Posts Tagged ‘Kultur’

David Holbrook, M.D.: SOLSCHENIZYN, DOSTOJEWSKI, GOTT UND DER KOMMUNISMUS / ÜBERLEGUNGEN ZU POLITIK, POLARISIERUNG UND DER FRAGE NACH DEM „GEIST“

20. April 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Solschenizyn, Dostojewski, Gott und der Kommunismus

Überlegungen zu Politik, Polarisierung und der Frage nach dem „Geist“

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 24)

13. Februar 2021

Es wäre fatal, dem Sozialismus mechanisch alle Emotionelle Pest zuzuordnen, schließlich ist die Orgonomie weder links noch rechts! Das freie Spiel der Kräfte beruht nämlich auf Voraussetzungen, die der Kapitalismus nicht nur nicht erschaffen hat, sondern durch sein Wirken zu zerstören droht. Es gibt schlicht keine „reine Natur“, in der sich Arbeitsdemokratie und Genitalität entfalten könnten. Damit Menschen „frei“ interagieren können, bedürfen sie einer gemeinsamen Grundlage und die ist im weitesten Sinne die Kultur. Für die Arbeit braucht man eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Regeln und eine gemeinsame Grundhaltung. Das ist etwas, was nicht künstlich geschaffen werden kann, sondern gewachsen sein muß. Das gleiche gilt für die Entfaltung der Genitalität, die nur in einer „erotischen Kultur“ möglich ist. In einer Gesellschaft wie der heutigen, in der es in dieser Beziehung keine Regeln mehr gibt, schläft die sexuelle Aktivität schließlich ein oder beschränkt sich zumindest quasi inzestuös auf enge Cliquen.

Der freie Markt zerstört diese kulturellen Grundlagen und kann aus sich heraus auch keine neuen Schaffen. Man braucht sich nur unsere immer einförmigeren und identitätsloseren Städte anschauen oder die geistige (emotionale) Verwahrlosung unserer Jugend aufgrund einer hirnzersetzenden Pop-„Kultur“. Ich muß dabei immer an den von mir hochverehrten Pier Paolo Pasolini denken, dessen „Sozialismus“ sich vor allem darum drehte, das Lokale, Originäre, Gewachsene, Unverwechselbare, Identitäre gegen die alles zerstörende Unkultur des Kapitalismus zu verteidigen. Man denke nur, ganz banal, an die Auswirkungen von „McDonalds“ auf die unendlich vielen lokalen Eßkulturen oder den Verlust an Volksmusik, weil aus jedem Radio die gleiche globale SCHEISSE in die Ohren quillt. Ich bin der letzte, der die „DDR“ verteidigt, aber nach dem Fall der Mauer war da immerhin noch DEUTSCHLAND als solches erkennbar! Ich verehre Uwe Steimle.

Im nächsten Teil mehr zum Thema Identität.

Bezüglich Reichs SEX-POL ESSAYS, 1929-1934 (Teil 1: Sharaf)

12. November 2020

Brief an den Herausgeber [des Journal of Orgonomy] von Myron R. Sharaf, Ph.D., 1. Juli 1973
 

In seiner Besprechung der Sex-Pol-Essays, 1929-1934 von Wilhelm Reich (herausgegeben von Lee Baxandall), im Journal of Orgonomy, Vol. 7, Nr. 2a, macht Paul Mathews zu Recht auf die tendenziöse Verwendung dieser Schriften durch den Herausgeber für politische Zwecke aufmerksam. Wenn Mathews seine Rezension jedoch auf diesen Punkt konzentriert, unterschätzt er meiner Meinung nach die Bedeutung der Schriften selbst.

Mathews erwähnt, dass die Schriften von „historischem Interesse“ sind und dass sie offenbaren, wie „Reichs funktionelles Denken in das, was er als das fehlerhafte Denken und die fehlerhaften Schlussfolgerungen dieser Periode betrachtete, eindrang“ (S. 122). Die Aufsätze – insbesondere „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ – zeigen jedoch auch, wie brillant Reich die richtigen Einsichten von Marx und Engels genutzt und erweitert hat. Als Reich 1927 sein ernsthaftes Studium des Marxismus begann, war sein eigenes Werk (vgl. Die Funktion des Orgasmus, 1927) an einem Punkt angelangt, an dem er sich auf eine tiefgreifende Kritik statischer psychoanalytischer Konzepte bezüglich „Kultur“ und „menschlicher Natur“ zubewegte. Bei Marx und Engels fand Reich eine dynamische Denkmethode, die den sozialen und kulturellen Wandel betonte und damit die Veränderung der „menschlichen Natur“. Er griff zu mächtigen konzeptionellen Waffen, die er weiter verfeinerte, um die damals vorherrschende psychoanalytische Tendenz zu bekämpfen, soziale und biologische Faktoren zu „psychologisieren“.

