Posts Tagged ‘Geschlechtsakt’

Die Zukunft der Orgonomie (Teil 1)

12. Mai 2026

Es gibt zwei Wege der Orgonomie in die Zukunft:

  1. Expansion durch Diffusion,
  2. Expansion durch Konglomeration.

Die vielleicht radikalste Vertreterin des ersten Ansatzes war Eva Reich, die kaum Grenzen kannte, wenn es darum ging, den Namen „Wilhelm Reich“ vor dem Vergessen zu bewahren. Alles, was auch nur annähernd an Reichs Intentionen erinnerte, wurde von ihr unterstützt. Man lese etwa das vielleicht lächerlichste Reich-Buch, das je erschienen ist: Wilhelm Reich. The Man who Dreamed of Tomorrow. Das Vorwort stammt von Eva Reich. Wäre ihr die Führung der Orgonomie nach Reichs Tod zugefallen, gäbe es heute nicht vielleicht zweidutzend medizinische Orgonomen, sondern Tausende. Tatsächlich gibt es sie ja auch heute, aber das Resultat wäre genau das, was man heute beobachten kann: eine Verwässerung der Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit und eine massive Schädigung von Patienten im Namen der „Orgonomie“. Ich habe das alles bis zum Überdruß in den verschiedensten Blogeinträgen und in meinen Buchbesprechungen erläutert (siehe den obigen Link).

Die Gegenposition hat Elsworth F. Baker verkörpert, der selbst noch erstaunlich „liberal“ war, und sie hat sich durch Charles Konia („Eine arbeitsdemokratische Organisation“) weiter zugespitzt. „Qualität statt Masse“ wäre das naheliegende Stichwort, aber es geht bei näherer Betrachtung um mehr.

Es ist nicht einfach der Gegensatz von Expansion und Kontraktion, sondern es umfaßt etwas, was in dieser Gesellschaft, die von einem Kult der Expansion geprägt ist, immer seltener vorkommt: das Vorbereiten auf einen Schwung nach vorne. Erfinder werkelten jahrelang vor sich hin, bis man beispielsweise Gummi dergestalt aufbereiten konnte, daß etwas wie Autoverkehr möglich wurde. Heute ist die Gummifertigung ein gigantischer Industriezweig, den man sich unmöglich wegdenken kann.

Damit so etwas möglich ist, braucht es unendlicher Geduld, Disziplin und Konzentration auf das Wesentliche. Man denke nur mal daran, welch ein Aufwand es ist, ein Instrument zu erlernen oder ein international anerkannter Virtuose zu werden. Dem geht jahrelanges Klimpern in den eigenen vier Wänden und viele Semester im Konservatorium voran. Welche Opfer es kostet, die höhere Mathematik mit leichter Hand zu beherrschen oder eine fremde Sprache so gut zu sprechen wie ein Muttersprachler! Es ist alles ein langwieriges Zuschleifen eines Rohdiamanten.

Genau das läßt sich auf die Orgonomie übertragen. Es bringt nichts, rein gar nichts, wahrheits- und freiheitskrämerisch Versatzstücke der „Reichschen Lehre“ zu verbreiten und aus deren Vertretern eine breite „Bewegung“ bilden zu wollen:

  1. käme am Ende doch nur die neumodische Beliebigkeit zum tragen und die Orgonomie würde sozusagen den „Wärmetod“ erleiden.
  2. bestünde im Falle einer schnellen Überexpansion die Gefahr, daß alles schließlich nur noch schneller implodiert und sich in nichts auflöst. Man denke nur daran, wie vor wenigen Jahrzehnten Teilhard de Chardin wirklich in aller Munde war. Heute ist er weniger als bedeutungslos. Die Orgonomie darf zu keiner Modeerscheinung werden, wie sie es zeitweise zu werden drohte (Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre)! Prompt wäre die heillos überexpandierte Orgonomie damals beinahe verpufft. (Es hätte nicht viel gefehlt und 1957 wäre Schluß gewesen.)
  3. muß es eine Instanz geben, die mit einiger Autorität bestimmen kann, was Orgonomie ist und was nicht. Diese Aufgabe wird durch eine Überexpansion verunmöglicht.

