Orgonomie und Metaphysik (Teil 47)

Der Weg zum „höheren Selbst“ geht über das Einstimmen. In indischen Begriffen die Entwicklung des Gemüts über die drei „Guna“: Tamas (Trägheit), Rajas (emotionales Aufgewühltsein) und schließlich Satvas (geistige Abgeklärtheit). An sich entspricht es dem Weg zu immer höherer biophysischer Motilität. Der höheren Bewußtseinszustand ist eine Funktion der Stimmung entsprechend den Schritten „bioenergetischer Stimmung“: okular –> oral –> anal –> phallisch –> genital. Insoweit wiederspricht die Bewußtseinsentwicklung hin zu höheren „Vibrations“ also durchaus der Orgonomie. Das Problem ist halt nur, daß dieses Einstimmen sehr schnell in hysterische Flucht vor der Genitalität umschlagen kann. Die höchste „Reinheit“ und Geistigkeit ist nichts als Sehnsucht nach Genitalität bei gleichzeitiger Flucht vor ihr. Das macht die Anziehungskraft von Religion, Mystik und Esoterik aus.

Ich fühle immer mehr die „Amöbe“ in mir, die sich z.B. bei einem Krebskranken langsam kontrahiert. Siehe dazu Reichs Buch Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst. Wäre die Kontaktaufnahme mit diesem kontraktilen Vegetativum nicht eine spezifisch orgonomische Form der Meditation? Interessant ist, daß die älteste Religionsgemeinschaft der Welt, die indischen Jainas, die altertümlichste Philosophie überhaupt vertreten: daß die menschliche Seele in ihrer Form exakt dem menschlichen Körper entspricht. Natürlich sind es allerschlimmste Mystiker, aber sie verweisen mit ihrer atavistischen Theorie indirekt doch auf eine tragikomische Tatsache: das, was Mystiker für das höchste im Menschen halten (die unsterbliche Seele), ist in Wirklichkeit sein allerniedrigstes – die (unsterbliche) Amöbe.

Noch ernüchternder ist Freud. Psychoanalytisch ist der Geist gleich Kot. Reich führt dazu Mitte der 1920er Jahre aus:

Der Gedanke wird, wie bereits Jones und Abraham nachgewiesen haben, unbewußt ganz allgemein als Ding, speziell als Kot, aufgefaßt. Überaus häufig fällt hartnäckiges Schweigen mit Obstipation zusammen und vergeht wieder, wenn der Stuhlgang vorübergehend geregelt ist. Im Verlaufe einer solchen Analyse ergab sich zwanglos der Ausdruck „Gedankenobstipation“ für das neurasthenische Widerstandsschweigen, das bei anderen Patienten sein Gegenstück in einer nicht zu hemmenden Logorrhoe hat („Wortscheißerei“ nach dem Ausdruck eines Patienten). Ein Neurastheniker bezeichnete die Analyse als den Kübel, in den er seinen „Mist“, i.e. seine Gedanken entleert. Der Gedankenproduktion kommt die unbewußte Bedeutung und der Gefühlswert der Defäkation ganz allgemein, der „Gedankenobstipation“ die der Kotobstipation vielleicht nur in speziellen Fällen zu. (…) Eine Patientin pflegte bewußt Gedanken zu unterdrücken, sobald sie im Verlaufe der Assoziationen zu unangenehmen Themen gelangte. Regelmäßig stellten sich auch Druck im Kopf, Müdigkeit und Übelkeiten ein. Gleichzeitig traten Hitzegefühle auf, die wieder vergingen, sobald die „Gedankenobstipation“ wich. Ebensolche Hitzegefühle begleiteten aber auch die Darmobstipation. („Über die chronische hypochondrische Neurasthenie mit genitaler Asthenie“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 12(1), 1926, S. 25-39).

Unwillkürlich muß man an DOR denken.

