Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Alexander Lowen und Stanley Keleman in den 1970er Jahren die „Körpertherapie“ als ungeheuren Durchbruch verfochten: „Die Seele über den Körper heilen.“ Das wäre angeblich die Essenz der von Reich entwickelten Therapie! Jetzt finde ich in der Bahn zufällig einen Flyer mit der Überschrift „Psyche hilft Körper“.
„Es ist unglaublich, wie viel Kraft die Seele dem Körper zu verleihen vermag“. Dieser Satz von Wilhelm von Humboldt aus dem frühen 19. Jahrhundert hat heute ebenso viel Gültigkeit wie zu Humboldts Zeiten. Über viele Jahrzehnte wurde der Kraft der Seele allerdings nicht die Bedeutung beigemessen, die ihr zusteht.
Als Student der Orgonomie fühlt man sich manchmal wie ein Zeitreisender, den es ins Mittelalter verschlagen hat, und den die mittelalterlichen Vorstellungen, etwa über das Leib-Seele-Problem („Körper beeinflußt Seele“ gegen „Seele beeinflußt Körper“) schrecklich auf die Nerven gehen.

Die Orgontherapie ist keine „Körpertherapie“, denn es geht nicht um „die Integration des Körpers in die Psychotherapie“ und ähnliches, sondern darum, das neurotische Gleichgewicht aufzuheben mit dem Ziel, den genitalen Primat und damit die orgastische Potenz (der regelrechte Haushalt der biologischen Energie) herzustellen. Geht das ohne körperliche Interventionen, um so besser.
Aus eigner Erfahrung kann ich sagen, daß es weitaus effektiver ist, selbst zu spüren, wie man jahrzehntelang beispielsweise die Schultern gehalten hat, als von außen darauf gebracht zu werden. Es ist effektiver, sich seiner neurotischen Idiosynkrasien bewußtzuwerden und sie aufzugeben, statt durch Massage oder „Übungen“ „gerade gerichtet“ zu werden. Freiheit kann einem nicht geschenkt werden. Entweder nimmt man sich die Freiheit oder man wird nie frei sein.
Das A und O der Therapie ist die Motivation, also der Wille, ein neuer Mensch zu werden und ein besseres Leben zu führen. Es geht nicht darum, sich hinzulegen und durch „Handauflegen“ an sich herum manipulieren zu lassen, bis sich irgendwelche Verspannungen lösen.
Es geht aber auch nicht darum, mit dem „Willen“, bzw. der „Psyche“, den Körper zu heilen. Ich verweise auf die Stelle in Peter Reichs Der Traumvater (München 1975, S. 28f), wo Reich am Beispiel einer Filmszene mit John Wayne kritisch die Beeinflussung des Körpers durch die Psyche beleuchtet:
Und die Art, wie sie etwas leisten oder durchsetzen, ist ebenfalls hartleibig. Erinnerst du dich an den Film mit John Wayne, in dem er stürzt und zum Krüppel wird? (…) Du weißt, als er im Bett saß, auf das Ende seines Gipsverbandes schaute und seine Zehen beobachtete, beschloß er, wieder gehen zu lernen. Und er sagte immer wieder zu sich: „Ich muß diesen Zeh bewegen. Ich muß diesen Zeh bewegen.“ Schau, das ist die starre, die verkrampfte Art, Dinge zu überwinden. (…) Hindernisse und Behinderungen in dieser Weise zu überwinden, durch Gewalt, durch sogenannte Willenskraft (…) das ist die starre, verkrampfte, mechanistische Art, Leistungen zu vollbringen. Er mußte sich so anspannen und verhärten, sich selbst mit aller Gewalt dazu zwingen, wieder gehen zu lernen, daß er darüber vergaß, wie man liebt und freundlich ist. (…) Am besten ist es, einfach zu atmen, sich zu entspannen und es auf natürliche Weise kommen zu lassen. Erzwinge nie etwas, laß es einfach auf natürliche Weise eintreten, dann ist es immer okay.
Entsprechend geht es in der Orgontherapie nicht darum, sich etwa zum „richtigen“ Atmen zu zwingen, sondern darum, es einfach „arbeitsdemokratisch“ geschehen zu lassen.
Orgontherapie ist imgrunde nichts anderes als „Orgasmustherapie“ und genauso wenig wie einem ein Orgasmus von außen aufgezwungen werden kann, kann man einen Orgasmus „wollen“. Das einzige, was man tun kann, ist, die Hemmnisse, die sowohl der Hingabe, als auch der Aggression entgegenstehen, fahren zu lassen.
Alles andere ist Sadomasochismus und auf die Therapie übertragen das, was ich als „Blauen Faschismus“ bezeichnet habe. Tatsächlich unterscheiden sich die diversen „Reichianischen“ Körpertherapien kaum von dem, was Reich in Charakteranalyse als Masochismus beschrieben hat: „Bringe mich von außen zum Platzen!“. Den sadistischen Körpertherapeuten (den „Bioenergetikern“, selbsternannten „Orgontherapeuten“, etc.) ist es eine Lust, ihren „Patienten“ diese Freude angedeihen zu lassen.
