Posts Tagged ‘Angst’

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter (Teil 2)

16. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

Fallbeispiel

George ist ein 42-jähriger geschiedener Rechtsanwalt und Vater von drei Kindern. Er war 9 Jahre mein Patient. Er kam zunächst wegen Depressionen aufgrund seiner unglücklichen Ehe zu mir. Kurz nachdem er zu mir kam, löste sich seine Ehe auf und innerhalb von zwei Jahren begann er mit seiner aktuellen Freundin Angela auszugehen.

George hat in der Therapie große Fortschritte gemacht. In den letzten Jahren, als sich seine Beziehung zu Angela vertiefte, hatte er im Zusammenhang mit ihrer Liebesbeziehung eine Reihe außergewöhnlicher psychischer (psychologischer) und somatischer Erfahrungen, von denen einige wie Manifestationen von Orgasmusangst erscheinen. Ich werde diese Erfahrungen weiter unten beschreiben.

Obwohl George von Anfang an in vielerlei Hinsicht in der Lage war, mit Angela emotional offen zu sein, nahm die Entwicklung ihrer sexuellen Beziehung längere Zeit in Anspruch.

Auf der psychischen (Liebes-) Ebene hatte George das Gefühl, als erlebe er Liebe auf eine Art und Weise, wie er sie noch nie zuvor in seiner Entwicklung erlebt hatte. Mit anderen Worten, es war nicht so, daß er diese Art von Liebe in der Vergangenheit erlebt hatte, und es lange her war, seit er sie gefühlt hatte; vielmehr empfand er diese Liebe als etwas Neues, das er weder als Erwachsener noch als Kind oder sogar als Baby erfahren hat. In den frühen Stadien seiner Beziehung zu Angela beschrieb er, wie er in seinem Bett lag und fühlte, „als ob Energie aus dem Universum buchstäblich in meinen Körper strömte – ich hatte fast das Gefühl, als würde ich dem Bett entschweben“. Dies ist ein anschauliches Beispiel für die Tatsache, daß Liebe eine biophysikalische Aktivität ist.

Als seine Ehe fehlschlug und schließlich tot war, war er immer depressiver geworden und es war immer schwieriger, die Dinge zu tun, die er zu tun hatte. Sein Einkommen sank und er schob viele lebensnotwendige Aufgaben vor sich hin. Aber er hatte nie suizidale Anwandlungen und gab nie völlig auf. Man spürt, daß er eine innere Stärke hat, die praktisch unbezwingbar ist. Auf der anderen Seite hatte er sich mehr und mehr „erstarrt“ gefühlt, bevor er Angela traf. Er sah sich oft als einen Mann, der in einem Schneesturm durch die gefrorenen Steppen ging und wußte, daß er die menschliche Zivilisation niemals erreichen werde und zum Sterben im Schnee verdammt sei, aber trotzdem immer weiterschritt. Eine andere Metapher, die er häufig verwendete, war Davy Crockett in Alamo. Er wußte, daß Hilfe fast sicher niemals eintreffen werde, aber er kämpfte weiter und konzentrierte sich auf die Aufgabe im Hier und Jetzt, jeden eindringenden Soldaten einzeln zu töten.

Seine Ehe war viele Jahre lang ohne Sex gewesen und die neue körperliche Beziehung zu Angela fühlte sich an, als würde er zum ersten Mal die Sexualität entdecken. Sogar nachdem er und Angela sich sexuell näher gekommen waren, bemerkte George, daß er zwar in einem nicht-sexuellen Kontext oft in der Lage ist, tiefen Augenkontakt mit ihr herzustellen, doch es in der genitalen Umarmung viel schwieriger ist, diesen Blickkontakt aufrechtzuerhalten. Im nicht-sexuellen Kontext findet er es auch oft „zu viel“, wenn er lange Blickkontakt hält, obwohl er für kurze Zeit sehr tiefen Augenkontakt herstellen kann. Er sagt, daß er dies auch während der genitalen Umarmung tun kann, aber schließlich spüre er, wie Energie von seinen Genitalien nach oben zu seinem Hinterkopf abfließt, als würde die Energie aus seinen Genitalien fliehen, um sich in seinem Kopf zu verstecken.1 Wenn die Energie seine Genitalien verläßt, verliert er infolge seine Erektion. Er findet, daß, wenn er seine Augen schließt, es leichter fällt die Erregung in seinen Genitalien aufrechtzuerhalten, entsprechend wechselt er zwischen geschlossenen Augen mit kürzeren Zeitabschnitten des Augenkontakts mit Angela.

