Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 9)

von Robert Hase

Wo liegen die Probleme, will man die Sexualökonomie verstehen?

Reich zufolge ist es generell so, dass Personen, die von der Psychoanalyse zum Orgone Institute kämen, dazu neigen, sich an fehlerhafte Theorien wie die der „kulturellen Anpassung“ oder die Theorie der „Sublimierung“ zu klammern. Das ist natürlich unzulässig, denn die sexualökonomische Kulturkritik leitete sich ja gerade aus dem Nachweis der Fehlerhaftigkeit dieser Konzepte ab. Man kann von einem Kind nicht erwarten, dass es seine Genitalität „sublimiert“ und es gleichzeitig sexualökonomisch erziehen. Diese beiden Dinge schließen einander aus. Da der vorherige Psychoanalytiker sich nicht von diesen fehlerhaften Konzepten befreien kann, greift er auf irrationale Rechtfertigungen zurück, um nicht klar Stellung beziehen zu müssen und auf diese Weise in Schwierigkeiten zu geraten. [Zu diesem Punkt morgen eine Ergänzung von PN.]

Ähnlich gelagert sei das Beispiel eines Lehrers, der Sexualökonom werden wolle, aber seine Position in einer autoritären Schule beibehält. Er solle sie ruhig behalten, aber er kann dann nicht die sexualnegative Haltung seiner Schule mit der sexualökonomischen Orientierung des Instituts in Übereinstimmung bringen. Wenn er sich dieses Konflikts bewusst ist, kann er sich in seiner Schule auf das Beobachten beschränken, von aktiver sexualökonomischer Erziehung absehen und warten, bis die Bedingungen es ihm ermöglichen, erfolgreich vorzugehen. Verdrängt er dagegen seine Angst, seine Position zu verlieren, würde er irrational vorgehen; er würde entweder unklugerweise auf der Anwendung seines sexualökonomischen Wissens bestehen und sich damit nutzlos in Gefahr bringen, oder er würde das Institut mit nutzlosen Kompromissen belasten oder das Institut gar irrationalem Hass aussetzen.

Ein weiterer Fall ist ein Arbeiter, der aus einer sozialistischen Organisation kommt und versucht, die sozialistische Politik in die Orgonbiophysik und umgekehrt die Orgonbiophysik in die sozialistische Politik einzubringen. Seine Versuche, einen Kompromiss zu finden, sind irrational, denn die Sozialisten werden das sexualökonomische Prinzip nicht in ihr Programm aufnehmen wollen und die arbeitsdemokratische Lebensweise des Instituts ist unvereinbar mit dem sozialistischen Prinzip des herablassenden Mitleids mit den „Armen und Schwachen“. Der Sozialist wird fordern, dass „man“, beispielsweise, den Sanitärarbeitern Gleichheit „geben“ solle. Der Arbeitsdemokrat wird hingegen fordern, dass etwa die Sanitärarbeiter selbst die Verantwortung für die Sanitärversorgung tragen und mit dem Schutz, den die Gesetze ihnen gewähren, selbst für ihre Gleichberechtigung kämpfen sollen. Vorerst wollen die Sanitärarbeiter aber nur bessere Löhne (zu Recht), aber nicht die Verantwortung für die sanitären Anlagen in ihrer Ortschaft übernehmen.

Der religiöse Mensch stelle ein schwieriges Problem dar, wenn er zur Sexualökonomie komme. „Religion und Sexökonomie können in dieser Welt nebeneinander existieren, obwohl die Kirche uns nicht mag und wir den Mystizismus der Kirche nicht mögen.“ Sicherlich könne der Geistliche versuchen, den Platz zu verstehen, den die Biosexualität in der Religion einnimmt, während die Religion ein Untersuchungsfeld für die Orgonbiophysik bietet. Wie anderswo gelten auch hier, so Reich, die Gesetzmäßigkeiten des Wettbewerbs: Wer kann Menschen in ihrem Elend besser helfen, wer kann sie besser von Krankheiten befreien und besser lebendig funktionieren lassen? Das sollte auf praktische Weise gezeigt werden. Jedoch könne man nicht glauben, dass die Seelen im Himmel sind und gleichzeitig glauben, dass die Funktion der Seele mit dem Zerfall des orgonotischen Systems aufhört. Man könne nicht, ohne irrational zu werden, die Asexualität von Kindern fordern, Sexualität als Todsünde betrachten und gleichzeitig Kinder auf eine Weise erziehen, die sie zu einem natürlichen Liebesleben befähigt.

Auch hier sei das Arbeitsprinzip entscheidend. Ein Bauingenieur darf sich durch seinen Glauben an ein Glück im Jenseits nicht in seiner Arbeit stören lassen, aber bei einem Sexualökonomen ist ein solcher Glaube verhängnisvoll. So wenig, wie ein Geistlicher es dulden würde, dass Reich von seiner Kanzel aus einen Vortrag über die Störungen der orgastischen Potenz hielte, so wenig würde das Institut einen Geistlichen beauftragen, es in religiöser Sexualethik zu unterweisen.

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2 Antworten to “Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 9)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Nirgendwo zeigt sich die praktische Arbeitsdemokratie besser als bei der Flutkatastrophe, wo ganz spontan, ohne Anweisung durch Politmaden, konkrete Hilfe, die sich selbst organisiert, geleistet wird.

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