Posts Tagged ‘sexuelle Abstinenz’

Von „Die Funktion des Orgasmus“ (1927), über „Die Entdeckung des Orgons, Bd. 1“ (1942) zu „Genitalität“ (1944)

20. Mai 2020

1927 beschrieb Reich, wie von der gesunden Frau beim Höhepunkt der Atem angehalten wird, was von heftigem Atmen abgelöst wird, „das sich bei der Frau gewöhnlich in Schreien auflöst“ (Die Funktion des Orgasmus, S. 25). In der revidierten Fassung von 1944 ist dieser Satz schlichtweg gestrichen (Genitalität, S. 41), desgleichen zuvor 1942 in Die Entdeckung des Orgons, Band 1 (Fischer TB, S. 82). Und da, wo es 1927 noch hieß, daß das Atmen in der Erregung „frequenter“ wird, wird er in der neuen Fassung „tiefer“.

1942 ergänzt er:

Die Frauen reagieren auf die Orgasmusangst verschieden. Die meisten halten den Körper mit halbbewußter Aufmerksamkeit ruhig. Andere bewegen ihn sehr forciert, weil die sanfte Bewegung allzu starke Erregung bewirkt. Die Beine werden aneinander gepreßt. Das Becken wird zurückgezogen. Zum Zwecke der Bremsung der orgastischen Empfindung wird er Atem regelmäßig angehalten. Das letzte sah ich merkwürdigerweise erst 1935. (Die Entdeckung des Orgons, Band 1, S. 124f, Hervorhebungen hinzugefügt)

Bei der Beschreibung der Behandlung eines zwangsneurotischen Charakters wird von Reich nachträglich ebenfalls ein ganzer Satz gestrichen. Hier geht es um die Forderung nach sexueller Abstinenz, nachdem der Patient in einen „Zirkel“ gefangen ist zwischen Befriedigung im Geschlechtsakt, darauffolgendem Verschwinden der Symptomatik und deren Wiederkehr nach einigen Tagen. Sexuelle Abstinenz bis zum Erfolg der Analyse sollte das durchbrechen. Aus sexualökonomischer Sicht war dieses psychoanalytische Vorgehen natürlich absurd! (Die Funktion des Orgasmus, S. 25).

Reich wandte sich dagegen, den Patienten die angebliche „Ersatzbefriedigung“ des Geschlechtsverkehrs während der Behandlungszeit zu verbieten, damit die Symptome klarer hervortreten. Gerade diese Regel würde das Behandlungsziel hintertreiben: die Freilegung der Genitalität. In der psychiatrischen Orgontherapie gilt allenfalls, daß der Patient etwa 24 Stunden vor der Sitzung keinen Geschlechtsverkehr haben sollte, damit die Blockaden besser hervortreten.

Paul Mathews: Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 2)

20. April 2020

von Paul Mathews, M.A.

 

Freud beschrieb spezifische Verhaltensweisen, die aus der Libidostauung resultierten und nannte sie „neurotische Charakterzüge“. Diese waren auf zwei Faktoren zurückzuführen: entweder auf die Entwicklung im Kindesalter und den Ausbruch des ödipalen Konflikts, den er als Psychoneurose bezeichnete; oder aber auf die Umstände, eine vorübergehende Periode sexueller Abstinenz, die zu einer Libidostauung führte, die er als Aktualneurose bezeichnete. Aus ersterem entwickelten sich durch Fixierungen und Sublimierungen die Charakterzüge der verschiedenen Entwicklungsstufen (oral, anal, phallisch und genital), aus letzterem entwickelte sich eine spezifische psychische und somatische Symptomatik, wie Angst, Neurasthenie, etc. (2). Diese waren, nach Freud, auf chemische Substanzen zurückzuführen, die sich infolge der nicht entladenen sexuellen Spannung im Blut ablagerten.

