Posts Tagged ‘Freudismus’

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 8)

18. Juli 2021

von Robert Hase

Reich beschreibt nun anhand eines Beispiels die Differenz zwischen formaler Demokratie und Arbeitsdemokratie.

Er berichtet von folgendem Vorfall, der die Bedeutung der Praxis in der Arbeitsdemokratie betont. Er zeigte deutlich die Behinderung des demokratischen Funktionierens durch das Festhalten am Formalismus und die Überlegenheit des arbeitsdemokratischen Prinzips. Nach einer Schulung in Sexualökonomie plante eine Gruppe von Pädagogen die Einrichtung eines Kindergartens. Sie setzten sich zusammen und wählten, rein formalistisch, einen Leiter, einen Schriftführer und einen Kassenwart sowie einige „Ehrenmitglieder“, von denen einer gewählt wurde, weil er versprochen hatte, Geld beizusteuern, was natürlich keine Arbeitsleistung darstellte. Sie mieteten ein Haus, richteten es ein und glaubten nun, sie könnten Kinder aufnehmen. Doch bald zeigten sich schlechte Gefühle, Unstimmigkeiten traten auf und das sichere Zeichen des Scheiterns, „irrationale Ausbrüche“, kam zum Vorschein. Das Unterfangen war spontan entstanden, ohne dass Reich es vorgeschlagen hatte. Aber als die Dinge anfingen, schief zu laufen, wollte er die Leute nicht tiefer in die unglückliche Situation geraten lassen und lud sie zu einem Gespräch ein. Die Situation stellte sich dann wie folgt dar: Der Lehrer, der zum „Geschäftsführer“ gewählt worden war, protestierte gegen die Überlastung mit Arbeit. Die „stellvertretende Direktorin“ wollte keine Arbeit machen, weil sie eine Stelle an einer öffentlichen Schule hatte. Die Sekretärin hatte andere Verpflichtungen und der ehrenamtliche Vorsitzende konnte auch nichts tun. Reich wies darauf hin, dass eine Geldspende keine Arbeitsleistung darstellt. Eine offene Diskussion brachte die irrationalen Hintergründe an den Tag. Der Geldgeber und die Lehrerin, die keine Zeit hatte, waren mit der geheimen Absicht in das Unternehmen eingestiegen, einen Platz für ihr eigenes Kind zu finden. Eine andere Lehrerin gestand, dass sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle und eine dritte gab offen zu, dass sie Angst vor dem Wort „Sexualökonomie“ hatte.

Kurzum, so Reich, sei das Ganze ein klassisches Beispiel für eine rein formalistische Organisation mit allerlei versteckten Motiven, die mit der konkreten Arbeitsfunktion eines Kindergartens überhaupt nichts zu tun hatten. Da alle Beteiligten eine charakterliche Umstrukturierung hinter sich hatten, war die Klärung der Situation nicht schwer. Trotz der bereits getätigten Investitionen entschied man sich, den Plan aufzugeben und auf eine bessere Gelegenheit zu warten. Es wurde deutlich, dass der Plan aus dem Gefühl „wir müssen etwas tun“ erwachsen war und nicht organisch aus den Arbeitsbedürfnissen. Ein Jahr später hatten bis auf eine Ausnahme alle Teilnehmer ihr eigenes konkretes Arbeitsfeld im Rahmen der Sexualökonomie gefunden. Alle blieben gute Freunde; nicht nur ein Kindergarten, sondern mehrere Zweige der Arbeit entwickelten sich organisch. Es gab keine Intrigen und keinen Irrationalismus. So siegte das Prinzip der organischen Entwicklung der Arbeitsinteressen über den zum Scheitern verurteilten Formalismus.

Reich lässt sodann seine wissenschaftliche Entwicklung Revue passieren.

Während sich die Sexualökonomie im Zusammenhang mit der Theorie Freuds und der kritischen Widerlegung seines mechanistischen Kulturbegriffs entwickelte, wuchs die Orgonbiophysik eigengesetzlich. Dabei sei die Kritik an der psychoanalytischen Kulturtheorie nicht möglich gewesen, wenn Reichs Arbeit nicht von Anfang an (1919) vom Prinzip des Funktionalismus geleitet worden wäre, dem Prinzip, das 16 Jahre später zur Entdeckung der kosmischen Orgonenergie führte. Seine funktionelle Methode hat ihre Wurzeln in früheren Studien zur Wahrnehmung (7), also einem Phänomen des Bewusstseins. Ihre Beziehungen zur Psychoanalyse wären sekundär. Das zentrale Problem, das der Plasmapulsation, stände im strikten Gegensatz zur psychoanalytischen Triebtheorie. Während es richtig sei, die Sexualökonomie als einen Abkömmling der Freudschen Theorie zu betrachten, sei es falsch und irreführend, die Originalität der Orgonbiophysik zu leugnen. Die Orgonbiophysik könne nicht als ein Anhängsel der Sexualökonomie und damit der Psychoanalyse betrachtet werden.

Fußnoten

(7) Reich dürfte sich hier – neben Anderen – auf den Naturphilosophen Hans Driesch beziehen, der zur Wahrnehmung Studien betrieb. [Siehe dazu Peters morgige Ergänzung.]

Freudismus, Marxismus, Orgonomie und Verschwörungstheorien

6. April 2020

Gestern habe ich die Frage der Intentionalität offengelassen. Das möchte ich heute nachholen:

Verschwörungstheorien und Orgonomie? Schwierig! Einfach, weil Reich selbst eindeutig „Verschwörungstheoretiker“ war, von wegen „The Red Thread of a Conspiracy“ (Der rote Faden einer Verschwörung), andererseits dieses Denken in Begriffen bewußter Intentionalität der Orgonomie so wesensfern ist. (Wobei natürlich von vornherein zu sagen ist, daß niemand und keine Theorie derartige Verschwörungen jemals wirklich ausschließen kann!)