In der Therapie kann George spüren, wo sich die Energieladung in seinem Körper befindet, und dann die Energie ausdrücken und bewegen. Ich denke dabei manchmal an eine Form von „somatischer freier Assoziation“, bei der er seine nonverbalen Impulse ohne Hemmung einfach wahrnimmt und ausdrückt, ähnlich wie in der Psychoanalyse ein Patient versucht, die Grundregel zu befolgen und zu sagen, was ihm in den Kopf kommt. Wenn Georges Energie an einem bestimmten Tag in seinem Kopf ist, muß er sich manchmal aufsetzen und sprechen, um sie abzulassen, oder er kann auf der Couch liegen und Laute von sich geben. Dieses Hervorbringen von Nichtworten kann dann dazu führen, daß die Energie aus seinem Brustsegment ausgedrückt wird, wobei das Schreien zu Schluchzen führen kann. Das kann dann voranschreiten zum Treten und Strampeln.

Wenn sich sein Hinterkopf angespannt anfühlt, kann er ihn manchmal lockern, indem er den Kopf nach hinten vom Rand der Therapiecouch herabhängen läßt oder indem er den Kopf in einer „Nein“-Bewegung sehr kräftig hin und her schüttelt. Normalerweise erlebt er eine Welle akuter Fallangst, wenn er dies tut, als Ergebnis der zuvor gebundenen, jetzt aber plötzlich freigesetzten Energie aus seinem Hinterkopf, die an der Vorderseite seines Körpers heftig nach unten strömt.

Wenn er spürt, daß die Energie in seinem Kopf steckenbleibt und sich als übermäßiger innerer Dialog manifestiert, was ihm eine frustrierende „intellektualisierende“ Erfahrung in seinem Kopf verschafft, wird er diese mentale Energie manchmal durch Schreien entladen und freisetzen. „Halt‘s Maul, halt‘s Maul, halt‘s Maul!!!“ Dies kann einen äußerst wütenden Charakter annehmen und führt stets dazu, daß sich die internen „Stimmen“ auflösen. Er ist dann freier, Emotionen und Energie in anderen Segmenten zu erleben. Wir haben hier ein Beispiel für das orgonomische Verständnis der Psyche als energetischen Prozeß:

Ideen können entstehen und vergehen. Ihre Existenz hängt vom Zustand der Energiebewegung im Körper ab“ (Reich 1950, S. 6, kursiv im Original). „… Gedanken beruhen teilweise auf der hohen orgonotischen Ladung des Gehirns, die die Energie von Emotionen und Sensationen aus dem Körper abzieht“ (Konia 2004, S. 108). Sobald die Energie des Gedankens entladen ist, ist die Energie des Körpers wieder frei, um sich zu demjenigen Segment zu bewegen, das zu diesem Zeitpunkt das höchste orgonotische Potential besitzt.

 

Anmerkungen

1 Das Hinterhaupt ist der Bereich des Kopfes, an dem der Schädel sich mit dem Hals verbindet, ein Grenzbereich zwischen der okularen und der oralen Panzerungszone, der innen mit der Basis des Gehirns korrespondiert.

 

Literatur

  • Konia C 2004: Applied Orgonometry II: The Origin and Function of Thought. The Journal of Orgonomy 38(1):100-111
  • Reich W 1950: Orgonomic Functionalism, Part II. Orgone Energy Bulletin 2(1):1-15, New York: Orgone Institute Press

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Bist du auf der Suche nach dir selbst?

14. Juni 2019

Millionen sind auf der Suche nach sich selbst. Manche reisen um die ganze Welt, „um sich zu finden“. Keiner sieht, daß sein Selbst hinter einer Mauer aus Angst und Terror verborgen ist und daß „die Suche nach sich selbst“ in Wirklichkeit nur die Lebenslange Flucht vor dieser Furcht und diesem Schrecken ist. Einzig und allein in der Orgontherapie durchschreiten Menschen die besagte „Mauer“, die Panzerung.

