Robert 2011: Reichs Tochter, Lore-Reich Rubin, hat sich auch so ihre Gedanken zu Makavejev´s Film gemacht (im letzten Zehntel der Seite):
Um nun zum Film zu kommen: Ich persönlich schätze den Film trotz etlicher gravierender Verdrehungen der Reichschen Ideen. In dieser erfundenen, in Jugoslawien handelnden Geschichte von Vladimir und Milena, verdeutlicht Makavejev sowohl Reichs Konzepte zur Charaktertypologie, als auch seine Vorstellung, dass es in autoritären Staaten durch Unterdrückung der Sexualität zu einer Unterwerfung und Idealisierung des Staates kommt.
Wenn wir aber auf das Thema Sexualität zu sprechen kommen, erkennen wir, dass Makavejev selbst die Ideale entstellt. In einem Interview bezeichnete er Reichs sexuelle Revolution als zahm. Er verherrlicht die Revolution der 60er und 70er Jahre mit allen ihren Extremen. Ein paar Beispiele:
1) Gleich in der ersten Szene des Films wird der Geschlechtsakt ei-nes Paares gezeigt und ist als Original-Filmmaterial aus der Sex-Pol-Zeit deklariert. Durch die unmittelbare Nähe zu anderen Szenen ist damit der Geschlechtsakt meiner Eltern, Wilhelm und Annie Reich, gemeint. Reich hätte diese Szene aber niemals gefilmt. Er glaubte an die Intimität des sexuellen Aktes. Tatsächlich wurde dieser Filmab-schnitt 1969 beim Hippie-Musikfestival in Woodstock aufgenommen. Wollte sich hier Makavejev über Reich, sein bewundertes Idol, lustig machen?
So können wir sagen, dass Makavejev Reich bewundert, sich für seine Vorstellungen und Theorien einsetzt und uns für seine ungerechte Inhaftierung trauern lässt. Gleichzeitig aber fühlt er sich als Rivale und möchte selbst ein berühmter Mann sein. Das gipfelt darin, dass er sich über Reich und seine Theorien lustig zu machen beginnt, obwohl er gerade in seinem Film aufgezeigt hat, wie großartig und einzigartig er die Theorien findet.
Trotzdem: Als Ganzes gesehen ist „Wilhelm Reich und die Mysterien des Organismus“ ein starker und bewegender Film, zeitweise brillant, Einblicke gewährend, manchmal schockierend und manch-mal amüsant. Er ist auch eine wunderbare Erinnerung an das Ethos der 1970er Jahre und eine eindringliche Warnung vor bedrohlichen Zeiten, in denen wir uns gegenwärtig befinden.
Peter dazu: Danke für den Hinweis! Hier noch eine interessante Stelle:
Die Reichsche Therapie – das Lösen des Muskelpanzers mit tiefem Atmen und anderen Übungen – wird in Alexander Lowens Bioener-getik-Therapie in Hyperventilation und Übungen in Stresspositionen umgewandelt, bis Muskelzuckungen und Schüttelkrämpfe erfolgen, was das Ideal, den Panzer zu lösen, anstatt noch mehr Spannung aufzubauen, verfälscht. Während sich die Gruppensitzungen in ein Schreien, Stampfen und in einen aggressiven Tumult kehren, was bestenfalls Sadomasochisten ertragen würden. (Reich hat einmal zu seinem Sohn gemeint, dass er diese Art von Behandlung verabscheue.)
Peter: Das logische Resultat der „Revolution der 60er und 70er Jahre mit allen ihren Extremen“:
Robert: Während sich die Gruppensitzungen in ein Schreien, Stampfen und in einen aggressiven Tumult kehren,…
Genau dass habe ich in meiner Bioenergetikgruppe vor 30 Jahren erlebt.
Peter: Zum Zerfall der Gesellschaft:
Reich sagt, daß man die Emotionelle Pest u.a. daran besonders gut erkennt, daß sie wie blind für prägenitale Perversionen ist, jedoch bei genitaler Liebe unerbittlich zuschlägt.
Dazu der „Politskandal“ in Schleswig-Holstein um einen CDU-Politiker und eine 16jährige (die ihn im übrigen ausdrücklich in Schutz genommen hat, man könne nichts Schlechtes über ihn sagen) und der passende Kommentar aus dem TAGESSPIEGEL.
Vor diesem Hintergrund ist es zwar nicht seltsam, aber ein ethisches Armutszeugnis unserer Gesellschaft, daß sie den Betrügern eher verzeiht als den Liebenden.
siehe [Link existiert nicht mehr]
Peter: Darauf hat sich ja auch Charles Kelley berufen („education in felling and purpose“): Reich hätte einseitig auf die Befreiung der Emotionen geschaut und dabei die „Kopfseite“ vernachlässigt: Motivation und Zielgerichtetheit, die (auch) geschult werden müsse.
Das Problem dabei ist, daß die Motivation am Anfang steht. Ohne Motivation von vornherein ist jede Therapie vollkommen aussichtslos. Aber wo kommt die her?
Meines Erachtens aus der Erziehung. Wird die hintertrieben, wie in „Wohlfahrtsfamilien“ und bei manchen dekadenten Superreichen, dann ist der Mensch rettungslos verloren. Motivation ist eine Angelegenheit des Überlebenskampfes. Im Zoo und im Wohlfahrtsstaat stirbt sie ab. Das sozialistische Paradies auf Erden wäre das Ende der Menschheit.
