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Paul Mathews: Besprechung SEX-POL-ESSAYS, 1929-1934 von Wilhelm Reich

5. Januar 2022

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Besprechung SEX-POL-ESSAYS, 1929-1934 von Wilhelm Reich

DIE SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE: Wilhelm Reich kontra die Situationisten (Teil 4)

28. September 2021

von Jim Martin

DIE SITUATIONISTEN (Fortsetzung)

Später erschienen in den Vereinigten Staaten Streitschriften, die versuchten, Reich von einem situationistischen Standpunkt her zu rehabilitieren. In einem anrührenden Pamphlet, das 1973 unter dem Titel Remarks on Contradiction and its Failure erschien, wertete Ken Knabb seine eigene Beteiligung in einer amerikanischen Pro-Situ-Gruppe („Contradiction“) mit Hilfe der Betrachtungsweise der Reichschen Charakteranalyse aus. Dies war Reichs neuartige Therapietechnik, die die erstarrte Rolle identifizierte, welche vom Neurotiker gespielt wurde, um ihn vom vollständigen Kontakt mit dem Leben zu schützen. Sie richtet ihr Augenmerk besonders auf den Widerstand gegen die Analyse, und bedient sich tiefer Atmung zusammen mit der körperlichen Freisetzung des muskulären Festhaltens (Charakterpanzerung), um die Gesundheit wiederherzustellen.

„Die Mitglieder von Contradiction hätten ihrer Zwangslage mutig entgegentreten können, durch das Heranziehen jener grundlegenden Taktik, die Sackgasse gerade dadurch zu verlassen, daß man sich auf den Widerstand gegen die Analyse konzentriert. Dies hätte die Aufmerksamkeit nicht nur auf die grundlegenden Fehler kollektiver Organisation gelenkt, die ich in Remarks umrissen habe, sondern auch auf unseren individuellen Widerstand, will sagen unsere Charakter… Es sei nur gesagt, daß, obwohl unbestreitbar die Praxis der Theorie individuell therapeutisch wirkt, es mir ebenso wahr zu sein scheint, daß ein Angriff auf den Charakter des Einzelnen eine gesellschaftliche Strategie ist, ein praktischer Beitrag zur internationalen revolutionären Bewegung. Der Charakter des Pro-Situ wird durch das Schauspiel objektiv verstärkt (ein Charakter tritt natürlich am meisten durch seine Unfähigkeit hervor, seine Existenz als etwas anderes als ‚Banalität‘ wahrzunehmen, bis überstarke Symptome, die vielleicht seine gesellschaftliche Praxis sichtbar behindern, ihn zwingen, seine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken). Auf der anderen Seite, verhindert es all die Klarheit eines Artaud, der seinen Charakter isoliert angreift, nicht, daß das ‚äußere‘ Waren-Schauspiel, das er verächtlich beiseite schiebt, in seiner inneren Welt als Phantasie von fremden, bösartigen Wesen wiederkehrt, von denen er besessen ist. Wie eine Revolution in einem kleinen Land muß der Mensch, der eine Blockierung, eine eingefahrene Routine oder einen Fetisch aufbricht, aggressiv nach außen gehen, um dort radikale Alliierte zu finden oder aufzuwiegeln oder er wird das verlieren, was er gewonnen hat und seinem eigenen inneren Thermidor zum Opfer fallen. Die Auflösung des Charakters und die Auflösung des Schauspiels sind zwei Bewegungen, die einander bedingen und erfordern.“

Hier legt Knabb seinen Finger auf den Kern des Problems. Er bietet eine Neuformulierung von Reichs Kritik am charakterlichen Rebellen. Mit dieser selbstbezüglichen Analyse übertrifft er alles, was die Situationisten jemals über Pro-Situs geschrieben haben. Im Gegensatz zu den französischen Philosophen war er in der Lage, Reichs Arbeit zu verstehen.

Im selben Jahr veröffentlichte Knabb eine Breitseite, Jean-Pierre Voyers Reich: How to Use. Voyer erörtert die Auflösung des Charakters und seine Rolle bei der Auflösung des Schauspiels.