Wenn die Orgonomie die objektive Wahrheit vertritt, wird es über kurz oder lang zu einem plötzlichen Pusch nach vorne kommen, ähnlich wie die erwähnte Gummiindustrie förmlich explodiert ist, nachdem ein gewisser Entwicklungsstand erreicht war und die Umweltbedingungen (insbesondere die Entwicklung des Autos) entsprechend gediehen waren. In diesem Sinne muß sich die Orgonomie konsolidieren, beispielsweise was die Ausbildung von medizinischen Orgonomen betrifft oder die Ausformulierung der Orgonometrie. Das würde durch eine verfrühte Expansion weitaus schwieriger, wenn nicht sogar verunmöglicht werden.

Ein naheliegendes Beispiel ist der Geschlechtsakt mit seinem langen „Mahlen“ (den Friktionen), was zum plötzlichen „Schwung nach vorn“ (dem Orgasmus) führt. Dies polymorph-pervers immer weiter auszubreiten und zu variieren, hintertreibt den geregelten Energieablauf, obwohl „mehr Lust“ und eine „höhere Befriedigung“ versprochen werden. In den Bereich der Arbeitsfunktion übertragen, geschieht in der Orgonomie heute genau dasselbe: Wilhelm Reich gegen Theodoor Hendrik van de Velde (der Oswald Kolle der 1920er Jahre). Es ist der Gegensatz zwischen der konservativen und der liberalen Orgonomie. Um zu wissen, auf welcher Seite Reich stand, lese man seine Korrespondenz mit A.S. Neill Zeugnisse einer Freundschaft.

Worum es geht, wird auch durch die beiden folgenden Skizzen deutlich. Die liberale Orgonomie expandiert, erkauft dies jedoch durch eine innere Aushöhlung. Die konservative Orgonomie kontrahiert, was zu einer zunehmenden Isolation („äußeren ‚Aushöhlung‘“) führt:

expkontrak

Verkürzte Orgonomie führt zu einem Hang zum Mystizismus

10. April 2026

Man kann ganze Bücher über die psychiatrische und physikalische Orgontherapie lesen, ohne je auf einen Hinweis auf die Kreiselwelle bzw. das Orgonom zu stoßen; alles wird auf Pulsation reduziert. Desgleichen kein Hinweis auf Erstrahlung und Anziehung, sondern immer nur Aufladung und Abziehen von Orgonenergie, was ebenfalls zum Funktionsbereich der Pulsation gehört. Die bleibende Lücke wird meist heimlich, manchmal aber auch offen durch Mystik und Spökenkiekerei gefüllt. Wer nur das Pulsieren kennt, dem fehlen die kosmische Funktionsgesetze. Wer nur Ladung und Entladung kennt, aber nicht Erstrahlung und Anziehung, der muß anfangen rumzuspinnen, um die vermeintliche Lücke in der Orgonomie aufzufüllen.

Betrachten wir dazu die folgende grundlegende orgonometrische Gleichung:

Die Pulsation rechts unten spaltet sich weiter in Expansion und Kontraktion auf. Expansion dann weiter in Spannung und Ladung, Kontraktion in Entspannung und Entladung. Reduzieren wir beispielsweise bei der Beschreibung der physikalischen Orgontherapie mit dem Orgonenergie-Akkumulator und dem Medical DOR-Buster alles auf den Ladungszustand des Organismus (Ladung und Entladung –> Expansion und Kontraktion –> Pulsation –> relative Bewegung) bleibt kein Raum für koexistierende Erregung und damit für Erstrahlung und Anziehung. Das ist aber der eigentliche Mechanismus, mit dem der Orgonenergie-Akkumulator funktioniert. Reich schreibt dazu in Der Krebs:

Geraten (…) zwei orgonotische Systeme in entsprechende Nähe zueinander, so bilden die beiden Orgonenergiefelder einen energetischen Kontakt. Die nächste Folge dieses orgonotischen Kontakts ist gegenseitige Erregung und Attraktion. Sie äußert sich darin, daß die beiden orgonotischen Systeme einander näherrücken. Die roten Blutkörperchen gruppieren sich um das schwerere und daher weniger bewegliche Erdbion. Sind die Blutkörperchen nahe genug gerückt, so bildet sich eine Orgonenergiebrücke mit starker Lichtbrechung aus. Jetzt beginnen die beiden biologischen Kerne der orgonotischen Systeme stärker zu strahlen. Wir nennen die Erscheinung die „orgonotische Erstrahlung“. (…) Sämtliche fundamentalen bioenergetischen Vorgänge wie Sexualerregung, Orgasmus, Zellverschmelzung und Zellteilung gehen mit (…) orgonotischer Erstrahlung einher. Es handelt sich um starke Energieentbindung in der lebenden Materie. Der „sexuelle Kontakt“ zwischen zwei Lebewesen, die zum Geschlechtsakt streben, ist, orgonphysikalisch gesehen, nichts anderes als Orgonbrückenbildung und orgonotische Erstrahlung in beiden Körpern („orgonotischen Systemen“). (…) Wir haben es (…) mit einem und demselben Phänomen bei zwei soweit auseinanderliegenden Beziehungen zu tun, wie der zwischen einem Blutkörperchen und einem Erdbion hier, und der zwischen dem Orgonakkumulator und dem Organismus dort. Während aber im ersten Falle sich eine Orgonerstrahlungsbrücke nur an den Kontaktflächen bildet, umhüllt im Falle des Akkumulators das Orgonenergiefeld des nichtlebenden orgonotischen Systems das Energiefeld des lebenden orgonotischen Systems vollkommen (…). (Der Krebs, Fischer TB, S. 318-320)

Nichts davon in den erwähnten Darstellungen jener, die Reichs Arbeit verbreiten wollen! Bei ihnen wird alles auf letztendlich mechanische „Bestrahlung“ im Orgonakkumulator reduziert. Die eigentlichen lebensenergetischen Vorgänge bleiben ausgespart und die Fehlstelle wird dann durch „energetische Medizin“ und anderer mystischer Unsinn gefüllt.

Das ständige verstrahlte Rumspinntisieren mit irgendwelchen überweltlichen Wirkstrukturen, die sich in der Materie niederschlügen und das Geschwafel um das „Geistige“ bzw. „Geisterhafte“, das in der Orgonomie angeblich vernachlässigt wird: all das ist nur möglich, weil das gemeinsame Funktionsprinzip von Erstrahlung und Anziehung ausgeblendet bleibt und deshalb alles auf Bewegung reduziert werden muß. Kurioserweise lassen diese vermeintlichen „orgonomischen Funktionalisten“ dergestalt das einheitliche Funktionieren, eben die „koexistierende Wirkung“, draußen vor. Diese und die Bewegungs- und Formgesetze, die Reich in Die kosmische Überlagerung beschrieben hat, erklären schlichtweg alles.

Sexualität und Arbeit (Teil 5)

4. August 2025

Frei nach Marx und Engels ist Arbeit kopfgesteuerte Tätigkeit, der Sexualakt wäre demnach sozusagen „genitalgesteuerte Tätigkeit“. Entsprechend sehen Arbeits- und Sexstörungen aus. Kopf und Genital: es sei erwähnt, daß Kopf (Kinn bei nach hinten geworfenem Kopf!) und Genital sich im Orgasmusreflex rhythmisch aufeinander zu und voneinander weg bewegen.

Arbeit und Sexualität sind je nach der soziopolitischen Panzerung anders gewichtet. Für den Konservativen, der die alte autoritäre Gesellschaft dominierte, drehte sich alles um die Arbeit. Problem war, daß das vor allem auf sexueller Verdrängung beruhte und entsprechend pornographische Vorstellungen ständig den Arbeitsfluß zu „zersetzen“ drohten. Deshalb war auch so viel von „Arbeitsmoral“ die Rede, die im Kern sexualfeindliche Moral war. Arbeit diente der Verdrängung.

