanalyse, von ihren Vertretern selbst zerstört werden. Beispielsweise auch der Marxismus: natürlich kommt erst das Fressen – aber das zum Anlaß für absurde und verwirrende Überbau-Unterbau-Debatten zu nehmen…

In beiden Bereichen (Freudismus und Marxismus) hat Reich um Rationalität und Klarheit gerungen. Seine Kritiker sind nicht ernstzunehmen, weil ihre Kritik vulgärpsychoanalytisch und vulgärmarxistisch ist.

In diesem Zusammenhang stellt sich die interessante Frage, was eigentlich „Vulgärorgonomie“ ist. Für „Reichianische“ Körperpsychotherapeuten schwebt das, was den Inhalt der Orgontherapie ausmacht, nämlich die Panzerung, ähnlich frei im Raum, wie für Roheim die Inhalte der Psychoanalyse, etwa „Komplexe“, frei im Raum schwebten. Der „Körperpsychotherapeut“ sieht nicht die Funktion, die die Panzerung hat. Um die erfassen zu können, brauchte er nämlich einen Zugang zur Charakteranalyse und Charakterdiagnostik nach Reich und Elsworth F. Baker.

Eine ähnliche Entsprechung findet sich in der sozialen Orgonomie. Mechanisch sind „Reichianer“ von linker Politik begeistert, etwa was sexualökonomische Fragen (Empfängnisverhütung, Abtreibung, etc.) und den Umweltschutz betrifft. Oberflächlich entsprechen linke Wahlprogramme nämlich weitgehend „orgonomischen Forderungen“. Was diese Leute nicht sehen, ist die zugrundeliegende soziopolitische Charakterdynamik, wie Elswort F. Baker und Charles Konia sie dargestellt haben.

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3 Antworten to “Vulgärorgonomie”

  1. claus Says:

    „Oberflächlich entsprechen linke Wahrprogramme nämlich weitgehend ‚orgonomischen Forderungen‘. Was diese Leute nicht sehen, ist die zugrundeliegende soziopolitische Charakterdynamik“
    Das ist gerade das, was Reich von allen trennt, mit denen es im einen oder anderen Bereich Übereinstimmungen gibt:
    – von Liberalen, wenn sie einfach alles OK finden
    – von Konservativen, wenn sie, statt sich an der Sache zu orientieren, in vertrauten Kreisen klüngeln
    – von Ökos, die die Weltrettung organisieren so, als hätten sie alles durchschaut

  2. claus Says:

    Ein Psychoanalytiker über politische Positionen: https://www.derbund.ch/leben/gesellschaft/wie-entstehen-politische-positionen/story/26373924

    ‚Offenheit‘ in der Architektur wie im Charakter:
    https://cellediefreieseite.wordpress.com/2017/10/23/nochmals-auch-zu-otto-haesler-die-grosse-offenheit-eine-kulturelle-konstante-in-charakter-und-architektur/

  3. Robert (Berlin) Says:

    Zu den Reichianern, die Links sind

    Stalin und seine intellektuellen Bewunderer

    Vor 100 Jahren begann mit der Russischen Oktoberrevolution ein Experiment, das weltweit schätzungsweise 100 Millionen Menschen das Leben kostete – der Kommunismus.

    Zitat:
    „Jean-Paul Sartre, der Dramatiker, Philosoph und Hauptvertreter des Existentialismus wird in Wikipedia zu Recht als „Paradefigur der französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. In seinem Aufsatz „Les Communistes et la paix“, der 1952 in Fortsetzungen veröffentlicht wurde, leugnete er die Existenz der Gulags in Stalins Sowjetunion. Nach einer Reise in die Sowjetunion 1954 verstieg Sartre sich zu der absurden Behauptung, dass in der UdSSR volle Redefreiheit herrsche. Er und seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir, die durch ihr feministisches Werk „Das andere Geschlecht“ zur bekanntesten Intellektuellen Frankreichs wurde, waren glühende Bewunderer von Mao Zedong und priesen die von ihm ausgeübte „revolutionäre Gewalt“ als Ausdruck höherer Moral. Sartre bewunderte oder verteidigte alle, die sich irgendwie gegen den Kapitalismus stellten, den Comandante der kubanischen Revolution Che Guevara ebenso wie die deutschen Terroristen von der RAF, die palästinensischen Terroristen, die 1972 in München bei den Olympischen Spielen elf israelische Sportler ermordeten oder den kambodschanischen Diktator Pol Pot, der einen Massenmord am eigenen Volk vollbrachte, dem zwei Millionen Menschen (20 Prozent der Bevölkerung) zum Opfer fielen.

    Dies tat Sartres Bewunderung und Verehrung unter Intellektuellen jedoch ebenso wenig Abbruch, wie etwa die Tatsache, dass Noam Chomsky, der heute bekannteste Linksintellektuelle in den USA, Pol Pots Massenmorde verharmloste oder leugnete. Chomsky meinte, die Zahl der Ermordungen durch Pol Pots Regime beliefe sich bestenfalls auf „einige Tausend“, die Berichte über den Genozid seien Ausdruck einer antikommunistischen Hetze und einer überdrehten Medienkampagne, mit der die Amerikaner von ihren eigenen Verbrechen ablenken wollten.“

    http://www.theeuropean.de/rainer-zitelmann/13015-100-jahre-oktoberrevolution

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