„In allen Gesellschaften, in denen die modernen Produktionsverhältnisse vorherrschen, nimmt die Unmöglichkeit zu leben die individuellen Formen des Todes, des Wahnsinns oder des Charakters an. Mit dem unerschrockenen Dr. Reich und gegen seine entsetzten kompromißlerischen und heuchlerischen Anhänger (recuperators)* und Verleumder postulieren wir die pathologische Natur aller Charakterzüge, d.h. alles Chronischen im menschlichen Verhalten. Für uns ist weder unsere individuelle Charakterstruktur, noch das Aufklären ihrer Entwicklung wichtig, sondern die Unmöglichkeit sie für die Schaffung von Situationen zu verwenden. Der Charakter ist deshalb nicht nur eine ungesunde Wucherung, die man isoliert behandeln könnte, sondern zur gleichen Zeit ein individuelles Heilmittel in einer umfassend kranken Gesellschaft, ein Heilmittel, das uns erlaubt, die Krankheit zu ertragen, während es sie gleichzeitig verschlimmert.

Wir glauben, daß die Menschen ihren Charakter nur dadurch auflösen können, daß sie sich gegen die ganze Gesellschaft stellen (dies steht insofern im Konflikt mit Reich, als er die Charakteranalyse von einem spezialisierten Gesichtspunkt aus betrachtete); während auf der anderen Seite die Funktion des Charakters in der Anpassung an die Umstände besteht, bereitet seine Auflösung eine umfassende Kritik an der Gesellschaft vor. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen.“

1975 gab in Detroit Black and Red ein Pamphlet der britischen Solidarity von Maurice Brinton neu heraus: Authoritarian Conditioning. Sexual Repression and the Irrational in Politics. Es enthält eine achtbare Darstellung von drei Büchern Reichs: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Die sexuelle Revolution und Die Massenpsychologie des Faschismus. Das erste dieser drei war eine Untersuchung über die Bedeutung der Arbeit des Anthropologen Bronislaw Malinowski für das Freilegen der kulturspezifischen Natur von Ödipuskomplex, Pathologie und Sexualunterdrückung. Die sexuelle Revolution ist hauptsächlich ein Bericht über Reichs Besuch in der Sowjetunion, der zu seiner Enttäuschung über die bolschewistische Revolution führte, welche ihre anfängliche Beseitigung des moralistischen Ehe- und Sexualrechts rückgängig gemacht hatte. Aus Die Massenpsychologie des Faschismus entnimmt Brinton Reichs Analyse „der verschiedenen Methoden, mit denen die moderne Gesellschaft ihre Sklaven so manipuliert, daß sie ihrer eigenen Versklavung zustimmen.“ Obwohl sich Brinton ziemlich tief in die Anthropologie Malinowskis eingearbeitet zu haben scheint, hat er offensichtlich einen der Hauptpunkte seiner Arbeit übersehen: die Untersuchung primitiver Ökonomien im Lichte des industriellen Kapitalismus. Eine der faszinierendsten Aspekte von Malinowkis Werk ist seine Erörterung des Geschenkaustausches; eine Ökonomie, die ohne Arbeitslohn auf Gegenseitigkeit beruhte und alle Aspekte des kulturellen Lebens durchdrang (einheitlich). Die gesamte Produktion war auf den freien Austausch von Geschenken bei Reisen zu benachbarten Klans ausgerichtet. Der Wettbewerb beruhte nicht darauf, wer am meisten bekommen, sondern wer das meiste geben konnte. Diese Art von Ökonomie wurde nur wenig berücksichtigt, obwohl eine pro-situationistische Zeitschrift vielsagend Potlatch betitelt war, was sich auf Geschenkgaben bei Primitiven bezieht.

Brintons Grundproblem ist, daß er es fast lieber gehabt hätte, wäre Reich 1936 gestorben. Bei Brinton werden wir vergeblich nach irgendeiner Erwähnung der Konzepte Roter Faschismus, Emotionelle Pest oder Orgon suchen.

* ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Zum Wort recuperator (recuperateur, „Rückholer“) schreibt Jim Martin: „ein französisches Wort, das von den Situationisten benutzt wurde, um die Fähigkeit des ‚Schauspiels‘ (bzw. Kapitalismus/Kommunismus/moderne technologische Gesellschaft) zu beschreiben, sich den Widerstand gegen das Schauspiel einzuverleiben und dienstbar zu machen.“

Politische Einstellungen unterliegen physiologischen Merkmalen: Politisches Denken und die biologische Grundlage des soziopolitischen Charakters (Teil 2)

21. Juni 2021

Virginia Whitener, Ph.D.

Konia stellt fest: „Um das menschliche Sozialverhalten genau zu verstehen, muss man aus dem Rahmen des bestehenden Denkens heraustreten. Eine funktionelle energetische Perspektive und Kenntnisse der soziopolitischen Charakterologie sind unerlässlich. Jeder Mensch hat seine individuelle Charakterstruktur… Er oder sie hat auch eine identifizierbare soziopolitische Charakterstruktur, die Art und Weise, wie der Einzelne versucht, die Umwelt und die Gesellschaft so zu formen, dass sie seinen eigenen irrationalen Bedürfnissen entsprechen. Einer der wichtigsten Beiträge von Elsworth F. Baker zum Verständnis soziopolitischer Charaktertypen war seine Identifizierung der Struktur der Panzerung eines Individuums in Bezug auf den soziopolitischen Charakter (Baker 1967, Seite 153). Zum ersten Mal wurden die politische Linke und Rechte in objektiven biophysikalischen Begriffen definiert, wodurch der Ursprung der sozialen Pathologie auf eine feste biologische Grundlage gestellt wurde.“ (Konia 2008, Seite 91)

Der Prozess der Charakterentwicklung und die spezifischen soziopolitischen Charaktertypen werden in den Schriften von Baker und Konia beschrieben und diskutiert. (Siehe insbesondere Man in the Trap und The Emotional Plague.) Im vorliegenden Zusammenhang genügt es zu sagen, dass es im reifen menschlichen Organismus eine Formierung des Charakters gibt, die ein Individuum dazu prädestiniert, auf bestimmte Weise auf soziale Fragen zu reagieren. Diese Reaktionen sind nicht bewusst und sind keine „Entscheidungen“ im üblichen Sinne des Wortes. Je extremer die Panzerung ist, desto mehr Druck verspürt das Individuum selbst, sich so rigide Weise auszudrücken, wie es dem Charakter entspricht, und desto „bestimmter“ wird seine soziopolitische Ideologie und Verhalten sein – die Art und Weise, wie man versucht, die soziale Welt um sich herum zu beeinflussen und sich anderen gegenüber zu verhalten. Die Wahl der politischen Partei (eine eher oberflächliche Funktion) ist offen für äußere Einflüsse und kann sich ändern, aber die grundsätzliche soziopolitische Einstellung zum Leben ist es nicht und wird sich in vielen anderen Bereichen manifestieren.

In einer kürzlich erschienenen Ausgabe des Journal of Orgonomy, 41(1) 2007, stellte ein Leser eine Frage zu einer Aussage von Konia, dass „nach E.F. Baker der soziopolitische Charakter des Individuums angeboren, biologisch verwurzelt, unveränderlich und weitgehend unabhängig von Umwelteinflüssen ist“ (Konia 2007, Seite 109). Konia antwortet, dass Baker oft sagte: „Es muss etwas im Protoplasma geben, das die verschiedenen gesellschaftspolitischen Charaktertypen unterscheidet“ (ebenda, Seite 110). Derartig gleichbleibend sei beim Einzelnen, im gesamten Repertoire und im Verlauf der Zeit, die Art seines Denkens, Verhaltens und seiner emotionalen Reaktion im sozialen und politischen Bereich.