Klaus 2013: „Fakten, um Wahrheit und Nichtwahrheit“
Was Fakt ist, hängt außer von der Welt von der Weise, wie man sie beschreibt, ab. Da steckt der Teufel im Detail – u.a. im Detail der von Reich gewählten Ausdrücke.
Robert 2013: Es war schon immer mein Kommentar, dass die Orgonomie sich mit der Evolutionsbiologie im Einklang befinden muss, um Ernst genommen zu werden. Die utopischen Elemente der Orgonomie, die Reste von Reichs kommunistischer Periode sind, müssen langsam abgelegt werden.
Das menschliche Territorialverhalten würde in einer Genitalen Welt (was für eine irre Wortschöpfung) berücksichtigt werden müssen und durch Bevölkerungsabbau in einem vernünftigen Maß reduziert.
Nebenbei: man sollte sich immer klar machen, das die
Orgonomie eine vollkommen unbedeutende Sekte ist mit vielleicht einigen hundert bis tausend Gläubigen weltweit. Solche Artikel wie die von Mathews erinnern mich an die von kommunistischen Splittergruppen, die darüber spekulieren, wie die Welt nach ihrer Machtergreifung aussehen wird.
Markus: Man muss sich fragen, bei welchen Arten die organismische Pulsationsfunktion durch zb. ein Alphamännchen unterdrückt wurde?
Was ist mit Hunden? Hunde werden durch ihr Herrchen (Alphatier) unterdrückt und entwickeln auch einen Muskelpanzer. Genauso Rinder oder Hühner die in Ställen eingesperrt sind entwickeln einen Muskelpanzer und werden desktruktief, bzw neurotisch!
Autoimunerkrankungen entstehen nur bei unterdrückten Lebewesen. Das sollte doch wohl zu denken geben.
Schaut Euch doch die ganzen humpelnden Lebewesen an!
Die Menschen übertragen ihre Neurosen auf ihre Haustiere,..
ich wil gar nicht weiter schreiben, das geht tief, sehr tief.
Mans right to know! der letzte Abschnitt, Reich spricht genau das an was passiert ist!!!
Die Orgonomie verflacht und verwässert…
O.: Kritik an Reich wird wenig geübt innerhalb der „Reichszene“, da es oft an eigener Kompetemz fehlte und man sich dies nicht zutraute oder weil man eher sich am Positiven berauschen möchte – eine esoterische Sicht der Dinge hat und Reich für seine eigenen (mystischen) Bedürfnisse nützen will.
Reich hatte zwei Arten von Gegner: 1. hassefüllte Gegner, die ihn sehr wohl verstanden haben und 2. blinde Mitläufer, die sich mit ihm berauschen. Mischtypen zwischen diesen beiden Positionen sind auch denkbar.
Die Mitläufer – oft als „Nachfolger“ tituliert – sabotieren ihn von innen heraus.
Eine ernsthafte Beschäftigung mit Reich wird von beiden Gegnertypen aktiv verhindert. Die organisierte und institutionalisierte Gegnerschaft (emotionelle Pest) geht von beiden Typen aus und beide agieren Hand in Hand.
Nicht selten sind begeisterte Anhänger zunächst Reich gegen über positiv bestimmt und spüren im Verlauf der Beschäftigung mit ihm, dass sie strukturell keine Chance haben aus ihrer neurotischen Charakterstruktur herauszukommen – kein Orgontherapeut kann ihnen helfen (oder sie finden keinen) – auch kein Psychotherapeut wird ihnen hier heraus helfen können. Sie hassen sich und Reich für seine Entdeckung und klarere Sicht über ihre neurotische Struktur und werden ihm gegenüber von Hass erfüllt, sie müssen ihn zerstören, um selbst nicht an ihr Elend erinnert zu werden. Oft kaschieren sie ihren Hass in dem sie als „Reichianer“ ihn nicht so ernst nehmen, ihn uminterpretieren oder esoterisch weiterentwickeln. Sie verflachen und verwässern die Orgonomie. Reich wird für alle kommenden Generationen zerstört. Keiner soll haben, was sie gefunden haben und nicht für sich haben konnten.
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Eine Kritik an Wilhelm Reich kann wohlwollend und systemimmanent geführt werden, wenn man sich von den oben geschilderten neurotischen Reaktionen frei machen kann. Doch wem gegenüber möchte man sie äußern? Wer kann damit sorgsam umgehen, ohne sie destruktiv zu nutzen?
O.: Bernd SENF meets Don CROFT:
Zu einer „orgonomischen Verschwörung“ wird hier folgende Theorie geboten: Bernd Senf distanziert sich in „neutraler“ Weise von der Verschwörung von Don Croft. Nun das mag man vielleicht noch informativ finden, wird doch alles Wissenswerte auf 19 Seiten zusammengepresst (danit es kein anderer sagt), doch was macht Senf so sicher, dass das Publikum so unfähig ist, seine Darstellung zu durchschauen? Geht es nicht um eine Rechtfertigung für die eigenen Taten, die zur Don Crofts „Werk“ führten? DeMeo wieder in der Position des „Aufklärers“, auch unfähig sich zu reflektieren, und Senf als Mittler und „objektiver Beobachter“.
Diese ganze Inszenierung ist eine Verschwörung, kaum schwer zu erkennen und eine „paranoide Beweiskette“ kann man sich auch sparen: Pseudo-Reichianer und originalste Reichianer treffen auf Pseudo-pseudo-Reichianer. Bei dieser Besetzung ist der Verschwörungsthriller garantiert, es fehlt nur noch die Verfilmung dazu, die gibt es dann auf youtube.