Die Psychoanalyse war in ihrem Wesen vor allem eine Psychologie, in der es um Bilder, Vorstellungen und Intentionen ging, d.h. um Bewußtsein, das Vorbewußte und vor allem das Unbewußte, das sich aber immer noch mit Hilfe der Sprache ausdrückt. Reich gesamter Ansatz hingegen war es nicht nur jenseits des Bewußtseins, sondern prinzipiell auch jenseits der Sprache zu gehen. Es ging also sozusagen nicht um die „K-a-t-z-e“, sondern um die Katze als „Ding an sich“. Das Unbewußte war entsprechend unmittelbar in der verspannten Muskulatur gegeben, jenseits aller Sprache. Und die Sprache selbst war unmittelbarer Ausdruck von Körperlichkeit, beispielsweise in dem Wort „Hartnäckigkeit“. Psychologie und Soziologie wurden auf Biologie reduziert und die weiter auf Physik bzw. „Biophysik“.

In dieser Weltsicht bleibt kein Platz für eine zentrale Rolle von Intentionalität, dem „freien Willen“, der insbesondere in der Gestalt des „gefallenen Engels“ Satan zum Ausdruck kommt, der dem Vaterunser zufolge mit seinen bewußten Machinationen hinter allem steckt, was in der Welt falschläuft. Auf diese Vorstellung lassen sich wirklich alle Verschwörungstheorien zurückführen, von der „jüdischen Verschwörung“ („die Synagoge Satans“) angefangen. Das Denken der weitaus meisten Menschen auf diesem Planeten wird von diesem Grundmuster („alles läßt sich auf die böse Intention zurückführen“) geprägt, insbesondere in der moslemischen Welt.

Für die Orgonomie gibt es nicht „den Bösen“, sondern nur „das Übel“ der Panzerung, das jeden guten Impuls in sein Gegenteil verkehrt. Mit anderen Worten geht es um Struktur ganz entsprechend dem Marxismus. In Der Mensch im Staat legt Reich größten Wert darauf, daß für Marx die Kapitalisten keine „Teufel“ waren, sondern Menschen, die in einem System gefangen sind, das ihnen selbst keine Wahl, keine Willensfreiheit läßt. Von daher sind alle Verschwörungstheorien über „die bösen Kapitalisten“ null und nichtig bzw. rotfaschistische Propaganda.

Wenn Reich von „Verschwörung“ spricht, dann meint er etwas vollständig anderes: die Emotionelle Pest, d.h. keine intentionale, „gedankliche“ Verschwörung, sondern eine emotionale Verschwörung. Dabei geht es um objektive Strukturen, d.h. die Panzerung, die aus gesunden (primären) Impulsen kranke (sekundäre) Impulse macht, welche für gepanzerte Menschen leider ansprechender (sozusagen naher) sind als die primären (die bedingt durch den Panzer fern, fremd und deshalb nicht ansprechend wirken). Es entwickelt sich entsprechend ein struktureller Zwang „Böses“ (eben „Sekundäres“) zu tun, ähnlich wie bei Marx die Kapitalisten auch bei besten bewußten Intentionen durch das kapitalistische System gezwungen sind, die Arbeitskraft ihrer Mitmenschen auszubeuten.

Die hier erläuterte Unterscheidung mag spitzfindig klingen, entspricht aber dem, wie Reich den Unterschied zwischen ursprünglichem „Arbeiterkommunismus“ und dem späteren roten Faschismus der Sowjetunion beschrieb. Gleicher Art ist der Unterschied zwischen den üblichen Verschwörungstheorien und dem, was Reich mit „The Red Thread of a Conspiracy“ ausdrücken wollte. Ihm ging es dabei nicht um „Verschwörungen“ per se, sondern um „emotionale Verschwörungen“, die auf dem beschriebenen (charakter-) strukturellen Zwang beruhen.

Buchbesprechung: THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson (Teil 2)

22. Dezember 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Für diese Phase seiner Bewertung von Reich greift Robinson auf die verleumderischen Verzerrungen von Mildred Edie Bradys New Republic-Artikel vom 26. Mai 1947 zurück: „[Reich] etablierte bald eine lukrative Privatpraxis.“ „Orgonenergie konnte verwendet werden, um eine beliebige Anzahl von psychischen und physischen Krankheiten zu heilen, von Hysterie bis Krebs.“ „[Er] beobachtete die blaue Färbung von sexuell erregten Fröschen.“ Etc., etc. (Alles Kursive von mir – P.M.) Darüber hinaus wird Reich zu einem „religiösen Denker“, der „zu dem Schluss kam, dass die Religion, auch wenn sie reaktionär ist, der legitime Vorläufer seiner eigenen Wissenschaft ist“. Dies leitet er aus seiner offensichtlichen Fehlinterpretation von Christusmord und Die kosmische Überlagerung ab. Reich wird erneut eine „anti-intellektuelle Voreingenommenheit“ vorgeworfen, da Robinson, wie Rieff, nicht in der Lage ist, zwischen dem Intellekt als Abwehr und dem Intellekt des Kerns zu unterscheiden. Auf besonders raffinierte Weise missbraucht er Reichs Spekulation, Selbstwahrnehmungsprozesse könnten für den Ursprung der menschlichen Panzerung verantwortlich gewesen sein und behandelt sie wie ein Dogma: „Gleichzeitig erreichte die anti-intellektuelle Voreingenommenheit, die implizit in allen von [Reichs] Gedanken enthalten ist, schließlich eine explizite Formulierung: Der Mensch wusste zu viel für sein eigenes Wohl“ (S. 70).

