Posts Tagged ‘Emotionen’

Nachbemerkung zu „nachrichtenbrief128“

27. März 2019

nachrichtenbrief128

Für den Linken bewegt sich das Leid aller Gruppen auf gleicher Ebene, d.h. das Leid der vielen Tausenden Flutopfer in Mozambique soll mir gefälligst genauso nahe sein, wie die Opfer einer hypothetischen Sturmflutkatastrophe in Hamburg, obwohl ich mit Mozambique und seinen Menschen wirklich nichts zu tun habe, während ich die letzte Sturmflut 1962 persönlich mitgemacht habe und durchaus hätte umkommen können. Für Linke, die ihr Mitgefühl („politische Melancholie“) derartig zur Schau stellen, spielen Emotionen dieser Art keine Rolle. Sie leben im Gehirn und sind „keine primitiven Tiere“ wie unsereins. (Daß die linksliberale und ökoselige Solidarität mit der Dritten Welt sowieso eine feiste Lüge ist…)

Heute vormittag in der Innenstadt: Eritreer, Neger und ähnliche „Flüchtlinge“ lungern tiefenentspannt, gepflegt und gut gekleidet in Imbissen rum, spielen am Smartphone rum, schlürfen ihren Kaffee und kauen an ihren Croissants, während draußen auf dem Gehweg im kalten und windigen Nieselregen deutschstämmige Punker bibbern und betteln. Dieses Bild hat sich mir geradezu ins Gehirn gebrannt, so abgrundtief absurd war es. Noch absurder, wenn ich an die „FCK AfD“-Sticker dieser abgerissenen Gestalten denke und ihr Engagement gegen „Rassismus“.

Fällt das sonst niemandem auf? Muß man, angesichts der täglichen Realsatire in diesem Land, nicht ständig vor Wut platzen?

Einige hundert Meter weiter stoße ich in der Ramschauslage einer Buchhandlung auf die Antwort auf Wutbürger wie mich. Ein Buch, so der Klappentext, „für alle, die überzeugende Argumente suchen, um eine humanistische Haltung und eine offene Gesellschaft zu verteidigen“. Es geht um das Buch von Carolin Emcke: Gegen den Haß (Essay. Fischer, Frankfurt am Main 2016). Sie ist Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Emcke:

Dem Haß begegnen läßt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuwandeln, ausschlägt. Es gilt zu mobilisieren, was den Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel.

Wie absurd das ist, will sagen, wie Emcke selbst das genaue Beobachten, das Differenzieren und der Selbstzweifel abgeht, wurde damals sehr schön im Tagesspiegel bloßgelegt. Dieser Artikel ist wirklich sehr gut, legt er doch das bloß, was Leute wie Emcke tatsächlich antreibt: Verachtung. In ihren Augen sind wir Tiere, „sexuelle Tiere“, die aus dem Bauch heraus reagieren. Wir sind nicht intellektuell genug, d.h. analysieren nicht die Zusammenhänge und sehen nicht unsere eigene Schuld als heterosexuelle weiße Männer.

Wenn du die faschistische Struktur einer Gesellschaft bloßlegen willst, dann frage stets, wem die Verachtung der öffentlichen Meinung gilt. – Aber leihen wir Frau Emcke unser Ohr für eine Rede, in der sie den Inhalt ihres obigen Zitats ausführt. Bemerkenswerterweise liest sie diese kurze Rede ab! Es ist entsprechend ein verschwurbeltes Gequatsche, das genau an jenen vorbeigeht, die doch die vorgeblichen Adressaten dieser Rede sind, die Unterklasse. Das ganze ist derartig grotesk – man lese dazu Reichs Was ist Klassenbewußtsein? Er hat sich als Linker niemals entblödet eine solche Rede zu halten!

Man höre ganz genau zu: die Meinungen des Volkes sind „unvernünftig, manipuliert und destruktiv“. Leute wie ich haben „unberechtigte Ressentiments“ und „unsinnige Forderungen“. Meine Emotionen heute Vormittag sind für Emcke „politische Affekte“, die von den „Volksvertretern“ (pseudoliberale, bzw. „modern liberale“ Hirnmaschinen wie sie) auf keinen Fall umgesetzt werden dürfen.

Was mich immer wieder schockiert, ist, daß irgendjemand auf diese roten Faschisten mit ihren Verleumdungen, ihrem Haß und ihren Anfeindungen gegen uns reinfällt. Merkt denn niemand, WAS Emcke hier sagt?!

Leute wacht auf! Paul Mathews und Charles Konia lesen! Aktiv werden und die soziale Orgonomie verbreiten!

PS: In ihrer Rede spielt Frau Emcke vor allem auf den Brexit an und die dummen, untermenschlichen Wähler in Großbritannien. Sie ist hier Teil des großkapitalistischen, globalistischen Systems, das Leute wie sie reich beschenkt und mit Publicity und Preisen überhäuft. Zum Funktionieren dieses Systems, das Reich zu seiner Zeit mit dem Stichwort „Rockefeller und Moskau“ bezeichnet hat und das ihn ins Gefängnis gebracht und damit ermordet hat, unbedingt diesen Artikel lesen. WISSE, WER DEINE FEINDE SIND!

PPS: Stichwort Globalismus: der fachbewußte deutsche Arbeiter ist überflüssig und muß durch ein Präkariat ersetzt werden, das noch billiger ist als Roboter! Siehe hier.

PPPS: Hier das ideologische (bzw. natürlich „ideologiekritische“) Umfeld:

Wie du Menschen helfen kannst, die dir wichtig sind, auch wenn du kein Therapeut bist

15. März 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Menschen (einschließlich der meisten Therapeuten) unterschätzen bei weitem die Macht, die es hat, einfach einem anderen Menschen zuzuhören, was immer es sei, was dieser zum Ausdruck bringen muß, bis er genug hat.