So wird suggeriert, dass „Reichianer“ die Guten in völliger Unschuld seien.
O. 2015: Reich macht auf eines aufmerksam: Die psychovegetative Panzerung; – ich brauchte heute mal wieder einen neuen Begriff.
Und diese zeigt, wie sehr er von emotioneller Pest und von Idioten umringt war. Reich hoffte hieran etwas ändern zu können. Die Hoffnung hieß „Orgontherapie“.
Die einzige Kritik an der Orgonomie wäre die, dass ihr mehr als eine Person angehöre. – Sicherlich gab es um Reich nette und anständige Menschen, die ihn auch emotionell unterstützt haben.
Doch alle sind zwangsläufig gepanzert und limitiert im Nutzen für eine Orgonomie. Auch Reich stand sich emotionell oft selbst im Weg, doch für Selbstzweifel fand er keine Zeit.
Unter der Bedingung der psychovegeativen Panzerung, ist ein Fach, wie die Orgonomie, nicht etablierbar. Nicht eine Konferenz würde Sinn machen.
Liest man die Facebook-Einträge der traurigen Gestalten in Amerika, die sich als Schüler Reichs gerieren, „aber“ ständig gegen Trump herziehen… Sie entblöden sich nicht, ständig Hitler an die Wand zu malen und Massenpsychologie des Faschismus hervorzukramen. Der einzige Unterschied zwischen Trump und Hitler sei, daß ersterer ständig den Clown spielt. Es zieht einem die Schuhe aus!
Was stört sie wirklich? Daß Trump das Leben liebt und männliche Virilität ausstrahlt? Daß bei Trumps riesigen Versammlungen die Menschen mitgerissen werden, während sie bei Hillarys vergleichsweise winzigen Zusammenkünften beinahe einschlafen? Ist es vielleicht die Orgonenergie selbst, die vegetative Erregung der Massenzusammenkünfte, die sie nicht ertragen können? Die ihre hirnzentrierte, „liberale“ Charakterstruktur, die stets mit einem anämischen Energiesystem einhergeht, nicht ertragen kann!
Können sie die Farmer, Kleingewerbetreibenden, Handwerker, Militärs und Arbeiter nicht ertragen, die Trumps Wahlveranstaltungen bevölkern? Die haben durchweg eine vollkommen andere Charakterstruktur als sie! Erschreckt sie die Rohheit der „Arbeitssphäre“, etwa die von Zimmerleuten und Bauarbeitern, zwischen denen Trump aufgewachsen ist? (Wie es da zugeht, wird sehr schön in Clint Eastwoods Arbeiterepos Gran Torino gezeigt)
Merken sie gar nicht, was für erbärmliche Gestalten sie sind, wenn sie Hitler hervorkramen und Reich mißbrauchen, um mit ihrer Lebensangst (ORGASMUSANGST) fertigzuwerden? Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte.
– Und was den theoretischen Hintergrund der Auseinandersetzung mit den „Links-Orgonomen“ betrifft:
Der Einfluß des Dialektischen Materialismus auf Reich zeigt sich beispielsweise im Umgang mit vulgär-materialistischen und gleichzeitig idealistischen Erklärungsmustern des Zeitgeschehens. Das Internet wird beispielsweise angesichts der Präsidentschaftswahlen in den USA von zwei Fragen dominiert: erstens welche wirtschaftlichen Interessen wirksam werden und welche geheimen Absprachen und Seilschaften im Hintergrund wirken, etwa die Rothschilds und die Rockefeller. Das läßt sich dann beliebig ausspinnen und mit allem möglichen Material unterfüttern, denn natürlich und legitimerweise versuchen die Reichen und Mächtigen jenseits des imgrunde lächerlichen „one person, one vote“ Einfluß auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. Genauso legitim und zwingend notwendig ist es, diese geheimen Machenschaften an die Öffentlichkeit zu zerren. Eine Demokratie ist Bürgerkrieg mit anderen Mitteln (Gewaltenteilung, Parteienstreit, freie Medien)!
Niemand kann diese Mechanismen bestreiten, doch beim Offenlegen der materiellen Interessen und Verschwörungen geht man nicht etwa in die biosoziale Tiefe, sondern bleibt bei oberflächlichen Phänomenen, bleibt ökonomistisch und, wenn man so sagen kann, „psychologistisch“. Der Orgonomie geht es aber um die tiefere (charakter-) strukturelle bzw. bioenergetische Ebene. Das ist ähnlich wie bei Marx, dem es nicht darum zu tun war, daß die Kapitalisten Gewinne machen wollten und zu diesem Beginnen die Gesellschaft manipulierten, sondern um die strukturellen Zwänge, denen sie unabhängig von ihren Intentionen ausgesetzt sind. Oder mit anderen Worten: Ausbeutung endet erst, wenn man das kapitalistische System und damit die Klassengegensätze abschafft.
Reich mußte erkennen, daß diese politökonomische Herangehensweise noch immer zu oberflächlich ist, das ändert aber nichts daran, daß die „Marxsche Denkfigur“, d.h. die Frage nach strukturellen Zwängen korrekt ist.