Robinson ist besonders nachtragend gegenüber Reichs Konzept der emotionellen Pest und sagt: „Er hypostasiert alle Kritiker seiner Theorien zu ‚die emotionelle Pest‘ und erweist sich damit Freud mehr als ebenbürtig, was die Kunst des ad hominem-Arguments betrifft.“ Hier zeigt er nicht nur seine Unkenntnis der Definition der Pest durch Reich sowie von dessen wahren Motiven, sondern versucht auch, sich selbst gegen eine möglicherweise berechtigte Anschuldigung zu immunisieren.

Nachdem er eingeräumt hat, dass Reichs Gefühl der Verfolgung durchaus gerechtfertigt ist, kommt er zu dem Schluss: „Das war das traurige, aber (man kommt um das Gefühl nicht herum) angemessene Ende einer Karriere, die so zutiefst ernst und hoffnungslos grandios war, dass sie unmerklich in eine Farce verblasste“ (S. 73). Man kann sich nur fragen, warum Robinson überhaupt behauptet, Reich zu bewundern. Die Antwort liegt zweifellos nicht nur darin, dass er die Größe Reichs schemenhaft erahnt, sondern auch darin, im Namen der Sexualbejahung und unter dem Vorwand eines bewundernden Freundes, der ausgesprochen fair ist (vgl. S. 69, 70), die Bedrohung durch Reichs Theorie der Genitalität zu beseitigen; und natürlich auch in seinem Wunsch, durch „Neuinterpretation“ sich jener Aspekte von Reichs Werk zu bemächtigen, von denen er glaubt, dass sie seine politische Voreingenommenheit bestärken und bestätigen – was er in seiner Einleitung einräumt. So ist sein expliziter Vorsatz in diesem Buch, Freud selbst zu radikalisieren (in der Marcusianischen Wortbedeutung bzw. der der Neuen Linken) und jene Vertreter des „Freudschen“ Denkens, deren Theorien – speziell im sexuellen Bereich – revolutionäre Auswirkungen im politischen Sinne haben. Tatsächlich ist dies ein modernes Gegenstück (mit sehr unterschiedlichen Motivationen) zu Reichs seit langem aufgegebenem Versuch, Freud und Marx zu verschmelzen.

Robinson abstrahiert bei Roheim jene Aspekte seiner anthropologischen Erkenntnisse, die die Idee der Unvereinbarkeit von Kultur und Gesundheit unterstützen, insbesondere dessen Studien über die australischen Ureinwohner, deren Kindererziehung in jeder Hinsicht sexuell frei war, außer dem Inzesttabu (was Freuds Konzept des Urverbrechens unterstützte). Er führt Roheims Konservatismus bei der Lösung des Dilemmas der westlichen Gesellschaft auf dessen Loyalität zu Freud und die Fixierung auf den Pessimismus von Das Unbehagen in der Kulturc zurück. Robinson ist besonders beeindruckt von Roheims Erkenntnis, dass „der Schlüssel zum Wohlbefinden der Primitiven in der allgemeinen Permissivität ihrer Kultur [liegt]“. Dies ist ein wichtiger Punkt, da es mit der Identifikation des Autors mit Marcuse zusammenhängt. Freuds „Radikalismus“ läge in seinem Konzept eines Antagonismus zwischen Trieb und Kultur sowie in seinem Konzept des Todestriebs, den Norman Brown und Marcuse interessanterweise auf unterschiedliche Weise in ihre Philosophien aufgenommen haben.

 

Anmerkungen des Übersetzers

c Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift Sigmund Freuds.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 136-140.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Sexpol 2018: Vernichtet den Freudianismus und „Reichianismus“!

14. November 2018

Bei Freud und den anderen Vertretern der Psychoanalyse wird man vergeblich nach einer Beschreibung des genital-orgastischen Erlebens suchen. Es wird reduziert auf infantil-perverse Libidoanteile wie Saugen, Pissen und Defäkieren. „Orgasmus“ kommt nur vor als „Rückkehr in den Uterus“ bzw. als illusorische selige Erfahrung der einstigen symbiotischen Beziehung des Säuglings zur Mutter. Letztendlich ist für den Psychoanalytiker der Orgasmus eine „Illusion“ wie die Religion. Der reife, durchanalysierte Mensch kann über Kindereien wie die Reichs nur milde lächeln!

Die sexualfeindliche Reaktion ist zäh, weshalb im „Reichianismus“ Freud ständig neu aufersteht. Hier wäre beispielsweise Modju Alexander Lowen zu nennen, der ganz im Sinne Freuds die Funktion des Orgasmus durch das „Grounding“ ersetzte, die Verbindung zur „Mutter Erde“; das Ersetzen des Lustprinzips, durch das Realitätsprinzips. In „neo-Reichianischen“ Kreisen ist die Ablehnung der Konzepte „Genitalität“ und „genitaler Charakter“ universell. Imgrunde ist das alles eine Wiederkehr des Freudianismus und man kann es durchweg in die Tonne treten, Dieses Ungeziefer wird ausgemerzt werden, die Geschichte wird über diesen reaktionären Dreck hinwegschreiten!

TOD DER REAKTION!