 

 

 

„to emote“

5. Mai 2019

Ich stimme Claus zu, möchte aber mit Theordore Dairymple ergänzen: „We lieve in an age of emotionnal intontinence, where they who emote the most are believed to feel the most.

Dieses kindische und „hysterische“ Ausagieren von in jeder Hinsicht unangebrachten „Emotionen“ ist tatsächlich die Flucht vor der Emotion. Diese Ausbrüche über Nichtigkeiten zurückzuhalten, würde zum Ausbruch authentischer, „eigentlicher“ Emotionen führen, etwa eine tiefe Traurigkeit, Angst, Wut, etc. Es können natürlich auch tiefe Emotionen, etwa „mystische Sehnsucht“, als Ersatzkontakt mißbraucht werden, um dem konkreten Alltag und seinen emotionalen Herausforderungen zu entfliehen. Man denke nur an nationalistische oder religiöse Ergriffenheit. Es ist eine Art von „Emotionskrämerei“ entsprechend der „Wahrheitskrämerei“, von der Reich sprach. In jedem Fall tritt der Ersatzkontakt an die Stelle des Kontakts. Du weinst beispielsweise beim Tod eines Filmhelden, doch das Leiden der Menschen in deiner Umgebung oder gar in deiner Familie läßt dich kalt. Man kann sich ausmalen, was für ein Tollhaus Laien-„Therapeuten“ erzeugen können, denn derartige „Emotionen“ lassen sich denkbar einfach hervorrufen, gehören sie doch heute geradezu zum guten Ton. Das Gegenmittel ist nicht etwa Seneca und der Stoizismus, wie im obigen Video angedeutet wird, sondern das Ertragen und der Ausdruck von echten Emotionen. Als Kind pflegte ich zu lachen, wenn sich meine Mutter verletzte, etwa einen Stromschlag erlitt. Ich konnte einfach den ganzen Terror meiner wahren Empfindungen nicht ertragen. Heute flüchtet sich eine ganze Gesellschaft in diesen Eskapismus, einen bizarren Zirkus aus „Fun“ auf der einen Seite und auf der anderen aus ebenfalls infantiler Rührseligkeit, Sentimentalität, Gefühlsseligkeit und natürlich „Betroffenheit“, d.h. mit dem Kopf fühlen und dem Bauch „denken“:

Oder zurück nach Amerika:

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

25. Februar 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Am Ende seines Buches Christusmord schrieb der österreichische Psychiater Wilhelm Reich einen Anhang mit dem Titel „Die Waffe der Wahrheit“. „Die Waffe der Wahrheit“ ist eine der wichtigsten schriftlichen Äußerungen Reichs. Darin prägte er einen neuen Begriff: „Gegenwahrheit“. Er definierte die Gegenwahrheit als Grund dafür, daß sich die Wahrheit nicht durchsetzt, und er sagte, es sei manchmal sogar noch wichtiger, die Gegenwahrheit zu verstehen, als die Wahrheit selbst zu verstehen, weil es nutzlos und möglicherweise sogar gefährlich ist, die Wahrheit zu unterstützen, ohne die Gegenwahrheit zu verstehen.

Das Konzept der Gegenwahrheit ist ein soziologisches Konzept und Reich hat meines Wissens niemals explizit Parallelen zur klinischen Situation gezogen, die Parallelen sind aber offensichtlich.

Man könnte sagen, daß die psychologische Abwehr eine Gegenwahrheit ist. Die psychologische Abwehr ist „kostspielig“. Sie schränkt unsere psychische Gesundheit ein. Warum gibt es sie dann? Die Gegenwahrheit der Abwehr besteht darin, daß sie verhindern soll, daß wir von Emotionen überwältigt werden, mit denen wir vielleicht nicht umgehen können.

Reich wies auf das autonome Nervensystem (ANS) als das physiologische Substrat für das Funktionieren von Emotionen im Körper hin. Das ANS reguliert Dinge wie Herzschlag, Atemfrequenz und die glatte Muskulatur, die die Blutgefäße auskleidet, wodurch der Blutfluß zu den verschiedenen Organen des Körpers einschließlich der verschiedenen Regionen des Gehirns bestimmt wird. Das ANS beeinflußt auch das Funktionieren des endokrinen Systems und des Immunsystems.

Das ANS macht also den physiologischen Mechanismus der Psyche (Emotion) – und der Abwehr gegen die Psyche und Emotion – im Körper aus. Reich behauptete, das ANS sei der Schlüssel zum Verständnis der uralten Frage nach der Natur der Verbindung von Geist und Körper.

Wenn der Geist vor schmerzhaften Gedanken und Gefühlen zurückschreckt, geschieht dies auch physiologisch und die Physiologie wird durch das ANS vermittelt. Was als sympathischer Zweig des ANS bekannt ist – der Zweig „Kampf oder Flucht“ – vermittelt das Phänomen Angst und Wut im Körper. Bei Angst wird die Blutversorgung von bestimmten physiologischen Strukturen weggelenkt. Wenn die Blutversorgung auf diese Weise begrenzt ist, bedeutet dies, daß die Fähigkeit zur Bekämpfung von Krankheiten in diesen Körperbereichen begrenzt ist, da die Blutversorgung die notwendigen Komponenten des endokrinen Systems und des Immunsystems zur Bekämpfung von Krankheiten bereitstellt.

Es gibt also eine Form der Homöostase zwischen Gesundheit und Abwehr, sowohl auf psychologischer als auch auf physiologischer Ebene. In einem gewissen Sinne ist das eine Neuformulierung von Freuds „Todestrieb“. Warum sollte ein Organismus „die Wahl treffen“ zu sterben? Die Antwort ist, daß ein Organismus lieber sterben will, als unter überwältigender Angst und Schmerz zu leiden. Und das ist die Gegenwahrheit von Leben oder Tod in biologischen Organismen. Wir alle führen einen lebenslangen Kampf zwischen Lust oder Angst, Leben oder Tod.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 6)

23. Februar 2019

Eines der Hauptmißverständnisse, unter denen die Orgonomie leidet, ist, daß Reich für „Sex“ stand. Wenn es, frei nach Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“, keinen Triebstau mehr gäbe, weil Sex, frei nach Lenin, so einfach zu haben ist wie ein Glas Wasser, wären die Menschen erst recht unglücklich und – Reich hätte Unrecht. Tatsächlich haben wir dank Tinder solche Verhältnisse. Aber gemach: wer als Mann Geld hatte und als Frau Mut bzw. ausreichend Selbstverachtung konnte ohnehin schon von jeher jederzeit so viel Sex haben, wie er bzw. sie wollte. Sexualökonomisch ist das alles vollkommen wertlos, teilweise sogar kontraproduktiv, da wirkliche Befriedigung nur möglich ist, wenn die Emotionen mitspielen („Liebe“). Emotionen sind unmittelbarer Ausdruck der Bewegung der organismischen Orgonenergie. Sind sie nicht vorhanden (innere Leere), ziehen sie sich zurück (Angst) oder versuchen ganz im Gegenteil das „Liebesobjekt“ zu vernichten (Haß): was soll das mit Wilhelm Reich zu tun haben?

Eine Frau, die sich nach einer frustrierenden Ehe von ihrem Mann trennt und sich bei „Gangbangs“ austobt, kann behaupten, sie sei noch nie so sehr befriedigt wie jetzt, doch das hat NICHTS mit wirklicher genitaler Befriedigung zu tun. Sie rächt sich an ihrem Mann, letztendlich an ihren Eltern, lebt ihren Masochismus aus und „befriedigt“ ihren Narzißmus, aber dieses Ausleben der Neurose… Ausführungen erübrigen sich. Das gleiche gilt für das heutige Geschlechtsleben weiter Kreise junger Menschen, für die Sex nicht etwa die Besiegelung und Erfüllung einer romantischen Beziehung ist, sondern umgekehrt an deren Anfang stehen kann. Heute ist es für junge Frauen durchaus nicht absonderlich, beim elektronischen „Flirten“ erst mal nach einem „Schwanzbild“ zu fragen, bevor man sich trifft – um zu ficken. Bei Sympathie ist danach ein engeres (sic!) Kennenlernen nicht ausgeschlossen…