Noch im Jahre 1946, also lange nach der Veröffentlichung wichtiger Arbeiten über Orgonenergie, schrieb Reich, dass „der dialektische Materialismus, wie er von Engels skizziert wurde … sich zum biophysikalischen Funktionalismus entwickelte“ (The Mass Psychology of Fascism, 3. Auflage, 1946, S. xxi)b. Und im gleichen Vorwort schreibt Reich, dass „die Psychoanalyse der Vater und die Soziologie die Mutter der Sexualökonomie ist“ (S. xix)c. Im Zusammenhang ist klar, dass Reich mit „Soziologie“ insbesondere den Marxismus meinte.

Wir brauchen dringend sorgfältige Studien über den Einfluss von Marx auf Reich, z.B. die Ähnlichkeiten als auch die Unterschiede, nicht nur in der Auffassung des Gesellschaftlichen, sondern ebenso in der Denkweise der beiden Männer. Die Veröffentlichung einiger der wichtigsten Sex-Pol-Essays von Reich in einer guten englischen Übersetzung erleichtert diese Art von Studium erheblich. Die Fehler von Marx und die späteren abscheulichen Verzerrungen seiner Gedanken (z.B. der Stalinismus und die Angriffe von „Marxisten“ und „Neomarxisten“ auf die Orgonomie) sollten uns nicht von solch genauen Untersuchungen abhalten.

Um eine Analogie zu verwenden, die auf der Beziehung zwischen Freud und Reich basiert: Psychoanalytiker irren sich gewaltig, wenn sie Reichs analytische Beiträge in den 1920er Jahren als seine „guten“ Publikationen ansehen, denen später eine Degeneration folgte. So auch die „Neue Linke“, wenn sie Reichs Engagement für die marxistischen Parteien in den frühen 1930er Jahren verherrlicht und die späteren Entwicklungen seines wissenschaftlichen und sozialen Denkens verunglimpft. Diejenigen von uns, die seine Arbeit in ihrer Gesamtheit schätzen, irren sich jedoch, wenn wir Marxens Einfluss auf Reichs Entwicklung minimieren, wie wir es auch tun würden, wenn wir den enormen Einfluss von Freud herunterspielten.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Muss Nr. 1 heißen.

b Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 24. „Der dialektische Materialismus, den Engels in seinem Anti-Dühring in den Grundzügen entwickelt hatte, entwickelt sich zum energetischen Funktionalismus.

c Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 22. „Die Psychoanalyse ist die Mutter, die Soziologie der Vater der Sexualökonomie.“ In der Übersetzung sind Vater und Mutter vertauscht.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 284-285.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Paul Mathews: Über Jugendliche an öffentlichen weiterführenden Schulen (Teil 2)

16. Oktober 2020

 

Paul Mathews: Über Jugendliche an öffentlichen weiterführenden Schulen

 

Paul Mathews: Ideologie und das Nichtglaubenwollen

3. Juli 2020

 

Paul Mathews:
Ideologie und das Nichtglaubenwollen

 

Paul Mathews: Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 3)

22. April 2020

 

Paul Mathews:
Ideologie und das Nichtglaubenwollen

 

David Holbrook, M.D.: DIE DREI SCHICHTEN DER BIOPSYCHISCHEN STRUKTUR (Teil 1)

2. Januar 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Die drei Schichten der biopsychischen Struktur

 

Buchbesprechung: THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson (Teil 2)

22. Dezember 2019

von Paul Mathews, M.A.

 

