Eine der Trumpfkarten, die Kritiker der Orgonomie gerne ziehen, ist die Frage danach, ob Patienten wirklich das Ziel der Therapie erreichen, die orgastische Potenz. Erst einmal ist das nicht das Ziel, ohne dessen Erreichen die ganze Unternehmung keinen Sinn machte, sondern der Orientierungspunkt der Therapie. Es geht um die Vereinigung krankhaft auseinandergerissener Biofunktionen. Die Aufhebung dieser inneren Zerrissenheit (einer nicht nur „psychischen“, sondern vor allem biophysischen Zerrissenheit) ist in jedem einzelnen Schritt ein erstrebenswertes Ziel, das zwar stets das logische Endziel „orgastische Potenz“ (die endgültige und komplette Aufhebung der inneren Zerrissenheit) impliziert, aber trotzdem, bzw. eben deshalb, ist auch jeder Teilerfolg erstrebenswert. Solange sich die Orgontherapie am Endziel orientiert und deshalb in letzter Konsequenz zu ihm führt, ist es egal wie lange sie dauert und sie hat sich auch im vollen Umfang gelohnt, wenn, wie im überwiegenden Großteil der Therapien, die orgastische Potenz nie erreicht wird. Wenn sich der Patient im Verlauf der Zeit nicht stetig immer wohler und integrierter fühlt, ist er nicht in Orgontherapie, sondern einem Scharlatan aufgesessen! Orgontherapie ist ein Weg von A (der Neurose) nach B (der orgastischen Potenz), alles andere ist ein zielloses Herumirren, das nirgendwo hinführt.
Selbst wenn kein einziger Patient jemals das Ziel „orgastische Potenz“ erreichen sollte, bedeutet das nicht, daß etwas an der Orgontherapie nicht stimmte. Aber natürlich gibt es einige Patienten, die dieses Ziel erreichen. Man siehe dazu die Artikel „Genitality: Myth or Reality?“ (The Journal of Orgonomy, Vol. 21, No. 2, November 1987, S. 154-158) von Richard A. Blasband, „Genitality Reached by a Chronic Depressive“ (ebd., S. 159-171) von Barbara G. Koopman und „A Patient Brought to Genitality“ (ebd., S. 172-184) von Charles Konia.
Im Vorwort zu dieser Ausgabe des Journal of Orgonomy, das Reichs dreißigsten Todestag markiert, führt Koopman aus, daß Genitalität real sei und erreichbar und daß man diesen einmal erreichten Zustand aufrechterhalten kann. Dazu würden zwei Fälle präsentiert von denkbar unterschiedlichen Charaktertypen mit zwei entsprechend unterschiedlichen Therapieverläufen. Warum das Erreichen der Genitalität so lange dauert und von so wenigen erreicht wird? Der entscheidende Faktor sei die Kontaktfähigkeit des Therapeuten und inwieweit er selbst Angst vor Bewegung und Veränderung hat.
Je mehr er in Kontakt mit sich selbst ist, desto besser kann er mit dem Patienten und der Arbeit Kontakt herstellen. Unsere persönliche Evolution verlangt, daß wir ständig nach echtem Kontakt, sowohl mit uns selbst als auch mit der Umwelt, und seiner Aufrechterhalten streben. Das ist das primäre Werkzeug für die Heilung, genauso wie Genitalität das Endziel der Therapie darstellt.
In Die Funktion des Orgasmus (Fischer-TB, S. 190) spricht Reich von seiner „orgasmotherapeutischen Aufgabe“. Die „Vegetotherapie“ (die spätere Orgontherapie) ist nur eine sozial notwendige Fehlbezeichnung für „Orgasmotherapie“ – und ausgerechnet jene, die heute nichts mehr von der uneingeschränkten Orgasmustheorie wissen wollen, nennen sich „Vegetotherapeuten“. Was diese Leute mit dem Namen Wilhelm Reichs machen ist über alle Maßen abscheulich.