Da es in der Menschheitsgeschichte noch nie eine Kultur gegeben hat, die Emotionen verstanden hat und keine Angst vor ihnen hatte, wird uns allen implizit beigebracht, daß die schmerzhaften oder beängstigenden Emotionen eine Büchse der Pandora sind, deren Deckel niemals geöffnet werden dürfe. Dieses Mißverständnis ist darauf zurückzuführen, daß bis zum Auftreten des österreichischen Psychiaters Wilhelm Reich der Kern der menschlichen Natur nicht erkannt wurde. Alles, was wahrgenommen wurde, war das, was Reich die Mittlere Schicht nannte, die Schicht zwischen der oberflächlichen Fassade der Persönlichkeit und dem tiefen, natürlichen und gesunden Kern. Die Mittlere Schicht enthält all die verzerrten, zerstörerischen und furchterregenden Emotionen, die durch den „Panzer“, die Abwehrfunktionen der Psyche, erzeugt wurden.

Alle bisherigen Denksysteme, einschließlich aller Religionen und politischen Philosophien, haben den Kern nicht ergründet und die mittleren und oberflächlichen Schichten der menschlichen biopsychischen Struktur nicht verstanden. Infolgedessen wurde die Mittlere Schicht fälschlicherweise als die Kernnatur des Menschen wahrgenommen, weil der Kern durch die Mittlere Schicht verdeckt wurde und nicht wahrgenommen werden konnte. Wenn es wahr wäre, daß es keinen gesunden Kern im Menschen gibt und seine innerste Natur nur aus den Inhalten der zerstörerischen Mitteleren Schicht besteht, wäre es absolut richtig, daß die einzige Option sei, die Büchse der Pandora verschlossen zu halten. Und diese Büchse-der-Pandora-Theorie der menschlichen Emotion ist die Grundlage aller vorangegangenen menschlichen Denksysteme, bevor Reich das „funktionelle“ Denken einführte: Denken, das darauf basiert, wie die Natur tatsächlich funktioniert.

Das Verständnis der Natur des Kerns öffnet das Tor, um die Angst zu verlieren, störenden Emotionen zuzuhören und ihnen eine Chance zu geben sich auszudrücken. Aus Angst vor Emotionen besteht die Tendenz einen Leidenden vorzeitig zu beruhigen oder ihm vorzeitig irgendwelche Ratschläge zu erteilen, um ihn von schmerzhaften Emotionen abzulenken, die als zu destruktiv oder beängstigend empfunden werden, um sie zu fühlen oder auszudrücken. Dieses Mißverständnis basiert auf der Annahme, daß es für Menschen schlecht sein muß, mit ihren unangenehmen Emotionen in Kontakt zu treten und diese auszudrücken. Infolgedessen unternehmen wohlmeinende, aber kontaktlose Menschen alle möglichen Manöver, um alle Löcher, die im Panzer von jemandem erscheinen, schnell zu stopfen, bevor all das „schlechte Zeugs“ herauskommt und „das Ruder übernimmt“. Es gibt keine Wahrnehmung des Kerns, also gibt es keinen Glauben an das Gute, keinen Glauben, daß das Gute das Böse besiegen wird. In Wirklichkeit ist es jedoch von großem Nutzen, einfach und ruhig jemandem zuzuhören, der seinen Schmerz, seine Angst oder seinen Zorn zum Ausdruck bringt, und es kann viel Gutes dabei herauskommen.

Eine verwandte Sache hinsichtlich der Emotionen, die nicht verstanden wird, ist, daß die Fähigkeit zur Vernunft auf einem gesunden emotionalen Funktionieren basiert und nicht umgekehrt. Infolgedessen ist es oft fruchtlos und sogar kontraproduktiv, zu versuchen, die Menschen mit Vernunftargumenten aus ihren irrationalen Emotionen herauszuholen. Der Glaube an die Macht des Kerns kann einem Zuhörer jedoch zur Erkenntnis verhelfen, daß das Denken dieser Person spontan immer rationaler wird, wenn du einfach zuhörst und jemandem die Möglichkeit gibst, seine Gefühle seinem Bedürfnis gemäß bis zum Ende emotional auszudrücken.

Wenn du einfach jemandem zuhörst, der dir etwas bedeutet, sendest du das Signal, daß du keine Angst vor dem hast, was derjenige in seinem Inneren hat. Das gibt ihm den Glauben, daß ER SELBST vielleicht auch keine Angst vor dem haben muß, was in ihm ist und daß das, was sich im Inneren befindet, nicht unbedingt „schlecht“ ist. In der Tat ist der Kontakt mit dem Kern die Grundlage allen Glaubens an die Güte, die Liebe und die Freiheit von Furcht und Leiden.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Antwort auf David Boadellas „The Breakthrough into the Vegetative Realm“ (Teil 1)

12. März 2019

von Paul Mathews

Wilhelm Reich hat die Emotionelle Pest als „im sozialen Bereich destruktiv wirkende neurotische Charakter“ definiert. Er hat weiter gesagt: „Ein wesentlicher Grundzug der emotionellen Pestreaktion ist, daß Handlung und Begründung der Handlung einander niemals decken. Das wirkliche Motiv ist verdeckt, und ein scheinbares Motiv ist der Handlung vorgeschoben“ (CHARAKTERANALYSE, KiWi, S. 333). David Boadellas Artikel in der Januar-Ausgabe 1961 von Orgonomic Functionalism („The Breakthrough Into the Vegetative Realm“, Durchbruch in den vegetativen Bereich) ist ein Paradebeispiel für die Emotionelle Pest in Aktion. Er zeichnet sich weniger durch seinen Inhalt als durch seine Auslassungen aus. Er ist voll von Mutmaßungen, Verzerrungen, Ungenauigkeiten und Mißverständnissen, die die natürliche Konsequenz seiner Nichtqualifikation für die Art von „Kritik“ ist, die er versucht hat. Es erfordert wesentlich mehr als nur die Lektüre der Fachliteratur und verwandter Gebiete und die Ausübung einer Form von „Laientherapie“, die auf vergröberte Weise der Lektüre von Freud und Reich entlehnt wurde, ohne fachliche Vorbereitung und Ausbildung, wie er selbst zugegeben hat.1 Es ist jedoch ein so geschickt verführerischer Artikel, daß er im Interesse derjenigen, die irregeführt werden könnten, eine präzise Widerlegung fordert.