Es ist immer wieder erhellend, wie irritiert vermeintliche „Reichianer“ auf Charles Konias ausschließlich (charakter-) strukturelle Sichtweise soziopolitischer Fragestellungen reagieren! Ich verweise auf seinen Blog https://orgonomie.wordpress.com. Ähnlich reagierten zu Reichs Entsetzen die damaligen Stalinistischen Pseudo-Marxisten auf das Weltgeschehen. Das Buch Menschen im Staat und das Kapitel über „Masse und Staat“ in Massenpsychologie des Faschismus handelt zu einem guten Teil davon, daß der Marxismus mehr ist als moralistisches Bloßstellen von „Profitinteressen“.
Reich war kein Philosoph, er war Naturwissenschaftler. Was ihn ausmacht ist 1. die Entdeckung des Orgons und 2. des Mechanismus, mit dem sich die Menschen gegen das Orgon „abpanzern“.
Was bei Max Stirner der „Panzerung“ entspricht, ist, wie bereits zitiert, offensichtlich: die Besessenheit mit dem „leeren, leblosen Begriff“, „wogegen die Eigenen das stämmige lebenvolleEinzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten“ (Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 254, Hervorhebung von PN).
Reich hat gegen die willkürlichen, faktenfreien Begriffe, aus denen deduktiv zu erschließen ist, beispielsweise wie Kinder zu erziehen sind, das induktiv nachweisbare „lebenvolle“ Orgon gestellt. Diese „objektive Autorität“ des Orgons steht nicht im Gegensatz zur persönlichen „Eigenheit“, von der Stirner sprach, sondern ist sozusagen deren Substanz – die schlichtweg vorhandene Natur des Menschen, sein Kern. Das Orgon ist also keine externe Autorität, kein Über-Ich, sondern dessen Gegenteil: die Bedingung der Eigenheit. In diesem Sinne hat Naturwissenschaft die Funktion uns sozusagen zu erden.
Der Eigene bzw. der Einzige ist der Konkrete, Greifbare schlechthin. Genauso betrachtete Reich das Orgon: als das Konkrete, Greifbare schlechthin, das unmittelbar im freien Atmen, wenn man ganz man selbst ist, erfahren wird. In Reichs Orgontherapie gibt es nur ein „Gebot“: Atme!! Was nichts anderes ist als: laß dich gehen und sei das autonom funktionierende Lebensprinzip selbst.
Daß sich die Menschen dieser Identität von „Ich“ und „Pneuma“ nicht gewahr sind, ist für das mechanistische Weltbild verantwortlich, das Ahnen dieser Identität für das „spirituelle“ Weltbild.
Wie Reich 1941 schrieb, konnte der Mensch, der von jeher das Orgon in sich spürte, sich nur als Objekt und Werkzeug dieser Macht empfinden, – der er sich gerne unterwarf, da sie ihm orgastische Erfüllung verhieß. Dies erkläre, warum sich der Mensch so gerne und widerstandslos irrationalen, d.h. religiösen Gefühlen hingibt. Erst er, Reich, sei weitergegangen und habe diese Energie, die bisher als unerkennbarer Gott mystifiziert wurde, durch Induktion zugänglich und handhabbar gemacht. Erst er, Reich, habe die Angst vor dem Numinosen, dem Tabu, dem Heiligen überwunden (Die Funktion des Orgasmus, 1942). Orgon ist Aufklärung!
Das Orgon entspricht dem, was für Stirner Gott ist: der, der unnennbar und vollkommen autonom ist; der, der alles aus dem „Nichts“ erschaffen hat: der Einzige, den kein Begriff jemals erfassen kann, weil er autonom ist (Der Einzige und sein Eigentum, S. 412). „Gott“ verkörpert genau das, was Stirner für sich selbst, sein Ich in Anspruch nimmt, nämlich der Einzige zu sein. Verwirrenderweise ist aber auch die Panzerung „Gott“: der „Gott“ im Sinne eines Usurpators, Freuds „Über-Ich“, „Gott Vater“; das, was Stirner als „innere Hierarchien“ bezeichnet hat – die verinnerlichten Autoritäten, die den Eigner enteignen. Hier wieder Orgon gegen Panzerung.
Wenn Reich auf einen Philosophen zurückgeht, dann ist es Hegel, den er, so bin ich mir sicher, nie gelesen hat. Marx und Engels (insbesondere aber auch Lenin) hat er jedoch in extenso studiert und so die materialistisch gewendete Hegelsche Dialektik in Gestalt des Dialektischen Materialismus übernommen und zur Grundlage seiner Forschungsarbeit erkoren. Dialektik sieht die Einheit im Gegensatz und den Gegensatz in der Einheit, was nichts anderes bedeutet, als daß sich der Geist bzw. bei Engels die Natur spontan aus sich selbst entfaltet. Das ist jene „schöpferische Spontanität“, die Stirner für seinen Einzigen reklamierte.
Reich war, wie gesagt, kein Philosoph, hat also nicht über Umwege Hegels „absoluten Geist“ in sein Orgon uminterpretiert, vielmehr hat er zweierlei getan:
Erstens hat er im Dialektischen Materialismus bzw. in seinem orgonomischen Funktionalismus so gedacht und geforscht, wie die Natur funktioniert, nämlich nicht starr mechanisch auf Grund äußerer Zwänge, sondern spontan „flüssig“ aus ihrer eigenen Widersprüchlichkeit heraus.
