Wilhelm Reich, Reichist

Doktrinen wie der Marxismus und die Psychoanalyse, die in der Rückschau die gesamte Aufmerksamkeit okkupieren, waren in Wirklichkeit zu ihrer Zeit nur Teil von, nur jeweils ein Ausdruck unter vielen von entsprechenden umfassenden Bewegungen. Bei beiden waren es zwei Reaktionen auf den Kapitalismus: beim Marxismus war es die „soziale Bewegung“ und bei der Psychoanalyse die, wenn man so will, „surrealistische Bewegung“. Die erstere wehrte sich gegen die Zerstörung der alten Sozialstrukturen durch den Druck der kapitalistischen Rationalisierung, die letztere gegen die entsprechende Okkupation des Innenlebens. Reichs Sexualökonomie war Teil der umfassenden „Mentalhygiene-Bewegung“ der Zwanziger Jahre, die im Lichte der modernen Medizin das antike Ideal eines gesunden Geistes in einem gesunden Körper wiederbeleben wollte und zwar für die Massen der arbeitenden Bevölkerung. Ähnliches läßt sich über die Orgonomie sagen. Die entsprechende umfassende Bewegung wird anhand des „Reichianismus“ evident.

Die Orgonomie ist Teil jener „Wellness-Bewegung“, die seit vielen Jahrzehnten in Frauenzeitschriften evident wird, Yoga, Tai-Chi, Thai-Massage, Feldenkrais, Alexander-Methode, etc. Nicht zuletzt aber die schier unzähligen „neo-Reichianischen“ Therapien. Reich war sich dieses Zusammenhangs durchaus bewußt.

Myron Sharaf zeigte Reich einmal einen Artikel aus dem Magazin Look, in dem Übungen zur Lockerung von Körperverspannungen vorgestellt wurden, die jetzt durch Esalen und andere Encounter-Schauplätze populär werden. „Ich war wütend“, schrieb Shraf, „weil die Übungen oberflächlich wirkten und weil seine [Reichs] eigene tiefere Arbeit nicht erwähnt wurde. Aber zu meiner Überraschung lächelte Reich in einer wohlwollenden Weise und sagte, solche Bemühungen seien gut, sie gehörten zu einer allgemeinen kulturellen ‚Aufweichung‘, die den Weg für ein tieferes Gewahrsein bereite.“ Zu anderen Zeiten kritisierte Reich derartige Entwicklungen scharf. (David Boadella: Editorial zu Energy and Character, Vol. 3, No. 1, Jan. 1972, S. ii)

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5 Antworten to “Wilhelm Reich, Reichist”

  1. claus Says:

    „ […] solche Bemühungen seien gut, sie gehörten zu einer allgemeinen kulturellen ‚Aufweichung‘, die den Weg für ein tieferes Gewahrsein bereite.“
    Erstaunlich. Demnach ahnte Reich nicht, was u.a. Konia heute sieht: dass jene ‚Aufweichungen‘ sich auf den Augenblock fatal auswirken.

  2. Robert (Berlin) Says:

    „Zu anderen Zeiten“
    Wieder so eine windelweiche Formulierung. Es kommt immer auf den Kontext an. Wie war die Fragestellung, als Reich wütend reagierte?
    Andererseits war Reich auch ambivalent, siehe Neills Beobachtungen, wenn er dessen Schriften verteilte.

    • Peter Nasselstein Says:

      Alles richtig, was Du und Claus schreiben, aber es geht hier um etwas anderes: „Lehren“, wie die von Marx, Freud und Reich, verlassen erst die Schubladen und kleine sektiererische Zirkel, wenn sie sich in die autonom entfaltende gesellschaftliche Entwicklung einklinken können. Diese ist stets „dreckig“ und entspricht nie der reinen Lehre. Deshalb auch Reichs (und übrigens auch Bakers) ständige Ambivalenz.

  3. Tzindaro Says:

    It is not „orgonomy“ that is a part of the wellness movement. It is only one aspect of orgonomy. Orgonomy is a much broader field than mere health. It also includes basic biology, ecology, meteorology, physics, cosmology, and several other subjects that are not included in the movement to improve health. Some parts of orgonomy, the orgone motor, for example, are rightly part of the alternative science movement, while other parts, cloudbusting and oranur, for example, fit into the broad environmental movement.

    What is unique about orgonomy is that it is a „theory of everything“, much broader than any other paradigm.

    • Peter Nasselstein Says:

      Die Verwechslung und Vermengung von Orgonomie und Orgontherapie kommt daher, weil seit Reich für jeden Studenten galt, daß die Orgontherapie der erste Schritt war, um irgendetwas in der Orgonomie tun zu können bzw. zu dürfen. Die Orgontherapie ist deshalb so gut wie der unwichtigste und gleichzeitig der wichtigste Teil der Orgonomie. Es ist etwa so wie bei der Tür zu einem Haus: vollkommen unwichtig, aber ohne sie macht der Rest keinerlei Sinn!

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