Boadella versucht einen Fall zu kreieren auf Grundlage der Vermutung – die er aus dem Studium mehrerer im Orgone Energy Bulletin veröffentlichter Fallgeschichten verschiedener Orgontherapeuten gezogen hat –, daß Reichs Kollegen die charakteranalytischen Aspekte ihrer orgontherapeutischen Praxis tendenziell übersehen haben. Er weist darauf hin, daß Reich selbst vor einem solchen Fehler „gewarnt“ hatte und daß ihm 1949 „etwas unbehaglich war, was die Praxis seiner Kollegen betraf“ (S. 23). Diese Vermutung beruht auf einem (aus dem Zusammenhang gerissenen) Absatz aus dem Vorwort zur dritten Auflage von CHARAKTERANALYSE. Was Boadella jedoch ausläßt und nicht erwähnt, sind die Abschnitte, die seinem Zitat unmittelbar vorangehen und folgen:

Die „Emotionen“ mußten immer mehr Manifestationen einer realen BIOENERGIE, der organismischen Orgonenergie, angesehen werden. Langsam lernten wir, praktisch damit umzugehen, was heute „medizinische Orgontherapie“ genannt wird.

Obwohl der „psychische Bereich“ der Emotionen viel enger ist als ihr „bioenergetischer Bereich“, obwohl gewisse Leiden wie hoher Blutdruck nicht mit psychologischen Mitteln angepackt werden können, obwohl die Sprach- und Gedankenassoziation nicht tiefer eindringen können als bis zur Phase der Sprachentwicklung, also bis etwa zum zweiten Lebensjahr, bleibt der psychologische Aspekt des emotionalen Leidens bedeutsam und unerläßlich, obwohl er nicht mehr der wichtigste Aspekt der orgonomischen Biopsychiatrie ist. (Hervorhebungen von mir hinzugefügt, P.M.)

Und:

Wir wenden die Charakteranalyse nicht mehr so an, wie sie in diesem Buch beschrieben wird. Jedoch bedienen wir uns der charakteranalytischen Methode in bestimmten Situationen; wir gelangen immer noch über charakterliche Einstellungen zu den Tiefen menschlicher Erfahrung. Aber in der Orgontherapie gehen wir bioenergetisch vor und nicht mehr psychologisch.2

Man kann also sehen, wie falsch es war, aus dem Gesamtzusammenhang zu schließen, daß Reich „etwas unbehaglich war, was die Praxis seiner Kollegen betraf“. Der Leser sollte daran erinnert werden, daß die von Boadella zitierten Artikel alle in den offiziellen Zeitschriften des Orgone Institute und der WRF [The Wilhelm Reich Foundation] unter der persönlichen Redaktion von Wilhelm Reich herauskamen. Nach meinem Verständnis und Wissen war Reich sehr sorgfältig bei der Auswahl der Fallgeschichten, daß sie wirklich repräsentativ, originell und kreativ waren.

Was nun die angeführten Fallgeschichten selbst betrifft, sei gesagt, daß sie hauptsächlich für den Austausch zwischen den qualifizierten Orgontherapeuten und den Ärzten in Ausbildung veröffentlicht wurden, die über den notwendigen Hintergrund und die Erfahrung verfügten, um Dinge zu interpolieren, die a priori bekannt sein sollten. Nur eine unqualifizierte Person kann nicht nachvollziehen, daß Ola Raknes, oder irgendein anderer Therapeut, der mit einer „Kurzbehandlung“ hantiert, dies nicht als Selbstverständlichkeit tut. Diese „Kurzbehandlungen“ sind auf die Beendigung der Therapie durch den Patienten aus Gründen, die mit den Umständen zu tun haben, zurückzuführen – und nicht auf die Illusion des Therapeuten, daß er eine vollständige Therapie erfolgreich abgeschlossen hat. Raknes wollte lediglich darauf hinweisen, daß in vielen Fällen gelegentlich positive und sogar bemerkenswerte Ergebnisse erzielt wurden. Um eine wesentliche Auslassung von Boadella aus den Artikeln von Raknes zu zitieren:

So hatte ich im letzten Jahr einige Versuche mit der Orgontherapie in Verbindung mit der Charakteranalyse in Fällen unternommen, in denen aufgrund der durch die Umgebung bedingten Umstände eine vollständige Behandlung nicht in Frage kam, in denen ich jedoch dachte, daß eine Verbesserung oder Erleichterung in der kurzen verfügbaren Zeit erzielt werden könnte.3 (Hervorhebungen von mir hinzugefügt, P.M.)

