Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 14)

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VI. Orgontherapie: 1. Biopsychiatrische Orgontherapie (Fortsetzung)

Die Störungen im Bewegungsfluß der körpereigenen Orgonenergie, die in den einzelnen Zellen eingeschlossen ist, nennt Reich „Panzerung“. Diese Panzerung verhindert, daß sich der Orgasmusreflex einstellt. Wie kommt es nun zu einer Panzerung? In unserer heutigen patriarchalischen Gesellschaft entsteht immer wieder ein Konflikt zwischen libidinösem Bedürfnis und Bedrohung desselben durch die Außenwelt. Dieser zunächst psychische Konflikt führt zu einer Abweisung des ursprünglichen Bedürfnisses. Mit dem ursprünglichen Bedürfnis, dem Trieb, geht aber immer auch eine Energiebewegung im Organismus einher, die infolge der Außenweltreaktion gebremst werden muß. Damit wandeln sich auch die inneren, lustvollen Bedürfnisse um in Angst- und Unlustgefühle, da die strömende und expandierende Lebensenergie stagniert und kontrahiert. Um die stets als Reaktion auf Versagung der Triebbefriedigung auftretenden Unlustgefühle zu mindern, baut der Organismus die Panzerung auf, welche die Empfindlichkeit gegenüber dem Angst- und Unlustempfinden herabsetzt. Dies geht zwangsläufig auf Kosten der inneren Beweglichkeit; die einst im Organismus ungehindert pulsierende Orgonenergie wird gebremst und in der Aufrechterhaltung der Panzerung gebunden. Der Kranke weiß gewöhnlich nichts von seiner Panzerung, und es nutzt wenig, ihm Hingabe zu predigen oder ihn Hingabe üben zu lassen. Einzig die Auflösung der muskulären Starre ist geeignet, die orgastische Potenz, also das freie Strömen der Lebensenergie im Körper, wiederherzustellen. Es zeigte sich in der praktischen therapeutischen Tätigkeit, daß die zur Entstehung der Panzerung gehörigen Erinnerungen (z.B. Inzestphantasie) mit Lockerung der Muskelverspannung wieder ins Bewußtsein auftauchen.

Reich fand heraus, daß die Panzerungen stets segmentär angeordnet sind.1 Die Verkrampfung der Muskeln ist durchwegs von den anatomischen Verläufen unabhängig. Panzerungen schließen sich wie ein Ring quer zum Verlauf der Wirbelsäule und blockieren die plasmatischen Strömungen und emotionellen Erregungen, die längs zur Körperachse gerichtet sind. Insgesamt kennzeichnet Reich sieben Panzersegmente: der okulare Panzerring, der Stirn, Augen und Jochbeingegen umfaßt; der orale Panzerring, der Lippen, Kinn und Rachen einschließt; die Panzerung des dritten Segments bedient sich wesentlich der tiefen Halsmuskulatur; die Panzerung des Brustkorbs (Atmung) bildet das vierte Segment, das Zwerchfell und die darunter liegenden Organe das fünfte; die Kontraktur der Bauchmitte stellt den sechsten Panzerring dar, die Panzerung des Beckens schließlich den siebten.

Aus diesen Erkenntnissen folgert Reich: „Die Technik der Orgontherapie hat uns gelehrt, daß im Menschentier buchstäblich noch immer ein Wurm funktioniert. Die segmentäre Anordnung der Panzerringe kann keine andere Bedeutung haben. Die Lösung der segmentären Panzerung setzt Ausdrucksbewegungen und plasmatische Strömungen frei, die von den anatomischen Nerven- und Muskelordnungen des Wirbeltieres unabhängig sind. Sie entsprechen weit mehr den peristaltischen Bewegungen eines Darms, eines Wurms oder eines Protisten.“2 Reich konstatiert die funktionale Identität von Körperbewegungen und Emotionen des Menschen und Bewegungen von Einzellern, wiederum beherrscht ein Prinzip das Lebendige. „Wie die Darwinsche Theorie aus der Morphologie des Menschen seine Abstammung von den niederen Vertebraten ableitete, so führt die Orgonbiophysik die emotionellen Funktionen des Menschen weit tiefer noch auf die Bewegungsformen der Weichtiere und Protisten zurück.“3