Reichs Entdeckung und Entwicklung der Charakteranalyse als Mittel zum Abbau der Widerstände gegen die Analyse (3) und seine Aufklärung der Funktion des Orgasmus als Regulierung der sexuellen Lebensenergie klärten die Verwirrungen und Widersprüche in Freuds ursprünglichen Konzepten. Zunächst zeigte Reich, dass die so genannten neurotischen Charaktereigenschaften nur kleine Gipfel auf der Gebirgskette der Charakterstruktur waren, die sich zusammenschlossen zu einem Abwehrgeflecht gegen den Schrecken des Zusammenbruchs und des Unheils beim Einzelorganismus. Zweitens zeigte er, dass nur durch eine vollständige orgastische Entladung das energetische Gleichgewicht eines Organismus aufrechterhalten werden kann, wodurch das Individuum von neurotischen und anderen biopathischen Manifestationen befreit wird. Letzteres implizierte natürlich eine im Wesentlichen ungepanzerte Struktur, entweder von Kindheit an und durch die Entwicklung oder durch therapeutische Umstrukturierung. Der menschliche Charakter verkörperte daher die Art und Weise, wie sich ein Mensch in jeder Art seines Ausdrucks auf die Außenwelt bezog, persönlich und sozial, um sich gegen die Katastrophe eines Zusammenbruchs seiner Panzerung zu verteidigen. Reich benutzte die Begriffe „Katastrophe“ und „Unheil“ absichtlich und häufig, um die Größe der Bedeutung dieser Arten der Abwehr hervorzuheben. Entsprechend dieser Beschreibung stellte Reich fest: „Die soziale Existenz des menschlichen Tieres ist nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seiner biologischen Existenz“ (4).

Reichs gesellschaftliche Erkenntnisse standen im Einklang mit seinen medizinischen und wissenschaftlichen Entdeckungen. Als Psychoanalytiker sah er die sozialen Verhältnisse als Ätiologie der sexuellen Unterdrückung, die zu Neurosen führte, und er wurde zu einer ökonomisch-marxistischen Orientierung hingezogen. Mit seiner Entdeckung der Charakterpanzerung und ihrer funktionellen Identität mit der biologischen Panzerung behielt er noch immer eine marxistische Position bei, wobei er das Profitstreben, z.B. die Heiratsgabe in der primitiven Gesellschaft, als Verursacher für die sexuelle Unterdrückung und Panzerung nahelegte (5). Mit weiteren Entdeckungen, des Orgons und des Phänomens der kosmischen Überlagerung als Prototyp der gesamten Schöpfung in der Natur, erweiterte sich Reichs Vision jedoch. Neben diese wissenschaftlichen Entdeckungen trat seine große Desillusionierung über den Kommunismus und den Sozialismus, seine Einsicht nicht nur in deren faschistische Brutalität und totalitäre Struktur, sondern auch in deren völlige Unzulänglichkeit und ihr Versagen als Modell für eine bessere Gesellschaft, sei es wirtschaftlich oder anderweitig. Daher sein Verzicht auf Marxismus, Kommunismus und Sozialismus und die Revision seiner Bücher zugunsten des orgonomischen Funktionalismus. Und an A.S. Neill schrieb er:

Die Zukunft wird die Vergangenheit hinwegfegen. Nichts wird mehr übrigbleiben von den alten Konzepten. Kein Sozialismus, kein Kommunismus, kein Liberalismus, nichts, einfach etwas ganz anderes, das ist alles. Und jedes Neugeborene bringt es mit sich. Was Du jetzt durchmachst, ist der Zusammenbruch alter Illusionen über den Menschen, den Kleinen Mann, der jetzt nach oben drängt. Ich habe diesen Prozeß seit Jahren mit Entsetzen verfolgt und versucht, mir einige Illusionen zu erhalten – vergeblich. Vor unseren Augen ereignet sich die größte Revolution der Menschheit. (6)b

 

Anmerkungen des Übersetzers

b Wilhelm Reich: Record of a friendship, London 1982, S. 312.
Zeugnisse einer Freundschaft, Kiepenheuer&Witsch, 1986, S. 443.

 

Literatur

2. Freud, S.: The Complete Introductory Lectures on Psychoanalysis. New York: W. W. Norton & Co., Inc., 1966.
3. Reich, W.: Character Analysis. New York: Orgone Institute Press, 1949.
4. Reich, W.: „Bibliography on Orgonomy – Prefatory Note“, Orgone Energy Bulletin, 5(3, 4):1953.
5. Reich, W.: The Invasion of Compulsory Sex-Morality. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1971.
6. Placzek, B. R., Ed.: Record of a Friendship: The Correspondence of Wilhelm Reich and A. S. Neill. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1981, S. 311-12.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 21 (1987), Nr. 1, S. 68-83.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Wichser!

3. Juli 2017

In vieler Hinsicht steht es um die Sexualökonomie der Massen heute weitaus schlechter als zu Reichs Zeiten. Damals war die Wahrheit durch die sexualfeindliche Moral nur verdeckt. Heute wird die Wahrheit durch die Political Correctness explizit angegriffen, etwa was die Rolle eines normalen Geschlechtslebens für die Leistungsfähigkeit betrifft oder die Homosexualität als Ersatzkontakt.