Heute ist es genau umgekehrt: Traum und entsprechend Politik der Linken ist die Abschaffung der Arbeit und die Etablierung eines sorgenfreien Schlaraffenlandes, in dem nichts anderes als Lust herrscht. Gleichzeitig findet sich die beunruhigende Tendenz im Rahmen der „Emanzipation“ Sex in „Sexarbeit“ zu verwandeln. Wie selbstverständlich verkaufen Frauen bzw. Mädchen ihren Körper, bzw. das Abbild ihres Körpers, und fühlen sich dabei „emanzipiert“. Statt etwas zu sein, dem man sich ausliefert, wird der Geschlechtsakt (und sozusagen sein „Vorfeld“) zu einem Instrument. Zwinker:

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (3. Drittel)

13. Juli 2025

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (3. Drittel)

LaMettrie, der „Wilhelm Reich des 18. Jahrhunderts“ – oder warum für jeden Studenten der Orgonomie Christian Fernandes unbedingte PFLICHTLEKTÜRE ist

21. Oktober 2024

Priorität beanspruchte LaMettrie ausschließlich für seine Lehre von den Schuldgefühlen, „und da kein Philosoph zu diesem Thema etwas beigetragen hat, kann mir diesen bescheidenen Erfinderruhm auch keiner nehmen“ (Anti-Seneca, S. 11). Wie Bernd A. Laska ausgeführt hat, entspricht das exakt dem von Freud geprägten Begriff „Über-Ich“ und weiter Reichs Entdeckung der charakterlichen und biophysiologischen „Panzerung“. Das wird dadurch noch bemerkenswerter, daß im Abstand von zwei Jahrhunderten bei beiden dieses Element ihrer jeweiligen Anthropologie unlösbar mit einer „Orgasmustheorie“ verbunden war.

Die erst von Christian Fernandes ins Gespräch gebrachte „These Jacques“ in der Version LaMettries (ab 1746) ist in der Tat eine Orgasmustheorie! Die 1722 von dem Medizin-Professor Gabriele-Antonio Jacques vorgebrachte medizinische Dissertation Ob aus dem Mangel des Beischlafs Krankheiten entstehen (die im krassen Gegensatz zu heute der zu prüfende Student verteidigen mußte!) dreht sich vor allem um die „Säfte“ („Humoralpathologie“), die durch regelmäßigen Geschlechtsverkehr umgeschichtet werden müssen, um keinen körperlichen und psychischen Schaden anzurichten, wozu Eifersucht, Neid, Ungeselligkeit, Gehässigkeit, Rachsucht, Mitleidslosigkeit, Lästereien etc. zählen. Umgekehrt erhält regelmäßiger Geschlechtsverkehr körperlich gesund und fördert in jeder Hinsicht „tugendhaftes“ Verhalten, nicht nur wegen der Entspannung, sondern auch, weil der Geschlechtsakt das Urbild der Gemeinschaft ist: ich kann nur glücklich sein, wenn mein Partner glücklich ist. Fernandes:

Aufgrund des kausalen Zusammenhangs von Sexualität und Tugend sagt Jacques zu Beginn auch, der Geschlechtsverkehr sei „der Gemeinschaft verlockendes Band“. La Mettrie muß fasziniert gewesen sein von dieser neuen Sichtweise auf die Sexualität als Grundlage von Moral und Gesellschaft. (S. 20)

In wenigen Sätzen haben wir hier die Orgasmustheorie mit ihren medizinischen, psychologischen und soziologischen Aspekten sowie das fundamentale Gegensatzpaar von Emotioneller Pest (Eifersucht, Neid, Ungeselligkeit, Gehässigkeit, Rachsucht, Mitleidslosigkeit, Lästereien etc.) und Arbeitsdemokratie vor uns. Zu letzterer zitiere ich wieder Fernandes:

In La Mettries „tugendhafter Lust“ (…) ziehe ich den Nutzen direkt aus dem Glück des anderen (…). Mein Glück hängt unmittelbar von seinem ab. Diese Anthropologie der Mitfreude gründet er auf das Phänomen der sexuellen Lust als „Glück, das sich verdoppelt, indem es sich teilt“, bzw. wichtigstes Instrument der Natur, „um uns glücklich zu machen, indem sie das Objekt glücklich macht, das sich das Glück mit uns teilt“. Die sexuelle „jouissance mutuelle“ [gegenseitiger Genuß] ist aus seiner Sicht verallgemeinerungsfähig und Prinzip der für mich und [für] alle optimalen gesellschaftlichen Ordnung: „Hätte sich die Natur ein köstlicheres Band ausdenken können, um die Gesellschaft zu bilden?“

Auf die erstaunliche Parallelität, die sich bei LaMettrie zur Charakteranalyse findet, werde ich morgen im Zusammenhang mit dem Stichwort „Ironie“ eingehen!