Diese einleitende Erklärung in Raknes‘ Artikel läßt kaum den Verdacht aufkommen, daß er die Schwierigkeiten und Ziele der Orgontherapie nicht kannte. Ihm vorzuwerfen, „das ursprünglich präzise Ziel der orgastischen Potenz … durch die eher vage Annahme der Aussage der Patientin, daß sie sich nach einigen Sitzungen besser fühle, und durch die Befreiung des Orgasmusreflexes“ ersetzt zu haben, ist absolut lächerlich. Ich sollte davor zittern, von einem Boadella behandelt zu werden. Raknes ist nie davon ausgegangen, daß er die ziemlich „präzisen“ Ziele der Orgontherapie in diesem kurzen Fall und in anderen Fällen hat erreichen können. Es gab keine „Umwandlung“ und kein „Ersetzen“ der ursprünglichen Ziele. Lediglich das Bewußtsein einer gewissen Erleichterung wurde erzielt, die zu einer günstigeren Zeit und in einer längeren, umfassenderen Therapie zu einer weiteren Verbesserung und sogar zu einer eventuellen Heilung führen könnte. Ich werde nicht auf Boadellas offensichtliche Unkenntnis der Natur und der Funktion des Orgasmusreflexes eingehen, außer sie zu erwähnen. Boadella meint, daß etwas, das bei ihm selbst möglich wäre – irrtümlicherweise „alle Arten von krampfartigen Bewegungen unterschiedlicher Intensität und Spontanität … für den vollen Orgasmusreflex“ zu betrachten – für die erfahrenen Kollegen von Reich möglich war und daß bestimmte Experimente Strömungen durch mechanische oder chemische Mittel auszulösen ein Beweis dafür sei, daß diese Mitarbeiter vom Weg abkamen.

 

Literatur

1. Boadella, David: Brief an A.S. Neill – Kopie an Paul Mathews – 28. Sept. 1959

2. Reich, Wilhelm, M.D.: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

3. Raknes, Ola, Ph.D.: „A Short Treatment With Orgone Therapy“, OEB, 1950

 

Aus der von Paul und Jean Ritter in Nottingham, England herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, Vol. 7 (1961), No. 2, S. 155-160.

David Holbrook, M.D.: EMOTIONEN UND POLITISCHE DISKUSSION

2. März 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Emotionen und politische Diskussion

 

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

25. Februar 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Am Ende seines Buches Christusmord schrieb der österreichische Psychiater Wilhelm Reich einen Anhang mit dem Titel „Die Waffe der Wahrheit“. „Die Waffe der Wahrheit“ ist eine der wichtigsten schriftlichen Äußerungen Reichs. Darin prägte er einen neuen Begriff: „Gegenwahrheit“. Er definierte die Gegenwahrheit als Grund dafür, daß sich die Wahrheit nicht durchsetzt, und er sagte, es sei manchmal sogar noch wichtiger, die Gegenwahrheit zu verstehen, als die Wahrheit selbst zu verstehen, weil es nutzlos und möglicherweise sogar gefährlich ist, die Wahrheit zu unterstützen, ohne die Gegenwahrheit zu verstehen.

Das Konzept der Gegenwahrheit ist ein soziologisches Konzept und Reich hat meines Wissens niemals explizit Parallelen zur klinischen Situation gezogen, die Parallelen sind aber offensichtlich.

Man könnte sagen, daß die psychologische Abwehr eine Gegenwahrheit ist. Die psychologische Abwehr ist „kostspielig“. Sie schränkt unsere psychische Gesundheit ein. Warum gibt es sie dann? Die Gegenwahrheit der Abwehr besteht darin, daß sie verhindern soll, daß wir von Emotionen überwältigt werden, mit denen wir vielleicht nicht umgehen können.

Reich wies auf das autonome Nervensystem (ANS) als das physiologische Substrat für das Funktionieren von Emotionen im Körper hin. Das ANS reguliert Dinge wie Herzschlag, Atemfrequenz und die glatte Muskulatur, die die Blutgefäße auskleidet, wodurch der Blutfluß zu den verschiedenen Organen des Körpers einschließlich der verschiedenen Regionen des Gehirns bestimmt wird. Das ANS beeinflußt auch das Funktionieren des endokrinen Systems und des Immunsystems.

Das ANS macht also den physiologischen Mechanismus der Psyche (Emotion) – und der Abwehr gegen die Psyche und Emotion – im Körper aus. Reich behauptete, das ANS sei der Schlüssel zum Verständnis der uralten Frage nach der Natur der Verbindung von Geist und Körper.

Wenn der Geist vor schmerzhaften Gedanken und Gefühlen zurückschreckt, geschieht dies auch physiologisch und die Physiologie wird durch das ANS vermittelt. Was als sympathischer Zweig des ANS bekannt ist – der Zweig „Kampf oder Flucht“ – vermittelt das Phänomen Angst und Wut im Körper. Bei Angst wird die Blutversorgung von bestimmten physiologischen Strukturen weggelenkt. Wenn die Blutversorgung auf diese Weise begrenzt ist, bedeutet dies, daß die Fähigkeit zur Bekämpfung von Krankheiten in diesen Körperbereichen begrenzt ist, da die Blutversorgung die notwendigen Komponenten des endokrinen Systems und des Immunsystems zur Bekämpfung von Krankheiten bereitstellt.

Es gibt also eine Form der Homöostase zwischen Gesundheit und Abwehr, sowohl auf psychologischer als auch auf physiologischer Ebene. In einem gewissen Sinne ist das eine Neuformulierung von Freuds „Todestrieb“. Warum sollte ein Organismus „die Wahl treffen“ zu sterben? Die Antwort ist, daß ein Organismus lieber sterben will, als unter überwältigender Angst und Schmerz zu leiden. Und das ist die Gegenwahrheit von Leben oder Tod in biologischen Organismen. Wir alle führen einen lebenslangen Kampf zwischen Lust oder Angst, Leben oder Tod.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 6)

23. Februar 2019

Eines der Hauptmißverständnisse, unter denen die Orgonomie leidet, ist, daß Reich für „Sex“ stand. Wenn es, frei nach Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“, keinen Triebstau mehr gäbe, weil Sex, frei nach Lenin, so einfach zu haben ist wie ein Glas Wasser, wären die Menschen erst recht unglücklich und – Reich hätte Unrecht. Tatsächlich haben wir dank Tinder solche Verhältnisse. Aber gemach: wer als Mann Geld hatte und als Frau Mut bzw. ausreichend Selbstverachtung konnte ohnehin schon von jeher jederzeit so viel Sex haben, wie er bzw. sie wollte. Sexualökonomisch ist das alles vollkommen wertlos, teilweise sogar kontraproduktiv, da wirkliche Befriedigung nur möglich ist, wenn die Emotionen mitspielen („Liebe“). Emotionen sind unmittelbarer Ausdruck der Bewegung der organismischen Orgonenergie. Sind sie nicht vorhanden (innere Leere), ziehen sie sich zurück (Angst) oder versuchen ganz im Gegenteil das „Liebesobjekt“ zu vernichten (Haß): was soll das mit Wilhelm Reich zu tun haben?