Es ist auffällig, daß immer wieder „Reichianische“ Therapeuten und selbsternannte „Orgontherapeuten“ hervortreten, die mit einer ganzen Palette von Therapietechniken Patienten für sich gewinnen wollen. Es ist teilweise schreiend komisch, was sie nicht alles zusätzliche zur (angeblichen) Orgontherapie anbieten. Das reicht von „Craniosakral-Therapie“ über „Ayurveda“ bis hin zur „Geistheilung“, gar „Akupunktur“. Was sie mit diesen ellenlangen Listen zur Schau stellen, ist nicht etwa ihre „Zusatzqualifikation“, sondern ihre Unfähigkeit, therapeutisch effektiv zu arbeiten. Es ist der verzweifelte Versuch kontaktloser Neurotiker Kontakt herzustellen. Imgrunde sind es Perverse, die mit allen möglichen Folterwerkzeugen ihre „Liebe“ zum Ausdruck bringen wollen.
Schlagwörter: Alexander Lowen, Ayurveda, Craniosakraltherapie, Entspannungsarbeit, Geist, Geistheilung, Humboldt, John Wayne, Körper, Körperpsychotherapie, Körpertherapie, Körperverspannungen, Leib-Seele-Problem, Masochismus, Psyche, Psychotherapie, Sadomasochismus, Seele, Stanley Keleman
23. Juli 2009 um 05:29 |
Also kurz zusammengefasst Herstellung oder Wieder-Herstellung der Selbstregulierung des Systems.
27. Juli 2014 um 12:40 |
http://davidmoerike.de/2014/07/seelisches-und-koerperliches
27. Juli 2014 um 13:02 |
In:
http://davidmoerike.de/2014/07/seelisches-und-koerperliches
hatte ich auf das Diogenes-Syndrom hingewiesen.
Bestimmte Philosophen, die Kyniker, der bekannteste davon Diogenes, lebten anspruchslos wie ein Hund, daher der Name. Das Fass, in dem Diogenes angeblich lebte, soll ein Etwas zur Aufbewahrung von Dingen gewesen sein.
Das lässt an die Container auf Baustellen denken, wo die Arbeiter Mittagspause machen und vielleicht auch Verwaltungs- und Vermessungs-Geräte etc. untergebracht sind.
Ein Container also. Diogenes lebte vergleichbar mit den indischen Asketen, die nackt und ohne feste Behausung sind, oder auch mit den vielen Bauwagen- bzw. Wagenburg-Bewohnern, die es etwa in Berlin, Freiburg, und Tübingen gibt.
13. Dezember 2025 um 11:35 |
Ein befreundeter Arzt schrieb gerade:
Allein schon der BEGRIFF „Körpertherapie“ ist doch Schwachsinn!
Das bedeutet wörtlich übersetzt „Körperbehandlung“!
Also kann jeder Internist, Hausarzt, Chirurg, HNO-Arzt usw. mit Fug und recht behaupten, er betreibe „Körpertherapie“, denn er behandelt ja den Körper!
Begriffe sollten doch zumindest etwas aussagen und nicht völlig sinnentleert sein!
Ähnlich Bezeichnungen wie „psychic healer“ bzw. „Geistheiler“.
Ist nicht jeder Psychotherapeut, der Heilungserfolge erzielt, auch ein „psychic healer“ oder gar „Geistheiler“?
Auch die ganzen Esoteriker, die von „GANZHEITLICHER“ (oder – noch schlauer klingend – „HOLISTISCHER“) Behandlung sprechen, gehen mir auf den Sack.
In JEDER modernen psychosomatischen Klinik werden die Patienten behandelt mit a) Psychotherapie, b) körpermedizinisch inklusive medikamentös, c) mit Ergotherapie, d) Physiotherapie, e) Soziotherapie (inklusive Gruppenpsychotherapien und Interventionen des Sozialdienstes der Klinik), f) Progressiver Muskelrelaxation nach Jacobson, g) Kunsttherapie, h) Musiktherapie usw., oft auch noch Motologie, Körperwahrnehmung (was speziell für Anorektikerinnen sehr wichtig ist) usw.
NOCH „ganzheitlicher“ geht´s ja wohl kaum…
Dass die Orgontherapie auf einer noch viel tieferen Ebene „ganzheitlich“ arbeitet, versteht sich von selbst – aber sicher nicht die ganzen esoterischen Verfahren!
13. Dezember 2025 um 19:38 |
… wobei nicht klar, inwiefern das eine ‚wörtliche Übersetzung‘ von „Körpertherapie“ sei. Man kann nicht wortgeschichtliche oder gar etymologische Herleitungen für Bedeutungsklärungen heranziehen. Beispielsweise ist „Philosophie“ auch nicht als Liebe zur Weisheit verstehbar.
Natürlich sind diese Modewörter nicht ernst zu nehmen, noch weniger die damit gemeinten Praktiken.
13. Dezember 2025 um 23:29 |
Ich denke, dass es maßlos übertrieben ist, so zu tun, als wenn die Nicht-Orgonomen Sadisten wären, die gerne ihre Patienten quälen. Sie haben ja auch eine lange Ausbildung hinter sich und wollen von den Patienten leben. Also müssen sie auch was Sinnvolles tun. Wenn sie, wie du behauptest, Sadisten wären, würden die Patienten nicht wiederkommen oder dies wären alle Masochisten. Die Körpertherapeuten als psychopathische Sadisten hinzustellen, halte ich für absurd und ist auch gar nicht glaubwürdig. Man muss Alexander Lowen auch zugutehalten, dass er sehr viel für die Verbreitung von Wilhelm Reich indirekt oder direkt getan hat.
Diese extremistischen Übertreibungen helfen in gar keiner Weise weiter, Unterstützung für die authentische medizinische Orgontherapie hervorzurufen.