Die Frage, ob Reich ein genitaler Charakter war, ist ziemlich unfruchtbar. Elsworth F. Baker, der die Familienmitglieder und Geliebten von Reich in Orgontherapie hatte und deshalb diese Frage vielleicht als einziger einigermaßen sinnvoll hat beantworten können, meint, daß er wohl nicht ganz ausschließen könne, daß Reich ein vollwertiger genitaler Charakter war, aber seine persönliche Vorstellung von einem genitalen Charakter sähe etwas anders aus, da Reich für seinen Geschmack zu viele phallisch-narzißtische Züge hatte. Nach Bakers Definition war Reich ein „funktioneller genitaler Charakter“, d.h. wenn es ihm gut ging, funktionierte er rational, sobald aber der Streß ein bestimmtes hohes Level überschritt, fiel er in ein neurotisches phallisch-narzißtisches Muster, das er wieder verließ, sobald sich die Situation besserte oder er mit der Situation umzugehen lernte.
Somit reagierte Reich exakt wie jemand, der eine Orgontherapie in jeder Hinsicht erfolgreich abgeschlossen hat: betrachtet man ihn, wenn es ihm gut geht, hat er tatsächlich seinen Charakter verändert (aus einem neurotischen wurde ein genitaler Charakter), geht es ihm schlecht, besteht unauslöschlich die Tendenz, daß er genauso reagiert wie früher („einen krumm gewachsenen Baum kann man nicht wieder grade machen“). Nun ist es so, daß dies, d.h. die Ausbildung eines „funktionellen genitalen Charakters“ nicht nur infolge einer Orgontherapie geschieht, sondern manchmal auch spontan bei Menschen, die eine Struktur haben, die nahe an der Genitalität ist (also Hysterikerinnen und Phallische Narzißten, deren Hysterie und phallischer Narzißmus nicht besonders stark ausgeprägt ist). Reich war so ein neurotischer Mensch, der aufgrund seines frühen Sexuallebens sich zu einem „funktionellen genitalen Charakter“ entwickelt hat. Das läßt sich alles widerspruchsfrei erklären. Ohnehin kann es einen „idealen“ genitalen Charakter in unserer Gesellschaft gar nicht geben. Er wäre nicht lebensfähig. Siehe das Schicksal der Naturvölker. Man betrachte auch Reichs eigenen hilflosen, „naiven“ und „blauäugigen“ Umgang mit der Emotionellen Pest.
Überhaupt finde ich es fruchtbarer, die Frage zu stellen, ob Reich „anders“ als „Homo normalis“ war. Typischerweise wird Reich – auf eine unglaublich spießige Weise – immer dann kritisiert, wenn er anders als Homo normalis war. Ich find ihn eher kritikwürdig, wenn er sich genauso wie Homo normalis verhalten hat. Reich war immer dann neurotisch, wenn er nicht er selbst war. Die verdammten Spießer sehen es genau umgekehrt.
Schlagwörter: Charakterstruktur, Hysterie, Körperpsychotherapie, Mundstuhl, Orgasmus, phallischer Narzißmus, Phallischer Narzißt, Psychotherapie, Vegetotherapie
4. April 2012 um 10:38 |
Trotzdem bleibt Reich vorzuwerfen, dass er ein extremes Ideal aufgestellt hat, das eigentlich niemand erreichen kann – so wie absolute Gesundheit. Zumindest in seinen Schriften hätte er darauf hinweisen müssen. Oder er hat nicht sehen können, wie absolut und dogmatisch dieses Gesundheitskriterium interpretiert werden wird.
Zusätzlich halte ich seine Theorie für zu einseitig, weil es auch andere Gründe für Krankheiten geben kann, die er zu den Biopathien rechnet. Dazu zählen denaturierte Nahrung, Umweltstrahlung oder negative Lebensumstände; das alles relativiert sein Kriterium der Orgastischen Potenz.
4. April 2012 um 11:05 |
Siehe dazu Reichs Ausführungen im Anhang zu CHRISTUSMORD. Und was andere Faktoren betrifft – das sind andere Faktoren. Von wegen ausweichen vor dem Wesentlichen.
4. April 2012 um 22:05 |
Ob ein hysterischer Charakter mit seiner offenliegenden Orgasmusangst dem Ziele der Orgontherapie näher sei, sollte man ist eine These – völlig unfruchtbar in meinen Augen und nur an Reichs Idee von Psychotherapie (nämlich der Vegetotherapie) gebunden. Selbst wenn man Reichs Charakteranalyse für wesentlich hält – und nicht nur aus psychoanalytischer Sicht – ist die Methode der Vegetotherapie von ihr losgelöst. Der Schritt zwischen Charakteranalyse und Vegetotherapie kann zu groß gewesen sein, um eine prozessorientierte Richtung zu weisen. Ich benutzte den Konjunktiv, der Raum für Diskussionen offen läßt.
