„Zusammenprall mit der emotionalen Pest“, ein Kapitel von KINDER DER ZUKUNFT

Zunächst einmal wieder die Probleme mit der Übersetzung, die auffälligerweise Reich immer wieder in einem Licht zeichnet, das eher an „Aleister Crowley“ gemahnt. Reich will Kinder aufwachsen lassen, wie Gott sie geschaffen hat, während der Übersetzer sie „als Gott“ aufwachsen läßt. In diesem Kapitel hat die Protagonistin „moralische Haltungen, die sie häufig einzuschränken versuchten, tapfer bekämpft“ (S. 79). Im Original ist jedoch von „moralistic mire“ die Rede. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen „moral“ und „moralistic“. Und wo ist überhaupt das „mire“ gebieben? Es geht um den „moralistischen Morast“, den auch jeder gläubige Christ bekämpfen wird, nicht um „moralische Haltungen“?

Das Kapitel setzt sich aus drei Teilen zusammen: eine kurze Beschreibung der in der Charakterstruktur der Menschen verankerten „emotionalen Pest“ (S. 73-76), welche Prinzipien die Menschen beherzigen sollten, die in der Orgonomie aktiv sind (S. 77) und schließlich eine Fallgeschichte, die zweite nach der Fallgeschichte „David“ (= Peter Reich), bzw. die Beschreibung einer entsprechenden abendlichen Zusammenkunft des Orgonomic Infant Research Center (OIRC), die Reich zum Anlaß nimmt, über seine Isolation und Verfolgung zu klagen.

Mit dieser Fallgeschichte habe ich mich bereits in meiner Besprechung von Christopher Turners Buch Adventures in the Orgasmatron (S. 49) beschäftigt: Der Modju Michael Silvert war Geliebter der Hebamme des OIRC, deren vierjährige Tochter Silvert in Behandlung nahm und die hier vorgestellt wird. Dieses Mädchen, Paki Wright (Jahrgang 1945) verfaßte über ihr Martyrium ein Buch (Wright 2002). Sie wurde kurz vor oder nach dem von Reich beschriebenen OIRC-Treffen, d.h. 1950, von Silvert sexuell mißbraucht. 1962 versuchte sich die 16jährige Paki das Leben zu nehmen – seelisch zerstört von der „Orgonomie“. Bei der Zusammenkunft waren die Orgonomen von Silverts sexuell extrem freizügiger Partnerin und ihren Beschreibungen, die diese Sitzung des OIRC ausfüllten, schlichtweg angeekelt. Reich interpretierte diese viszerale Ablehnung von Silverts Gespielin durch die anwesenden Orgonomen als „Emotionelle Pest“ und Modju Silvert konnte sich weiter bei Reich einschleimen…

Bezeichnenderweise sagt Reich wenig bis nichts über den eigentlichen Inhalt der Sitzung. Ihm fiel nur auf, daß das kleine Mädchen sich an die Mutter klammerte, kaum Kontakt zu ihr herzustellen war und sie sich weigerte sich zu entkleiden (S. 79). Er führte diese Weigerung zu kooperieren darauf zurück, daß die Atmosphäre im Raum eiskalt und feindselig gewesen sei (S. 84). Gut möglich, daß Modju Silvert ihm eingeflüstert hatte, daß sei darauf zurückzuführen, weil die anwesenden Orgonomen die kindliche Genitalität und die Freizügigkeit der Mutter nicht ertragen konnten! „Das Auditorium war vor der Direktheit der Mutter erschrocken“ (S. 84).

Das bedeutet natürlich nicht, daß die einzelnen Aussagen Reichs, so wie sie jetzt in diesem Kapitel dastehen, in irgendeiner Weise falsch wären. Es zeigt nur, daß Reich ab und an Opfer seiner eigenen eklatanten Fehleinschätzungen war.

Daß sich die Lektüre wirklich lohnt, zeigt etwa folgender bemerkenswerter Satz:

Meine erbittersten Feinde waren stets diejenigen gewesen, die von meinem Werk und dem, was es für die Menschheit beinhaltet, begeistert waren, die aber die Geduld, die Ausdauer, das Wissen oder den Geist nicht besaßen, es zu leben und weiterzutragen. (S. 83)

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6 Antworten to “„Zusammenprall mit der emotionalen Pest“, ein Kapitel von KINDER DER ZUKUNFT”

  1. Robert (Berlin) Says:

    War Reich wirklich dermaßen gefühlstaub, dass er nicht spürte, was dort passierte? Erinnerungen an sexuellen Missbrauch können auch Rekonstruktionen des Gedächtnisses sein. Das soll ein Einwand sein, nicht jeder Frau zu glauben, die behauptet, in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein. In bestimmten Kreisen, besonders in den USA, gab es ab den Neunzigern eine regelrechte Epidemie an falschen Erinnerungen, die von Feministinnen und Therapeuten eifrig geschürt wurde.
    Das soll nur ein kritischer Einwand sein. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Fr. Wright die Wahrheit berichtet.