Eine Frau, die sich nach einer frustrierenden Ehe von ihrem Mann trennt und sich bei „Gangbangs“ austobt, kann behaupten, sie sei noch nie so sehr befriedigt wie jetzt, doch das hat NICHTS mit wirklicher genitaler Befriedigung zu tun. Sie rächt sich an ihrem Mann, letztendlich an ihren Eltern, lebt ihren Masochismus aus und „befriedigt“ ihren Narzißmus, aber dieses Ausleben der Neurose… Ausführungen erübrigen sich. Das gleiche gilt für das heutige Geschlechtsleben weiter Kreise junger Menschen, für die Sex nicht etwa die Besiegelung und Erfüllung einer romantischen Beziehung ist, sondern umgekehrt an deren Anfang stehen kann. Heute ist es für junge Frauen durchaus nicht absonderlich, beim elektronischen „Flirten“ erst mal nach einem „Schwanzbild“ zu fragen, bevor man sich trifft – um zu ficken. Bei Sympathie ist danach ein engeres (sic!) Kennenlernen nicht ausgeschlossen…

Man täusche sich nicht: die „Generation Tinder“ ist nicht freier als vorangegangene, denn die Spaltung zwischen Körper („Sex“) und Seele („Liebe“) wird aufrechterhalten, hat sich vielleicht sogar noch verschärft. In der sexualfeindlichen Welt vor der vermeintlichen „sexuellen Revolution“ gab es zumindest Anklänge an die Genitalität und ihren natürlichen Ablauf:

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 5)

22. Februar 2019

Die orgonomische Psychologin Virginia Whitener hat die Erziehungspraxis in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls wie folgt zusammengefaßt:

Ohne Konsequenz und das Setzen von Grenzen fürchtet und mißtraut ein Kind seinen eigenen Gefühlen. Bei ihm steigt die Angst, wenn die Erwachsenen nicht die Kontrolle haben. Werden Kinder zu sehr verwöhnt, nehmen sie einen Mangel an Kraft bei ihren Eltern wahr. Das ängstliche Gefühl durchdringt alles, das Kind fühlt sich unsicher. Wenn die Eltern Grenzen setzen und sich daran halten, ist es frei, seine eigenen Gefühle, Angst oder Wut, auszudrücken und hat dabei den Trost, daß die Eltern seine Gefühle tolerieren können. Das Kind läßt Wut und Schmerz aus sich heraus, findet Erleichterung und lernt, Gefühle zu tolerieren und nicht zu fürchten, einschließlich der Wut über seine Eltern. Wenn Mama und Papa eine unparteiische Haltung gegenüber unangenehmen Gefühlen zeigen, d.h. sie als Teil des Lebens betrachten, mit dem sie umgehen können, ist den Kindern auf zweifache Weise geholfen. Wenn die Eltern den irrationalen Forderungen ihrer Kinder nicht nachgeben, um Gefühlsausbrüche zu vermeiden, nicht die emotionalen Eruptionen ihrer Kinder fördern bzw. sich nicht über die Maßen an diesen beteiligen und die Kinder nicht zu Gefühlsäußerungen drängen oder diese bestrafen, helfen sie ihnen, den Kontakt zu deren eigenen Gefühlen aufrechtzuerhalten. Die Kinder können dann, abhängig von ihrem Alter, in Streßsituationen die zunehmende Fähigkeit für Gefühlsausdruck und rationales Denken entwickeln. Natürlich muß im Sinne der Sicherheit des Kindes und anderer Personen destruktives Verhalten gestoppt werden, damit das Kind Respekt vor sich selbst und anderen lernen kann und es sich sicher fühlen kann, wenn es darum geht Gefühle auszudrücken. Die Kontrolle, die Weitsicht und der Reifegrad des Kindes sind noch nicht vollständig entwickelt und werden mit fortschreitender Entwicklung im Laufe der Jahre zunehmen. Widersprüchliche Emotionen und Impulse bei den Eltern fördern Verwirrung und das Ausagieren. („Changes in Parenting with Progress in Therapy“, The Journal of Orgonomy, Vol. 50,1)

Läßt man Kindern alles durchgehen, erhält man keine selbstbewußten Nachkommen, sondern welche, die ständig zwischen substanzloser Anmaßung und Unsicherheit changieren, zwischen Rebellion und rückgratloser Anpassung. Ein schönes Beispiel sind Muttis Sturmtruppen, die „Anti“fa.

