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Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 11)

17. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE (Fortsetzung)

In gewissem Sinne scheint mir, daß ein tiefer Kontakt mit sich selbst einen tiefen Kontakt und eine Integration zwischen dem eigenen ZNS und dem eigenen ANS erfordert. Darüber hinaus beinhaltet tiefer Kontakt mit anderen die Wahrnehmung des emotionalen, nonverbalen Bereichs im anderen. Auf der anderen Seite wollen wir das Baby nicht mit dem Bade ausschütten: Worte können tief emotional und voller Kontakt sein, wenn sie nicht defensiv als Mittel zur Distanzierung von Emotionen eingesetzt werden. Auch dazu hat Reich etwas zu sagen:

Die vulgäre Meinung nimmt an, daß die Funktion des menschlichen Verstandes … absolut dem Affekt [entgegengesetzt ist] … . Dabei wird zweierlei übersehen: daß erstens die intellektuelle Funktion selbst eine vegetative [autonome] Tätigkeit ist, daß es zweitens eine Gefühlsbetonung der Verstandestätigkeit gibt, die keiner bloß affektiven Regung an Intensität nachsteht … [Hast du jemals eine leidenschaftliche Idee gehabt?] Der Intellekt kann also in den beiden grundsätzlichen Richtungen des psychischen Apparates, zur Welt und weg von der Welt, tätig sein; er kann ebenso mit lebhaftestem Affekt gleichgerichtet korrekt funktionieren wie auch sich dem Affekt kritisch gegenüberstellen. Zwischen Intellekt und Affekt besteht keine mechanische, absolut gegensätzliche, sondern wieder eine dialektische Funktionsbeziehung. (Reich, 1949, S. 412f)

Also, sprechen Emotionen lauter als Worte? Wenn wir auf das zurückblicken, was wir besprochen haben, würde ich doch sagen: wir kommen zu dem Schluß, daß Emotionen in gewissem Sinne der weitere Bereich sind, der Kontext aus dem oder die Quelle aus der Wörter entspringen können. Wenn Wörter als Abwehr verwendet werden, um den Emotionen zu entkommen oder sie zu vermeiden, liegt die Wahrheit in der Emotion und der begleitenden Körpersprache und nicht in den Wörtern. Auf der anderen Seite, wenn, wie Reich sagt, die Worte in dieselbe Richtung wirken wie ein lebhafter Affekt, dann werden die Worte mit der Kraft der Emotion verbunden, und beide, Worte und Emotionen, sprechen laut.

Zu einem Orgonomen zu werden hat mir persönlich geholfen, einen Fuß in der Natur und einen Fuß im Bereich meiner Mitmenschen zu haben und mir dergestalt geholfen, die Spaltung in meinen Gefühlen über diese beiden Welten zu heilen. Ich konnte tiefe und profunde verbale und nonverbale Erfahrungen mit meinen Patienten teilen und einigen der besten und aussagekräftigsten Theatervorführungen beizuwohnen und in ihnen mitzuspielen, die ich je hätte finden können. In meiner Arbeit ist das Potential, Shakespearesche Tiefen jeden Tag zu erleben. Shakespeare hat nur 36 Stücke geschrieben, aber es gibt unendlich viele tiefgreifende und bedeutungsvolle menschliche Geschichten, an denen ich als Orgonom teilhaben darf. Ich muß nicht zwischen Bühne und Wiese wählen. Ich habe sie beide in meiner Arbeit. Das ist das Geschenk der Orgonomie an mich und an meine Patienten.

Reich starb 1957 in einem Bundesgefängnis. Er war wegen Mißachtung des Gerichts verurteilt worden, weil er sich geweigert hatte, beim Versuch der FDA mitzuarbeiten, seine Arbeit als unwissenschaftlich abzutun. Ich möchte mit den Worten abschließen, die Reich aus dem Gefängnis an seinen 13jährigen Sohn Peter geschrieben hat: „Halte deinen Bauch weich. Laß nicht zu, daß er hart wird. Leide lieber, als hart zu werden“ (Reich 2012, S. 235, kursiv im Original).

 

Literatur

  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 2012: Where’s The Truth? New York: Farrar, Straus and Giroux

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 16)

7. Oktober 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

VI. Orgontherapie: 3. Biopathien

Unter Biopathien faßt Reich all die Erkrankungen zusammen, die sich am autonomen Lebensapparat abspielen.1 „Es gibt eine typische Grunderkrankung des autonomen Lebensapparates, die – einmal in Gang gesetzt – sich in verschiedenen symptomatischen Krankheitsbildern zu äußern vermag. Die Biopathie kann in einem Karzinom resultieren (‚Karzinom-Biopathie‘), aber ebenso in einer Angina pectoris, einem Asthma, einer kardiovaskulären Hypertonie, einer Epilepsie, Katatonie, paranoiden Schizophrenie, Angstneurose, in multipler Sklerose, Chorea, chronischem Alkoholismus etc. Wir wissen noch gar nichts darüber, welche Umstände die Entwicklung einer Biopathie in der einen oder anderen Richtung bestimmen. Wichtig ist uns zunächst das Gemeinsame aller dieser Erkrankungen: Es ist eine Störung der natürlichen Pulsationsfunktion des lebenden Gesamtorganismus. Eine Fraktur, ein lokaler Abszeß, eine Pneumonie, gelbes Fieber, rheumatische Perikarditis, akute Alkoholvergiftung, infektiöse Peritonitis, Syphilis etc. sind demnach keine Biopathien. Sie beruhen nicht auf Störungen der autonomen Pulsation des gesamten Lebensapparates, sind begrenzt und können eine Störung der biologischen Pulsation sekundär herbeiführen. Nur dort, wo der Krankheitsprozeß mit einer Pulsationsstörung beginnt, wollen wir von ‚Biopathie‘ sprechen, gleichgültig in welches sekundäres Krankheitsbild sie ausläuft.“2

Eine Pulsationsstörung des autonomen Lebensapparates fällt stets zusammen mit einer Störung der Sexualfunktion, hatte sich doch bereits die Orgasmusformel als Lebensformel schlechthin entpuppt. Die Störung in der Abfuhr der bioenergetischen, orgonotischen Erregung, die identisch ist mit sexueller Erregung, bildet demnach den zentralen Grundmechanismus der Biopathien. Eine Biopathie entsteht dann, wenn sich der Organismus gegen die natürlichen Energieströmungen abpanzert und Emotionen abwehrt. Im Verlauf dieses Prozesses zieht sich die ursprünglich expandierende Bioenergie immer mehr zurück, sie kontrahiert. Diese Kontraktion des plasmatischen Systems kann mit Orgonbestrahlung entgegengewirkt werden. Die Heilung ist allerdings sehr schwierig, die Orgonbestrahlung muß genau dosiert werden, und die Panzerungen müssen mit Hilfe der biopsychiatrischen Orgontherapie gelöst werden. Häufig kommt es bei den Biopathien zu sogenannten anorgonotischen Störungen, die sich in einer völligen Blockierung der Plasmabeweglichkeit äußern. Sie gehen oft einher mit Schwächeanfällen oder mit Lähmung. Anorgonie kann als Reaktion auf die in der Orgontherapie freigesetzten Energieströmungen auftreten, gegen die sich der Organismus ja ständig wehren müßte.3

 

Fußnoten

  1. Vgl. Reich, W. Die Entdeckung… Der Krebs, a.a.O. S. 167–176
  2. ebenda S. 167f
  3. Vgl. zur Anorgonie: ebenda S. 347–400

nachrichtenbrief79

20. Oktober 2017