Ein Professor J. Dueck in William J. Robinsons Essayband Sexual Truths versus Sexual Lies, Misconceptions and Exaggerations, der 1932 in New Jersey herauskam, über sexuelle Abstinenz bei Männern und Frauen:

Studenten, auch wenn sie gut vorbereitet sind, gehen in ihre Prüfungen mit viel Angst und Beklemmung. Studenten, die normalen Geschlechtsverkehr haben, sind in guter Verfassung und auch die dümmsten unter ihnen zeigen im Verlaufe der Prüfungen ein erstaunliches Maß an Selbstvertrauen. Diese Art von Männern sind erfolgreich, die Unbefriedigten und diejenigen, die der Selbstbefleckung frönen, scheitern…“ (z.n. Max Hodann: History of Modern Morals, S. 248)

A.S. Neill 1936:

Das Fortfallen des Schuldgefühls ist es, das Summerhill, wie der Zweifler sagen würde, „sicher“ macht. Dies Freisein von Schuld ist es, das die Schule seit sechzehn Jahren ohne das geringste Anzeichen von Homosexualität hat bestehenlassen. Vor ein paar Jahren hat ein Junge aus einer Volksschule versucht, Sodomie einzuführen, blieb aber erfolglos und war aufs höchste überrascht und beunruhigt, als er entdeckte, daß die ganze Schule von seiner Absicht wußte. Das Wegfallen der Homosexualität ist von größter Wichtigkeit. Das bringt mich auf den Gedanken, daß Homosexualität nichts ist als Onanieren mit einem Zweiten, man teilt dadurch die Schuld und erleichtert sich die eigene Bürde. Wenn aber Onanieren gar nicht als Schuld angesehen wird, kommt der Gedanke, die Schuld zu teilen, gar nicht auf. Die Wurzel der ganzen sexuellen Frage ist die Onanie. Wenn diese nicht von Schuldgefühlen belastet ist, geht das Kind ganz natürlich zu gegebener Zeit zur Heterosexualität über. (Selbstverwaltung in der Schule, S. 28)

Hiob und die Orgonomie

7. Juli 2015

Ausgangspunkt und Zentrum der Orgonomie ist die Theorie, daß die genitale Umarmung das zentrale „Ventil“ des organismischen Energiehaushaltes ist.

Aber was ist mit jenen Menschen, die als Hermaphroditen oder mit anderen Defekten geboren werden, so daß eine genitale Umarmung unmöglich ist. Was mit jenen, die durch Unfälle oder Krankheiten entstellt werden und deshalb beispielsweise keinen Penis mehr besitzen?

Hat solchen Menschen die Orgonomie irgendetwas zu sagen?

Nun orgastische Potenz kann selbst der (im konventionellen Sinne) Gesündeste und „Intakteste“ kaum erreichen. Nichtsdestoweniger wird er ein einigermaßen befriedigendes Leben leben können. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, aus dem Gegebenen das Beste zu machen.

Im hier diskutierten Fall denke man nur an Mönche, die ein glückliches und produktives Leben geführt haben; ein fast „orgonomisches“ Leben. Ein beliebiges Beispiel ist der funktionalistische Denker Nikolaus von Kues.

Ich möchte nochmals auf das bereits in einem vorangegangenen Blogeintrag erwähnte Buch von Aron Ralston Im Canyon verweisen.

Bei einer Bergwanderung wurde die rechte Hand Ralstons von einem tonnenschweren Felsbrocken eingeklemmt. Nach fünf Tagen und Nächten faßte er den Entschluß, die Hebelwirkung des Felsens auszunutzen und seinen Arm durchzubrechen! Danach amputierte er sich in einer Stunden währenden „Operation“ mit einem Campingmesser den Unterarm, legte sich einen Preßverband an und machte sich auf eine vierstündige Suche nach Rettung.

Mittlerweile hat er mittels einer Spezialprothese alle 59 Viertausender in Colorado im Winter und im Alleingang bestiegen.

Es gibt keine Entschuldigung: nicht „die Umstände“, „die Gesellschaft“, „eine schlimme Kindheit“, „Ungerechtigkeit“ oder gar „Panzerung“. Es gibt keinen größeren Verrat am Leben als Wehleidigkeit und Jammerei.

Es ist eine Art „Todestrieb“, Lebenshaß, der sich in diesem Land in Interessenverbänden, politischen Parteien, im sogenannten „Sozialstaat“ organisiert. Die Orgonomie zu diesem Zwecken heranzuziehen (etwa: „Ich hatte einen tragischen Unfall am Unterleib!“) ist schlichtweg ungeheuerlich!