Wilhelm Reich, Marxist

22. Oktober 2018

Marx hatte recht: Ideologie ist ein Nichts im Vergleich zur materiellen Determinierung des Lebens. Pseudomarxistische Idealisten wie Herbert Marcuse und Erich Fromm, die der bourgeoisen Medien eine derartige Macht andichteten, haben das nie ganz durchschaut: daß nach Marx das materielle Sein und nicht das ideelle Bewußtsein die Handlungen der Menschen bestimmt. Im Gegensatz zu diesen beiden kleinbürgerlichen Afterphilosophen ist Reich dem Materialismus treu geblieben und dabei sogar einen Schritt weitergegangen als Marx. Nach Reich sorgen nicht die kapitalistischen Produktionsverhältnisse dafür, daß die kapitalistische Ideologie bei den Arbeitern verfängt („die herrschende Ideologie ist die Ideologie der Herrschenden“ – apropos die besagten „bourgeoisen Medien“), sondern deren in der verkrampften Muskulatur konkret greifbare Charakterstruktur sorgt erst für den fruchtbaren Boden, auf dem diese Ideologie gedeihen kann. Die Menschen werden zu ängstlichen Wesen erzogen, können deshalb nicht für das Eigene eintreten und verfangen sich deshalb in der Multikulti-Ideologie der global operierenden Großkonzerne und deren „antifaschistischer“ SA-Mörderbanden.

Entsprechend ist der Hebel zu einer grundsätzlichen Gesellschaftsänderung weder der materielle Unterbau, noch der ideologische Überbau, sondern vielmehr die Kindererziehung, in der die Charakterstrukturen zukünftiger Generationen geformt werden. Die Quintessenz von Reichs Marxismus (und übrigens gleichzeitig auch seines Freudismus) ist das Projekt „Kinder der Zukunft“.

Vulgärorgonomie

1. November 2017

In seiner Diskussion mit dem Psychoanalytiker Géza Roheim führt Reich aus, daß Flugzeuge zunächst gebaut wurden, um Distanzen zu überbrücken. Erst im nachhinein wurden sie in Träumen zu phallischen Symbolen. Für Roheim wurden jedoch die Werkzeuge des Menschen (beispielsweise) als Penissymbole geschaffen, die rationale Verwendung sei dann erst sekundär hinzugetreten (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 178).

Das ist ein schönes Beispiel wie fruchtbare Ansätze, etwa die Psychoanalyse, von ihren Vertretern selbst zerstört werden. Beispielsweise auch der Marxismus: natürlich kommt erst das Fressen – aber das zum Anlaß für absurde und verwirrende Überbau-Unterbau-Debatten zu nehmen…

In beiden Bereichen (Freudismus und Marxismus) hat Reich um Rationalität und Klarheit gerungen. Seine Kritiker sind nicht ernstzunehmen, weil ihre Kritik vulgärpsychoanalytisch und vulgärmarxistisch ist.

In diesem Zusammenhang stellt sich die interessante Frage, was eigentlich „Vulgärorgonomie“ ist. Für „Reichianische“ Körperpsychotherapeuten schwebt das, was den Inhalt der Orgontherapie ausmacht, nämlich die Panzerung, ähnlich frei im Raum, wie für Roheim die Inhalte der Psychoanalyse, etwa „Komplexe“, frei im Raum schwebten. Der „Körperpsychotherapeut“ sieht nicht die Funktion, die die Panzerung hat. Um die erfassen zu können, brauchte er nämlich einen Zugang zur Charakteranalyse und Charakterdiagnostik nach Reich und Elsworth F. Baker.

Eine ähnliche Entsprechung findet sich in der sozialen Orgonomie. Mechanisch sind „Reichianer“ von linker Politik begeistert, etwa was sexualökonomische Fragen (Empfängnisverhütung, Abtreibung, etc.) und den Umweltschutz betrifft. Oberflächlich entsprechen linke Wahlprogramme nämlich weitgehend „orgonomischen Forderungen“. Was diese Leute nicht sehen, ist die zugrundeliegende soziopolitische Charakterdynamik, wie Elswort F. Baker und Charles Konia sie dargestellt haben.

Willi gegen den Rest der Welt (Teil 1)

1. Oktober 2017

Man muß sich vergegenwärtigen, zwischen was für Leuten sich das Leben Reichs abgespielt hat: Sohn eines brutalen tyrannischen Vaters, alles drehte sich nur um Geld und Status; entsprechend wurde die Familie Reich fallengelassen, nachdem sich sein Vater verspekuliert hatte. Im Krieg mußte Reich als Offizier einfache Menschen in den Tod schicken, die nicht die geringste Ahnung hatten, worum es überhaupt ging – wenn das denn überhaupt jemand sagen konnte. Nach dem Krieg wurde Reich und sein Bruder um ihr gesamtes Erbe betrogen. Als Student und angehender Psychoanalytiker fand er sich zwischen Leuten wieder, bei denen sich alles um „Kultur“ drehte und die ein verbildetes, durch und durch pornographisches Verhältnis zur Sexualität hatten. Er war von Anfang an „ein Fremder“.

Wenn man seine frühen autobiographischen Aufzeichnungen in Die Leidenschaft der Jugend mit Elsworth F. Bakers Erinnerungen My Eleven Years with Wilhelm Reich oder auch mit Ilse Ollendorffs Erinnerungen vergleich, hat sich Reich nicht geändert. Beide, Ollendorff und Baker, haben Reich im wahrsten Sinne des Wortes nackt gesehen, die erstere weil sie mit ihm gelebt hat und der zweite, weil er praktisch alle Familienangehörigen Reichs (Frau, Sohn, Tochter) inkl. Reichs Geliebte (Wyvell, Karrer, etc.) in Therapie hatte. Baker war z.B. auch als Vermittler unmittelbar dabei, als sich Reich gegenüber Theodore Wolfe absolut säuisch verhalten hatte, – weil Reich nicht ertragen konnte, in Wolfes Schuld zu stehen. Und Reich hat auch Baker fertiggemacht, das eine und einzige Mal als sich Baker in seinem Leben wirklich geöffnet hatte (infolge einer Behandlung mit dem Medical DOR-Buster), – weil Reich es nicht ertrug, daß Baker, auf dessen Frau Reich scharf war und der als einziger von Reichs Schülern eine Persönlichkeit mit Charisma hatte, glücklich war. Pestilentes Verhalten!