Und zweitens war er weder ideologisch noch körperlich gepanzert, d.h. er war über-ich-frei, indem er weder der etablierten Wissenschaft gefolgt ist, noch verinnerlichte gesellschaftliche Normen auf sich wirken ließ. Beides wirkt sich körperlich und geistig so aus, daß man mit dem Lebendigen nicht mitschwingen kann. Sein Weg begann, ähnlich wie bei LaMettrie, mit einer radikalen Ablehnung jedweder sexuellen oder sagen wir lieber genitalen Hemmung. Ohne Panzerung tritt das zutage, was Reich als „Menschentier“ bezeichnete und Friedrich Kraus als „Tiefenperson“.
Man könnte demnach einwenden, daß Goethe, Husserl und schließlich Reich das genaue Gegenteil des denkbar radikalen „Nominalismus“ Max Stirners verkörpern, bei dem es um den Gegensatz zwischen dem „lebenvollen Einzelnen“ und dem „leeren, leblosen Begriff“ geht (Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 254).
Hat nicht Reich die „orgastische Potenz“ bzw. die „Genitalität“, das „Orgon“ bzw. „die kosmische Lebensenergie“ und die Hegelsche Dialektik bzw. den Dialektischen Materialismus in Gestalt des „orgonomischen Funktionalismus“ mit seinen „kosmischen Formgesetzen“ als „Allgemeinheiten“ hingestellt! Allein schon seine Definition einer allgemeingültigen „Gesundheit“!
Es geht aber genau darum, daß es bei den Allgemeinheiten gar nicht um ein philosophische Problem geht, sondern um den einen Faktor: das, was Laska, etwas hilflos als „irrationales Über-Ich“ bezeichnet hat. Jeder Physiker weiß, daß die Welt nach „Platonistischen“ Gesetzen, sozusagen dem „rationalen Über-Ich“, funktioniert und jeder gegenständliche bildende Künstler weiß, daß er vor der Wirklichkeit nicht kapitulieren muß, denn alles läßt sich quasi kubistisch auf wenige Formen reduzieren, die dann nur „ausgemalt“ werden müssen.
Stirners „Nominalismus“ kann uns gleichgültig sein. Laska führt aus, daß Freud für die bunte absolut unerschöpfliche Erscheinungswelt der Neurosen stand, sozusagen für „Diversität“, während Reich quasi „Platonistisch“ der einförmigen Gesundheit das Wort redete (Laska: Status der Reich’schen Theorie. C. Freuds „Kommentar“ zu Reich. Wilhelm Reich Blätter 3/80:114-163, 1980).
Freud: „Nur das Zusammen- und Gegeneinanderwirken beider Urtriebe Eros und Todestrieb erklärt die Buntheit der Lebenserscheinungen.“
Reich: „Die sogenannte individuelle Differenzierung der Menschen ist heute im wesentlichen ein Ausdruck überwuchernder neurotischer Verhaltungsweisen.“
Als guter Demokrat preist Freud hier die Panzerung (sich wechselseitig blockierende und verstärkende Triebe), während Reichs Haltung an Schneeflocken denken läßt, die allesamt einförmig sechseckig sind – und doch gibt es keine zwei Schneeflocken, die identisch sind. Hegels Identität von Identität und Nichtidentität bzw. Reichs gleichzeitige Einheit und Gegensätzlichkeit.
Das Problem bei Stirner ist, daß diejenigen, die wegen ihrer Degeneration gesellschaftlich ausgestoßen sind, sich als „Eigner ihrer selbst“ gerieren, und wirklich alles, was sie als Zumutung empfinden, als „Fremdbestimmung“ denunzieren können. Dieses Problem hat Reich einfach durch die simple Überlegung gelöst, daß du nicht wirklich du selbst bist, wenn lebenswichtige Reflexe bei dir nicht auslösbar sind. Das fängt beim Gewebeturgor an, geht über die Auslösung des Brechreizes bis hin zum Reich‘schen Orgasmusreflex, der dich unmittelbar mit kosmischen Funktionen verbindet (siehe Die kosmische Überlagerung).
Hier sind wir wieder beim Problem des radikalen Nominalismus Stirners (die Hypostasierung des Individuellen): man kann Stirner dergestalt radikal interpretieren, aber dabei kommt dann doch stets ein lauwarmer Extremliberalismus heraus. Wirklich radikal ist es aber, Stirner im Sinne Laskas zu lesen. Es geht hier nicht um alte scholastische Scheinprobleme, sondern um die Liquidierung des verinnerlichten Fremden: das erst durch dessen Auflösung zum Selbst wird. Dann tritt der „Naturbursche“ Stirners, das „Menschentier“ Reichs, zutage und mit ihnen Naturgesetzlichkeiten, die nur das Wort mit menschlichen „Gesetzen“ gemein haben. Stirner spricht vom „Natursohn“, will die Ernüchterung (Stirner, S. 181), d.h. zu den „eigenen Gefühlen“ kommen (ebd., S. 70), die der „menschlichen Natur“ (ebd., S. 372), der Stimme des Fleisches entsprechen (ebd., S. 68).
Solche Überlegungen bringen mich zu einem Bekenntnis zum Naturrecht, wohl wissend, daß 99,9 Prozent aller, die etwas Fundiertes über Stirner sagen können, Stirner als geradezu den Gegner des Naturrechts hinstellen. Philosophisch und philologisch zu recht.
Mit Stirner antworte ich: daß „Gott, Gewissen, Pflichten, Gesetze usw.“ bloße Flausen sind, „mit denen man Euch Kopf und Herz vollgepfropft und Euch verrückt gemacht [hat]“. Während „die Naturstimme“ eben, so Stirner, keine teuflische Verführerin ist, sondern umgekehrt vielmehr Gottes- und Gewissensstimme „Teufelswerk“ sind: „das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung (…), [welche] die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen“ (ebd., S. 179).