Der Rest, nämlich eine praktisch komplette Vorwegnahme der Sexualökonomie ergibt sich fast von selbst:

Zunächst ist da die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Trieben. In den Worten Fernandes‘: „Wird“, LaMettrie zufolge, „die Lust über das gesunde Maß hinaus eingeschränkt, geht zusammen mit ihr auch die Tugendfähigkeit verloren und es entstehen lasterhafte Charakterzüge.“ Dabei wird aus „Wohl-Lust“, um ein Wort zu verwenden, das Laska in diesem Zusammenhang geprägt hat, „Wüst-Lust“ (S. 86).

Dies geht einher mit der Unterscheidung zwischen eigentlicher, natürlicher Moral und der Zwangsmoral. Fernandes erläutert LaMettries Sichtweise wie folgt: „Die ‚erfundene‘, ‚religiöse‘, ‚gebieterisch befehlende‘ Moral der Kultur erzeugt antisoziale Neigungen, die vorher gar nicht vorhanden waren, die ‚Moral der Natur‘ hegt und pflegt die natürlichen Neigungen, die bereits sozial orientiert sind.“ Fernandes hebt dabei wiederholt hervor, daß „La Mettrie zufolge [die] lustfeindliche Moral das asoziale Verhalten allererst erzeugt, das sie dann zwar unterdrücken soll, aber häufig nicht mehr unterdrücken kann“ (S. 89).

All das hat, wie beim Arzt Wilhelm Reich Ende der 1920er Jahre, auch bei seinem Kollegen LaMettrie politische Konsequenzen, denn dieser „definiert Gesundheit im klinischen Sinne und [sie] ist [für ihn] zugleich Prinzip einer qualitativ besseren Gesellschaft“ (S. 144). Fernandes führt näher aus:

Wenn der medizinische Ansatz so universell ist, daß er auch Sittlichkeit und Vernunftfähigkeit umfaßt, liegt es nahe, sich als Arzt in die Politik einzumischen. Basiert die soziale Ordnung auf der Tugendhaftigkeit der Einzelnen und hängt diese von der Fähigkeit zur „Empfindung der Wollust“ ab, welche durch die soziale Umwelt stark beeinträchtigt wird, so ergibt sich daraus eine konsequente politische Forderung. (…) Einen gewaltsamen Umsturz der Verhältnisse kann La Mettrie aufgrund seiner tiefenpsychologischen Einsichten nicht gemeint haben. Denn eine nach Maßgabe der „tugendhaften Lust“ qualitativ andere Gesellschaft ist nur möglich, wenn die massenhaft manipulierte psychophysische Struktur der Individuen sich ändert. Daher hatte er zuallererst eine Revolution der Pädagogik im Auge, einen Verzicht auf die traditionelle Form der Enkulturation, die in einem „irrationalen Über-Ich“ (Laska) resultiert. (S. 68)

Wir sind beim krönenden Abschluß von Reichs sozialem Engagement, dem Konzept „Kinder der Zukunft“ angelangt. Bei La Mettrie 1746… Fernandes referiert:

Junge und Mädchen werden hier gedanklich in den Naturzustand versetzt. „Allein“, „ohne Erziehung“ würden sie nur der „zärtlichen Neigung der Natur“ folgen, der Lust, „die eine Tugend ist“. Außerhalb des Naturzustandes, unter sozialem Einfluß hätten sie „Vorurteile“ und „Schuldgefühle“, könnten darum dieser tugendhaften Lust nicht uneingeschränkt folgen, was zum Bösewerden ihrer Neigungen führte. Warum? Weil die „Seele“ der „jungen Herzen“ nur deswegen „rein“ ist, weil sie noch nicht von „Reue vergiftet“ wurde. Reue, die auf gesellschaftlich bedingte Vorurteile und Schuldgefühle zurückgeht, macht die Herzen „unrein und verdorben“, also böse, indem sie ihnen die „Freude“ nimmt. Im Naturzustand hingegen würden sie ein glückliches Liebesverhältnis miteinander eingehen. (…)* Sie lebten „glücklich“ unter den „Gesetzen der Natur“. Diese „glücklichen Kinder“ rief La Mettrie zu Beginn der École de la volupté [1746] an. Von ihnen als Inbegriff der „tugendhaften Lust“ wollte er sich bei der Abfassung des Werks inspirieren lassen. (S. 26f)