Reich war, wie Baker diagnostiziert hat, ein typischer phallisch-narzißtischer Charakter aufgrund seiner Familiengeschichte, aber das, was ihn von den anderen Menschen unterschieden hat, war, daß all diese Pathologie anders als bei anderen gar nicht ins Gewicht fiel, weil sein bioenergetischer Kern sein gesamtes Funktionieren dominiert hat. Das ist das Wesentliche, während der Rest uninteressante Pipifaxe ist!

Dieser Kern war immer das, was seine Mitmenschen so beunruhigt hat, eben nicht Reichs Neurose, sondern seine Gesundheit hat sie auf die Palme gebracht. Nehmen wir z.B. Otto Fenichel, der ein zwangsneurotisches Wrack mit Zählzwang und ein einfach unerträglicher analer Schleimer und Intrigant war. Über den hat sich nie jemand aufgeregt, ist nie jemand groß hergezogen, weil er ein Halbirrer und ein Schwein war. Nur an Willi und seinen harmlosen „phallischen“ Allüren zieht sich jeder hoch.

Freud hatte einen ganz ähnlichen phallischen Charakter, hat sich menschlich weit schweinischer, selbst-mystifizierender und unwissenschaftlicher verhalten als jemals Reich. Aber niemand zieht so über ihn her, wie über den armen Willi. Warum ist das so? Sie schlagen den Esel (Reichs Neurose), meinen aber den Reiter (Reichs gesundes Funktionieren aus dem Kern heraus). Wäre Reich nur neurotisch gewesen, wäre er nie als „Psychopath“ oder gar „Psychotiker“ beschimpft worden.

Aber zurück zu Die Leidenschaft der Jugend: Ich glaube, viel an dem neurotisch Selbstunsicheren der Tagebucheintragungen nach dem Krieg ist darauf zurückzuführen, daß Reich, der wenige Wochen zuvor noch Dutzende Soldaten befehligt hatte und als Offizier auch im zivilen Umfeld ganz oben angesiedelt war, plötzlich sozial kaum mehr war als ein Penner und ein infantiler Schüler (mit „Akne“, seine Hautkrankheit), der zu allem Überfluß im Vergleich zu jüngeren, die nicht gedient hatten und sich deshalb am kulturellen Leben beteiligen konnten, intellektuell zurückgeblieben war. Reich ist also in ein tiefes Loch gefallen, auf das er in keinster Weise vorbereitet war. Interessant auch seine damaligen Probleme mit Frauen, die seiner großbourgeoisen Klasse eigen waren: die Trennung der Frau in „hohes Fräulein“ (Lia Laszky) und Hure aus den niederen Ständen (Lore Kahn). Aber schließlich hat er in Annie Pink („Lia Laszky die sich mit Lore Kahn identifiziert“) die Synthese aus beiden gefunden.

Der Zeitzeuge aus den 1930er Jahren, Norbert Ernst, beklagt an Reich das „Reich hat immer recht!“ Ich persönlich halte das Rechthaben für einen meiner wenigen nicht neurotischen Züge! Es gehört einfach zu einer gesunden Seelenökonomie sich nicht ablenken zu lassen von Typen wie Norbert Ernst, die immer alles ausdiskutieren aber erstaunlicherweise doch niemals ihre Meinung, ihre Haltung ändern – während der angeblich dogmatische, „verhärtete“ Reich sich ständig verändert hat. Das Tragische ist vielleicht, daß Reich viel zu sehr sich hat von Leuten wie Norbert Ernst dreinreden lassen. Zum Beispiel hätte es wohl mehr seinem Wesen entsprochen, wenn er während der Zeitungskampagnen in Oslo und New York auf den Tisch gehauen und Verleumdungsklagen eingereicht hätte. Stattdessen hat er sich in Oslo von ängstlichen Emigranten und in New York von linksliberalen Rechtsanwälten beschwatzen lassen, ja schön ruhig zu bleiben und den Sturm vorbeiziehen zu lassen: Reich muß in Analyse, Reich muß ruhiger werden, nicht so nervös und aufbrausend, sondern genauso neurotisch-blasiert vor sich hingrinsend wie wir labeligen Neurotiker.

nachrichtenbrief35

16. Juni 2017

Auf dem Weg zur Antiorgonomie (Teil 1)

18. Mai 2016

Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre war Reich ein Kommunist. Reich wurde von der KPD zur Mitgliederwerbung mißbraucht. Heute nimmt z.B. entsprechend Die Linke buchstäblich alles Wahre, Gute und Schöne mitsamt ihrer Vertreter in Beschlag. Diese Grundtendenz zum Mißbrauch des Lebendigen ist keine Stalinistische Entstellung, sondern gehört zum falschen, verlogenen Grundwesen des Marxismus („die soziale Fassade“). Deshalb sind Marxisten, gerade wenn sie sich Reich positiv zuwenden, Todfeinde der Orgonomie. Das Fatale ist, daß sie zu diesem Mißbrauch von Reich selbst geradezu eingeladen wurden. Mit der Revision seiner alten Marxistischen Texte wollte Reich in den 1940er Jahren seinen eigenen Marxismus der 1920er/1930er Jahre zurückdrängen, doch dummerweise hatte dies bei der Veröffentlichung in Europa den gegenteiligen Effekt, denn so wurde die Orgonomie in einem Marxistischen Kontext vermittelt. Reich hatte sich bereits 1951 voller Selbstzweifel notiert:

Ich muß damit aufhören, meine früheren Bücher zu vertreiben, z.B. Massenpsychologie und Sexuelle Revolution. Nicht, weil sie falsch sind, sie stehen so da, wie sie geschrieben wurden, sondern weil sie die entscheidende Frage, d.h. die Orgonenergie, verdecken und von den Leuten mißbraucht werden. (z.n. Chester M. Raphael: Wilhelm Reich – Misconstrued – Misesteemed, New York 1970, S. 86)

Das Phänomen des „Reichschen Freudo-Marxismus“ kann man am besten anhand des orgonomischen Modells von der Dreischichtung der menschlichen Charakterstruktur erfassen:

Die oberflächliche soziale Fassade ist das Reich des Marxismus, der die Vorstellung, der Mensch sei primär Objekt der Biologie, vehement von sich weist, vielmehr läßt er den Einzelnen und seine Bedürfnisse in ein kollektivistisches Ensemble sozialer Beziehungen aufgehen. Es ist die kontaktlose Theorie des Intellektuellen, der vom Leben isoliert das Leben mit Theorien bewältigen will, ohne sich vorher auf das Leben einzulassen. Entsprechend kann die Marxistische Soziologie nur ökonomisch rationales Verhalten erklären. Reich schreibt im Rückblick auf seine Marxistische Periode:

Die Kluft zwischen ökonomistischer und bio-soziologischer Anschauung wurde unüberbrückbar. Der „Theorie des (vom rationalen ökonomischen Kalkül geleiteten, PN) Klassenmenschen“ trat die irrationale Natur der Gesellschaft des Tieres „Mensch“ gegenüber. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 21)

Was für Marx rational war (der durch unterschiedliche ökonomische Interessen bestimmte Klassenkampf), wurde für Reich zum Inbegriff der Irrationalität, während das, was für Marx irrational war (die Postulierung gemeinsamer Interessen zwischen den Klassen), für Reich die Essenz seiner Bio-Soziologie wurde: die alle Klassen übergreifende natürliche Arbeitsdemokratie.

Freud war in den Bereich des Irrationalen vorgestoßen, ist aber in der von den sekundären Trieben entstellten mittleren Schicht der Charakterstruktur steckengeblieben. Bei ihm löste sich das Leben in einen sadomasochistischen Alptraum auf, über den sich der menschliche Geist stoisch erheben muß. Während Marx mit seinem Hegelianischen Geschichtsmystizismus die gesamte bisherige Entwicklung, das gesamte bisherige Patriarchat gerechtfertigt hatte, da es im Paradies münden würde, leugnete der resignative Schopenhauerianer Freud überhaupt jede Entwicklung zum Besseren.

Reich hat die optimistischen Illusionen der sozialen Fassade und die Resignation der sekundären Schicht transzendiert und ist zum biologischen Kern des Menschen vorgedrungen. Zunächst war Reich aber selbst noch in Illusionen befangen und wollte einen ins optimistische gewendeten Freud mit Marx verbinden: das perverse Unbewußte sei ein Produkt jener sozialen Prozesse, die Marx beschrieben und beherrschbar gemacht hätte. Hatten die Marxisten aber schon Probleme mit Freud, der doch immerhin lehrte, der Mensch müsse in die anarchische Natur ähnlich eingreifen wie ins Marktgeschehen, konnten sie rein gar nichts mit der nun vollkommen dem menschlichen Zugriff entzogenen ahistorischen Biologie Reichs anfangen.

Reich selbst erkannte zunehmend, daß dieser Widerstreit von Psychoanalyse und Marxismus wenig mit Wissenschaft zu tun hatte, sondern daß die beiden Weltanschauungen eine Funktion des jeweiligen Charakters ihrer Exponenten waren. Dieser war für das resignative konservative Beharren auf der einen und die optimistische liberale Kontaktlosigkeit auf der anderen Seite verantwortlich. Die Psychoanalyse beharrte gegen Reichs Optimismus auf der Unwandelbarkeit der Conditio humana. Reich mußte aber auch erkennen, daß Marx ihm nichts zu geben hatte:

Die ökonomischen Bewegungen, die durch den Einfluß von Karl Marx auf die Soziologie entstanden sind, haben durch das Hervortreten eines neuen menschlichen und sozialen Problems die Basis ihrer Wirksamkeit verloren. (Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Fischer TB, S. 10)

Die soziale Existenz des Lebewesens Mensch ist bioenergetisch betrachtet an sich nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seines biologischen Daseins. (Ausgewählte Schriften, S. 24)

Die Orgonomie kann mit dem Marxismus rein gar nichts anfangen. Doch leider ist es umgekehrt anders und es entwickelt sich eine „Antiorgonomie“.

Man versucht Reichs Lebenswerk systematisch Schritt für Schritt aufzuarbeiten, so wie es sich historisch entwickelt hat: von Freud über Marx zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ und schließlich dem „kosmischen Orgon-Ingenieurswesen“. Demnach könne man beispielsweise Reichs Konzept der „Arbeitsdemokratie“ erst richtig verstehen, wenn man sich mit dem Marxismus beschäftigt hat (der in diesem Zusammenhang viel wichtigere Leninismus wird dabei stets ausgeblendet!); die Orgonbiophysik erschließe sich erst vor dem Hintergrund der Psychoanalyse, etc.