Diese „Naturstimme“ ist mir besonders wichtig angesichts der oben beschriebenen mechanistischen Weltanschauung, die heute in KI und Robotik kulminiert. Reich hat sich in Massenpsychologie des Faschismus breit darüber ausgelassen, daß der Mensch sich abpanzerte, also das Über-Ich triumphierte, als er sich mit dem identifizierte, was sein bloßes Werkzeug ist: die Maschine. Der Mensch versuchte das Lebendige mit Hilfe des Modells einer Maschine zu erklären und wurde dabei selbst maschinell: ein Teufelskreis.
1927 erschien das Buch Die Funktion des Orgasmus, das die Grundlage der spezifischen Lebensarbeit Reichs darstellt. In den folgenden Jahren arbeitete Reich in fünf Bereichen die Grundlagen dessen aus, was wir heute als „Orgonomie“ kennen.
1. Er wurde zu einem militanten Marxisten, der im Anschluß, angefangen mit der 1934 erschienen Schrift Was ist Klassenbewußtsein? sich das Konzept erarbeitete, das er später als „Arbeitsdemokratie“ bezeichnete.
2. Er engagierte sich in der Sexualreformbewegung und erarbeitete im Rückgriff auf die Arbeit von Bronislaw Malinowski die theoretischen Grundlagen seines späteren Konzepts „Kinder der Zukunft“.
3. Er baute die Psychoanalyse zur Charakteranalyse aus, um diese dann ab 1934 zur „charakteranalytischen Vegetotherapie“ zu erweitern.
4. Auf der Grundlage der damaligen biomedizinischen Forschung, insbesondere der von Friedrich Kraus („vegetative Strömung“), legte er die theoretischen Grundlagen dessen, was er ab1934 als „sexualökonomische Lebensforschung“ bezeichnete.
5. Mit der Ausarbeitung und Weiterentwicklung des auf Marx und Engels zurückgehenden Dialektischen Materialismus legte er die Grundlagen des späteren „orgonomischen Funktionalismus“.
Bemerkenswerterweise wurden diese fünf Stränge nicht nur zwischen 1927 und 1934 zu Zeiten seines sehr zeitaufwendigen und lebensgefährlichen politischen Engagements ausgeformt, sondern lassen sich jeweils auf seine Formations- und Selbstfindungsjahre zwischen 1919 und 1926 zurückverfolgen. Sein starkes soziales Engagement zeigte sich bereits in seiner Arbeit am von ihm angeregten psychoanalytischen Ambulatorium für Mittellose in Wien. Eine Arbeit, die sich in seinem ersten Buch, Der triebhafte Charakter (1925), niederschlug, das sich hauptsächlich mit dem „Lumpenproletariat“, sozusagen „den Wilden“ der Neuzeit, beschäftigte und das seine ersten charakteranalytischen Formulierungen enthält. Es sei auch auf seine beiden Artikel über „Eltern als Erzieher“ (1926) und seine frühen naturphilosophischen Studien (insbesondere Henri Bergson und F.A. Lange) verwiesen. Nach 1927 (Die Funktion des Orgasmus) kondensierten sich diese Anfänge zu den genannten fünf Strängen.
Die Zeit zwischen 1927 und 1934 ist kaum zu überschätzen und man reibt sich die Augen, was der Mann in diesen sieben Jahren alles geleistet hat. Nicht nur, daß er die Psychoanalyse zur Charakteranalyse weiterentwickelte, kreierte er auch eine eigenständige Massenpsychologie und das nicht nur in der bequemen Schreibstube, sondern im aktiven politischen Kampf. Sowohl in Wien als auch in Berlin baute er eine sexualpolitische Organisation auf. Quasi nebenbei schrieb er ein Buch zur Ethnographie, das selbst Bronislaw Malinowski selbst beeindruckte, und verfaßte eine sexualsoziologische Studie. Später wurden sie bekannt als Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral und als Die sexuelle Revolution. Und er bereitete spätestens mit seiner bahnbrechenden Studie über den masochistischen Charakter, die Anlaß des endgültigen Bruchs mit Freud war, den „Einbruch ins biologische Fundament“ vor.
In gewisser Weise sind die Ursprünge der Orgonomie eng mit dem Thema „politische Biologie“ bzw. „biologische Politik“ verwoben, da Reich sein Projekt der „sexualökonomischen Lebensforschung“ explizit gegen die Nationalsozialisten initiierte, die sich damit brüsteten, ihre Politik sei nichts anderes als „praktische Biologie“, von Hitlers „nicht gefühlsmäßigem, sondern wissenschaftlichem Antisemitismus“ bis hin zu Dr. Mengele in Auschwitz. Reich wollte der „Erbbiologie“ („Rasse“, Sozialdarwinismus, Eugenik) der Nazis eine „dialektisch-materialistische Biologie“ entgegenstellen. Wobei wir nicht auf vermeintlich „antifaschistische“ Weise vergessen sollten, daß die Nazis nicht im luftleeren Raum agierten, sondern von Theorien inspiriert wurden, die in Großbritannien, den USA („Jim Crow“) und sogar in Skandinavien (siehe Reichs Probleme mit den dortigen sozialdemokratischen, nach Reichs Ansicht „erbbiologischen, faschistischen“ Biologen) Mainstream waren.