Für diese Phase seiner Bewertung von Reich greift Robinson auf die verleumderischen Verzerrungen von Mildred Edie Bradys New Republic-Artikel vom 26. Mai 1947 zurück: „[Reich] etablierte bald eine lukrative Privatpraxis.“ „Orgonenergie konnte verwendet werden, um eine beliebige Anzahl von psychischen und physischen Krankheiten zu heilen, von Hysterie bis Krebs.“ „[Er] beobachtete die blaue Färbung von sexuell erregten Fröschen.“ Etc., etc. (Alles Kursive von mir – P.M.) Darüber hinaus wird Reich zu einem „religiösen Denker“, der „zu dem Schluss kam, dass die Religion, auch wenn sie reaktionär ist, der legitime Vorläufer seiner eigenen Wissenschaft ist“. Dies leitet er aus seiner offensichtlichen Fehlinterpretation von Christusmord und Die kosmische Überlagerung ab. Reich wird erneut eine „anti-intellektuelle Voreingenommenheit“ vorgeworfen, da Robinson, wie Rieff, nicht in der Lage ist, zwischen dem Intellekt als Abwehr und dem Intellekt des Kerns zu unterscheiden. Auf besonders raffinierte Weise missbraucht er Reichs Spekulation, Selbstwahrnehmungsprozesse könnten für den Ursprung der menschlichen Panzerung verantwortlich gewesen sein und behandelt sie wie ein Dogma: „Gleichzeitig erreichte die anti-intellektuelle Voreingenommenheit, die implizit in allen von [Reichs] Gedanken enthalten ist, schließlich eine explizite Formulierung: Der Mensch wusste zu viel für sein eigenes Wohl“ (S. 70).

Robinson ist besonders nachtragend gegenüber Reichs Konzept der emotionellen Pest und sagt: „Er hypostasiert alle Kritiker seiner Theorien zu ‚die emotionelle Pest‘ und erweist sich damit Freud mehr als ebenbürtig, was die Kunst des ad hominem-Arguments betrifft.“ Hier zeigt er nicht nur seine Unkenntnis der Definition der Pest durch Reich sowie von dessen wahren Motiven, sondern versucht auch, sich selbst gegen eine möglicherweise berechtigte Anschuldigung zu immunisieren.

Nachdem er eingeräumt hat, dass Reichs Gefühl der Verfolgung durchaus gerechtfertigt ist, kommt er zu dem Schluss: „Das war das traurige, aber (man kommt um das Gefühl nicht herum) angemessene Ende einer Karriere, die so zutiefst ernst und hoffnungslos grandios war, dass sie unmerklich in eine Farce verblasste“ (S. 73). Man kann sich nur fragen, warum Robinson überhaupt behauptet, Reich zu bewundern. Die Antwort liegt zweifellos nicht nur darin, dass er die Größe Reichs schemenhaft erahnt, sondern auch darin, im Namen der Sexualbejahung und unter dem Vorwand eines bewundernden Freundes, der ausgesprochen fair ist (vgl. S. 69, 70), die Bedrohung durch Reichs Theorie der Genitalität zu beseitigen; und natürlich auch in seinem Wunsch, durch „Neuinterpretation“ sich jener Aspekte von Reichs Werk zu bemächtigen, von denen er glaubt, dass sie seine politische Voreingenommenheit bestärken und bestätigen – was er in seiner Einleitung einräumt. So ist sein expliziter Vorsatz in diesem Buch, Freud selbst zu radikalisieren (in der Marcusianischen Wortbedeutung bzw. der der Neuen Linken) und jene Vertreter des „Freudschen“ Denkens, deren Theorien – speziell im sexuellen Bereich – revolutionäre Auswirkungen im politischen Sinne haben. Tatsächlich ist dies ein modernes Gegenstück (mit sehr unterschiedlichen Motivationen) zu Reichs seit langem aufgegebenem Versuch, Freud und Marx zu verschmelzen.

Robinson abstrahiert bei Roheim jene Aspekte seiner anthropologischen Erkenntnisse, die die Idee der Unvereinbarkeit von Kultur und Gesundheit unterstützen, insbesondere dessen Studien über die australischen Ureinwohner, deren Kindererziehung in jeder Hinsicht sexuell frei war, außer dem Inzesttabu (was Freuds Konzept des Urverbrechens unterstützte). Er führt Roheims Konservatismus bei der Lösung des Dilemmas der westlichen Gesellschaft auf dessen Loyalität zu Freud und die Fixierung auf den Pessimismus von Das Unbehagen in der Kulturc zurück. Robinson ist besonders beeindruckt von Roheims Erkenntnis, dass „der Schlüssel zum Wohlbefinden der Primitiven in der allgemeinen Permissivität ihrer Kultur [liegt]“. Dies ist ein wichtiger Punkt, da es mit der Identifikation des Autors mit Marcuse zusammenhängt. Freuds „Radikalismus“ läge in seinem Konzept eines Antagonismus zwischen Trieb und Kultur sowie in seinem Konzept des Todestriebs, den Norman Brown und Marcuse interessanterweise auf unterschiedliche Weise in ihre Philosophien aufgenommen haben.

 

Anmerkungen des Übersetzers

c Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift Sigmund Freuds.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 136-140.
Übersetzt von Robert (Berlin)

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