Das ist der Kern von LaMettries „Wollustschriften“. Im dazu komplementären Anti-Seneca (1748) hingegen „geht es um die Bekämpfung der repressiven Moral der Kultur, die in der frühkindlichen Erziehung verinnerlicht wird und sich auch später beim Erwachsenen auswirkt, nämlich in unnötigen Schuldgefühlen, die ihm das Leben vergällen“ (S. 88). Ich verweise zurück auf den Anfang dieses Blogeintrags.

* Nachbemerkung: Die mit einem Stern gekennzeichnete Streichung betrifft folgenden Satz, der LaMettries Lehre getreu widergibt: „Sind sie blutsverwandt, so käme das ihrer Liebe sogar zugute. Das soziale Tabu der Geschwisterliebe spielte für sie keine Rolle.“ Siehe dazu den gestrigen Blogeintrag unter den Stichworten „Inzest“ und „Inzucht“!

Der orgasmustheoretische Hintergrund des Transgenderwahns

23. Mai 2023

Warum wollen immer mehr Mädels zu Buben werden und umgekehrt? Mit dem Beginn der antiautoritären Gesellschaft um 1960 herum, stieg im Verlauf der sexuellen Befreiung der Angstpegel der Menschen immer mehr an. Was ist Angst? Angst ist eine von außen nach innen gerichtete bioenergetische Kontraktion gegen die natürliche von innen nach außen gerichtete bioenergetische Expansion. Angst ist entsprechend imgrunde „Stauungsangst“! Mit der sexuellen Revolution der 1960er Jahre wurde der innere nach außen gerichtete Lebensimpuls immer stärker, während die Menschen weitgehend gepanzert blieben. Die Orgasmusangst steigerte sich entsprechend ins Unermeßliche und konnte nur noch beispielsweise mit illegalen und legalen Drogen eingedämmt werden und etwa mit den Unisex-Mode der 1970er Jahre. Sexuell aufpeitschende Musik konnte nur von Männern gespielt werden, die sich wie Frauen gaben („Glam Rock“), etc. Perversionen, insbesondere homosexueller Art nahmen zu etc.

Verschärft wurde das ganze dadurch, daß durch die sexuelle Revolution sich schließlich tatsächlich die alte Panzerung auflöste (praktisch sichtbar an den unglaublich geschmeidigen Break Dancern, die seit den 1980er Jahren aufkamen). Die freiwerdende Energie, der sich immer weiter steigende Druck und die damit einhergehende Orgasmusangst, führte jedoch dazu, daß die generalisierte muskuläre „Körperpanzerung“ immer mehr durch eine isolierte „okulare Panzerung“ ersetzt wurde. Die Menschen werden dermaßen verwirrt und verpeilt, daß sie buchstäblich nicht mehr wissen, ob sie Weiblein oder Männlein sein sollen.

Man darf bei der Transgenderproblematik aber nie den durchaus gesunden Grundimpuls außer acht lassen, denn schließlich ist sie ein direkter Ausfluß der sexuellen Revolution. Wie verquer und katastrophal diese auch immer war, sie hat die genitale Energie mobilisiert! Entsprechend ist das tuntige bzw., for lack of a better term, „butchige“ Nachäffen des anderen Geschlechts, das bis zur kompletten Identifikation geht, immer noch Ausdruck eines gesunden Impulses – entstellt durch die (okulare) Panzerung. Reich schrieb 1927 und bekräftigte es 1944 im Zusammenhang seiner Beschreibung des gesunden, „orgastisch potenten“ Geschlechtsakts:

Das Verhalten des Mannes und der Frau vor und nach dem befriedigenden Akte legt Zeugnis ab für die erfolgte Erfüllung sämtlicher Wünsche. Der Mann verhält sich vor dem Akte gleichzeitig zärtlich und phallisch aggressiv, die Frau erwartet gewöhnlich passiv die genitale Aggression. Während des Aktes ändert sich ihr Verhalten, sie wird ebenfalls aktiv, bis ihr Orgasmus mit dem des Mannes zusammentrifft. Der Mann kommt nicht zur vollen Befriedigung, wenn die Frau frigid oder anästhetisch ist. Selbst diejenigen, die mit Prostituierten verkehren, fordern, daß die Partnerin wenigstens zum Scheine „mitkomme“. Es handelt sich zweifellos um ein intensives Miterleben des Orgasmus des Partners, um eine volle Identifikation, die sich zum eigenen Erleben hinzuaddiert. Diese Identifikation ist geeignet, die weiblichen Tendenzen im Manne und die männlichen in der Frau zur Befriedigung zu bringen. Nach dem befriedigenden Akte kehrt sich das Verhalten gewöhnlich um: Die Frau kehrt ihre ganze zärtliche Mütterlichkeit hervor, und der Mann wird zum Kinde. (Genitalität, S. 211 – identisch mit Die Funktion des Orgasmus von 1927)

Die Bewunderung, Verehrung für das andere Geschlecht, sogar Identifikation mit ihm, ist geradezu der Kern der Genitalität. Schließlich wollen wir uns mit dem Gegenüber vereinigen, mit ihm eins werden. Was wir im Transgenderhype sehen, ist eine tiefe Sehnsucht, die durch die Orgasmusangst drastisch entstellt wird und sich ins diametrale Gegenteil umkehrt. Dabei dürfen wir aber nie vergessen, daß jedes neurotische Symptom und jede, wirklich JEDE Perversion letztendlich nur ein entstellter Ausdruck der Genitalität ist. Es ist ein Schrei nach Liebe und Erfüllung. Ein Schrei, der immer schriller und markerschütternder wird.

Reichs Fetischisierung der Genitalität

3. Dezember 2022

Man übertrage das auf die Genitalität, die Gesundheit, wie sie von Reich, Ola Rakner und Elsworth F. Baker beschrieben wurde! Nur noch die ultrakranke Neurose ist akzeptabel! Leidbilder der Gesundheit sind des kapitalistischen, faschistischen, patriarchialischen, nationalistischen und rassistischen Teufels:

Ein Diplom-Psychologe schrieb im Juli 1979 in Warum! in einem Artikel über „Sexuelle Befreiung. Anleitungen, Spiele, Übungen“ über seine Lektüre in Sachen Sexualität:

Einige Bücher und Theorien haben mich sogar daran gehindert, freier zu werden. So beispielsweise die Beschreibung des idealen und gesunden Orgasmus nach Wilhelm Reich, wie ihn ein Mensch erlebt, der sich durch Therapie von seinen Muskelspannungen und psychischen Blockaden befreit hat. Nicht etwa, daß Wilhelm Reich nicht recht hätte. Wahrscheinlich wußte er wirklich, wovon er sprach. (…) So habe ich, wie viele Freunde und Bekannte von mir, im Schweiße meines Angesichts bioenergetische Übungen getrieben, um endlich den „totalen“ Orgasmus zu erleben. Ich will damit nicht sagen, daß solche Übungen nicht hilfreich sind – aber ich sehe die Gefahr, irgendeinem Idealbild von Sexualität nachzulaufen und darüber die Akzeptierung und Gestaltung der individuellen Sexualität, wie sie sich in einem selbst im Moment darstellt, zu vernachlässigen.

Seit Ende der 1960er Jahre, imgrunde seit Mitte der 1920er Jahre, ist eines der Hauptargumente gegen Reich, dieser mache aus der Genitalität einen „Fetisch“ und falle hinter Freuds aufklärerische Tat zurück. Freud habe gezeigt, daß die Genitalität nichts Ursprüngliches sei, sondern auf die Prägenitalität zurückgehe.

Charakteristischerweise verharren diese Argumente stets im inhaltsleeren Jargon. Soweit ich es überblicken kann, werden die Kritiker nie konkret. Wovon, um alles in der Welt, reden diese Herrschaften eigentlich?!

Man kann sich kaum intensiver mit Prägenitalität beschäftigen als Reich und seine Schüler! Elsworth Baker ist sogar so weit gegangen, eine bisher unbekannte „okulare“ Stufe noch vor der oralen Stufe zu postulieren. Die gesamte Charakteranalyse Reichs beruht geradezu auf dem Konzept der Prägenitalität!