Heute haben wir immer noch auf der einen Seite die Vorstellung vom Menschen als eine von seiner evolutionären Vergangenheit bestimmte „Genmaschine“ und auf der anderen Seite die orgonotische „bio-psychologische“ Struktur, wie sie von Reich, Baker und Konia beschrieben wurde. Letztere Analyse, die „soziopolitische Orgonomie“, ist nach wie vor Teil der sexualökonomischen Lebensforschung. Wenn also angemahnt wird, die Orgonomie solle nicht „politisch“ sein, bedeutet dies, richtig verstanden, tatsächlich ein Annihilieren des Grundwesens der Orgonomie als Wissenschaft.
Jeder Blick auf ferne Galaxien, jeder Blick ins Mikroskop ist, solange nach dem Richtigen geschaut wird, ein imminent politischer Akt! Wie das? In allen Bereichen der Natur und auf allen Größenebenen funktioniert die Orgonenergie auf gleiche Weise, insbesondere was Pulsation und die Kreiselwellen-Bewegung anbetrifft, genau das aber ist die Grundlage der orgonomischen Analyse politischer Vorgänge („soziopolitischer Charakter“). Umgekehrt ist eine orgonomisch-soziopolitische Analyse unumgänglich, um das Instrumentarium der Wissenschaft, zu dem an erster Stelle die Charakterstruktur des einzelnen Wissenschaftlers und die gesellschaftliche Struktur gehören, in der sich Wissenschaft abspielt („gesellschaftliche Panzerung“), frei von irrationaler Subjektivität zu halten.
Der Vernichtungskampf gegen den Nationalsozialismus und andere faschistische Doktrin wird erst dann abgeschlossen sein, wenn Wissenschaft WIRKLICH Wissenschaft ist.
Der von Friedrich Engels im Anti-Dühring ausformulierte Dialektische Materialismus läßt sich auf drei Grundgesetze reduzieren: 1. die Einheit der Gegensätze, 2. der Umschlag von Quantität in Qualität und 3. die Negation der Negation.
Die Einheit der Gegensätze wird vom Symbol des orgonomischen Funktionalismus denkbar emblematisch dargestellt und ist die Grundlage der Orgonometrie:
Für den Umschlag in Qualität gibt es jede Menge Beispiele vom Bion-Haufen, der durch die Ausbildung einer Membran zu einer Amöbe wird, bis zur Häuseransammlung in der Prärie, die sich durch immer weitere Ansiedlungen in eine Stadt verwandelt. Der besagte Umschlag ereignet sich, wenn aus einer bloßen Agglomeration ein Ganzes wird, das eigene funktionelle Gesetzmäßigkeiten entwickelt, die sich qualitativ vom vorherigen Zustand fundamental unterscheiden.
Daß uns die „Gesamtheit der charakteristischen Eigenschaften einer Sache“, d.h. die Qualität als eine psychische, „rein subjektive“ Größe erscheint, die in der „objektiven Wissenschaft“ nichts zu suchen hat, beruht, neben ihrer „Unmeßbarkeit“, darauf, daß die Psyche selbst eine Funktion des Umschlags von Quantität in Qualität ist. Die Psyche beruht auf dem Funktionieren des Organismus als funktionelle Einheit („der Patient ist depressiv“), während das Soma die einzelnen Organe betrifft („die Niere auf Zimmer 37“).
Wissenschaft muß grundsätzlich immer beide Aspekte berücksichtigen oder sie entartet in den mechanistischen Materialismus bzw. in Mystizismus:
Die „Negation der Negation“ betrifft das Entstehen einer neuen, „höheren“ Qualität. Das ist identisch mit der „Schöpfungsfunktion“ (siehe die Abbildung unten), d.h. dem Hervorgehen von Materie aus der materiefreien, primordialen Orgonenergie durch Spaltung und Überlagerung.
Das beste Beispiel ist die lebendige Arbeit, eine grundlegende bioenergetische Funktion. Aus ihr geht das Arbeitsprodukt hervor, das durch seine Materialität die Orgonenergie negiert, doch umgekehrt wird auch dieses „Stück Materie“ negiert, indem es Eigenschaften bzw. „die Qualität“ der Orgonenergie annimmt. Gemeinhin spricht man in diesem Zusammenhang vom „Wert“ des betreffenden Gegenstandes. Was die „subjektive Bewertung“ anbetrifft verweise ich auf den oben dargelegten Zusammenhang von „Qualität“ und „Psyche“! Dieser Zusammenhang wird deutlich, wenn wir die Schöpfungsfunktion der Arbeit ausschreiben:
Die „Idee“, das „Konzept“ bzw. die „Blaupause“, die aus einem blinden Roboten erst Arbeit im eigentlichen Sinne macht, ist funktionell identisch mit der „Psyche“, während die „blinde Tätigkeit“ funktionell identisch mit dem „Soma“ ist, insbesondere den Händen. Die Überlagerung von beidem resultiert im Arbeitsprodukt. Siehe dazu die entsprechenden Ausführungen von Marx in Band 1 des Kapital sowie die von Engels in seinem Anti-Dühring.
Marx hat sich m.W. nur einmal mehr oder weniger explizit zu dem geäußert, was Laska im Anschluß an Freud als „Über-Ich“ bezeichnet hat: „Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse“ (Das kommunistische Manifest). Die herrschenden Ideen sind das – Über-Ich.
