Der Grundfehler der Orgonomie im Umgang mit der Öffentlichkeit

Seit Reichs Zeiten wird immer wieder der gleiche Fehler gemacht: gegen die Lüge der anderen wird die Wahrheit (nicht „die eigene Wahrheit“, sondern DIE Wahrheit) gesetzt. Etwa gegen die Lüge, daß Reich nicht ganz richtig im Oberstübchen war, die Wahrheit, daß das Orgon existiert und praktisch eingesetzt werden kann. Theoretisch mag dieser Ansatz die beste Lösung sein, doch praktisch… Praktisch sieht es aus der Perspektive des Publikums so aus, daß hier jede Seite ihre „eigene Wahrheit“ vertritt und die Jury folgt dann fast immer dem gesellschaftlichen Mainstream. So kann die Orgonomie niemals auf einen grünen Zweig kommen. Was tun?

In der realen Welt, weit weg von wissenschaftlichen Prinzipien, Kliniken, Forschungslabors und erkenntnistheoretischen Erwägungen, geht es immer nur um Erzählungen, d.h. letztendlich um EMOTIONEN. Eine solche Erzählung ist „Reich der verrückte Pseudowissenschaftler“ und weniger populär „Reich der Orgasmuskönig“. Zwei Erzählungen, die den eigentlichen Inhalt von Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron ausmachen. Ein sehr modernes Buch, denn nur oberflächlich geht es um eine Biographie mit akademischem Anspruch, im Kern aber um das Ausspinnen der zwei besagten populären Erzählungen. Worum es heutzutage generell geht, sieht man etwa anhand von Obama und Trump: in den letzten Jahren ging es nie auch nur ansatzweise um objektive politische Berichterstattung, sondern einzig um das Fortspinnen der Erzählung vom humanistischen und intellektuellen Superneger Obama bzw. vom rassistischen und tumben Kinderfresser Trump. Man kann tun und lassen, was man will, gegen derartige Erzählungen ist nicht anzukommen! Nochmal: Was tun?

Das einzige, was man tun kann, ist auf subversive Weise eine Gegenerzählung in Gang zu setzen. Untergründig hat es diese Gegenerzählung in der Orgonomie stets gegeben, sie hat beispielsweise den heutigen Präsidenten des American College of Orgonomy als Jugendlichen zur Orgonomie gebracht: Reich als heroisches Opfer finsterer Machinationen „der Mächtigen“.

Baut man dadurch nicht selbst die eigene Unternehmung auf der Lüge auf? Nur aus mechano-mystischer Sicht stoßen wir hier auf ein Dilemma. In der funktionellen Herangehensweise unterscheiden wir nicht zwischen „irrationalen“ Gefühlen (Erzählungen) und rationalem Verstand (die Wahrheit), sondern zunächst einmal zwischen primären (ungepanzerten) und sekundären (gepanzerten) Gefühlen. Es geht schlichtweg darum, daß irrationale Argumente sich, so Reich, nicht mit Verstandesargumenten allein schlagen lassen. Die gegen sie vorzubringenden Verstandesargumente müßten vielmehr „auf festem Fundament kräftiger, natürlicher Gefühle ruhen“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 203).

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15 Antworten to “Der Grundfehler der Orgonomie im Umgang mit der Öffentlichkeit”

  1. claus Says:

    „Es geht schlichtweg darum, daß irrationale Argumente sich, so Reich, nicht mit Verstandesargumenten allein schlagen lassen. Die gegen sie vorzubringenden Verstandesargumente müßten vielmehr ‚auf festem Fundament kräftiger, natürlicher Gefühle ruhen'“.
    Haben natürliche oder primäre Gefühle nicht mehr mit Wahrheit zu tun als sekundäre?
    „daß irrationale Argumente sich, so Reich, nicht mit Verstandesargumenten allein schlagen lassen“ – praktisch, d.h. hinsichtlich der Überzeugungskraft, bringt das Appellieren an den Verstand sicher nichts. Allerdings weiß ich nicht, wie eine Erzählung – ja, die sind wirksamer als Theorien – ohne Wahrheitsanspruch überhaupt von Interesse sein kann. Liegt im Wahrheitsanspruch vielleicht das Pathos, das man sonst nur mit Erzählungen verknüpft?