Literatur

Baker, E. 2000 (reprinted from 1967). Man in the Trap. Princetows: ACO Press

Konia, C. 2005. The Collision between Islam and the West. Journal of Orgonomy 39(2): 70-94

———. 2007. Letter to the Editor. Journal of Orgonomy 41(1): 109-110

———. 2008. The Emotional Plague: The Root of Human Evil. Princeton: A.C.O. Press

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 43 (2010), Nr. 2, S. 62-67.
Übersetzt von Robert Hase

Politische Einstellungen unterliegen physiologischen Merkmalen: Politisches Denken und die biologische Grundlage des soziopolitischen Charakters (Teil 1)

18. Juni 2021

Virginia Whitener, Ph.D.*

Es gibt die überkommene naive Annahme in unserer Kultur, dass Entscheidungen im Gehirn getroffen werden. Sicherlich würde dies auch für politische Entscheidungen gelten – dass wir alle die Fakten klug abwägen, vielleicht tangential „Werte“ und eine undefinierte „Bauch“-Reaktion einkalkulieren, aber in unserem politischen Denken fundierte, kognitive, bewusste Entscheidungen treffen, die auf unserem Intellekt, unserer Gehirnleistung, basieren. Dem ist nicht so.

Bedenke zunächst, dass das Gehirn kein eigenständiges oder herrschendes Organ im menschlichen Organismus ist und nicht rein bewusst und auf Basis von Fakten funktioniert, sondern, wie Harman (2007) gut beschreibt, dem autonomen Nervensystem untergeordnet ist. Harman diskutiert diese Dynamik speziell in Bezug auf ihre Beziehung zum und Bedeutung im Schlaf und erklärt: „Das autonome Nervensystem wird manchmal als ‚primitives‘ Nervensystem aufgefasst, im Gegensatz zum Gehirn, das mit dem Auftreten ‚höherer‘ Spezies als immer ‚fortgeschrittener‘ oder ‚entwickelter‘ angesehen wird. Vom Standpunkt der Gesamtstruktur und der Arbeitsweise aus gesehen ist das genaue Gegenteil der Fall“ (Harman 2007, Seite 33). Das Denken, bewusst oder halbbewusst, einschließlich des politischen Denkens, muss demnach auf dem autonomen Nervensystem basieren und ein Produkt biologischer Funktionen sein, einschließlich protoplasmatischer Bewegung und bioenergetischer Pulsation.

Reich identifizierte zuerst den soziopolitischen Charakter. Baker entwickelte dies weiter und zeigte, dass soziopolitisches Denken und Verhalten mit der Verteilung und dem Ausmaß der Panzerung zusammenhängen und Konia erweiterte unser Verständnis der biologischen Basis der soziopolitischen Charakterstruktur noch stärker. Die Panzerung begrenzt und beeinflusst die Wahrnehmung und die Überzeugungen, Handlungen und Entscheidungen der Person im gesellschaftlichen Bereich, einschließlich des politischen Bereichs. Panzerung tritt auf, wenn die protoplasmatische Bewegung eingeschränkt wird. Die Einschränkung kann vom Beginn des Lebens an auftreten, kann sich stabilisieren und wird weitergegeben. Das Umfeld von Eizelle und Sperma, das intrauterine Milieu, die Geburtsbedingungen und die Umgebung nach der Geburt können lebensfeindlich, zerstörerisch, nicht förderlich für das Leben oder für bestimmte Aspekte des Lebens des Organismus sein. Das Ergebnis, wenn die lebendige Spontaneität, die Vitalität und die natürlichen Ausdrucksformen und Bedürfnisse des Organismus nicht respektiert werden, sind schließlich die eigene, bleibende Bewegungseinschränkung des Organismus und die verfemten, starren Reaktionsweisen im individuellen und sozialen Bereich.

Anmerkungen des Übersetzers

* Doctor of Philosophy [Psychologin]

The American College of Orgonomy

Literatur

Harman, R. 2007. The Autonomic Nervous System and the Biology of Sleep. Journal of Orgonomy 41(1): 7-49

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 43 (2010), Nr. 2, S. 62-67.
Übersetzt von Robert Hase

Blogeinträge März-Mai 2016

10. Juni 2021

Blogeinträge März-Mai 2016

  • Warum sind die Republicans über Trump verwirrt?
  • Das Ende des Zweiparteiensystems in Amerika
  • Die Emotionelle Pest in der Politik
  • Zum Verständnis des Trump-Phänomens
  • Das Präsidentschafts-Rennen 2016
  • Werden sie es jemals begreifen?
  • Obama und Sanders: Alles beim Alten

nachrichtenbrief204

28. Mai 2021

Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 5)

23. April 2021

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Entsteht ein neuer Trend?