Man täusche sich nicht: die „Generation Tinder“ ist nicht freier als vorangegangene, denn die Spaltung zwischen Körper („Sex“) und Seele („Liebe“) wird aufrechterhalten, hat sich vielleicht sogar noch verschärft. In der sexualfeindlichen Welt vor der vermeintlichen „sexuellen Revolution“ gab es zumindest Anklänge an die Genitalität und ihren natürlichen Ablauf:

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 5)

22. Februar 2019

Die orgonomische Psychologin Virginia Whitener hat die Erziehungspraxis in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls wie folgt zusammengefaßt:

Ohne Konsequenz und das Setzen von Grenzen fürchtet und mißtraut ein Kind seinen eigenen Gefühlen. Bei ihm steigt die Angst, wenn die Erwachsenen nicht die Kontrolle haben. Werden Kinder zu sehr verwöhnt, nehmen sie einen Mangel an Kraft bei ihren Eltern wahr. Das ängstliche Gefühl durchdringt alles, das Kind fühlt sich unsicher. Wenn die Eltern Grenzen setzen und sich daran halten, ist es frei, seine eigenen Gefühle, Angst oder Wut, auszudrücken und hat dabei den Trost, daß die Eltern seine Gefühle tolerieren können. Das Kind läßt Wut und Schmerz aus sich heraus, findet Erleichterung und lernt, Gefühle zu tolerieren und nicht zu fürchten, einschließlich der Wut über seine Eltern. Wenn Mama und Papa eine unparteiische Haltung gegenüber unangenehmen Gefühlen zeigen, d.h. sie als Teil des Lebens betrachten, mit dem sie umgehen können, ist den Kindern auf zweifache Weise geholfen. Wenn die Eltern den irrationalen Forderungen ihrer Kinder nicht nachgeben, um Gefühlsausbrüche zu vermeiden, nicht die emotionalen Eruptionen ihrer Kinder fördern bzw. sich nicht über die Maßen an diesen beteiligen und die Kinder nicht zu Gefühlsäußerungen drängen oder diese bestrafen, helfen sie ihnen, den Kontakt zu deren eigenen Gefühlen aufrechtzuerhalten. Die Kinder können dann, abhängig von ihrem Alter, in Streßsituationen die zunehmende Fähigkeit für Gefühlsausdruck und rationales Denken entwickeln. Natürlich muß im Sinne der Sicherheit des Kindes und anderer Personen destruktives Verhalten gestoppt werden, damit das Kind Respekt vor sich selbst und anderen lernen kann und es sich sicher fühlen kann, wenn es darum geht Gefühle auszudrücken. Die Kontrolle, die Weitsicht und der Reifegrad des Kindes sind noch nicht vollständig entwickelt und werden mit fortschreitender Entwicklung im Laufe der Jahre zunehmen. Widersprüchliche Emotionen und Impulse bei den Eltern fördern Verwirrung und das Ausagieren. („Changes in Parenting with Progress in Therapy“, The Journal of Orgonomy, Vol. 50,1)

Läßt man Kindern alles durchgehen, erhält man keine selbstbewußten Nachkommen, sondern welche, die ständig zwischen substanzloser Anmaßung und Unsicherheit changieren, zwischen Rebellion und rückgratloser Anpassung. Ein schönes Beispiel sind Muttis Sturmtruppen, die „Anti“fa.

Erstaunlicherweise sieht es in türkischen und arabischen Familien nicht viel anders aus und auch das Produkt der Erziehung ist zwar nicht identisch, aber doch erstaunlich ähnlich. Jungendlich Straftäter mit Migrationshintergrund „werden speziell von ihren Müttern extrem verwöhnt und erfahren keinerlei Grenzsetzung. Die Lehrerinnen, Lehrer und Jugendamtsmitarbeiter, die als Erste mit den Familien zu tun haben, wenn sich bereits in der Grundschule erste Verhaltensauffälligkeiten zeigen, berichten von Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit. Wenn die Mütter – und höchst gelegentlich auch die Väter – darauf angesprochen werden, suchen die Eltern das Verschulden grundsätzlich beim ‚System‘.“ Zuhause sind sie der Pascha und draußen fordern sie, unsicher und schwach wie sie sind, „Respekt“. So die geselbstmordete Jugendrichterin Kerstin Heisig vor einem Jahrzehnt in ihrem Buch Das Ende der Geduld.

Anmerkungen zum Thema „Emotion“

31. Januar 2019

„Angst ist in Wirklichkeit eine Kontraktion, die gegen die Ausdehnung gerichtet ist. Kontraktion allein, z.B. gegen Kälte, ruft keine Angst hervor“ (Elsworth F. Baker: Der Mensch in der Falle, S. 45). Bei der Schrumpfungsbiopathie hat man keine Angst, obwohl sich der Körper kontrahiert.

Bei der Expansion sollte man zwei Dinge auseinanderhalten, nämlich Liebe und Wut. Demnach ist nämlich nicht jede Expansion mit „lustvoller Entspannung“ oder gar „Auflockerung der muskulären Panzerung“ verbunden. Bei Wut ist wohl eher das Gegenteil gegeben, trotzdem sie eine Expansion ist. Andererseits löst sich bei Kontraktion, etwa bei tiefer Traurigkeit, die Panzerung auf.

Bei der Lust haben wir es mit einer Expansion zu tun, die frei zur Haut fließt, bei der Wut mit einer Expansion, die in die Muskulatur geht. Sehnsucht ist eine Emotion, bei der die Energie in die Brust, zum Mund und zum Genital hin expandiert. Bei Traurigkeit zieht sich die Energie einfach wieder zurück, während bei der Angst sie es gegen die Expansion macht und es zum inneren Stau kommt („Stauungsangst“).

Was ist mit „Lustangst“? Betrachten wir zunächst die Orgasmusformel: Spannung – Ladung – Entladung – Entspannung. Das Phönomen der „kalten Erektion“ schließt aus, daß der Flüssigkeitsstrom zur Peripherie eine sekundäre Folge der energetischen Ladungsverschiebung ist („Ladung – Spannung“). Wie Walter Hoppe in seinem Buch über Wilhelm Reich schrieb, muß man zentrale Erregung und periphere Aufladung auseinanderhalten, weshalb es „Spannung – Ladung“ ist (S. 226). Wenn man dies bedenkt, schließen sich Angst und sexuelle Lust durchaus nicht aus. Die anfänglichen Gefühle im Solar Plexus (zentrale Erregung) sind ja identisch. Generell sind „das Gefühl der Erwartungslust und das der Erwartungsangst miteinander verwoben“ (Die Funktion des Orgasmus). Das erklärt beispielsweise die Lust an Horrorfilmen. „Auch beim Schaukeln, im rasch abwärts fahrenden Lift (…) verspürt man am Herzen und am Genitale Empfindungen, die angst- und lustbetont zugleich sind“ (ebd.). Das erklärt die Lust an der „Todesangst“ auf der Kirmes.

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 2

8. Januar 2019

orgonometrieteil12

2. Modell, Funktionsschema, orgonometrische Gleichung

Die grenzenlose Charakterstruktur

1. November 2018

Reich glaubte, daß „die Emotionen an die Existenz und Bewegung von protoplasmatischer Substanz innerhalb eines begrenzten Systems gebunden sind und ohne diese Voraussetzung nicht existieren“. Expansion und Kontraktion gäbe es, so Reich, auch in der unbelebten Natur, aber mit einer Membran werden daraus die Emotionen, insbesondere die beiden Grundemotionen Lust (Expansion) und Angst (Kontraktion) (Äther, Gott und Teufel, S. 90f).

Aus dieser Warte muß man den heutigen Wahn sehen, alle Grenzen beseitigen zu wollen. Im Gespräch mit Jürgen Elsässer nennt Gerhard Wisnewski insbesondere folgende Beispiele dafür, daß überall Grenzen aufgelöst werden, wobei er bemerkenswerterweise „Leben“ durchaus ähnlich definiert wie Reich (Compact, 11/2018):