Erstaunlicherweise sieht es in türkischen und arabischen Familien nicht viel anders aus und auch das Produkt der Erziehung ist zwar nicht identisch, aber doch erstaunlich ähnlich. Jungendlich Straftäter mit Migrationshintergrund „werden speziell von ihren Müttern extrem verwöhnt und erfahren keinerlei Grenzsetzung. Die Lehrerinnen, Lehrer und Jugendamtsmitarbeiter, die als Erste mit den Familien zu tun haben, wenn sich bereits in der Grundschule erste Verhaltensauffälligkeiten zeigen, berichten von Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit. Wenn die Mütter – und höchst gelegentlich auch die Väter – darauf angesprochen werden, suchen die Eltern das Verschulden grundsätzlich beim ‚System‘.“ Zuhause sind sie der Pascha und draußen fordern sie, unsicher und schwach wie sie sind, „Respekt“. So die geselbstmordete Jugendrichterin Kerstin Heisig vor einem Jahrzehnt in ihrem Buch Das Ende der Geduld.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 11)

17. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE (Fortsetzung)

In gewissem Sinne scheint mir, daß ein tiefer Kontakt mit sich selbst einen tiefen Kontakt und eine Integration zwischen dem eigenen ZNS und dem eigenen ANS erfordert. Darüber hinaus beinhaltet tiefer Kontakt mit anderen die Wahrnehmung des emotionalen, nonverbalen Bereichs im anderen. Auf der anderen Seite wollen wir das Baby nicht mit dem Bade ausschütten: Worte können tief emotional und voller Kontakt sein, wenn sie nicht defensiv als Mittel zur Distanzierung von Emotionen eingesetzt werden. Auch dazu hat Reich etwas zu sagen:

Die vulgäre Meinung nimmt an, daß die Funktion des menschlichen Verstandes … absolut dem Affekt [entgegengesetzt ist] … . Dabei wird zweierlei übersehen: daß erstens die intellektuelle Funktion selbst eine vegetative [autonome] Tätigkeit ist, daß es zweitens eine Gefühlsbetonung der Verstandestätigkeit gibt, die keiner bloß affektiven Regung an Intensität nachsteht … [Hast du jemals eine leidenschaftliche Idee gehabt?] Der Intellekt kann also in den beiden grundsätzlichen Richtungen des psychischen Apparates, zur Welt und weg von der Welt, tätig sein; er kann ebenso mit lebhaftestem Affekt gleichgerichtet korrekt funktionieren wie auch sich dem Affekt kritisch gegenüberstellen. Zwischen Intellekt und Affekt besteht keine mechanische, absolut gegensätzliche, sondern wieder eine dialektische Funktionsbeziehung. (Reich, 1949, S. 412f)

Also, sprechen Emotionen lauter als Worte? Wenn wir auf das zurückblicken, was wir besprochen haben, würde ich doch sagen: wir kommen zu dem Schluß, daß Emotionen in gewissem Sinne der weitere Bereich sind, der Kontext aus dem oder die Quelle aus der Wörter entspringen können. Wenn Wörter als Abwehr verwendet werden, um den Emotionen zu entkommen oder sie zu vermeiden, liegt die Wahrheit in der Emotion und der begleitenden Körpersprache und nicht in den Wörtern. Auf der anderen Seite, wenn, wie Reich sagt, die Worte in dieselbe Richtung wirken wie ein lebhafter Affekt, dann werden die Worte mit der Kraft der Emotion verbunden, und beide, Worte und Emotionen, sprechen laut.

Zu einem Orgonomen zu werden hat mir persönlich geholfen, einen Fuß in der Natur und einen Fuß im Bereich meiner Mitmenschen zu haben und mir dergestalt geholfen, die Spaltung in meinen Gefühlen über diese beiden Welten zu heilen. Ich konnte tiefe und profunde verbale und nonverbale Erfahrungen mit meinen Patienten teilen und einigen der besten und aussagekräftigsten Theatervorführungen beizuwohnen und in ihnen mitzuspielen, die ich je hätte finden können. In meiner Arbeit ist das Potential, Shakespearesche Tiefen jeden Tag zu erleben. Shakespeare hat nur 36 Stücke geschrieben, aber es gibt unendlich viele tiefgreifende und bedeutungsvolle menschliche Geschichten, an denen ich als Orgonom teilhaben darf. Ich muß nicht zwischen Bühne und Wiese wählen. Ich habe sie beide in meiner Arbeit. Das ist das Geschenk der Orgonomie an mich und an meine Patienten.

Reich starb 1957 in einem Bundesgefängnis. Er war wegen Mißachtung des Gerichts verurteilt worden, weil er sich geweigert hatte, beim Versuch der FDA mitzuarbeiten, seine Arbeit als unwissenschaftlich abzutun. Ich möchte mit den Worten abschließen, die Reich aus dem Gefängnis an seinen 13jährigen Sohn Peter geschrieben hat: „Halte deinen Bauch weich. Laß nicht zu, daß er hart wird. Leide lieber, als hart zu werden“ (Reich 2012, S. 235, kursiv im Original).

 

Literatur

  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 2012: Where’s The Truth? New York: Farrar, Straus and Giroux

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 10)

15. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE (Fortsetzung)

Woher kommen Wörter? Entstammen sie unserem Willen oder kommen sie über uns, wie es die Emotionen tun? Nietzsche (1886, S. 31) formulierte es so: „[E]in Gedanke kommt, wenn ‚er‘ will, und nicht wenn ‚ich‘ es will.“ Emerson (2001) schrieb: „Der Mensch ist ein Strom, dessen Quelle verborgen ist. Unser Wesen steigt in uns herab, wir wissen nicht von wo“ (S. 163). „… ich stelle mir vor, daß der Mensch immer von hinten angesprochen wird und nicht in der Lage ist, den Kopf zu drehen, um den Sprecher zu sehen“ (S. 87).

Es scheint mir, daß Worte irgendwie aus dem Körper kommen. Ich habe das Gefühl, daß Worte irgendwie aus körperlichen Erfahrungen geformt werden. Es fühlt sich an, als ob sie aus meinem Bauch kommen, aber wie kann ich das erklären? Ist das eine Art Metapher oder ist es buchstäblich wahr? Wenn es wahr ist, dann sprechen Emotionen nicht nur lauter als Worte, sondern Worte werden in gewissem Sinne von Emotionen und körperlichen Erfahrungen abgeleitet. Es gibt Forschungen (Begley, 1998, McGinnis 2002), die darauf hinweisen, daß „Gesten uns helfen können, Worte überhaupt zu finden. Es ist, als ob der Körper zum Teil zuerst weiß und dann hilft, das passende Wort zu finden“ (Heuer 2005). Es stellt sich heraus, daß orgonomische Schriften viel dazu zu sagen haben. Reich äußerte sich in Charakteranalyse wie folgt:

„Es ist offenkundig, daß die Sprache in ihren Wortbildungen sich an die Wahrnehmung innerer Bewegungszustände und Organempfindungen anlehnt und daß die Worte, die emotionelle Zustände beschreiben, die entsprechenden Ausdrucksbewegungen des Lebendigen unmittelbar wiedergeben“ (1949, S. 475). „…sowohl der Sprachgebrauch wie auch die Empfindung, die man vom Verhalten eines anderen bekommt, in einer anscheinend gesetzmäßigen Weise gänzlich unbewußt den betreffenden Zustand nicht etwa nur bildlich, sondern vielmehr unmittelbar wiedergibt“ (ebd., S. 439).

Dr. Konia hat auch ausführlich darüber geschrieben. Er schreibt:

„… sowohl Ideen als auch Wörter stammen aus der Wahrnehmung der Organempfindungen. Die kortikalen Sprachzentren … integrieren lediglich die verschiedenen Komponenten der Sprachfunktion … “ (Konia, 1983, S. 233, kursiv im Original). „… die Formulierung, daß Ideen aus der Wahrnehmung von Emotionen und Empfindungen im Körper stammen, basiert auf der klinischen Beobachtung, daß eine therapeutische Verbesserung eintritt, wenn der emotionale Ausdruck des Körpers den damit verbundenen Ideen vorausgeht. Umgekehrt arbeitet das Ausdrücken von Ideen vor dem emotionalen Ausdruck als Widerstand und führt in eine therapeutische Sackgasse. Sobald die in der gepanzerten Muskulatur enthaltene Energie emotional ausgedrückt wird, entstehen Ideen, die sich speziell auf den emotionalen Ausdruck beziehen. Dieser klinische Befund unterstützt die Ansicht, daß Ideen im Gehirn wahrgenommen werden, aber auf körperlichen Sensationen und Emotionen beruhen“ (Konia, 2004, S. 93, kursiv im Original). (Beachten Sie die Ähnlichkeiten zwischen diesen Zitaten und dem Zitat von Solms im zweiten Abschnitt dieses Vortrags.)

Konia und Harman haben auch äußerst interessante Beiträge zum Verständnis des Schlafes geleistet. Es stellt sich heraus, daß Gedanken, Worte und Träume einige gemeinsame Merkmale und Funktionen aufweisen. Konia erklärt: „Sowohl Gedanken als auch Träume stammen aus der Wahrnehmung der Erregung von Emotionen und Sensationen …“ (Konia 2007, S. 53), mit anderen Worten, aus der Wahrnehmung von Organempfindungen, genau wie bei Wörtern. Sowohl Sexualität als auch das Träumen „dienen der Regulierung des Energiehaushalts des Organismus“ (S. 57). Die Panzerung stört die Schlaffunktion, die wie viele andere Funktionen auch Pulsation beinhaltet. „Der Traum ist … eine Form der bioenergetischen Entladung …“ (S. 53).

Harman (2007) stellt fest, daß „Schlaf notwendige Prozesse des autonomen Nervensystems beinhaltet, die nicht während des Wachlebens stattfinden können“ (S. 9). „Im Schlaf etablieren das plasmatische System im allgemeinen und das autonome Nervensystem im besonderen ihre Vorherrschaft über dem Gehirn und halten sie aufrecht. Dieser Prozeß beinhaltet eine Erhöhung der parasympathischen Erregung und der übergreifenden Beweglichkeit, was den Organismus ausdehnt … die orgonotische Ladung wird reorganisiert, um ein höheres Funktionsniveau zu ermöglichen. Dies beinhaltet eine Neuorganisation der Muskel- und Charakterpanzerung“ (S. 7). „Im Verlauf eines Nachtschlafes dominiert zunehmend das parasympathische Nervensystem. Während des REM [schneller Augenbewegungsschlaf, das mit dem Träumen am engsten verbundene Stadium] wird das autonome System extrem aktiv, mit Ausbrüchen sympathischer Aktivität, gefolgt von Phasen extremer Abnahme der sympathischen Aktivität und Zunahme der parasympathischen Aktivität“ (S. 48). „In Träumen … sind grundlegende Funktionen der Kontraktion und Expansion integriert … Bei den meisten gepanzerten Personen dient Schlaf dazu, die Panzerung zu verstärken und aufrechtzuerhalten … In dem Maße, in der konflikthafte Motoraktivität in der Muskulatur ungebunden bleibt [d.h. wenn es einen Mangel an Muskelpanzerung gibt] und im sozialen Leben nicht zum Ausdruck kommt (zum Beispiel beim … Schizophrenen), wird ansteigende Ladung nicht toleriert und der REM-Schlaf wird als traumatisch erlebt …“ (S. 8). „Der Schlaf wird gestört, wenn ein Patient vermeidet, etwas [während der Wachphase] zu tun, das notwendig ist, um sein Leben in Bewegung zu halten, beispielsweise ein Problem zur Sprache zu bringen …“ (S. 15). „Ein Großteil der Umstrukturierung, die nach einer medizinischen Orgontherapie auftritt, die die Sympathitikonie [Überaktivierung des sympathischen Systems] auflöst, ereignet sich im Schlaf“ (S. 8). „Im Schlaf drückt der Mensch sein grundlegendstes Selbst aus“ (Harman 2009, S. 28).