Ich, der Verfasser einer umfangreichen Chronologie und Bibliographie der Entwicklung des Reichschen Denkens bin sicherlich der letzte, der diese Herangehensweise nicht zu würdigen weiß, doch trotzdem ist ihr ein tiefgreifender Denkfehler inhärent, denn Reichs Entwicklung verlief sozusagen „falsch herum“. Er hat sich von der Psychologie (Psychoanalyse) über die Soziologie (Marxismus) zur Biologie (Orgon-Biophysik) entwickelt. Also vom oberflächlichsten Funktionsbereich zum tiefsten Funktionsbereich. Nun kann man jedoch daß Höhere nur vom Tieferen her verstehen.

Es geht schlicht darum, daß in der Natur tiefere und umfassendere Funktionsbereiche die höheren und weniger umfassenden Funktionsbereiche bestimmen statt umgekehrt. Das Umgekehrte ist, wie ich gestern ausgeführt habe, funktionell identisch mit widernatürlicher Panzerung. Wer also, wie die erwähnten „kritischen Orgonomen“, Reich „chronologisch“ aufarbeiten will, verfehlt die Orgonomie auf eine denkbar fundamentale Weise. Mehr Entstellung geht gar nicht!

Es ist schlicht und ergreifend Unsinn die Charakteranalyse, wie sie heute von Orgontherapeuten angewendet wird, von Freud her begreifen zu wollen, „um tiefer in sie einzudringen“. Desgleichen wird man die Arbeitsdemokratie grundlegend mißverstehen, wenn man sie von Reichs Beschäftigung mit Marx her begreifen will. Das gleiche gilt auch beispielsweise für den Orgonomischen Funktionalismus und Engels.

Die entsprechenden „systematischen“ Ausführungen „kritischer Orgonomen“ mögen ja alle sehr schlau und akademisch klingen, man wird alle möglichen Reich-Zitate anführen können (teilweise auch aus Reichs späteren Jahren!), aber das ändert nichts an der Tatsache, daß hier eine Art „Orgonomie“ konstruiert wird, die tatsächlich so etwas wie Antiorgonomie ist. Eine Orgonomie, die auf den Kopf gestellt ist.

Übrigens beruhte auch ein Gutteil des mittlerweile zum Glück weitgehend erloschenen „Reichianismus“ auf dieser „Antiorgonomie“. Ich kann mich noch gut an die arroganten Ergüsse erinnern: die Amerikaner könnten Reich gar nicht verstehen, weil sie seine Frühschriften nicht kennen; von Arbeitsdemokratie hätten sie keine Ahnung, da sie nichts von Marx verstünden, etc.pp.

Da gibt es Leute, die haben die erste Hälfte der Charakteranalyse gelesen, fangen an wild herumzupsychologisieren – und glauben allen ernstes damit Orgonomie zu betreiben. Nicht weniger schlimm sind jene, die angeregt durch die zweite Hälfte der Charakteranalyse, sich als „Körpertherapeuten“ verstehen, d.h. die Orgontherapie auf eine Art mechanische „Gymnastik“ reduzieren.

Oder man nehme jenen amerikanischen Erzieher, der vor vielen Jahren im Wilhelm Reich Museum einen Vortrag hielt, in dem er Elsworth F. Bakers Ausführungen über die soziopolitischen Charaktere als „Travestie der Orgonomie“ abkanzelte, denn wie man anhand der Massenpsychologie des Faschismus unschwer erkennen könne, habe Reich seine soziologischen Theorien von Marx und Engels abgeleitet, von denen Baker keine Ahnung habe. Baker erklärt soziologische Phänomene von der Orgon-Biophysik (d.h. hier von der Charakterstruktur) her – und wird dafür von einem „buchkundigen“ „kritischen Orgonomen“ angegriffen.

Fast alle diese Leute haben eine linksliberale Charakterstruktur und entsprechend „intellektualisieren“ sie alles: eine oberflächliche Funktion (das Gehirn, der Intellekt) maßt sich an, die tiefere Funktion (den Körper, die Bioenergie) zu bestimmen. Von ihrer verkorksten Struktur her können sie die Orgonomie unmöglich verstehen. Sie bleibt ihnen imgrunde fremd.

Psychologismus, Soziologismus, Biologismus

22. Januar 2015

Freud hat darum gerungen, kein Biologe („Naturkundler“) mehr zu sein, sondern als Psychologe anerkannt zu werden. Die Soziologie hat er als eigenständiges Wissensgebiet abgelehnt:

Denn (…) die Soziologie, die vom Verhalten der Menschen in der Gesellschaft handelt, kann nichts anderes sein als angewandte Psychologie. Streng genommen gibt es ja nur zwei Wissenschaften, Psychologie, reine und angewandte, und Naturkunde. (Freud z.n. Béla Grunberger und Janine Chesseguet-Smirgel: Freud oder Reich?, Frankfurt 1979, S. 31)

Angesichts von Reichs Schriften Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre wird den Orgonomen von „Reichianern“ ab und an vorgehalten, „biologistisch“, gar im Freudschen Sinne „psychologistisch“ zu sein. Und wenden Orgonomen nicht tatsächlich „bioenergetische“ Konzepte auf die Gesellschaft an, so wie es einst Psychoanalytiker mit weitgehend identischen psychoanalytischen Konzepten getan haben? Was doch Reich heftig kritisiert hat! Dazu sollte man sich folgendes grundlegendes Schema in Erinnerung rufen (vgl. Äther, Gott und Teufel):

biosoziopsy1

Reich ist in seiner Entwicklung von der Psychologie ausgegangen (Freud), hat diese Beschränkung über seine Beschäftigung mit der Marxistischen Bewegung überwunden (Soziologie) und ist dann weiter zur „sexualökonomischen Lebensforschung“ vorgedrungen (Biologie). Dabei war die Soziologie bereits in der Tiefenpsychologie angelegt (der Ödipuskomplex geht auf die Beziehung zwischen Menschen zurück) und die Biologie sowohl im Freudismus als auch im Marxismus (Libidotheorie, „lebendige Arbeitskraft“, Dialektischer Materialismus). Man kann psychologische Phänomene von der Soziologie her betrachten und beides von der Biologie her, aber es macht keinen Sinn diese Reihe umzukehren, soweit nicht rechte Bereiche (siehe das Schema oben!) in linken Bereichen bereits angelegt sind – was aber erst sichtbar wird, wenn man von rechts nach links zurückschaut.

Beispielsweise geht es bei einem Streik um „materielle“, „objektive“ Interessenkonflikte, die mit tiefenpsychologischen Begriffen nur verkleistert werden. Wenn es jedoch um offensichtlich irrationale Überlagerungen ökonomischer Interessenkonflikte durch Ideologien und um Machtmißbrauch geht, macht eine biologische Betrachtung durchaus Sinn: der gepanzerte (sozusagen „biologisch behinderte“) Mensch handelt irrational und sozusagen „unsoziologisch“. Diese biologische (d.h. charakterologische) Betrachtung kann dann durchaus auf psychoanalytische Versatzstücke zurückgreifen. Das ist auch deshalb so, weil es sich sowohl bei der Psychoanalyse als auch bei der sexualökonomischen Lebensforschung im Gegensatz zur Soziologie um die Betrachtung innerer Phänomene handelt.

In diesem Zusammenhang verlohnt sich zu erwähnen, daß die Freudsche Therapie ausschließlich kopfzentriert ist (Psychologie). In der Orgontherapie geht es hingegen nicht um die „Innenschau“ und darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern ein befriedigendes Liebes- und Arbeitsleben aufzubauen, d.h. um unsere Beziehung zu unseren Mitmenschen (Soziologie) und natürlich um den Körper, Atmen, Ausdruck (Biologie).

Einerseits haben gesellschaftliche Phänomene ein Eigenleben und andererseits spielt sich das, was es an orgonotischen Erregungsprozessen gibt, nicht in der Gesellschaft, sondern im Inneren der Individuen ab. Beispielsweise kann man den Kommunismus mit Krebs vergleichen. Die „Energieproduktion“ der Gesellschaft wird eingestellt, die Gesellschaft stirbt und hinterläßt einen zerfallenden Leichnam, der seine Umgebung vergiftet („T-Bazillen“). Wir sehen dies gerade in der Ukraine. Die wirkliche Schrumpfung findet jedoch in den Organismen der Individuen statt. Nicht die Gesellschaft schrumpft bioenergetisch, sondern das Protoplasma der Individuen. Nicht Orgonenergie fließt durch die Gesellschaft, sondern Informationen und Güter, die dann sekundär die Orgonenergie in den Individuen anregen. Umgekehrt hört der besagte Informations- und Güte-„Fluß“ auf, wenn die Orgonenergie in den Individuen aufhört zu fließen.

Gesellschaften haben Grenzen, so wie das Individuum eine Membran hat. Ich habe das an anderer Stelle ausführlich dargelegt. Jedoch haben diese Grenzen weder die charakteristische Orgonom-Form, noch pulsieren sie. Zwar pulsiert die Ökonomie, angefangen von Saat und Ernte in primitiven Gesellschaften bis hin zu den Wirtschaftszyklen in entwickelten Gesellschaften, jedoch ist das nicht unmittelbarer Ausdruck konkreter expandierender bzw. kontrahierender Orgonenergie-Ströme, wie Reich sie bei seinen bio-elektrischen Experimenten gemessen hat.

Diese Zusammenhänge kann man erst dann ganz erfassen, wenn man im Gegensatz zur Psychoanalyse streng zwischen sekundären (gepanzerten) und primären (ungepanzerten) Trieben unterscheidet. Die Psychoanalyse beruht geradezu auf der Negation dieser Unterscheidung! Die orthodoxen Psychoanalytiker Grunberger und Chesseguet-Smirgel drücken das wie folgt aus:

Der Ödipuskomplex ist überall im Unbewußten gegenwärtig, die Grundtriebe sind bei allen Menschen dieselben. Auf diese Weise wird es möglich, vom Gebiet der Geistesstörungen auf das Gebiet der „Normal“-Seele überzublenden, und umgekehrt. So wird die Differenz zwischen dem Normalen und dem Pathologischen, zwischen dem Individuellen und dem Allgemeinen, allmählich getilgt, und es kommt der unveränderliche Kern einer Menschenseele zum Vorschein, beherrscht von Gesetzen, die bei allen Menschen gleichartig sind. (ebd., S. 20)

Das ist genau jene Sicht der Dinge, die Reich als groben Unfug bekämpft hat. Man lese dazu etwa sein Buch Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Freud hat mit dieser Haltung wirklich alles verbaut. Er hat den Einfluß der teilweise drastischen vertikalen und horizontalen gesellschaftlichen Unterschiede negiert, d.h. die Unterschiede zwischen Klassen, Kasten, etc. innerhalb der Gesellschaften und die Unterschiede zwischen den Gesellschaften selbst. Und er hat nicht zuletzt den „Einbruch ins biologische Fundament“ geradezu systematisch verbarrikadiert, denn er war ja vermeintlich bereits zum „unveränderlichen Kern der Menschenseele“ vorgedrungen.