Zuvor hatte Marx in seiner Besprechung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum erläutert, wie es zu den „herrschenden Ideen“ kommt: „(…) daß also die Umstände ebensosehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen“ (Die Deutsche Ideologie). Der erste Teil des Nebensatzes faßt den (wie er später genannt wurde) Historischen Materialismus zusammen, der zweite Teil den (wie er später genannt wurde) Dialektischen Materialismus. Will sagen: die materiellen Bedingungen bestimmen die Ideen in unserem Kopf, aber dieser Materialismus ist nicht mechanisch, weil eben diese materiellen Bedingungen durch die menschliche Arbeit, d.h. die Umsetzung von Ideen, ständig umgestaltet werden.
Damit war, so bildete sich Marx jedenfalls ein, Stirner erledigt und damit der „Humanismus“ gerettet. Kurz vor Erscheinen von Stirners Buch hatte Marx nämlich sein Glaubensbekenntnis niedergelegt: „(…) der Atheismus ist der durch Aufhebung der Religion, der Kommunismus der durch Aufhebung des Privateigentums mit sich vermittelte Humanismus“ (Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844). Die Gleichsetzung von Atheismus mit dem Kommunismus bzw. von Religion mit dem Privateigentum führt nicht etwa zur Aufhebung des Über-Ichs, sondern zu dessen Apotheose in Gestalt des „Humanismus“.
Wie dieser „Humanismus“ aufzufassen ist und was er mit Privateigentum zu tun hat, wird deutlich, wenn wir uns anschauen was Marx 1843 im Zusammenhang mit den Errungenschaften der Französischen Revolution und der Menschenrechte geschrieben hatte:
Die Freiheit ist also das Recht, alles zu tun und zu treiben, was keinem andern schadet. Die Grenze, in welcher sich jeder dem andern unschädlich bewegen kann, ist durch das Gesetz bestimmt, wie die Grenze zweier Felder durch den Zaunpfahl bestimmt ist. Es handelt sich um die Freiheit des Menschen als isolierter auf sich zurückgezogener Monade. (…) das Menschenrecht der Freiheit basiert nicht auf der Verbindung des Menschen mit dem Menschen, sondern vielmehr auf der Absonderung des Menschen von dem Menschen. Es ist das Recht dieser Absonderung, das Recht des beschränkten, auf sich beschränkten Individuums. Die praktische Nutzanwendung des Menschenrechtes der Freiheit ist das Menschenrecht des Privateigentums. (…) Das Menschenrecht des Privateigentums ist (…) das Recht, willkürlich (…), ohne Beziehung auf andre Menschen, unabhängig von der Gesellschaft, sein Vermögen zu genießen und über dasselbe zu disponieren, das Recht des Eigennutzes. Jene individuelle Freiheit, wie diese Nutzanwendung derselben, bilden die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Sie läßt jeden Menschen im andern Menschen nicht die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner Freiheit finden. (…) Die Sicherheit ist der höchste soziale Begriff der bürgerlichen Gesellschaft, der Begriff der Polizei, daß die ganze Gesellschaft nur da ist, um jedem ihrer Glieder die Erhaltung seiner Person, seiner Rechte und seines Eigentums zu garantieren. (…) Durch den Begriff der Sicherheit erhebt sich die bürgerliche Gesellschaft nicht über ihren Egoismus. Die Sicherheit ist vielmehr die Versicherung ihres Egoismus. Keines der sogenannten Menschenrechte geht also über den egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist. Weit entfernt, daß der Mensch in ihnen als Gattungswesen aufgefaßt wurde, erscheint vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den Individuen äußerlicher Rahmen, als Beschränkung ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das sie zusammenhält, ist die Naturnotwendigkeit, das Bedürfnis und das Privatinteresse, die Konservation ihres Eigentums und ihrer egoistischen Person. (Zur Judenfrage)
Ein Jahr später erschien Stirners Der Einzige und sein Eigentum – der vollkommene „Anti-Marx“. Lassen wir aber nochmal Marx‘ humanistische Frühschrift zu Wort kommen:
Die Konstitution des politischen Staats und die Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft in die unabhängigen Individuen (…) vollzieht sich in einem und demselben Akte. Der Mensch, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ist, der unpolitische Mensch, erscheint aber notwendig als der natürliche Mensch. Die [Menschenrechte] erscheinen als [natürliche Rechte], denn die selbstbewußte Tätigkeit konzentriert sich auf den politischen Akt. Der egoistische Mensch ist das passive, nur vorgefundne Resultat der aufgelösten Gesellschaft, Gegenstand der unmittelbaren Gewißheit, also natürlicher Gegenstand. Die politische Revolution löst das bürgerliche Leben in seine Bestandteile auf, ohne diese Bestandteile selbst zu revolutionieren und der Kritik zu unterwerfen. Sie verhält sich zur bürgerlichen Gesellschaft, zur Welt der Bedürfnisse, der Arbeit, der Privatinteressen, des Privatrechts, als zur Grundlage ihres Bestehns, als zu einer nicht weiter begründeten Voraussetzung, daher als zu ihrer Naturbasis. Endlich gilt derMensch, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ist, für den eigentlichen Menschen, für den homme im Unterschied von dem citoyen (…), während der politische Mensch nur der abstrahierte, künstliche Mensch ist (…). Der wirkliche Mensch ist erst in der Gestalt des egoistischen Individuums, der wahre Mensch erst in der Gestalt des abstrakten citoyen anerkannt.
Marx will den „wahren Menschen“, das „Gattungswesen“ befreien, d.h. den „Humanismus“ – das Über-Ich retten…