  2. Peter Nasselstein Says:

    Gerade auf PI in den Leserkommentaren auf eine Passage gestoßen, die perfekt den geistig-emotionalen Zustand der unterdrückten Massen beschreibt. Diese sehen in ihrem Alltag die revolutionäre Lage, haben aber eine Todesangst sich zu bewegen, d.h. revolutionär zu handeln und sei es nur, indem sie das Kreuz bei der richtigen Stelle machen. DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS 2018:

    Hatte diese Woche wieder einen Einblick, wie „die deutsche Westseele tickt“: Frau, ca 65, sehr mollig (auch vom Kopf her). Die will „den Staat“ verklagen wegen des Dieselfahrverbotes. Regt sich zugleich fürchterlich über die Kanakisierung auf. Wählen war sie nicht, weil zu faul (eigene Aussage). Merkel macht ihren Job aber sehr gut und die AfD würde sie nicht wählen, weil „Nazis brauchen wir nicht mehr“. Dumm, faul und gefräßig – das Grundübel weiter Teile all dieser verrotteten Wohlstandsidioten.

  3. claus Says:

    Kann man deinen Punkt folgendermaßen reformulieren?

    Wissenschaft und Wahrheitsanspruch setzen auf Sensation (‚Beobachtung‘). Die Menschen wollen aber Emotion. Erzählungen berühren eher als bloße wahre Aussagen.

    Für mich stellt sich dann die Frage? Kann Wahrheit berühren? Vielleicht indem Wahres überhaupt erst durch Interesse zur Kenntnis genommen wird?

    • Peter Nasselstein Says:

      Puh, diese Fragen übersteigen „im Moment“ meine kognitiven Fähigkeiten. Ich denke hier eher in anderen Kategorien, nämlich „Wahrheit und Wahrhaftigkeit“. Beispiel: es entspricht der abstrakten Wahrheit, daß Reich onaniert hat und im Bordell war (findet sich etwa in LEIDENSCHAFT DER JUGEND), aber es entspricht der „Wahrhaftigkeit“, d.h. dem Streben Wahrheit konkret „herzustellen“, daß er NICHT onaniert hat und im Bordell war. Es ist wie bei einer Roman oder besser einer Biographie (einer „Erzählung“): ich beschreibe ein Leben und weil ich nur 300 Seiten zur Verfügung habe, blende ich alle möglichen Aspekte aus, die ein schiefes Bild vom betreffenden Leben zeichnen würden. Wahrheit ist hier etwas rein Kognitives (abstrakte Daten), Wahrhaftigkeit hat immer mit Emotionen und Sensationen zu tun: hier ist dann das Kriterium, ob sie primärer oder sekundärer Natur sind. Sharaf hat in seiner Reich-Biographie darum gerungen, ob sein Streben die „Wahrheit über Reich herzustellen“ durch seine eigenen haßerfüllten Emotionen Reich gegenüber (der ihm schließlich die Frau geklaut hat) und seine vielleicht irrationale Liebe zu Reich (der sein Therapeut und väterlicher Freund war) getrübt wird.

      • claus Says:

        Die Begrifflichkeit finde ich sehr merkwürdig, v.a. in „aber es entspricht der ‚Wahrhaftigkeit‘, d.h. dem Streben Wahrheit konkret ‚herzustellen‘, daß er NICHT onaniert hat und im Bordell war“. Dass er onaniert hat usw., ist wohl einfach wahr und nicht abstrakt. Aufrichtigkeit ist demgegenüber etwas anderes: der Anspruch, Wahres zu sagen. Wahr ist jeweils eine Informationseinheit, z.B. „Willi hustet“.

        • Peter Nasselstein Says:

          Das erinnetr mich an die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Man kann beiebige „Fakten“ nennen, die ihn in einem guten Licht dastehen lassen. Man sagt nur die Wahrheit, aber das ganze ist nicht wahrhaftig. Oder ein weniger verfängliches Beispiel: Charles Manson war ein erstaunlich guter Musiker und Sänger, eine charismatische Figur und hat persönlich sich nie an jemanden vergangen. Der letzte Satz ist wahr, aber nicht wahrhaftig, d.h. niemand könnte ihn sich selbst gegenüber rechtfertigen. Ein Autist kann diese Wahrheiten verkünden, aber nicht jemand, der den gefühlsmäßigen Zusammenhang erfaßt, die Erzählung nachvollziehen kann.

          • claus Says:

            Es schwingt assoziativ etwas mit. Aber was bringt’s erkenntnismäßig, wenn man da nicht klarer werden kann.

  4. Peter Nasselstein Says:

  5. O. Says:

    Den Grundfehler sehe ich schon in der Fragestellung. Wozu über den Umgang mit der Öffentlichkeit nachdenken? Ich will doch nichts verkaufen. Die Orgonomie will ich niemandem verkaufen. Und was ist sie? Eine Idealvorstellung von „Wahrheit“?
    Die Orgonomie steckt voller Fallen und Fehler, jeder sieht es anders und ich würde – mit Verlaub – recht viele Verbrecher bewerben, die sich als Experten ausgeben.

    Halten wir es wie Myron, der seine Meinung sagte und die Sache so lebte, wie er es konnte.

    „Die Orgonomie“ verteidigt Reich, das überlasse ich lieber Rechtsanwälten. Mit solchen Haltungen komme ich nicht weiter.

    Was andere über Reich denken mögen, ist egal. Ich muss niemanden vom Orgon überzeugen, es existiert, ob es jemand will oder nicht. Und wer nicht weiß, wie es existiert, wird sich damit vergiften und umbringen. Einfacher und besser geht es nicht. – Wer kein Orgon will, braucht es nicht.

    Und wenn man etwas über das Orgon erfahren möchte, lese man Reich und niemanden anders. Da ist auch nicht alles richtig, aber man kann es herausfinden, was falsch ist.

    Der Rest, der über das Netz verbreitet wird ist „orgonfake“. Gleiches gilt für die Therapie und alles andere.

    • claus Says:

      „Und wenn man etwas über das Orgon erfahren möchte, lese man Reich und niemanden anders.“ Das sehe ich anders, weil man Erkenntnisse über eine Sache IN KOOPERATION gewinnt. Da ist nicht das eine Genie ausschlaggebend.

  6. Peter Nasselstein Says:

    Der Unterschied zwischen Wahrheit (etwas Gegebenes) und Wahrhaftigkeit (etwas Genommenes) hat viel mit dem Funktionalismus zu tun. Ich nehme etwas Gegebenes hin (etwa, daß ein Türke im tiefen Wald spazieren geht) oder ich wähle aus dem Gegebenen das Wichtige heraus und ignoriere das Unwichtige. „Türken gehen nicht in den Wald“, ist eine funktionelle Aussage. Das Herr Ösel Osgemuz jetzt durch die Eifel wandert, ist zwar wahr, aber bedeutungslos. Wenn das ZDF über ihn berichten würde, zeigte dies erneut, daß es in seiner Berichterstattung nicht wahrhaftig ist.

    • claus Says:

      Kann ich nichts mit anfangen. Wahrnehmung ist von vornherein mit Auswahl von Relevantem verbunden. Ich glaube, da wird eine Menge an Ungeklärtem mit „funktionell“ verknüpft. Relevant desbezüglich vielleicht: Gibson „Affordance“, und – was mich sowieso gerade akut beschäftigt – Dretske und Barwise zum „flow of Information“ … http://phil.gu.se/logic/books/Barwise:The_Situation_in_logic.pdf

      alte Hüte und dennoch Fundgruben.

  7. claus Says:

    Zur Gegenüberstellung des nüchternen wahrheitsorientierten Denkens einerseits und der ‚großen Erzählungen‘ (Marx, Nietzsche, …) andererseits fällt mir ein:
    Es ist keineswegs nur das ‚Erzählen‘, was die Menschen berührt. Gerade der Verzicht darauf konnte einmal ganz deutlich Emotionen wecken; so im Falle der Ermordung Moritz Schlicks, des Initiators des Wiener Kreises:
    „Nach einer Zeugin soll Nelböck seinem Opfer zugerufen haben: ‚So Hund, du verfluchter, jetzt hast du es.‘ In der Urteilsbegründung wird noch ein Motiv genannt, nämlich ‚die grundverschiedene Weltanschauung‘, ein Umstand, der in der Anklageschrift präziser definiert wurde: ‚Der Beschuldigte, der von Natur aus religiös eingestellt ist, hat die wissenschaftliche Bekämpfung des von Prof. Schlick vertretenen Positivismus, bezw. den destruktiven Tendenzen des atheistischen Positivismus entgegenzuarbeiten, für unerläßlich erachtet‘ – eine Selbstladepistole, System Singer, als Ultima ratio transzendentalphilosophischer Kritik?“ http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/PHILOSOPHIEORD/Schlick.html

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