 

Literatur

  • Begley S 1998: Living Hand To Mouth. Newsweek 18:81
  • Emerson R 2001: In Porte, J., Morris, S. (Eds.). Emerson’s Prose and Poetry
  • Harman R 2007: The Autonomic Nervous System and the Biology of Sleep (Part 1). Journal of Orgonomy 41(1):7-49
  • Harman R 2009: The Autonomic Nervous System and the Biology of Sleep (Part 2). Journal of Orgonomy 42(2)
  • Heuer G 2005: „In My Flesh I Shall See God“: Jungian Body Psychotherapy. In: Totten, Nick. (Ed.). New Dimensions in Body Psychotherapy. New York: Open University Press
  • Konia C 1983: For The Record: Orgonotic Functions of the Brain, Part IV. Journal of Orgonomy 17(2):227-239
  • Konia C 2004: Applied Orgonometry Part III: Armored Thought. Journal of Orgonomy 38(2):93-100
  • Konia C 2007: Applied Orgonometry Part V: The Function of Dreams. Journal of Orgonomy 41(1)
  • McGinnis M 2002: How the gesture summons the word. Columbia Magazine. http://www.columbia.edu/cu/alumni/Magazine/Spring2002/Krausss.html
  • Nietzsche F 1886: Jenseits von Gut und Böse, KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Bd. 5, Hrsg. G. Colli, M. Montinari, München: dtv/de Gruyter, 1988
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 9)

13. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE (Fortsetzung)

Erst als ich ungefähr 30 war, wurde mir klar, daß ich nicht wirklich die Wörter eines Songs höre – ich höre den Klang der Wörter. Mir wurde klar, daß ich oft keine Ahnung hatte, worum es in einem Song geht, auf verbaler Ebene. Ich habe mich immer darauf konzentriert, welche Gefühle die Sounds in mir hervorriefen, nicht so sehr auf den verbalen Inhalt der Texte. Für mich erzählten mir die Musik und der Klang der Wörter eine Geschichte, die lauter sprach, als die Worte selbst. Und ich fühle mich genauso, wenn ich mit Menschen interagiere oder sie beobachte.

Körpersprache, Ausdruckssprache, Emotion sind ansteckend. Es wird von Körper zu Körper ohne bewußte Absicht oder bewußte Teilnahme übertragen. Man fühlt, was andere fühlen, ob man will oder nicht. Reich drückte das schön aus, als er schrieb:

Wenn in einer Gruppe von Sperlingen ein einziger Sperling unruhig wird und Gefahr witternd davonfliegt, fliegt die ganze Gruppe, gleichgültig ob alle anderen Sperlinge die Ursache der Unruhe bemerkt haben oder nicht … Der Bewegungsausdruck des Kranken führt in unserem Organismus unwillkürlich eine Imitation herbei. Indem wir imitieren, empfinden und verstehen wir den Ausdruck in uns selbst … Unter „Charakterhaltung“ verstehen wir den „Gesamtausdruck“ eines Organismus. Dem emtspricht wörtlich der „Gesamteindruck“, den ein Organismus auf uns macht. (Reich 1949, S. 478f, kursiv im Original).

Mir wurde immer mehr bewußt, daß so viel im Leben eine plasmatische Erfahrung ist, eine organismische Erfahrung, etwas, das vom Körper bestimmt wird, nicht nur vom Gehirn oder von Worten. Es ist, als ob das Gehirn nur Mitfahrer wäre. Der Körper „weiß“, bevor das Gehirn „weiß“. Das Gehirn versucht zu artikulieren, was der Körper ihm sagt, Dinge in Worte zu fassen, die manchmal fast unmöglich in Worte zu fassen sind. Dies steht im Einklang mit der Vorstellung, daß das ANS, dessen Funktion so tiefgehend mit körperlichen, emotionalen Erlebnissen verbunden ist, eine weitaus wichtigere Rolle im menschlichen Leben spielt, als das bisher außerhalb der Orgonomie gewürdigt wurde. In der konventionellen Psychiatrie und Neurowissenschaft wird das ZNS gegenüber dem ANS weit überbetont, aber ist das wirklich gerechtfertigt? Dr. Robert Harman hat darüber in The Journal of Orgonomy geschrieben. Er schreibt:

Das autonome Nervensystem hat sich viel weiter entwickelt als das Gehirn. Das autonome Nervensystem wird manchmal als „primitives“ Nervensystem verstanden im Gegensatz zum Gehirn … das genaue Gegenteil ist der Fall … Das Gehirn eines Menschen hat sich gegenüber dem Gehirn eines Fisches sehr wenig verändert. … mit einer Ausnahme … dem retikulären System … in 300 Millionen Jahren erscheint nichts „Neues“ … Im Gegensatz dazu ändert sich das autonome Nervensystem in jeder Entwicklungsstufe tiefgreifend …. es ist im Fisch nicht vollständig vorhanden. (Harman 2007, S. 33).

Dr. Harman erklärt, daß die Evolution des ANS eng mit der Evolution der emotionalen Funktion bei Tieren zusammenhängt, im Gegensatz zur Funktion der Sensation, die eher mit dem ZNS verbunden ist und in der Evolution viel früher vorhanden ist. Daher entspricht die verbreitete Vorstellung, daß Emotionen primitiv sind und das Denken, das als eine Art Sensation betrachtet werden kann, fortgeschrittener ist, zumindest in gewisser Weise genau dem Gegenteil der Wahrheit. Dr. Harman läßt die Entwicklung des ANS Revue passieren und weist darauf hin, daß es bei Säugetieren und insbesondere beim Menschen am höchsten entwickelt ist (Harman 2007).

 

Literatur

  • Harman R 2007: The Autonomic Nervous System and the Biology of Sleep (Part 1). Journal of Orgonomy 41(1):7-49
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.