1934 glaubte Reich, „daß die Inhalte der psychischen Tätigkeit rationale Gebilde der Außenwelt sind und daß nur die Energiebesetzungen der Innenwelt entstammen.“ Und weiter: „Wir übersehen aber hier nicht das wichtige, noch ungeklärte Problem, wie es der psychische Energieapparat anstellt, Reize der Außenwelt, die ihn treffen, zu Vorstellungen von dieser Außenwelt zu gestalten, die sich dann unabhängig von äußeren Reizen reproduzieren können. Dieses Problem liegt auf der gleichen Linie wie das der Entstehung des inneren Widerspruchs. Es ist fraglos gleichzeitig ein Problem der Entstehung des Bewußtseins überhaupt. Hier gibt es nicht einmal brauchbare Ansätze zu einer befriedigenden Lösung“ (Dialektischer Materialismus, Fußnote 45). Meines Wissens ist noch niemandem aufgefallen, daß diese „dialektisch materialistischen“ Überlegungen Reichs eine fast wörtliche Vorwegnahme seiner angeblich, so Richard Blasband, am weitesten „spirituellen“ Aussagen aus dem Schlußkapitel von Die kosmische Überlagerung sind!

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2 Antworten to “Orgonomie und Metaphysik (Teil 47)”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Die gesamte Gesellschaft beruht auf einem Reinigungsritual:

    Zunächst finde ich es beunruhigend, dass wir immer noch mit dem Begriff „Verschwörung“ operieren. Ich glaube, in der Corona-Krise ist dieser Begriff weit häufiger benutzt worden als in allen Krisen zuvor. Dabei fallen Dinge ja nicht vom Himmel. Sie passieren, weil es Menschen gibt, die Macht und Interesse haben. … in der Wirklichkeit der Gegenöffentlichkeit hat man sich seit zwei Jahren mit der Wirksamkeit des PCR-Tests, mit der Definition einer Pandemie oder mit Impffolgen beschäftigt. Kritische Wissenschaftler und Ärzte haben hier viele wichtige Dinge angesprochen und aufgearbeitet. Und dann gab es die leitmediale Öffentlichkeit. In der wurden all diese Dinge lange nicht wahrgenommen. …Sowohl die Corona-Krise wie auch jetzt die Ukraine-Krise haben ja starke sinnstiftende Momente: Jetzt Leben retten! Jetzt dem Nachbarn helfen! Für Menschen, die in der westlichen Konsumgesellschaft den Sinn verloren haben, sind diese Ereignisse sinnstiftend. Es gibt etwas zu tun, das mehr als Karriere und Shopping ist. Und dieser Sog nach dem Guten funktioniert: Frieren für die Ukraine! Flattening the Curve! Das sind im Grunde Mobilisierungen für das Gute, meistens unter dem Imperativ eines unbedingt notwendigen, absolut gesetzten Ziels.

    https://www.cicero.de/innenpolitik/impfpflicht-interview-ulrike-guerot

  2. David Mörike Says:

    Gedanken, Geist = Kot?

    Zumindest wenn man den Glauben verliert und immer mehr böse Gedanken hat an Weise Frauen = Hexen (im Hochmittelalter hatten die christlichen Nonnen bzw. Ordensfrauen über Heilkräuter und anderes ungefähr die gleichen Kenntnisse wie die so genannten Hexen).

    Im Hochmittelalter also vor etwa tausend Jahren als verletzter aber gläubiger Ritter würde ich mich ja höchstwahrscheinlich auch auf die damals mögliche Vollnarkose – das Wissen ging in der Frühneuzeit verloren – mit dem „Schlafschwamm“ einlassen.

    Das wurde nicht inhaliert sondern es waren Nachtschattenalkaloide die über die Nasenschleimhaut ins Gehirn tröpfelten.

    Todesrate 15% das heißt jeder siebte ging hops. Aber darauf würde ich mich einlassen ich komme ja in Kürze auf jeden Fall wieder zu mir: entweder in dieser Welt oder da oben bei Gott.

    Dann kam die Zeit der großen Pest und der langsam einsetzenden „Kleinen Eiszeit“ (DOR).

    Und jetzt verbreiteten sich böse Gedanken. Es begann das Zeitalter der Hexenjagd vor allem in der Frühneuzeit.

    Unglaublich viel Wissen ist da verloren gegangen und musste mühsam im 19. / 20. Jahrhundert neu erforscht werden. Unter anderem auch von Wilhelm Reich.

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