    • Peter Nasselstein Says:

      Ich glaube, da spielt vieles rein. Der Clash of Civilisations zwischen dem unfaßbar konventionellen und konservativen Baker und seiner Gruppe und Beatnik-artigen Freaks wie Silvert und seiner „Gruppe“ aus Greenwich Village. Reichs Naivität. Beispiel: Reich glaubte, die Einwohner von Rangeley wären ganz wild auf den ORAC, tatsächlich waren sie einfach froh am Arsch der Welt einen Arzt (Reich) zu haben. Silvert wußte, wie man mit Reich spielen kann: „Genitalität bei Kindern“ (also die Episode, um die es hier geht). „Was ist die Wahrheit?“ (den schwankenden Reich dazu zu bringen sich nicht gegen die FDA vor Gericht zu wehren) und schließlich die FDA schlichtweg zu ignorieren (was Reich und Silvert dann ins Gefängnis gebracht hat). Und schließlich ein grundsätzliches Problem:

      Einerseits kommen Kinder ungepanzert auf die Welt. Die kosmische Orgonenergie manifestiert sich über sie in der Menschenwelt. Andererseits sind Kinder unbeholfene Roboter, die herumtapsen, unkoordiniert sind und noch nicht heimisch im eigenen Körper sind. Die bringen es fertig halbnackt und durchnäßt in eisiger Kälte selbstvergessen im Garten zu spielen, sich zu verletzen, ohne es zu merken, die eine Hälfte des Körpers bewegt sich vollkommen unabhängig von der anderen, etc. Ich kann mir vorstellen, daß Reich das zum damaligen Zeitpunkt nicht richtig erfaßt und eingeordnet hat und deshalb manchmal das Verhalten von Kindern nicht richtig einordnen konnte. Nur eine Idee.

  2. Tzindaro Says:

    https://malcolmbrenner.com/growing-up-in-the-orgone-box/

    And orgone therapy can make you have sex with dolphins!

    Really, what difference does it make if some orgonomists were child molesters? Reich’s scientific discoveries are independent of his personality or personal behavior.

    Nobody thinks gravity does not exist because Newton was into astrology. What does it matter what Reich or his associates did or did not do two generations ago? Reich advocated certain ways to treat children. His ideas on that subject are what they are, right or wrong, regardless of anything he or his associates did. They cannot be discredited by tales about alleged activities of an unpopular nature. .

    • Robert (Berlin) Says:

      See also by James DeMeo:
      „It appears certain that psychiatrist Duvall, one of Reich’s trainees late into his American period of work, was a heavy-handed “child therapist” and possibly also a molester. However, this is not anything intrinsically contained within Reich’s therapy methods, and one could search his writings forever and not find anything except a call for gentle treatment of infants and children, along with a call to protect them from adult molesters. To blame Reich for Duvall’s crimes is as unfair as blaming Freud for Jung’s going off into Nazi circles. Training of therapists and physicians cannot hope to always erase whatever pathology as exists in the trainee, and as a consequence we probably have as many molesters and abusers within medicine, psychoanalysis and Reich’s orgonomy, as exists within the larger background population. They should always be isolated and rejected, drummed out of the professions. Our hearts go out to their victims, but their personal anguish is no indictment against Reich or what he factually advocated regarding sexually healthy societies, where pornography, pedophilia, and prostitution would not exist as people would simply no longer have such impulses.“

      http://internationalpsychoanalysis.net/2011/08/26/adventures-in-the-orgasmatron-wilhelm-reich-and-the-invention-of-sex/

  3. claus Says:

    Au weia:

    “Growing up in New York’s Greenwich Village in a group of radical Reichian bohemians — as a sort of psychiatric guinea pig, while shadowy forces in the government were persecuting Wilhelm Reich for his inventions in weather control and natural healing — wasn’t easy. I tell the tale in my novel, ‘The All Souls‘ Waiting Room: A Black Comedy about Karma and Killing Yourself,’ which I started after a trip to Vienna. I was well-published by then (New York Times Book Review, etc.) and wrote the book to make sense of my experience, see if there were any nuggets of wisdom that could help other troubled teenagers, as I had been, as well as tell a fascinating true story.

    Became a Buddhist about 20 years ago as a way to sort out our sometimes crazy-making culture, and now edit an online journal called Bohemian Buddhist Review — Buddhist ethics and wisdom for the modern world — check it out at http://www.bohemianbuddhistreview.com.”

    • Tzindaro Says:

      Anyone who thinks Reich was persecuted by „shadowy forces“ or that his troubles with the FDA had anything to do with weather control has no idea what they are talking about. Reich had legal problems about the accumulator, not about his cloudbusting, and the problems were with a perfectly above-ground law enforcement agency, not any „shadowy forces“. Plenty of other people doing some form of alternative medicine were treated the same way Reich was. If someone cannot get the facts right, there is no point paying any attention to them.

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