Reichs Modell des genitalen Charakters ist eine seine Vegetotherapie gebunden, wo hochgeladene triebgestaute und gehemmte Charakterstrukturen „näher“ dem genitalen Primat zu sein scheinen. Phallische Narzissten glaubte daher schon mit wenig kontaktloser Therapie (-übungen) zur Genitalität gelangt zu sein. Wie herrlich viel Energie ließ sich plötzlich im Sexualakt mobiliseren — wie schwach würden hiergegen „schizoide“ und „fruhe“ Störungen abschneiden — und wie „orgastisch war doch die Entladung“ wie die eines Feuerwerkes!
Natürlich kann man Reichs Hinweis und Beschreibung des Schizophrenen (nicht schizoiden) in der 3. Aufl. der Charakteranalyse getrost „vergessen“, wonach dieser dem Energiekonzept und dem Erleben des eigenen Kerns sehr viel näher war, als ein Narziss dies jemals zu empfinden im stande sein wird.
Es ist die Frage nach der geeigneten Technik wie man sich dem Charakter nähert. Reich hat hier EINE Methode favorisiert, die seiner Struktur entsprach. Ist sie deswegen der Weisheit letzter Schluss?
Wieviel mehr Aufwand muss man betreiben, bis man die Panzerung eines (phallischen) Narzissten durchbricht? Im Vergleich dazu wäre es bei einer („frühen“) schizoiden Struktur ein Einfaches dies zu tun, weil die ganze Panzerung sich nicht zwischen Kern und Umwelt bilden konnte. Der Muskelpanzer liegt an der Oberfläche und ist offen zugänglich, wenn man körpertherapeutisch arbeitet.
Nimmt man dann natrülich „Reichs“ Maßstab, dass viel Energie sich entladen müsse, die aber nicht vorhanden ist einer solchen Struktur, dann versucht man etwas aufzubauen, was womöglich völlig überflüssig ist, nur damit er dasselbe Erleben eines phallisch-narzisstischen Menschen habe? Wozu also soll die Qual des Hysterikers (oder des Phallonarzissten) von Vorteil sein? Muss ein Patient der Methode angepasst werden, um das Ziel zu ereichen? NEIN.
Sind andere Methoden denkbar? – Und ich meine keine esoterischen Abwandlungen oder „Weiterentwicklungen“. Die Antwort liegt in Reichs Schriften, wenn man sie zu hinterfragen in der Lage ist und sie in der Praxis überprüft. Es sind immer die Patienten, die einen neuen Weg aufzeigen können. (s. Mesmer, Breuer & Freud, Reich)
1. Februar 2025 um 12:08 |
Ea-Nebel: Gestern herrlicher Sonnenschein in Hamburg, blauer Himmel. Heute seltsam trockener Nebel wie bei einem Großbrand. Niemand kann mir weismachen, dieser sei normal! https://www.youtube.com/shorts/uEziC823_nw?feature=share
2. Februar 2025 um 20:59 |
Das Problem mit den „Normalen“ oder Spießern ist ja gerade, ihre Überangepasstheit – ihr Moralisieren und Nicht-verstehen- und Nicht-dulden-wollen von jeder geringsten Abweichung. Wenn die Norm der Maßstab ist, sind alle verrückt gepanzert und hochneurotisch. Wer sich ausschließlich an sich orientiert und darin beständig und unbeirrbar bleibt, hat eine größere Chance gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden.
Nur weil Leute („normalos“) denken, Reich sei verückt, heißt es nicht, dass er richtig lag, sondern dass er möglicherweise hätte richtig liegen können. Das ist ein nicht zu vernachlässigender Unterschied.
Ebenso hat ein „Nach-Reichianer“ nicht im Ansatz etwas verstanden, nur weil er Reich gelesen hat. Als Marktschreier kann er noch so laut schreien, es wird niemanden etwas helfen.
Er kann gar nichts begriffen haben und bleibt so orgastisch impotent oder verstärkt diese Tendenz so gar über Jahrzehnte bis zu seinem Tod, er könnte sogar weiter von allem erntfernt sein, was Reich dachte, als jemand, der keine Ahnung davon hat.
Wem nützten all die Märchen und Geschichten von einem orgatisch potenten Patienten? Sie machen Dich und mich auch nicht potenter.