Ergänzung zu „Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 9)“

Robert Hase hat Reichs Gedanken wie folgt wiedergegeben:

[Es ist] generell so, daß Personen, die von der Psychoanalyse zum Orgone Institute kämen, dazu neigen, sich an fehlerhafte Theorien wie die der „kulturellen Anpassung“ oder die Theorie der „Sublimierung“ zu klammern. (…) Man kann von einem Kind nicht erwarten, daß es seine Genitalität „sublimiert“ und es gleichzeitig sexualökonomisch erziehen. (…) Da der vorherige Psychoanalytiker sich nicht von diesen fehlerhaften Konzepten befreien kann, greift er auf irrationale Rechtfertigungen zurück, um nicht klar Stellung beziehen zu müssen und auf diese Weise in Schwierigkeiten zu geraten.

Zunächst einmal muß man sich in zweierlei Hinsicht in die damalige deutsche/österreichische Kultur versetzen, in der die Psychoanalyse eine Art „Erlösungsbewegung“ war gegen zwei „Schlammfluten“: die des um sich greifenden pseudoreligiösen Obskurantismus, wie sie der „Verräter“ der Psychoanalyse und spätere Nazisympathisant C.G. Jung sozusagen „archetypisch“ verkörperte. Dies war auf unheilvolle Weise mit Sexualität verknüpft. Man muß sich nur der schwülen Kunst des Fin de Siècle aussetzen! Psychoanalyse stand dafür, das Irrationale und Triebhafte zu entzaubern und durch Analyse und Sublimierung der Vernunft zu unterwerfen.

Zweitens war die alte Moral, war, trotz all des wuchernden Okkultismus, Gott selbst tot, und der Mensch mußte sich nunmehr sozusagen am eigenen Schopf aus dem Morast ziehen. Unter welchem Druck Psychoanalytiker von ihrer ganzen Denkart standen, wenn sie generell für sexuelle Freiheit, insbesondere aber für die Freiheit von Kindern und Jugendlichen eintraten, wird anhand von Freuds Aufsatz „Die ‚kulturelle‘ Sexualmoral und die moderne Nervosität“ deutlich: man stellte sich als eine Art „Bestie“ außerhalb der Gesellschaft, unterhöhlte deren ureigensten Grundlagen, Übermenschliches wurde von einem abverlangt. Nietzschesanisch ausgedrückt, ermordete man Gott und mußte die Konsequenzen tragen. Freud:

Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung von [sexuellen] Trieben aufgebaut. (…) Wer kraft seiner unbeugsamen Konstitution diese Triebunterdrückung nicht mitmachen kann, steht der Gesellschaft als „Verbrecher“, als „outlaw“ gegenüber, insofern nicht seine soziale Position und seine hervorragenden Fähigkeiten ihm gestatten, sich in ihr als großer Mann, als „Held“ durchzusetzen. (FREUD STUDIENAUSGABE, Bd. 9, S. 18)

Reich als „ver-rückt“ abzutun, war nur konsequent, denn zu dieser „Diagnose“ gab es nur eine einzige Alternative…

Vor diesem Hintergrund war Reich ein denkbar „unheimlicher Schreckensmann“. Seine Wirkung kann man vielleicht nur quasi „religionsgeschichtlich“ betrachten. Man denke nur daran, daß Freud die Psychoanalyse als eine Art „Freimaurerloge“ aufzog und alle alten Psychoanalytiker aus einem Nietzscheanischen Dunstkreis stammten und zu den ersten Lesern des Meisters gehörten. Wenn der Nationalsozialismus eine „politische Religion“ war, dann war die Psychoanalyse eine „wissenschaftliche Religion“. Wenn „Religion“ nach dem Tod Gottes denn noch Sinn macht – der Mensch, der über sich selbst hinauswachsende Mensch, tritt an die Stelle Gottes.

Wenn also von den „Schwierigkeiten“ der ehemaligen Psychoanalytiker die Rede ist, bringt es nichts, sich zu fragen, warum sie denn nicht einfach die Überlegenheit der Reichschen Theorie erkannt haben. Das war nicht einfach „Wissenschaft“, sondern eine existentielle Menschheitsfrage war betroffen, bei der weitaus mehr mitklang als nur Differenzen von Therapieschulen und Sozialphilosophien!

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