Kehren wir zu unserer ursprünglichen Frage zurück, was in der sexuellen Revolution schiefgelaufen ist. Zufällig kamen mir einige Gedanken zu dieser Frage in den Sinn, als ich gerade dabei war, Reichs The Impulsive Characterb (2) zu übersetzen, eine klassische Monographie, die 1925 geschrieben wurde, aber immer noch bedeutend und aktuell ist. Im Jahr 1925 ließ kein angesagter Analytiker jemals einen triebhaften Charakter in sein Büro kommen. Die Analytiker der damaligen Zeit beschäftigten sich hauptsächlich mit Neurotikern und deren Verdrängungen. Aber in der kostenlosen Klinik, die er leitete, hatte Reich seinen ersten Kontakt mit den mittellosen Schichten. Dies führte zu einer eingehenden Untersuchung einer Art von Charakterstörung, die er als „triebhaft“ bezeichnete und die eine starke Verwandtschaft mit dem Psychopathen aufweist. Obschon einige von Reichs Fällen kaum vom Schizophrenen zu unterscheiden sind, wird die Charakterstörung allgemein als ein Zwischentyp zwischen einem neurotischen Charakter (z.B. hysterisch, zwanghaft, etc.) und einem psychotischen angesehen. Wie dem auch sei, Reichs Studie über die Genese und Struktur des Triebhaften von 1925 hat unser Verständnis des gegenwärtigen Psychopathen erheblich bereichert.

Im heutigen Umfeld der scheinbaren sexuellen Freiheit weichen die alten Zwänge – doch die daraus hervorgehende Charakterstruktur ist weit entfernt von Genitalität. Ich glaube, dass sich in unserer Gesellschaft ein neuer Trend emotionaler Krankheiten abzeichnet: Der praktizierende Psychiater von heute sieht möglicherweise eine andere Art von Patienten im Entstehen – eine Übergangsform zwischen dem triebgehemmten Neurotiker und dem triebgesteuerten Psychopathen. Es ist der letztere Typus, der einige Gemeinsamkeiten mit dem von Reich beschriebenen triebhaften Charakter aufweist. Man muss sich nur im Fernsehen die Filme der 50er Jahre ansehen, um den eklatanten Wandel in der Kultur zu erkennen, der sich innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte vollzogen hat. Die jungen, anständigen Leute in diesen Filmen sehen für die abgestumpften Augen der „coolen Typen“ von heute wie „Spießer“ aus. Erstere sind die triebgehemmten neurotischen Typen, die in einer Atmosphäre der sexuellen Unterdrückung aufgewachsen sind, während unsere coolen „Hipster“ von heute eine lockerere psychische Struktur verkörpern, die von gemischten Übergangstypen bis, im Extrem, hin zum ausgewachsenen Psychopathen reicht.

Ich will damit nicht implizieren, dass die Mehrheit der heutigen jungen Menschen diese Entwicklung beispielhaft zeigen. Es gibt jedoch zwei Gruppen in unserer Gesellschaft, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie erkennbar ist: die Gruppe der städtischen Hochschüler und die der Benachteiligten. Hier kann man ein breites Spektrum von Übergangstypen sehen, alle Formen von Neurotikern mit einem Hauch von Psychopathie (deren Kinder oder Enkelkinder zunehmend triebhafte Züge zeigen können) bis hin zu den ausgewachsenen, triebgesteuerten Psychopathen, die sich am äußersten Pol sammeln.

