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nachrichtenbrief124

1. Dezember 2018

Der Grundfehler der Orgonomie im Umgang mit der Öffentlichkeit

1. März 2018

Seit Reichs Zeiten wird immer wieder der gleiche Fehler gemacht: gegen die Lüge der anderen wird die Wahrheit (nicht „die eigene Wahrheit“, sondern DIE Wahrheit) gesetzt. Etwa gegen die Lüge, daß Reich nicht ganz richtig im Oberstübchen war, die Wahrheit, daß das Orgon existiert und praktisch eingesetzt werden kann. Theoretisch mag dieser Ansatz die beste Lösung sein, doch praktisch… Praktisch sieht es aus der Perspektive des Publikums so aus, daß hier jede Seite ihre „eigene Wahrheit“ vertritt und die Jury folgt dann fast immer dem gesellschaftlichen Mainstream. So kann die Orgonomie niemals auf einen grünen Zweig kommen. Was tun?

In der realen Welt, weit weg von wissenschaftlichen Prinzipien, Kliniken, Forschungslabors und erkenntnistheoretischen Erwägungen, geht es immer nur um Erzählungen, d.h. letztendlich um EMOTIONEN. Eine solche Erzählung ist „Reich der verrückte Pseudowissenschaftler“ und weniger populär „Reich der Orgasmuskönig“. Zwei Erzählungen, die den eigentlichen Inhalt von Christopher Turners Adventures in the Orgasmatron ausmachen. Ein sehr modernes Buch, denn nur oberflächlich geht es um eine Biographie mit akademischem Anspruch, im Kern aber um das Ausspinnen der zwei besagten populären Erzählungen. Worum es heutzutage generell geht, sieht man etwa anhand von Obama und Trump: in den letzten Jahren ging es nie auch nur ansatzweise um objektive politische Berichterstattung, sondern einzig um das Fortspinnen der Erzählung vom humanistischen und intellektuellen Superneger Obama bzw. vom rassistischen und tumben Kinderfresser Trump. Man kann tun und lassen, was man will, gegen derartige Erzählungen ist nicht anzukommen! Nochmal: Was tun?

Das einzige, was man tun kann, ist auf subversive Weise eine Gegenerzählung in Gang zu setzen. Untergründig hat es diese Gegenerzählung in der Orgonomie stets gegeben, sie hat beispielsweise den heutigen Präsidenten des American College of Orgonomy als Jugendlichen zur Orgonomie gebracht: Reich als heroisches Opfer finsterer Machinationen „der Mächtigen“.

Baut man dadurch nicht selbst die eigene Unternehmung auf der Lüge auf? Nur aus mechano-mystischer Sicht stoßen wir hier auf ein Dilemma. In der funktionellen Herangehensweise unterscheiden wir nicht zwischen „irrationalen“ Gefühlen (Erzählungen) und rationalem Verstand (die Wahrheit), sondern zunächst einmal zwischen primären (ungepanzerten) und sekundären (gepanzerten) Gefühlen. Es geht schlichtweg darum, daß irrationale Argumente sich, so Reich, nicht mit Verstandesargumenten allein schlagen lassen. Die gegen sie vorzubringenden Verstandesargumente müßten vielmehr „auf festem Fundament kräftiger, natürlicher Gefühle ruhen“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 203).

Reichs Herangehensweise an die Wissenschaft in den 1920er Jahren (Teil 1)

1. Januar 2012

Die Wissenschaftlichkeit der Orgonomie wird gerne in Zweifel gezogen. Die Kritiker scheinen nicht mal zu ahnen, wie intensiv sich Reich von Anfang an mit der Wissenschaftstheorie auseinandergesetzt hat.

Reich glaubt, „daß dunkle Ansätze wertvoller sind als klare, aber falsche Aufstellungen“ („Zwei narzißtische Typen“ [1922], Frühe Schriften, S. 152). „Im Grunde gibt es in der Wissenschaft für grundlegende Fragen (…) keine Lösung, sondern bloß Verschiebungen der Fragestellung bzw. Aufrollen neuer mit Lösung alter Fragen“ („Zur Triebenergetik“ [1923], Frühe Schriften, S. 163).

Wenn einer theoretischen Anschauung, unter Anerkennung der sie konstituierenden Einzeltatsachen, von anderer Betrachtungsweise eines Phänomens her eine andere Formulierung des Betrachteten entgegengehalten wird, wie hier, so ist zu fordern, daß die neue Anschauung ihre Existenzberechtigung erweise. Als Nachweis würde das Aufzeigen neuer heuristischer Möglichkeiten oder praktischer Konsequenzen genügen. (Besprechung von Paul Schilder: „Das Unbewußte“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 9(3), 1923, S. 531-534)

„(…) im Rahmen einer Lehre muß eine ältere Theorie entweder in die neue aufgenommen oder aber kritisch widerlegt und aufgegeben werden“ („Diskussion von ‚Strafbedürfnis und neurotischer Prozeß‘ III: Abschließende Erwiderung auf Alexanders Entgegnung“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XIII(2), 1927, S. 171).

Reich zufolge ist es „ein Kriterium fortschreitender Forschung (…), daß von allgemeinen heuristischen Prinzipien zu speziellen Problemen differentialpsychologischer Phänomene und über diese hinaus zu neuen allgemeinen Sätzen geschritten wird“ (Besprechung von Alfred Adler: „Praxis und Theorie der Individualpsychologie“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, X(4), 1924, S. 479).

Über seine eigene Arbeit, der Ausarbeitung der Charakteranalyse, sagt Reich:

Wir streben keineswegs eine systematische Darstellung an. Eine solche kann in der induktiven, empiristischen Methode der Psychoanalyse nie gegeben sein. Wir werden uns bescheiden müssen, auf einige typische Fehlentwicklungen in der Charakterbildung hinzuweisen (…). („Der triebhafte Charakter“ [1925], Frühe Schriften, S. 252)

Über die Terminologie schreibt er:

Wir werden dabei trachten müssen, zwischen Scylla und Charybdis ohne Schaden hindurchzukommen. Wir wollen einerseits nicht in den Fehler verfallen, der bei Diskussionen lebendigen Geschehens in der offiziellen Wissenschaft leider allzuoft begangen wird: nämlich über terminologischen Diskussionen die lebendige Erscheinung aus den Augen zu verlieren. Andererseits müssen wir es vermeiden, was ebensooft geschieht, durch dilettantische Terminologie eine Verwirrung anzurichten, die jedem Mißverständnis Tür und Tor offen läßt. (ebd., S. 258)

„(…) die Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit menschlichen Erlebens läßt sich niemals restlos in Begriffen ausschöpfen“ (ebd., S. 283). „Es ist eine bekannte Tatsache, daß man auf der Suche nach der Lösung einer kardinalen Frage auf den geeigneten Fall warten muß, der dann mit einem Schlage manches an anderen ähnlichen Fällen Unverstandene klären hilft“ (ebd., S. 303).

In seinem damaligen Hauptwerk, seinen Ausführungen zur Orgasmustheorie, merkt Reich kritisch an:

[Es] wird häufig von einer bloßen Analogie auf Identität geschlossen; so wird in der Psychoanalyse häufig das Wort „ist“ oder „bedeutet“ ungenau gebraucht, und wenn es in dem einen Zusammenhange nicht viel ausmacht und bloß als Ungenauigkeit zu werten ist, so kann es in einem anderen eine Quelle falscher Behauptungen und unentwirrbarer Verwicklungen werden. (Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 139)