Es ist gerade der Wurm im Menschen, vor dem wir uns fürchten und den wir mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchen. Daher wundert es kaum, daß der gepanzerte Mensch alle seine neurotischen Kräfte mobilisiert, um sein neurotisches Gleichgewicht zu erhalten. Er fürchtet den freien Energiefluß in seinem eigenen Organismus und wehrt sich dagegen, seine Panzerung aufzulösen. Er fürchtet in seinem tiefsten Innern die Freiheit, die er in seinen Idealen anstrebt; er ist schlechterdings unfähig zur Freiheit, da er Angst hat, sich der Freiheit, dem Lebendigen, dem Wurm in seinem eigenen Körper hinzugeben, was auf Grund seiner Sozialisation natürlich verständlich ist. Wie die Lösung dieses Widerstandes, der identisch ist mit unbeweglicher, die Panzerung aufrecht erhaltender Orgonenergie, erreich wird, kann hier nur angedeutet werden.

Der Orgontherapeut lenkt die Aufmerksamkeit des Patienten auf gepanzerte Stellen, soweit der Kranke diese empfinden kann. Er reguliert die Atmung, läßt den Patienten mechanische Übungen ausführen, durch die Strömungen in Gang gesetzt oder verstärkt werden, oder er bearbeitet direkt gepanzerte Stellen des Körpers mit der Hand. Charakteranalytische Maßnahmen greifen unterstützend ein. Bei richtig verlaufender Orgontherapie stellt sich der freie Energiefluß, und damit der Orgasmusreflex allmählich ein. Die Entdeckung von DOR, stagnierender, unbeweglicher Orgonenergie, legte die Vermutung nahe, daß auch in den Muskelpanzerungen DOR eingeschlossen ist. Reich versuchte daher, das Prinzip des Cloudbusters auch medizinisch einzusetzen, was in vielen Fällen erfolgreich war.4

 

Fußnoten

  1. Vgl. hierzu: Reich, W., Charakteranalyse, a.a.O. S. 372–392
  2. ebenda S. 395
  3. ebenda S. 398
  4. Vgl. Raknes, W. Reich und die Orgonomie, a.a.O. S. 81

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11 Antworten to “Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 14)”

  1. Peter Nasselstein Says:

  2. Tzindaro Says:

    There are several problems with orgone therapy. One is that it is still, after all these years, not yet proven to do any good. There are only the personal subjective impressions of patients who say it has helped them and practioners who say they have seen good results from it, but nowhere can you find a controlled study showing good results. To date, no orgonomist has done such a study, or if one has, the findings have not been made public.

    Anecdotal accounts are not evidence. There is only one way to convince the scientific and medical profession that orgone therapy is of any value, and that is by a controlled study, not by anecdotes.

    A second problem is that the orgonomists tend to present their own personal political ideologies as examples of health and to claim any other political views are an example of mental illness. In partcular, the claim is frequently heard in far right orgonomic circles that communism or socialism, or in some cases even any form of liberal political sympathies at all, favoring humane and decent treatment of Middle Eastern refugees, for example, is a sample of what they call Emotional Plague, a diagnosis they apply to nearly anyone on the left of the political spectrum. This politicalization and the implication that a supposed therapy can and should turn people towards the political views of the therapist relegates orgone therapy to the status of a technique of brainwashing and removes it from the catagory of a medical treatment entirely.

    Orgone therapy needs two things: controlled studies to find out if it is effective or not, and to drop the political baggage it inherited from Reich and grow up to realize there are honest difference of opinion on public matters between honest and decent people, and callng names disguiised as medical diagnoses is not the way adults settle such disputes.