Geht es den Kritikern vielleicht gar nicht so sehr um die psychotherapeutische Theorie und Praxis, sondern vielmehr um den Geschlechtsakt selbst? Stellen sich die Kritiker vor, es wäre im Sinne Reichs die geschlechtliche Erregung auf die Genitalien zu beschränken? Das wäre schlichtweg die Negation dessen, was sich Reich unter „Genitalität“ (orgastischer Potenz) vorgestellt hat! Oder glauben die Kritiker allen Ernstes, daß Reich die Ansicht vertreten habe, Küssen (Oralität) und Geruchserotik (Analität) dürften libidinös nicht besetzt sein und man es grundsätzlich nur im Finsteren in der Missionarsstellung machen dürfe, wenn man „genital“ sein wolle?

Oder geht es diesen Kritikern um die Verteidigung von Perversionen wie Sadomaso, Homosexualität und, – vielmehr fällt einem auch kaum spontan ein, ähh, – die lebenslange Beschränkung auf „Oralsex“? Was gäbe es da zu verteidigen, denn es ist allzu offensichtlich, daß es eine genuin „prägenitale Sexualität“ gar nicht gibt! Sadomaso ist nichts anderes als die Karikatur von genitaler Betätigung. Homosexuelle Paare tun nichts anderes als heterosexuelle Beziehungen nachzuspielen. Und alle Spielarten, die sich ein pornographischer Geist mit einiger Mühe auszudenken vermag, schöpfen ihre Energie ausschließlich aus der Genitalität.

Das Gerede von „Reichs Fetischisierung der Genitalität“ trägt nicht. Es ist eine sinnleere Folge von Lauten. Und es zeugt von der ganzen Irrationalität der Massen, die letztendlich auf deren Genitalangst zurückgeht, daß dieser Unsinn überhaupt in Erwägung gezogen wurde!

Manchmal drücken sich die Kritiker des Reichschen Fetischismus auch etwas verdeckter aus. Dann ist davon die Rede, Reich habe eine „idealistische Pseudonatur“ postuliert. Diese Kritik mag zwar hochintellektuell klingen, ist in Wirklichkeit aber dermaßen dumm… Ich meine, wer idealisiert hier eigentlich die Sexualität? Alle anderen Körperfunktionen haben einen ziemlich schmalen Bereich, in dem man von „gesundem Funktionieren“ sprechen würde. Das reicht von den unterschiedlichsten Reflexen bis zur Art des Gehens. Kann mir jemand erklären, warum es ausgerechnet im Bereich der Sexualität keine Pathologie geben soll?!

Und man komme mir nicht mit der welterschütternden Erkenntnis, daß die menschliche Sexualität nicht auf Biologie reduzierbar sei! Genau das ist nämlich das zentrale Argument Reichs und seiner Schüler. Genauso, wie sich bei ihnen alles um die Prägenitalität dreht, ist bei ihnen auch die Beeinflussung der schier unendlich formbaren Sexualität durch die Gesellschaft das alles überragende Thema.

Es ist vollständig sinnlos hier weiterargumentieren zu wollen, schlichtweg weil die psychophysiologische Forschung eindeutig zeigt, was gesunde und was ungesunde Sexualität ist.

Der Aufstieg des Psychopathen (Teil 15)

17. Mai 2021

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen

Der Aufstieg des Psychopathen (Teil 14)

15. Mai 2021

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie

2. November 2020

Diese Arbeit von Klaus Heimann spiegelt die Orgonomie in Deutschland bzw. das orgonomische Wissen in Deutschland Mitte/Ende der 1970er Jahre wider. In diese Zeit reichen die Bemühungen zurück, die Orgonomie in Deutschland, nach der restlosen Zerstörung erster Anfänge auf deutschem Boden, die 1933 erfolgte, erneut zu etablieren. Das damalige orgonomische Wissen ist der Ausgangspunkt des NACHRICHTENBRIEFes und sollte deshalb von jedem, der neu zu unseren Netzseiten stößt, als Einführung gelesen werden, damit wir alle eine gemeinsame Grundlage haben. Klaus Heimanns Arbeit hat den Zauber des Anfangs an sich und möge in einer neuen Generation das Feuer von neuem entzünden:

ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DER ORGONOMIE von Klaus Heimann