  1. finanzielle und wirtschaftliche Grenzen (deine Ersparnisse bürgen für die Verschwendung in Südeuropa, etc.);
  2. nationale Grenzen („Europa“ und die UN);
  3. ethnische Grenzen („Umvolkung“);
  4. intellektuelle und Begabungsgrenzen (die Einheitsschule, der Gerechtigkeitswahn);
  5. kulturelle Grenzen (Hollywoods globale Einheits-„Kultur“);
  6. sexuelle Grenzen („Gendermainstreaming“, wobei gleichzeitig die beiden Geschlechter zunehmend voneinander entfremdet werden);
  7. künstlerische Grenzen („Crossover-Projekte, es wird alles gemischt, Klassik mit Rock und Jazz und so weiter“).
  8. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine („Transhumanismus“).
  9. Die Grenzauflösung durch Organtransplantation, bei der übrigens LEBENDE ausgeschlachtet werden. Tote können keine Organe spenden, denn diese sind tot, d.h. funktionsunfähig!
  10. Die Grenze zwischen Tier und Mensch: Manieren, Schamgefühle, kurz die Kultur, werden aufgelöst – der Mensch wird zum Schwein.
  11. Die große Vereinheitlichung mit Weltstaat, gleichgeschaltetem Einheitsbürger und einer Weltreligion.

Für Wischnewski ist das alles von oben geplant und zwar seit Jahrzehnten, sogar Jahrhunderten (sic!). Er weiß nichts von der Emotionellen Pest, d.h. der Verschwörung gegen das Leben (das anfangs erwähnte Leben konstituierende „Grenzziehen“) an sich. Spezifischer geht es um die linksliberale und sozialistische Charakterstruktur, die auf der Verneinung von Emotionen beruht. Solche Menschen, die ganz „zerebral“ ausschließlich im „energetischen Orgonom“ leben, aus dem sie ständig hinaus streben, und denen das „orgonotische System“ (die Organisation der Pulsation – Expansion und Kontraktion, Lust und Angst) fremd ist, ertragen keine Grenzen, weil sie keine Emotionen ertragen. Bei der Nationalhymne legen sie nicht ergriffen die rechte Hand auf die Herzregion, sondern sie sind „internationalistisch angewidert“ und „betroffen“. Man gehe aus dieser Perspektive nochmals die obigen elf Punkte durch: alles löst sich in einen emotionslosen konturlosen Empfindungsbrei auf!

Daß sich die Emotionelle Pest organisiert, ist sekundär. Um zu verstehen, was wirklich in der Welt geschieht, muß man Wilhelm Reich, Elsworth F. Baker, Paul Mathews und Charles Konia lesen!

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 14)

30. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VI. Orgontherapie: 1. Biopsychiatrische Orgontherapie (Fortsetzung)

Die Störungen im Bewegungsfluß der körpereigenen Orgonenergie, die in den einzelnen Zellen eingeschlossen ist, nennt Reich „Panzerung“. Diese Panzerung verhindert, daß sich der Orgasmusreflex einstellt. Wie kommt es nun zu einer Panzerung? In unserer heutigen patriarchalischen Gesellschaft entsteht immer wieder ein Konflikt zwischen libidinösem Bedürfnis und Bedrohung desselben durch die Außenwelt. Dieser zunächst psychische Konflikt führt zu einer Abweisung des ursprünglichen Bedürfnisses. Mit dem ursprünglichen Bedürfnis, dem Trieb, geht aber immer auch eine Energiebewegung im Organismus einher, die infolge der Außenweltreaktion gebremst werden muß. Damit wandeln sich auch die inneren, lustvollen Bedürfnisse um in Angst- und Unlustgefühle, da die strömende und expandierende Lebensenergie stagniert und kontrahiert. Um die stets als Reaktion auf Versagung der Triebbefriedigung auftretenden Unlustgefühle zu mindern, baut der Organismus die Panzerung auf, welche die Empfindlichkeit gegenüber dem Angst- und Unlustempfinden herabsetzt. Dies geht zwangsläufig auf Kosten der inneren Beweglichkeit; die einst im Organismus ungehindert pulsierende Orgonenergie wird gebremst und in der Aufrechterhaltung der Panzerung gebunden. Der Kranke weiß gewöhnlich nichts von seiner Panzerung, und es nutzt wenig, ihm Hingabe zu predigen oder ihn Hingabe üben zu lassen. Einzig die Auflösung der muskulären Starre ist geeignet, die orgastische Potenz, also das freie Strömen der Lebensenergie im Körper, wiederherzustellen. Es zeigte sich in der praktischen therapeutischen Tätigkeit, daß die zur Entstehung der Panzerung gehörigen Erinnerungen (z.B. Inzestphantasie) mit Lockerung der Muskelverspannung wieder ins Bewußtsein auftauchen.

Reich fand heraus, daß die Panzerungen stets segmentär angeordnet sind.1 Die Verkrampfung der Muskeln ist durchwegs von den anatomischen Verläufen unabhängig. Panzerungen schließen sich wie ein Ring quer zum Verlauf der Wirbelsäule und blockieren die plasmatischen Strömungen und emotionellen Erregungen, die längs zur Körperachse gerichtet sind. Insgesamt kennzeichnet Reich sieben Panzersegmente: der okulare Panzerring, der Stirn, Augen und Jochbeingegen umfaßt; der orale Panzerring, der Lippen, Kinn und Rachen einschließt; die Panzerung des dritten Segments bedient sich wesentlich der tiefen Halsmuskulatur; die Panzerung des Brustkorbs (Atmung) bildet das vierte Segment, das Zwerchfell und die darunter liegenden Organe das fünfte; die Kontraktur der Bauchmitte stellt den sechsten Panzerring dar, die Panzerung des Beckens schließlich den siebten.

Aus diesen Erkenntnissen folgert Reich: „Die Technik der Orgontherapie hat uns gelehrt, daß im Menschentier buchstäblich noch immer ein Wurm funktioniert. Die segmentäre Anordnung der Panzerringe kann keine andere Bedeutung haben. Die Lösung der segmentären Panzerung setzt Ausdrucksbewegungen und plasmatische Strömungen frei, die von den anatomischen Nerven- und Muskelordnungen des Wirbeltieres unabhängig sind. Sie entsprechen weit mehr den peristaltischen Bewegungen eines Darms, eines Wurms oder eines Protisten.“2 Reich konstatiert die funktionale Identität von Körperbewegungen und Emotionen des Menschen und Bewegungen von Einzellern, wiederum beherrscht ein Prinzip das Lebendige. „Wie die Darwinsche Theorie aus der Morphologie des Menschen seine Abstammung von den niederen Vertebraten ableitete, so führt die Orgonbiophysik die emotionellen Funktionen des Menschen weit tiefer noch auf die Bewegungsformen der Weichtiere und Protisten zurück.“3

Es ist gerade der Wurm im Menschen, vor dem wir uns fürchten und den wir mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchen. Daher wundert es kaum, daß der gepanzerte Mensch alle seine neurotischen Kräfte mobilisiert, um sein neurotisches Gleichgewicht zu erhalten. Er fürchtet den freien Energiefluß in seinem eigenen Organismus und wehrt sich dagegen, seine Panzerung aufzulösen. Er fürchtet in seinem tiefsten Innern die Freiheit, die er in seinen Idealen anstrebt; er ist schlechterdings unfähig zur Freiheit, da er Angst hat, sich der Freiheit, dem Lebendigen, dem Wurm in seinem eigenen Körper hinzugeben, was auf Grund seiner Sozialisation natürlich verständlich ist. Wie die Lösung dieses Widerstandes, der identisch ist mit unbeweglicher, die Panzerung aufrecht erhaltender Orgonenergie, erreich wird, kann hier nur angedeutet werden.

Der Orgontherapeut lenkt die Aufmerksamkeit des Patienten auf gepanzerte Stellen, soweit der Kranke diese empfinden kann. Er reguliert die Atmung, läßt den Patienten mechanische Übungen ausführen, durch die Strömungen in Gang gesetzt oder verstärkt werden, oder er bearbeitet direkt gepanzerte Stellen des Körpers mit der Hand. Charakteranalytische Maßnahmen greifen unterstützend ein. Bei richtig verlaufender Orgontherapie stellt sich der freie Energiefluß, und damit der Orgasmusreflex allmählich ein. Die Entdeckung von DOR, stagnierender, unbeweglicher Orgonenergie, legte die Vermutung nahe, daß auch in den Muskelpanzerungen DOR eingeschlossen ist. Reich versuchte daher, das Prinzip des Cloudbusters auch medizinisch einzusetzen, was in vielen Fällen erfolgreich war.4

 

Fußnoten

  1. Vgl. hierzu: Reich, W., Charakteranalyse, a.a.O. S. 372–392
  2. ebenda S. 395
  3. ebenda S. 398
  4. Vgl. Raknes, W. Reich und die Orgonomie, a.a.O. S. 81