    • Robert (Berlin) Says:

      „In partcular, the claim is frequently heard in far right orgonomic circles that communism or socialism, or in some cases even any form of liberal political sympathies at all, favoring humane and decent treatment of Middle Eastern refugees, for example, is a sample of what they call Emotional Plague, a diagnosis they apply to nearly anyone on the left of the political spectrum.“

      There are no right-wing extremist orgonomists, but a bunch of left-wing crackpots who claim to be orgonomists. Real refugees from the Middle East are a maximum of 1% in Germany, the rest are fraudsters. Real refugees like Christians are abandoned. You talk like a left-wing utopian and have no idea of the conditions in Europe.

  3. Peter Nasselstein Says:

    Wichtiger erklärender Text:

    http://dzogorg.blogspot.com/2018/09/penny-und-emil-caccavo-teil-1.html

    Übrigens hat Reich zur der Zeit noch nicht gesoffen und ohnehin vermengt sich einiges aus selbst erfahrenem mit nachträglich angelesenem.

  4. Tzindaro Says:

    There are NO right wing extremist orgonomists? I must not have met the same ones you have. Almost all of them fall on the right of the political spectrum, usually very far to the right. I can think of only one who is on the Left.

    But if orgonomy is to be considered at all a science, it must be open to including both sides of the spectrum. A science is apolitical. Nobody can excommunicate anyone from a scientific discipline because of their politics. If orgonomy is going to do that, it is nothing but another cult, just as the Skeptics Society says it is.

    I have some experience with people from the Middle East. I have traveled in Turkey, Jordan, Israel, and Syria, as well as India, and as a student I once roomed with a Jordanian student for several months. He is now a pilot for Royal Jordanian Airlines. He was very shy with women and could not bring himself to strike up a conversation with a girl he found attractive. He said his prayers if someone reminded him it was time for them, but frequently forgot them otherwise. His political views were about the same as the other students, namely, rather cynical and skeptical about the intentions of politicians.

    I have also lived for over a year in Den Haag, in the Netherlands. The last time I looked at a map, that was part of Europe, so I think I have some first hand experience with conditions there.

    And I am not a leftist. I am in favor of the death penalty and the right to bear arms, against affirmative action, and think so-called transexuals are bloody insane. I also think global warming is a moral panic, not anything real. And I would like to see all American Indian tribes assimilated into the mainstream culture and their reservations returned to the Federal Government. Does any of that sound like I am on the Left?

    My position on immigration, for both Europe and North America, is that individual human beings have a fundamental right to live wherever they please. This is all one planet and national borders are a fiction. That holds true regardless of where they are from or what their skin color may be.

    But that does not mean they have a right to bring their previous religion or culture with them. I would have no problem with telling people from the Middle East they themselves are welcome, but they have to leave their religion at home. If Halal or Kosher food was made illegal, or circumcision outlawed, or preaching the Muslim religion was banned, I see nothing wrong with such measures to require cultural conformity to Western values. In fact, I would consider it a step in the right direction, towards the eventual goal of outlawing all religions since they are all more or less equally harmful and will hopefully someday be abolished.

    But to single out one particular religion as the Devil, as is frequently seen here, is only to fall for the lies of the American propaganda machine and what it says about its enemy of the day. One would have expected better from people whose thinking is unconventional enough to accept orgonomy.

    • Robert (Berlin) Says:

      Es ist ein großer Unterschied, ob man als Tourist in arabische Staaten reist, oder ob man in einem islamisierten Viertel in der eigenen Heimat leben muss. Ich bin immer wieder frappiert über die Dummheit von Akademikern, die ihre akademischen Kollegen aus der arabischen Oberschicht mit den analphabetischen Einwanderern aus der muslimischen Welt gleichsetzen. Die einfachen Bürger im Westen können nicht fliehen und müssen mit der Hölle leben, die ihnen die linken Gutmenschen aufgezwungen haben.
      Sag mir nur eine einzige rechtsextreme Position des ACO.

    • Peter Nasselstein Says:

      Tzindaro lebt in der Vergangenheit:

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