Von „Die Funktion des Orgasmus“ (1927), über „Die Entdeckung des Orgons, Bd. 1“ (1942) zu „Genitalität“ (1944)

1927 beschrieb Reich, wie von der gesunden Frau beim Höhepunkt der Atem angehalten wird, was von heftigem Atmen abgelöst wird, „das sich bei der Frau gewöhnlich in Schreien auflöst“ (Die Funktion des Orgasmus, S. 25). In der revidierten Fassung von 1944 ist dieser Satz schlichtweg gestrichen (Genitalität, S. 41), desgleichen zuvor 1942 in Die Entdeckung des Orgons, Band 1 (Fischer TB, S. 82). Und da, wo es 1927 noch hieß, daß das Atmen in der Erregung „frequenter“ wird, wird er in der neuen Fassung „tiefer“.

1942 ergänzt er:

Die Frauen reagieren auf die Orgasmusangst verschieden. Die meisten halten den Körper mit halbbewußter Aufmerksamkeit ruhig. Andere bewegen ihn sehr forciert, weil die sanfte Bewegung allzu starke Erregung bewirkt. Die Beine werden aneinander gepreßt. Das Becken wird zurückgezogen. Zum Zwecke der Bremsung der orgastischen Empfindung wird er Atem regelmäßig angehalten. Das letzte sah ich merkwürdigerweise erst 1935. (Die Entdeckung des Orgons, Band 1, S. 124f, Hervorhebungen hinzugefügt)

Bei der Beschreibung der Behandlung eines zwangsneurotischen Charakters wird von Reich nachträglich ebenfalls ein ganzer Satz gestrichen. Hier geht es um die Forderung nach sexueller Abstinenz, nachdem der Patient in einen „Zirkel“ gefangen ist zwischen Befriedigung im Geschlechtsakt, darauffolgendem Verschwinden der Symptomatik und deren Wiederkehr nach einigen Tagen. Sexuelle Abstinenz bis zum Erfolg der Analyse sollte das durchbrechen. Aus sexualökonomischer Sicht war dieses psychoanalytische Vorgehen natürlich absurd! (Die Funktion des Orgasmus, S. 25).

Reich wandte sich dagegen, den Patienten die angebliche „Ersatzbefriedigung“ des Geschlechtsverkehrs während der Behandlungszeit zu verbieten, damit die Symptome klarer hervortreten. Gerade diese Regel würde das Behandlungsziel hintertreiben: die Freilegung der Genitalität. In der psychiatrischen Orgontherapie gilt allenfalls, daß der Patient etwa 24 Stunden vor der Sitzung keinen Geschlechtsverkehr haben sollte, damit die Blockaden besser hervortreten.

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5 Antworten to “Von „Die Funktion des Orgasmus“ (1927), über „Die Entdeckung des Orgons, Bd. 1“ (1942) zu „Genitalität“ (1944)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    „Zum Zwecke der Bremsung der orgastischen Empfindung wird er Atem regelmäßig angehalten. Das letzte sah ich merkwürdigerweise erst 1935.“

    Entweder sah Reich das dann erst mit einer Sexualpartnerin oder weil er angefangen hatte, Vegetotherapie zu betreiben. In der Psycho- bzw. Charakteranalyse kann man es ja schlecht beobachten.

  2. London 2017 – Celle – die freie Seite Says:

    […] […]

  3. claus Says:

    Ich googele mal „Orgasmusangst“ und finde u.a.:

    dass Orgasmusangst bei Fellatio behebbar ist? – menscore
    http://www.menscore.de › wussten-sie-schon › item › 74-dass…
    27.06.2015 – Orgasmusangst bei Fellatio ist behebbar. Männern, die beim Oralsex Angst haben einen Orgasmus zu bekommen, kann geholfen werden.

    :-)))))

  4. Robert (Berlin) Says:

    Aus der Gülle des Latrinenwissens oder was um Teufels Willen ist Orgo?

    „Das legendäre Buch zum Orgasmus stammt vom Arzt und Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der 1945 unter dem Titel The Sexual Revolution sein früheres Buch Die Sexualität im Kulturkampf (1936) veröffentlichte und damit zum Namensvetter der späteren gesellschaftlichen Bewegung wurde. Reich war davon überzeugt, dass eine biologische Energie existiere, der er den Namen
    »Orgo« [sic!] gab. Später verstand er darunter sogar eine »primordial kosmische« Energie. »Die biologischen Emotionen, die die psychischen Prozesse beherrschen, sind in sich der unmittelbare Ausdruck einer rein physikalischen Energie, des kosmischen Orgons«.
    In Die Funktion des Orgasmus (1927) erklärt Reich denselben als ein Zentralphänomen, in dem sich ganz unterschiedliche Disziplinen zwischen Biologie und Soziologie treffen und das deswegen am besten geeignet sei, die Einheitlichkeit des Lebendigen darzustellen. Die seelische Gesundheit zeige sich in der natürlichen, von keinen Neurosen getrübten oder von einer gesellschaftlichen Hypermoral beeinträchtigten Erlebnisfähigkeit. Die »orgasmische Potenz« ist die »Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung«. Insofern gehört der Orgasmus zum gesunden seelischen Haushalt eines jedweden Menschen – ein Gedanke mit
    hochbrisanten politischen Implikationen.
    Die von Reich entwickelten wissenschaftlichen Annahmen wurden
    freilich niemals bestätigt. Wir wissen nicht, ob es eine energetische
    Verbindung gibt zwischen dem Kosmos und dem je individuellen Orgasmus. Da er aber Sexual- und damit auch Orgasmusstörungen mit einer umfassenden Gesellschaftskritik verknüpfte, ist Reich bis heute vor allem für therapeutische Belange wichtig; davon abgesehen, dass seine Bücher zur damaligen Zeit eine Pionierleistung waren. Die Thesen unterfütterte er philosophisch nicht. So bleibt die Ahnung, dass zwischen dem »Kosmos«, also dem Weltganzen, und dem sexuellen Höhepunkt eine wie immer geartete Verbindung besteht. Diese ist freilich anders, als Reich dachte, wie wir sehen werden.“(p.132/32)

    „Der Orgasmus ist einer der bedeutendsten Endpunkte der Evolution, die sich über Fortpflanzung am Leben erhält. Insofern ist er, wird in den größten Dimensionen gedacht, auch eine Folge des Urknalls und seiner Energetik. Freilich wird dieser – oder diese Energie – nicht, wie Wilhelm Reich es meinte, direkt erlebt. Vielmehr lässt die Evolution diejenigen, die im Sinnesrausch den Gipfel erklimmen, für einen kurzen Augenblick an dieser evolutionären Strategie teilhaben.“(p.171)

    Quelle:
    Claus-Steffen Mahnkopf
    Philosophie des Orgasmus
    Suhrkamp Verlag Berlin 2019

    • Peter Nasselstein Says:

      Der hat nicht nur einen Knall, sondern einen Urknall. Im übrigen schlecht geschrieben und zusammengeschustert, etwa „orgasmische Potenz“. Die Energetik des Urknalls… Lassen wir’s! Reich hat sich in der CHARAKTERANALYSE über solche kulturbeflissenen Leute geäußert, die damals über Goethe und Schopenhauer schwatzten, ohne auch nur das entfernteste Gefühl für den Gegenstand zu haben.

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