Anmerkungen des Übersetzers

b Wilhelm Reich: The impulsive character and other writings; translated by Barbara G. Koopman. New American Library, New York 1974

Literatur

2. Reich, W.: The Impulsive Character. In Fortsetzungen veröffentlicht in Journal of Orgonomy, 4:4-18,149-166,1970; 5:5-20,124-143,1971; 6:4-15,1972

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

Das Aufkommen des Psychopathen (Teil 2)

17. April 2021

von Dr. med. Dr. phil. Barbara G. Koopman

Die Rolle der blockierten Energie bei der Entstehung von Neurosen ist von Reich ausführlich behandelt worden. Ich möchte hier nur einige Grundbegriffe streifen, um zu verdeutlichen, was ich als neuzeitliche Entwicklung betrachte.

Der Leser wird sich daran erinnern, dass die sexuelle Zwangsmoral zu sexueller Unterdrückung im Rahmen der patriarchalischen Familie führt. Freuds Libidotheorie wirft ein beträchtliches Licht auf diesen Prozess. Nach Freud kommt jedes Individuum mit einem bestimmten Quantum an psychischer Energie auf die Welt. Zunächst ist es eine rein „narzisstische“ Energie, die sich ganz auf das Selbst konzentriert. Nach und nach greift diese Energie wie die Pseudopodien einer Amöbe aus und bindet sich an die Welt der Objekte (oder, strenggenommen, an ihre „mentalen Repräsentationen“). Wenn der Prozess einigermaßen erfolgreich ist, entwickelt die Person die Fähigkeit zu zufriedenstellenden Objektbeziehungen. Dies geht Hand in Hand mit einer gewissen Reifung und Integration des Ichs. Manche Menschen kommen nie weit über dieses Stadium des Narzissmus hinaus und ihre Objektbeziehungen verharren zusammen mit ihrer Ich-Struktur auf einer primitiven, prägenitalen Stufe.

Im Verlauf der Ich-Entwicklung muss sich die psychische Energie durch verschiedene erogene Zonen bewegen – oral, anal, phallisch und genital – von denen jede ihre eigenen charakterologischen Merkmale aufweist. Jede Fixierung oder Regression von Energie in den ersten drei Zonen wird die Persönlichkeit ihren Stempel aufdrücken und ein bestimmtes Quantum psychischer Energie binden – das dem Ich nun mehr nicht mehr zur Verfügung steht und zu einer Einschränkung führt. Wenn sich die Person normal entwickelt, bewegt sich die Energie auf natürliche Weise von einem Stadium zum nächsten, ohne gebunden zu werden, und das genitale Primat wird erreicht. Das Genital wird zum Hauptkanal für die Entladung der sexuellen Energie. Jegliche prägenitalen Restmengen werden im Vorspiel abgebaut und bleiben nicht dem Charakter eingeprägt. Das genitale Primat signalisiert die vollständige Reifung des Ich.

Dieser Prozess der Ich-Entfaltung wird von der Charakterstruktur der Eltern bzw. Elternsurrogate zutiefst beeinflusst und ist durch Krisen von Realitätsprüfungen, drohenden oder realen Verlusten und Trennungen, Bewältigungs- und Identifikationskonflikten usw. geprägt, die schließlich in der ödipalen Krise (im Alter von vier Jahren) gipfeln. Wie mit diesen Wechselfällen umgegangen wird, bestimmt die letztendliche Persönlichkeit. Freud und Reich divergieren darin, wie sie gehandhabt werden sollen. Selbstregulierung, nicht sexuelle Unterdrückung, war Reichs Antwort auf das Problem, gesunde Kinder aufzuziehen.

Um den Unterschied zu würdigen, betrachten wir das klassische Konzept der Verdrängung als einen Abwehrmechanismus, bei dem das Ich den verbotenen Trieb oder eine seiner Abkömmlinge bzw. Fantasien vom Bewusstsein ausschließt. Sobald dies geschieht, wird der Originaltrieb aus dem Bewusstsein verbannt, als hätte es ihn nie gegeben. Er hat jedoch weiterhin eine eigene energetische Existenz und drängt weiter auf Entladung. Um dies zu verhindern, verbraucht das Ich viel Energie bei dem als Gegenbesetzung bekannten Prozess. Es gibt einen dynamischen Widerstand, den Trieb außen vor zu halten und das Ich zahlt den Preis für die „gebundene“ Energie und einen eingeschränkten Reaktionsspielraum. Zunächst kommt es zur Symptombildung, aber, wie Reich betonte, führt die Schichtung von blockierten Trieben und den Gegenbesetzungen schließlich zu einem sehr aufwändigen Überbau, den er als Charakterpanzerung bezeichnete. Der somatische Ort der Panzerung spiegelte das Entwicklungsstadium wider, in dem die Verdrängung erfolgt ist.

[Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 1, S. 40-58.
Übersetzt von Robert Hase]

In Memoriam: Paul N. Mathews (1924-1986) (Teil 2)

23. Februar 2021

von John M. Bell

Es ist vielleicht gerade in diesem Bereich, dass Pauls Beiträge für uns alle und für die Orgonomen der Zukunft die bedeutendsten sind. Er half bei der Klärung und Entwicklung einer Analysemethode, um die Aufgabe des sozialen Handelns, der sozialen Wahrnehmung und der Konfrontation mit der emotionellen Pest wesentlich zu erleichtern. Es ist aussagekräftig, dass Paul einen wichtigen Beitrag zur Formulierung von Dr. Bakers maßgebendem Kapitel 13 von Man in the Trapb geleistet hat. Nachdem dies getan war und nachdem das Journal of Orgonomy mit der Veröffentlichung begonnen hatte, kamen Pauls Artikel in reicher, bedeutender Fülle und sie beleuchteten mit aufschlussreicher Genauigkeit die Komplexität der soziopolitischen Einstellungen und Handlungen. Wir sind so viel reicher geworden durch seine Arbeit in diesem schwierigen und gefährlichen Gebiet.

Trotz der Tatsache, dass er kein Arzt war, bekam Paul von Dr. Baker die Erlaubnis, als orgonomischer Berater zu fungieren, Menschen zu empfangen und ihnen mit seinen Einsichten und seinem Verständnis der Charakterstruktur zu helfen. In Dr. Bakers Seminar gab Paul immer wieder wertvolle Einblicke in den vorgestellten Fall. Es war ziemlich klar, warum Dr. Baker Paul erlaubte, eine Praxis aufrechtzuerhalten. Während Paul hart und hingebungsvoll arbeitete, machte er sich wenig Illusionen über Menschen. Er war wie wir alle sehr enttäuscht, als eine Gruppe aus dem College ausschied. Aber er kannte sich gut genug, um zu erkennen, dass es immer ein Gewirr von Einstellungen und Emotionen gab, die die Arbeit verdunkeln und jeden Arbeiter verwirren konnte. Während er normalerweise optimistisch war, war er ebenfalls wachsam, da er in seinen Jahren in der Orgonomie, genau wie Dr. Elsworth Baker, viele kommen und gehen sah. Er war ehrlich zu sich selbst und forderte von seinen Mitmenschen, dies ebenso zu sein. Er war auch warmherzig und unterstützend – manchmal strahlend. Er erfreute sich an seinen Freunden und an der Arbeit und sein großzügiger Geist führte ihn dazu, offen und vertrauensvoll zu sein. Er hatte einen köstlichen Sinn für Humor und genoss die Geschichten und Anekdoten, die er erzählte, normalerweise mehr als die Zuhörer.

Er war ein wertvoller Mann. Er war dem College gegenüber loyal und ein unermüdlicher Arbeiter im Namen der Orgonomie. Es ist für uns alle besser, ihn gekannt zu haben, doch wir alle tragen einen Verlust, weil wir ihn verloren haben. Wir werden ihn sehr vermissen, aber es war wunderbar, ihn so lange bei uns gehabt zu haben. Leb wohl, Paul, du nimmst einen Teil von uns mit.

Anmerkungen des Übersetzers

b Deutsch: Der Mensch in der Falle: das Dilemma unserer blockierten Energie; Ursachen und Therapie. München: Kösel, 1980.
13. Kapitel: Die soziopolitischen Charaktertypen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Nr. 2, S. 161-162.
Übersetzt von Robert Hase

nachrichtenbrief186

3. Januar 2021

Die Wissenschaft bahnt sich ihren Weg: