Posts Tagged ‘Geist’

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 7

5. März 2019

orgonometrieteil12

7. Orgonomie 4.0

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

25. Februar 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Am Ende seines Buches Christusmord schrieb der österreichische Psychiater Wilhelm Reich einen Anhang mit dem Titel „Die Waffe der Wahrheit“. „Die Waffe der Wahrheit“ ist eine der wichtigsten schriftlichen Äußerungen Reichs. Darin prägte er einen neuen Begriff: „Gegenwahrheit“. Er definierte die Gegenwahrheit als Grund dafür, daß sich die Wahrheit nicht durchsetzt, und er sagte, es sei manchmal sogar noch wichtiger, die Gegenwahrheit zu verstehen, als die Wahrheit selbst zu verstehen, weil es nutzlos und möglicherweise sogar gefährlich ist, die Wahrheit zu unterstützen, ohne die Gegenwahrheit zu verstehen.

Das Konzept der Gegenwahrheit ist ein soziologisches Konzept und Reich hat meines Wissens niemals explizit Parallelen zur klinischen Situation gezogen, die Parallelen sind aber offensichtlich.

Man könnte sagen, daß die psychologische Abwehr eine Gegenwahrheit ist. Die psychologische Abwehr ist „kostspielig“. Sie schränkt unsere psychische Gesundheit ein. Warum gibt es sie dann? Die Gegenwahrheit der Abwehr besteht darin, daß sie verhindern soll, daß wir von Emotionen überwältigt werden, mit denen wir vielleicht nicht umgehen können.

Reich wies auf das autonome Nervensystem (ANS) als das physiologische Substrat für das Funktionieren von Emotionen im Körper hin. Das ANS reguliert Dinge wie Herzschlag, Atemfrequenz und die glatte Muskulatur, die die Blutgefäße auskleidet, wodurch der Blutfluß zu den verschiedenen Organen des Körpers einschließlich der verschiedenen Regionen des Gehirns bestimmt wird. Das ANS beeinflußt auch das Funktionieren des endokrinen Systems und des Immunsystems.

Das ANS macht also den physiologischen Mechanismus der Psyche (Emotion) – und der Abwehr gegen die Psyche und Emotion – im Körper aus. Reich behauptete, das ANS sei der Schlüssel zum Verständnis der uralten Frage nach der Natur der Verbindung von Geist und Körper.

Wenn der Geist vor schmerzhaften Gedanken und Gefühlen zurückschreckt, geschieht dies auch physiologisch und die Physiologie wird durch das ANS vermittelt. Was als sympathischer Zweig des ANS bekannt ist – der Zweig „Kampf oder Flucht“ – vermittelt das Phänomen Angst und Wut im Körper. Bei Angst wird die Blutversorgung von bestimmten physiologischen Strukturen weggelenkt. Wenn die Blutversorgung auf diese Weise begrenzt ist, bedeutet dies, daß die Fähigkeit zur Bekämpfung von Krankheiten in diesen Körperbereichen begrenzt ist, da die Blutversorgung die notwendigen Komponenten des endokrinen Systems und des Immunsystems zur Bekämpfung von Krankheiten bereitstellt.

Es gibt also eine Form der Homöostase zwischen Gesundheit und Abwehr, sowohl auf psychologischer als auch auf physiologischer Ebene. In einem gewissen Sinne ist das eine Neuformulierung von Freuds „Todestrieb“. Warum sollte ein Organismus „die Wahl treffen“ zu sterben? Die Antwort ist, daß ein Organismus lieber sterben will, als unter überwältigender Angst und Schmerz zu leiden. Und das ist die Gegenwahrheit von Leben oder Tod in biologischen Organismen. Wir alle führen einen lebenslangen Kampf zwischen Lust oder Angst, Leben oder Tod.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 6)

7. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLEL ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE VERLAUFEN (Fortsetzung)

Im allgemeinen konzentrieren sich die Felder Psychologie, Psychotherapie und Neurowissenschaften immer mehr auf den Körper, die Emotionen und nichtverbale Elemente in Kommunikation und Psychotherapie (siehe beispielsweise Anderson 2008, Aposhyan 2004, Aron und Anderson 1998, Fosha 2000; Fosha, Siegel, Solomon 2009, Fotopoulou, Pfaff, Conway 2012, Goleman 1995 und 2006, Gottman 1997, Knoblauch 2000, La Barre 2001, Modell 2003, Ogden 2006, Schore 2003a, 2003b, Spezzano 1993, Totten 2003, 2005, Wallin 2007). Manchmal wird Reichs Beitrag anerkannt, meistens jedoch nicht. Obwohl der zunehmende Fokus auf den Körper und die Beziehung zwischen dem Verbalem und dem Nonverbalen in psychoanalytischen Schriften ein neueres Phänomen ist, hat sich die Psychoanalyse immer auf die wichtige Rolle von Emotionen im menschlichen Leben und in der psychotherapeutischen Behandlung konzentriert. Freud betonte, daß Heilung allein durch intellektuelle Einsicht, ohne emotionale Entladung, nicht möglich sei.

Die Charakteranalyse entwickelte sich innerhalb der psychoanalytischen Tradition. Empirische Forscher (z.B. Blagys und Hilsenroth 2000) haben eine Reihe von Merkmalen identifiziert, die die psychodynamische (d.h. psychoanalytisch orientierte) Therapie zuverlässig von der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) unterscheiden. Eines dieser Unterscheidungsmerkmale ist der „Fokus auf den Affekt und den Ausdruck von Emotionen … im Gegensatz zu einem kognitiven Fokus, bei dem der Schwerpunkt auf Gedanken und Überzeugungen liegt“ (Shedler 2010, S. 99). Sechs weitere charakteristische Merkmale der psychodynamischen Therapie wurden identifiziert, von denen viele eindeutig einen Fokus auf den Charakter beschreiben, wie ihn die Orgonomie konzeptualisieren würde: „2. Erkundung von Versuchen, quälende Gedanken und Gefühle zu vermeiden … 3. Identifikation wiederkehrender Themen und Muster …. 4. Diskussion vergangener Erfahrungen (Entwicklungsfokus) …. 5. Fokus auf die zwischenmenschlichen Beziehungen …. 6. Fokus auf die therapeutische Beziehung“ (ibid).

Obwohl in den letzten 20 bis 30 Jahren KVT die empirisch nachgewiesene Wirksamkeit für sich reklamiert hat, hat die neuere Forschung begonnen, die Schlußfolgerung zu stützen, daß die psychodynamisch orientierte Therapie für eine Vielzahl von psychiatrischer Erkrankungen mindestens genauso wirksam und wahrscheinlich effektiver ist, mit längerfristiger Wirkung als die KVT (siehe zum Beispiel Shedler 2010; Yeomans, et al 2012). Darüber hinaus haben psychotherapeutische Ansätze, die die Emotion explizit betonen, wie die sogenannte Emotionsfokussierte Therapie für Paare, in empirischen Studien gleichermaßen hohe Wirksamkeit gezeigt (siehe beispielsweise Johnson 2009).

Die Wissenschaft hat im Allgemeinen zunehmend erkannt, daß Körper, Gehirn und Geist aus demselben Stoff sind und daß das, was zwischen Menschen und innerhalb der einzelnen Psyche geschieht, unseren Körper auf jeder Ebene beeinflußt. Ein Artikel im Wall Street Journal (Wang 2012) beschreibt:

Wissenschaftler stellen zunehmend fest, daß Depressionen und andere psychische Störungen ebenso sehr Erkrankungen des Körpers wie des Geistes sein können. Menschen mit psychischem Langzeitstreß, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen neigen dazu, frühere und ernstere Formen von körperlichen Erkrankungen zu entwickeln, die normalerweise Menschen im Alter treffen, wie Schlaganfall, Demenz, Herzkrankheiten und Diabetes. Aktuelle Untersuchungen zeigen auf, was auf zellulärer Ebene geschehen könnte, um dies zu erklären. Wissenschaftler stellen fest, daß die gleichen Chromosomveränderungen, die mit zunehmendem Alter der Menschen auftreten, auch bei Menschen mit starkem Streß und Depressionen zu finden sind.

Forscher haben in Experimenten auch gezeigt, daß die Ernährung genetische Struktur, Funktion und Expression beeinflussen kann. Zum Beispiel wurde gezeigt, daß Rattenwelpen, die eine größere Menge an liebevoller Aufmerksamkeit der Mutter erhalten (gemessen an der Häufigkeit des Leckens, durch die Mutter), eine erhöhte Methylierung bestimmter DNA-Abschnitte aufweisen.

Ein weiterer interessanter Befund stammt aus der Forschung mit Affen. Es wurden zwei Affenstämme gezüchtet, von der ein Stamm neurotischer war, schlechte soziale Fähigkeiten hatte und ausnahmslos am Ende der Dominanzhierarchie endete. Der andere Stamm war eine Supermama, das Äquivalent eines Therapeuten-Affen, der überragende Fähigkeiten in der Erziehung zeigte und dessen Nachkommen außergewöhnlich gut angepaßt und dominant waren. In der zweiten Phase des Experiments wurden die neurotischen Affen ihren leiblichen Müttern entrissen und den Supermüttern zugeführt. Diese neurotischen Affen verwandelten sich, wurden gut angepaßt und tatsächlich außergewöhnlich dominant.

 

Literatur

  • Anderson F (Ed.) 2008: Bodies in Treatment: The Unspoken Dimension. New York and London: The Analytic Press
  • Aposhyan S 2004: Body-Mind Psychotherapy. New York and London: W.W. Norton and Company
  • Aron L, Anderson F (Eds.) 1998: Relational Perspectives on the Body. New York and London: Psychology Press
  • Blagys M, Hilsenroth M 2000: Distinctive activities of short-term psychodynamic-interpersonal psychotherapy: A review of comparative psychotherapy process literature. Clinical Psychology: Science and Practice 7:167-188
  • Fosha D 2000: The Transforming Power of Affect. Basic Books
  • Fosha D, Siegal D, Soloman M (Eds.) 2009: The Healing Power of Emotion: Affective Neuroscience, Development, and Clinical Practice. New York: W.W. Norton and Company
  • Fotopoulou A, Pfaff D, Conway M (Eds.) 2012: From the Couch to the Lab: Trends in Psychodynamic Neuroscience. Oxford: Oxford University Press
  • Goleman D 1995: Emotional Intelligence. New York: Bantam Books
  • Goleman D 2006: Social Intelligence: The New Science of Human Relationships. Bantam Books
  • Gottman J 1997: Raising An Emotionally Intelligent Child. New York: Simon and Schuster
  • Knoblauch M 2000: The Musical Edge of Therapeutic Dialogue. Hillsdale, NJ and London: The Analytic Press
  • La Barre F 2001: On Moving and Being Moved. Hillsdale, NJ: The Analytic Press
  • Modell A 2009: Metaphor – the bridge between feelings and knowledge. Psychoanalytic Inquiry 29:6-11
  • Ogden P, Minton K, Pain C 2006: Trauma and the Body. A Sensorimotor Approach to Psychotherapy. New York and London: W.W. Norton and Company
  • Schore A 2003a: Affect Dysregulation and Disorders of the Self. New York and London: W.W. Norton and Company.
  • Schore A 2003b: Affect Regulation and the Repair of the Self. New York and London: W.W. Norton and Company [Dieses und sein Begleitband enthalten zusammen 135 Seiten mit Hinweisen auf neurowissenschaftliche Literatur, die vorgeblich psychoanalytische Konzepte unterstützen sollen.]
  • Shedler J 2010: The efficacy of psychodynamic therapy. American Psychologist 65(2):98-109
  • Spezzano C 1993: Affect in Psychoanalysis: A Clinical Synthesis. Hillsdale, NJ: The Analytic Press
  • Totten N 2003: Body Psychotherapy: An Introduction. Philadelphia: Open University Press
  • Totten N (Ed.) 2005: New Dimensions in Body Psychotherapy. New York: Open University Press
  • Wallin D 2007: Attachment in Psychotherapy. New York and London: The Guilford Press
  • Wang S 2012: New view of depression: an ailment of the entire body. Wall Street Journal, Jan. 10
  • Yeomans F, Levy K, Meehan K 2012. Treatment approaches for borderline personality disorder. Psychiatric Times (April)

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 4)

3. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLEL ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE VERLAUFEN (Fortsetzung)

Ein anderes Beispiel eines aktuellen Forschers, der die Verbindung zwischen Körper und Geist hervorhebt, ist Antonio Damasio (1994, 1999, 2003, 2010), ein Neurologe und Neurowissenschaftler, der eine Theorie des Bewußtseins vorgeschlagen hat, die in der orgonomischen Theorie widerhalt, da sowohl Damasio als auch Konia auf das retikuläre Aktivierungssystem (RAS, eine Struktur im Hirnstamm) verweisen als der vielleicht relevanteste Ort für die Integration von Eingaben von oben (kortikale Strukturen des Gehirns) und von unten (Neuronen, die Informationen aus dem Körper liefern) bei der Formation von Bewußtsein. Konia verwies 1981 auf die „entscheidende Rolle, die das retikuläre Aktivierungssystem bei der Aufrechterhaltung des Bewußtseins spielt“, und schlug vor, daß das RAS „die physiologische Grundlage für das Bewußtsein“ bildet (S. 254f). Er stellte fest, daß „die Wege zum und vom Hypothalamus, die einen wesentlichen Bestandteil der autonomen Funktion des Gehirns darstellen, im und durch das Retikularsystem verlaufen“ (S. 257). Er sagte weiter, daß „es drei grundlegende Arten von Bewußtseinsstörungen gibt: 1. Disintegration von Teilwahrnehmungen, die in das retikuläre System gelangen. Dies tritt typischerweise bei der schizophrenen Psychose auf … 2. Reduktion des sensorischen Inputs in das retikuläre System aufgrund von Panzerung. Dies ist die Grundlage für den kontaktlosen Zustand, der häufig bei neurotischen Charakteren zu beobachten ist … mystische Bewußtseinsveränderungen beruhen zum Teil auch auf dieser Blockade. 3. Überschwemmungen des retikulären Systems aufgrund einer größeren Energiezufuhr zum Gehirn, die größer ist als die, die es tolerieren kann“ (ibid).

Solms und Turnbull (2002) beschreiben Damasios Vorschlag von 1999 folgendermaßen: „… der ‚Zustand‘ des Bewußtseins ist Produkt des aufsteigenden Aktivierungssystems des Hirnstamms, das das innere Milieu des Körpers überwacht … ebenso wie die Assoziationszonen des posterioren Kortex nicht nur externe Wahrnehmungsinformationen erfassen und analysieren, sondern auch speichern, so daß auch diese tieferen, nach innen gerichteten Netzwerke [des RAS] abbildhafte ‚Karten‘ unserer viszeralen Funktionen enthalten … [Der] bewußte Zustand wird von einem virtuellen Körper erzeugt … [der] ‚dich‘ repräsentiert, die grundlegendste Verkörperung deines Selbst. Darüber hinaus stellt es den aktuellen Zustand deines Selbst dar: ‚Das bin ich, ich bin dieser Körper, und im Augenblick fühle ich mich so‘ (S. 90). „… die kleine Person in deinem Kopf ist buchstäblich eine Projektion deines körperlichen Selbst“ (S. 93). „Bewußtsein hat alles Erdenkliche mit Verkörperung zu tun …“ (S. 94).

Ein anderes Thema in der Neurowissenschaft, das in den letzten Jahren sehr populär geworden ist, war die Entdeckung sogenannter „Spiegelneuronen“: „Mitte der 1990er Jahre fand der italienische Neurowissenschaftler Rizzolati … im prämotorischen Kortex von Makaken eine Klasse von Neuronen, die nicht nur bei selbst initiierten Bewegungen feuerten, sondern auch bei der Beobachtung entsprechender Bewegungen bei anderen Affen …“ (Wallin 2007, S. 76). Mit anderen Worten, dieselben Motoneuronen, die gefeuert haben, als der betroffene Affe seinen Körper bewegte, wurden auch ausgelöst, als der betroffene Affe einen anderen Affen beobachtete, der ähnliche Bewegungen machte. Dies hat die 100 Jahre alte Doktrin, daß motorische und sensorische Neuronen zwei völlig getrennte Kategorien von Neuronen in separaten Bereichen des Gehirns sind, umgeworfen. Darüber hinaus „sind es nur beabsichtigte Aktionen, die das Auslösen von Spiegelneuronen auslösen…“, d.h. Aktionen, die geplant und absichtlich ausgeführt werden. „Es ist offensichtlich nicht unsere Wahrnehmung von Handlungen per se, die eine mitschwingende Antwort auslöst, sondern vielmehr die Wahrnehmung von Handlung, die den Eindruck vermitteln, daß eine Absicht dahinter steckt …“. Dies hat zu der Theorie geführt, daß Spiegelneuronen die neuronale Basis für das Phänomen der Empathie und für bestimmte Aspekte der Wahrnehmung der Motive oder Absichten der Handlungen anderer darstellen können. Das Interessante ist, daß diese Wahrnehmungen eng mit der Beobachtung somatischer, nonverbaler Ausdrucksbewegungen in anderen verbunden sind: „… Es sind nicht nur die wahrgenommenen beabsichtigten Zustände anderer, sondern auch ihre Emotionen und körperlichen Empfindungen, die unsere Spiegelneuronen dazu bringen können zu feuern …. es wurde theoretisiert (Iacoboni 2005), daß die Insula (ein Bereich des Gehirns) unsere Eindrücke der Affekte [Emotionen] anderer aus dem Kortex, der wahrnimmt, zur Amygdala [einem Kern im Gehirn] übermittelt, die dann im Beobachter körperliche Gefühle auslöst“ (S. 77). Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Neurowissenschaften den Weg weist für ein anatomisches und physiologisches Verständnis der Prozesse der nonverbalen, unbewußten, unwillkürlichen Übertragung von Emotionen von einer Person, oder einem Lebewesen, auf eine andere (für eine ausführliche Diskussion über die Entdeckung der Spiegelneuronen und ihre Implikationen siehe Iacoboni 2008).

 

Literatur

  • Damasio A 1994: Descartes’ Error. New York: G.P. Putnam’s Sons
  • Damasio A 1999: The Feeling of What Happens: Body and Emotion in the Making of Consciousness. San Diego: Harcourt, Inc.
  • Damasio A 2003: Looking For Spinoza: Joy, Sorrow, and the Feeling Brain. Orlando: Harcourt, Inc.
  • Damasio A 2010: Self Comes To Mind: Constructing the Conscious Brain. New York: Random House, Inc.
  • Iacoboni M 2008: Mirroring People. New York: Farrar, Straus, and Giroux
  • Konia C 1981. For The Record: The Interdependence Between Consciousness and Self-Perception. Journal of Orgonomy 15(2)
  • Solms M, Turnbull O 2002: The Brain and the Inner World: An Introduction to the Neuroscience of Subjective Experience. New York: Other Press
  • Wallin D 2007: Attachment in Psychotherapy. New York and London: The Guilford Press

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

ZUKUNFTSKINDER: 7. Das Drogenproblem, e. Die Orgonometrie des Kiffens

28. April 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

7. Das Drogenproblem, e. Die Orgonometrie des Kiffens

Die Natur des Orgons

23. Februar 2017

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Die Natur des Orgons

Reich und Hegel

23. Januar 2017

Ausgangspunkt von Hegels Philosophie ist die Frage, wie Bewegung überhaupt möglich ist. Zenons Paradoxon ist allgemein bekannt: ein Pfeil kann sich vom „philosophischen“ Standpunkt her nicht bewegen, denn in jedem Moment, an dem wir den Pfeil mit unserem „philosophischen Auge“ betrachten, steht er still. Es ist wie bei den Einzelbildern einer Filmrolle. Hegel zufolge ist Bewegung nur möglich, weil zwei sich gegenseitig ausschließende Tatsachen (der Pfeil ist entweder hier oder dort) koexistieren können (der Pfeil bewegt sich). Diese Einheit von „hier“ und „dort“ ist die synthetische Funktion des Geistes, und so ist alles um uns herum eigentlich nichts als Geist oder vielmehr die Entfremdung des „reinen Geistes“, d.h. der Logik und ihrer Bewegungsgesetze jenseits von Raum und Zeit. Dieser „Geist“ ist autonom, d.h. weder mein Verstand („hier“) noch dein Verstand („dort“), sondern der allgemeine Geist. Der „reine Geist“ wird zum „absoluten Geist“, wenn er sich in Kunst und Musik, Religion und Philosophie manifestiert, wo sich der Geist seiner selbst bewußt wird. Der „absolute Geist“ ist die höhere Synthese des „subjektiven Geistes“ des Individuums und des „objektiven Geistes“ der Ethik (Familie, Gesellschaft, Staat). Dieser „objektive Geist“ manifestiert sich in der Geschichte der Welt, und die Geschichte der Welt ist nichts anderes als die Geschichte von Staaten, Reichen und Dynastien. Das endgültige Ziel dieser Entwicklung ist, wie angedeutet, der „absolute Geist“. Daher muß das egoistische Individuum, das die Entwicklung des „objektiven Geistes“ behindert, unterjocht, d.h. vollkommen der Ethik unterworfen werden. Der Staat ist alles, denn der Staat ist die Manifestation Gottes, oder vielmehr führt der Staat zur endgültigen Manifestation Gottes als „absoluter Geist“. Dergestalt waren „Staaten mit einem philosophischen Ziel“, also kommunistische (und faschistische) Staaten die höchsten Manifestationen des Hegelschen Denkens. Marx war die Fortsetzung von Hegel: die vollständige Unterwerfung des egoistischen Individuums unter die Idee „Menschheit“ (heute „Globalismus“). Max Stirner war das Gegenteil von Hegel: die „subjektive“, „unethische“ Selbstregulierung.

Reich hat sich von Anfang an auf die Seite von Stirner gestellt. Warum er dann als „Marxist“ galt und sich auch selbst mehr oder weniger bis zum Schluß als solcher betrachtete? Weil er Anhänger der Dialektik war, d.h. glaubte, daß es bestimmte „Bewegungsgesetze“ gibt. Der Unterschied ist nicht nur, daß die „Reichsche Dialektik“ nach zur Zukunft hin offen ist. Er wurde aus der KPD geworfen, weil er behauptet hatte, daß die Kommunisten, auf der Seite doch „die Geschichte“ stand, verloren hatten. Er glaubte nicht an die Rationalität des bisherigen „eisernen“ Geschichtsablaufs. Aber vor allem: Reich vertrat nicht die „Vergesellschaftung des Menschen“, die „Ethik“, d.h. das Verinnerlichen der Vorgaben jener, die dich in der Hand haben. Stalin war die Verkörperung des Über-Ichs schlechthin, der Stalinismus die denkbar brutalste Vorführung, wie das Über-Ich installiert wird: werde wie ich oder stirb.

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.13.

27. Mai 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

Auf dem Weg zur Antiorgonomie (Teil 2)

19. Mai 2016

Da die Orgonomie nicht anerkannt ist und deshalb ein ziemlich abgeschlossenes, „sektiererisches“ Dasein fristet, besteht die Gefahr, daß sie als soziales „Biotop“ mißbraucht wird. Man wird Teil einer verschworenen Gemeinschaft, deren „Geheimwissen“ für den gewissen Kick sorgt und dem Leben einen Sinn gibt. Doch genauso wie sich Sexualität und Arbeit wechselseitig ausschließen, harmoniert diese Art von Nestwärme nicht mit der orgonomischen Wissenschaft. Sie im gleichen Lebensbereich zu suchen, bedeutet einen Kult zu begründen.

Auch wird die Orgonomie in einen weltanschaulichen Kult verwandelt, wenn man passiv die Weisheiten der (vermeintlichen) orgonomischen Autoritäten wie heilige Worte unreflektiert aufnimmt, ohne selbständig zu denken. Es geht um die funktionelle Hierarchie des arbeitsdemokratischen Prozesses, nicht um Heilssicherheiten, die von oben nach unten weitergegeben werden.

Für Reich war A.S. Neill das perfekte Beispiel eines „Anhängers“, wie er ihn sich wünschte:

Neill besitzt in einem sehr hohen Grade die seltene, aber auch so wichtige Qualität der vollständigen Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Unterordnung, was die gemeinsame Sache betrifft. Das unterscheidet ihn von dem Rebellen, der sich zwar nicht für eine gemeinsame Sache unterordnen will, der aber gleichzeitig nie seine tiefe Abhängigkeit in den Griff bekommt. Dergestalt gingen viele Meinungsunterschiede in Erziehungs- und sozialen Fragen einher mit einem tiefempfundenen Verantwortungsbewußtsein für die gemeinsame Hauptaufgabe. (Reich: „Orgonomy 1935-1950 – A Brief Review (I)“, Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, July 1950, S. 146)

Von seiten Kleiner Männer und Frauen wird gegen die „offizielle“ Orgonomie, insbesondere das American College of Orgonomy, häufig der Vorwurf erhoben, sie wäre viel zu orthodox, in sich abgeschlossen und nicht offen genug, während die „Reichianische Szene“ ganz anders wäre, nämlich offener und lebendiger. So wird die Alternative zwischen einem „offenen Reichianismus“ gegen einen „fundamentalistischen“ orgonomischen Kult konstruiert. Aus derartigen Aussagen spricht die Sehnsucht nach der Nestwärme einer „orgonomischen Bewegung“, die einen mit offenen Armen aufnimmt und deren mitgerissenes Teil man sein kann. Der Orgonomie wird etwas vorgeworfen, was man heimlich von ihr ersehnt, aber nicht bekommt: kultische Führung. Die „orthodoxe“ Orgonomie ist so unpopulär, weil sie sich immer dagegen gesperrt hat, nach Reichs Tod eine „mitreißende“ Bewegung ins Leben zu rufen, z.B. indem sie die Therapie streng auf Mediziner beschränkte. Man denke in diesem Zusammenhang an die (bis vor etwa 15 Jahren) explosionsartige Ausbreitung „Reichianischer Therapeuten“ und neuerdings an das wilde Wuchern von „Chembustern“.

Dadurch, daß sie öffentlich zum Ausdruck brachten, sie wollten keine Gurus sein, warfen die Führer der Orgonomie die Menschen auf sich selbst zurück. Die Orgonomen verhielten sich dabei nicht anders als in der individuellen Therapie, in der es nicht die Aufgabe des Therapeuten ist, dem Patienten „Gesundheit zu geben“, sondern ihm ein realistisches Bild seiner selbst zu vermitteln (z.B. daß der Patient nicht atmet und partout nichts tut, um sein soziales Leben zu verbessern), woraus der Patient selber Konsequenzen ziehen muß. Der Kleine Mann empfindet diesen Appell an den Willen zur Selbstregulierung als die kalte Arroganz des gehaßten „Establishments“, das den Kleinen Mann aus der heimeligen Wärme der Masse herausreißen will. Irrwitzigerweise sprechen dann diese Kleinen Männer von „Arbeitsdemokratie“, die das besagte „Establishment“ angeblich mißachtet.

Charakteranalyse ist ideologiefrei wie eine Blinddarmoperation oder sie ist das Gegenteil von Charakteranalyse. Es gibt wohl kaum etwas Widerwärtigeres als „Orgontherapeuten“, die jede einzelne Äußerung des Patienten verbal und vor allem nonverbal moralisch bewerten, also dem Patienten vorgeben, was er von sich selbst zu halten hat. Dies untergräbt jede Selbstregulation und ist gemeingefährliche Manipulation – es ist nichts anders als Seelenmord. Man braucht nur wenige Elemente der Orgonomie ändern, etwa „orgonomische“ Moral ins Spiel bringen, und schon wird die Orgonomie zum hassenswertesten System, das es jemals auf der Erde gab. Aufgabe des Therapeuten ist es nicht, sich in das Seelenleben des Patienten einzumischen („subjektive Meinungen“), sondern ihm einfach nur zu helfen, das Primäre und Gesunde vom Sekundären und Neurotischen zu scheiden („objektive Naturprozesse“). Kontakt!

Hier kommt das ins Spiel, was Reich als „die sogenannte ‘Weltanschauungsfrage’“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 163) bezeichnet hat. Es geht um die grundsätzliche „weltanschauliche“ Unterscheidung zwischen lebenspositiv und lebensnegativ. Diese Unterscheidung ist in allen Lebensbereichen zu treffen, vor allem aber in der Wissenschaft. Reich hat dazu gesagt:

Ich halte es für richtig, an jeder geeigneten Stelle zu betonen, daß es nicht darauf ankommt, ob eine Wissenschaft von der menschlichen Natur einer Weltanschauung entspringt und durch sie gefärbt ist; daß dies nicht anders sein kann, ist jedem Wissenschaftler klar; wohl aber ist entscheidend, mit welcher Weltanschauung sich eine wissenschaftliche Tätigkeit verbündet; mit der, die das Wissen, die ganze Persönlichkeit des Forschers und oft auch seine Existenz und sein Leben in den Dienst der Erforschung des Seins stellt, oder mit der, die alles tut, buchstäblich alles, von der harmlosen falschen Theoriebildung über den Boykott des Gegners und wissenschaftlichen Raub an ihm bis zu reaktionären Taten und Manifesten, um zwar den Nimbus der Wissenschaft für sich zu sichern, aber im übrigen jedes Stückchen mühsam errungenen Wissens zu verschleiern, abzubiegen, seine Konsequenz zu vermeiden. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 199)

Man kann ganze Bibliotheken durchforschen, auf zwei Dinge wird man nie stoßen: die Orgasmustheorie und die Über-Ich-Problematik. Das sind Bereiche, die aus weltanschaulichen Rücksichtnahmen aus der Wissenschaft ausgegliedert wurden. Die gleichen Leute sprechen aber sofort von weltanschaulichem Mißbrauch der Wissenschaft, wenn die Orgonomie den Unterschied zwischen Primär und Sekundär verdeutlichen will. Dabei geht es einfach nur darum, seinen inneren (primären!) Gefühlen frei zu folgen, statt einer künstlichen Weltanschauung. Es geht darum, unverstellt durch unfundierte Meinungen direkten Kontakt mit der Realität aufzunehmen, anstatt in weltanschaulichen Illusionen gefangen zu bleiben. Es geht um den Unterschied zwischen Kontakt und Kontaktlosigkeit. Jede korrekte Beobachtung muß „stets zu funktionellen, energetischen Formulierungen führen, wenn man nicht vorher abbiegt“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 48).

Es gibt gewisse Wahrheiten, die durch unsere Sinne und Bewegungen a priori gegeben sind. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 299)

Die Orgonomie ist der unmittelbare, also wissenschaftliche Ausdruck der Wirklichkeit. Reich hat alle metaphysische Auslegung weit von sich gewiesen, ist nicht der Auslegungsakrobatik der Tiefenpsychologie gefolgt, sondern ist dem greifbaren Körper und seinem Verhalten nachgegangen; hat das alltägliche Leben der objektiven Arbeitsdemokratie untersucht und nicht politische Ideologien vertreten; ist nicht teleologischen Zielvorgaben und irgendwelchen außer ihm liegenden Zwecken gefolgt, sondern hat den Weg zum Ziel erklärt. Dies entspricht dem „Silent Observer“, dem nüchternen, nicht weltanschaulich befangenen Beobachter.

Während Ideologien und Religionen Weltbilder erschaffen, entdeckt die Wissenschaft: Reich hat die Arbeitsdemokratie nicht als neue subjektive Weltanschauung geschaffen, sondern als objektive Tatsache entdeckt; er hat nicht ein neues Menschenbild geschaffen, sondern die Genitalität und damit den Genitalen Charakter entdeckt. Es gibt unendlich viele jener erschaffenen Ideologien und Religionen, unendlich viele Weltanschauungen, aber nur eine einzige Wissenschaft. Man kann, so Reich, Tausende von Meinungen über ein und dieselbe Sache haben, aber es gibt nur eine einzige korrekte Erklärung für sie („The Evasiveness of Homo Normalis“, Orgonomic Functionalism, Vol. 3, Summer 1991, S. 84).

Wenn „Reichianer“ den Orgonomen einen „totalitären orgonomischen Fundamentalismus“ vorwerfen, weil diese auf den wissenschaftlichen Fundamenten beharren, steckt hinter dieser Kritik Blauer Faschismus. Diese „Reichianer“ wollen auf der Orgonomie ihre diversen weltanschaulichen Süppchen kochen. Und wenn sie einwenden, sie würden eine offene, nichttotalitäre, tolerante Weltanschauung vertreten, dann sind sie doch nur Agenten der allgegenwärtigen Reaktion und Teil der vorgeblich „pluralistischen“ Unterdrückung der einen wissenschaftlichen Wahrheit. Konsequent umgehen sie das durch den Namen „Wilhelm Reich“ gekennzeichnete Wesentliche: die Orgasmustheorie und die Über-Ich-Problematik. Man denke z.B. daran, daß aus Gründen politischer Korrektheit die Homosexualität irrigerweise nicht mehr als Krankheit betrachtet wird – werden darf. Man darf Sekundäres und Primäres nicht mehr unterscheiden. Die Orgonomie soll sich dem „gesellschaftlichen Konsens“, den interessanterweise stets angeblich „Progressive“ im Munde führen, anpassen.

Reich erachtete alles (einschließlich Gott, Geist, Selbst, Religion, Liebe, etc.) als naturwissenschaftlich erforschbar. Zum Beispiel löst die Orgonomie philosophische und psychologische Probleme, die das Bewußtsein beinhalten, durch außerphilosophische und außerpsychologische Mittel. Die Frage nach dem Unbewußten wird über die physiologische Panzerung beantwortet; die Frage nach der Realität der Außenwelt durch Auflösung der Augenpanzerung. In diesem Beharren darauf, daß grundsätzlich alles der naturwissenschaftlichen Forschung zugänglich ist, war Reich weit radikaler als praktisch alle anderen Naturwissenschaftler, die immer noch Platz außerhalb der Wissenschaft für Weltanschauung und „Glaubensfragen“ lassen.

Man nehme den Biophysiker Alfred Gierer, für den

viele verschiedene philosophische, kulturelle und religiöse Ideen mit wissenschaftlichen Tatsachen und logischem Denken vereinbar (sind). Wissenschaft ergibt keine verbindliche Weltdeutung, sie ist selbst deutungsbedürftig. (Die gedachte Natur, München 1991, S. 13)

Sogar für die irrationale Mystik ist Platz:

Wissenschaft widerlegt nicht Religion als solche. Wissenschaft ist mit dem Glauben vereinbar, daß es keinen Gott, einen Gott oder mehrere Götter gibt. Der Mensch kann, er muß aber nicht die Welt als Gottes Schöpfung und den Menschen als sein Ebenbild verstehen. Religion steht in Zusammenhang mit Lebensbereichen, die die Wissenschaften nicht ausfüllen und die dennoch für das Individuum und die Gesellschaft wichtig sind; sie stellt sich Fragen nach dem Sinn und Ziel menschlichen Daseins und nach dem „guten“ Leben. (ebd., S. 250)

Reich hat stets gegen derartige „wissenschaftliche“ Freibriefe für den mystischen Irrationalismus gekämpft. Bereits in den 1920er Jahren hat er sich dagegen verwahrt, die Psychoanalyse als „bürgerliche Kulturphilosophie“, also als Ideologie aufzufassen. Erinnert sei an seine schroffe Ablehnung der Laienanalyse, mit der Freud (nach Reichs etwas schiefer Einschätzung) die Psychoanalyse von einer medizinischen Disziplin in eine Weltanschauung überführen wollte. Dagegen setzte Reich seine „Wissenschaft der sozialen Sexualökonomie“ (Massenpsychologie des Faschismus, S. 47). Im Kapitel über „Die Sexualökonomie im Kampf gegen die Mystik“, sowie in „Einige Fragen der sexualpolitischen Praxis“, sieht man, daß es ihm beim Kampf gegen die Mystik (und damit gegen die faschistische Bewegung) stets darum ging, die Naturwissenschaft gegen die Mystik durchzusetzen: dem Feind (!) keine Ruheräume zu gönnen. Er frägt:

Wurden im Kampf zwischen Naturwissenschaft und Mystizismus alle Möglichkeiten von der ersten ausgeschöpft? (ebd., S. 161)

Die Orgonomie ist die Wissenschaft, die sich mit der Orgonenergie und ihren Funktionen, d.h. mit grundsätzlich allem befaßt. Sie ruht auf drei Säulen: die Funktion des Orgasmus, die Entdeckung des Orgons und die orgonometrische Denkmethode. Gemeinsam ist diesen drei Grundelementen der Orgonomie, daß ihnen Zielvorgaben inhärent sind: das Orgon als positive Gegebenheit und sein ungestörter Metabolismus, d.h. sexuelle, medizinische, soziale und ökologische Hygiene. Die Wirklichkeit, d.h. letztlich die orgonotische Pulsation, stellt also objektive Forderungen, die nichts mit subjektiven, willkürlichen Weltanschauungen zu tun haben. Man kann nicht darüber diskutieren, ob es Hygiene geben soll oder nicht; ob ein Kind gesund oder krank aufwachsen soll! Selbstregulation ist selbstverständlich, es ist der Sache immanent, während die Weltanschauungen, die der Wissenschaft angeklebt werden, immer eine Sache von Fremdbestimmung sind: das „Sollen“ wird von außen durch „Offenbarungen“ oktroyiert.

Wie Reich es während seiner Marxistischen Periode in seiner Kritik der „bürgerlichen“ Wissenschaft formuliert hat, sind Sein und Sollen nicht voneinander zu separieren. Daß aus dem Sein ein Sollen folgt, ist natürlich nicht dahin mißzuverstehen, daß man aus einer Tatsachen-Feststellung einfach Forderungen ableiten (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 140) oder sich bei einer Forderung auf die Vergangenheit berufen kann. Dies wäre, Reich zufolge, ein logischer Irrtum (ebd., S. 139). Vielmehr muß man die Entwicklung betrachten, die rückschrittlichen und progressiven Elemente identifizieren und entsprechend unterdrücken bzw. unterstützen (ebd., S. 149). Es läuft also wieder auf die kontaktvolle Unterscheidung zwischen dem Sekundären, Gepanzertem und dem Primären, Gesunden hinaus.

Reich wollte gegenüber dem Zeitgeschehen die überzeitlichen Naturgesetze, etwa die Funktion des Orgasmus, zur Geltung bringen. Dieser Wille zur „politischen“ Wirksamkeit steht in der Tradition der „kosmischen Politik“ Giordano Brunos oder der „großen Politik“ Nietzsches (Studienausgabe, Bd. 13, S. 637f), d.h. es geht um die Rückführung der Geschichte auf die Natur. Bei Bruno war es der Protest gegen den sich ausformenden Absolutismus, der nicht dem neuen dezentralen Bild des Kosmos entsprach, dazu gehörte für Bruno auch die Beseitigung des Glaubens an einen persönlichen Gott.

In der Orgonomie sind Theorie und Praxis unlösbar miteinander verknüpft (immer wieder: Kontakt!), d.h. es gibt in ihr keine reine Theoretisiererei, keine Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, sondern Reichs sozial- und naturwissenschaftliche Theorien sind stets unmittelbar „auf der Straße“ und im Laboratorium, nicht am Schreibtisch entstanden. Reichs so unwissenschaftlich wirkendes revolutionäres Pathos stammt daher, daß man ihm zufolge keinen Gegensatz von Wissenschaft und dem (organisierten) Anstreben gesellschaftlicher Veränderungen, d.h. dem Separieren des Sekundären vom Primären, konstruieren kann. Doch die Trennung von Sein und Sollen ist die Ideologie der modernen Naturwissenschaft: aus dem faktischen Sein sei kein ideelles Sollen ableitbar; es sei nur ethisch dekretierbar. Daß diese „wissenschaftliche“ Haltung ideologische Verkleisterung ist, zeigt sich am antiwissenschaftlichen „Wissenschaftsbetrieb“, in dem Fakten dekretiert werden. Neuerdings wird darüber abgestimmt; der „Pluralismus“ der bloßen Meinungen triumphiert.

In der Orgonomie brechen „alle Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Kunst, Objektivem und Subjektivem, Quantität und Qualität, Physik und Psychologie, Astronomie und Religion, Gott und Äther“ (Das Oranur-Experiment, S. 221).

Reich sagt, daß die Orgonomie sowohl ein Zweig der Naturwissenschaft, als auch ein künstlerisches Verfahren ist (ebd.). Zum Beispiel prädestiniert Kunstempfinden zur orgonomischen Beobachtung der Natur bei der CORE-Arbeit. Dies heißt jedoch nicht, daß es eine „orgonomische“ Kunst geben müsse. Im Gegenteil! Kunst ist etwas Autonomes, das durch jede „weltanschauliche“ Inanspruchnahme zerstört wird. Es kann keine „orgonomischen Gedichte“, keine „orgonomischen Bilder“, keine „orgonomische Musik“ geben, denn gute Kunst erkennt man daran, daß jeder etwas anderes in sie hineinlesen kann: und da die Orgonomie keine Weltanschauung ist, ist alle Kunst als sicht- oder hörbarer Ausdruck der kosmischen Orgonenergie – orgonomisch.

Am Ende hat Reich sogar auf religiöse Bilder zurückgegriffen. Bereits Anfang der 1920er Jahre findet sich bei ihm das nonverbale Denken in Bildern, was seine Kollegen amüsierte und sie später schließen ließ, er sei wirklich meschugge, wenn er „Blasen- und Pseudopodienmodelle“ wortwörtlich nähme und in diesen Bildern dächte: psychotisches Primärprozeßdenken. In Wirklichkeit war es ein ganzheitliches, „ganzkörperliches“ Denken, das allen wirklich schöpferischen und originellen Menschen eigen ist, welches aber Homo normalis nicht von der Schizophrenie unterscheiden kann. Es ist ein Denken, das wie jede große Kunst und jede echte Religion um die Grundfunktionen der Natur kreist.

Die Orgonomie darf nicht in falsche Hände geraten, da sie, wegen ihrer Nähe zu „Kunst und Religion“, ansonsten tatsächlich zu einem mythologischen Wahnsystem mutieren kann. Man vergegenwärtige sich die Mythologisierungs-Tendenzen bei Reich: „Äther, Gott und Teufel“, „Christus und Modju“, etc. Stoff für ein vollständiges religiöses Wahnsystem, dem Abermillionen „Pestilenter“ geopfert werden könnten. Es geht um die klare Differenzierung zwischen „Weltanschauung“ im Sinne eines willkürlichen Wahnsystems und „Weltanschauung“ im Sinne der objektiven Unterscheidung zwischen lebenspositiv und lebensnegativ, primär und sekundär, OR und DOR. Es geht um die Differenz zwischen Orgonomie und Blauem Faschismus. Nochmals: Es ist eine Gratwanderung, die der Menschheit den finalen Todesstoß versetzen könnte, sollte die Orgonomie in die falschen Hände geraten.

Die Linke und der Mystizismus

8. Februar 2016

Reich definierte Mystik als Glaube, daß der „Geist“, bzw. die „Seele“, unabhängig vom Körper existieren könne. Er führte diese „Weltanschauung“ auf die Panzerung des Organismus zurück. Der Panzer trennt den Menschen von der organismischen Orgonenergie, die dergestalt in ein „Jenseits“ versetzt (Mystizismus) oder ganz negiert wird (Mechanismus). Genauer betrachtet, stellt der Panzer eine unüberbrückbare Barriere dar zwischen der „körperlichen Welt“ (bioenergetische Erregung) und der „geistigen Welt“ (Wahrnehmung), die dergestalt, so das Empfinden des Mystikers, ein Eigenleben führt.

Normalerweise kommt dieses Weltgefühl in Religionen und Philosophien zum Ausdruck, die sich in einer ausgeklügelten Märchenwelt aus Engeln und Dämonen erschöpfen, die praktisch nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat; eine Parallelwelt, wie etwa im Volkskatholizismus, wo bioenergetische Erregungen auf verzerrte und „irreale“ Weise wahrgenommen werden, dabei jedoch die alltägliche Welt verhältnismäßig adäquat und realitätsgerecht gemeistert wird. In extremen Fällen kann es zu einer Art „Umkehr“ oder „Perspektivwechsel“ kommen: die „geistige Welt“ wird zur eigentlich realen Welt und die materielle Welt irreal. Es ist das kindische Weltempfinden, das von Hollywood mit seinen Superhelden a la „X-Men“ oder „Bruce allmächtig“ verbreitet wird. Offensichtlich hängt dies mit einer stärkeren Augenpanzerung zusammen, wie sie für die diversen religiösen Bewegungen des „New Age“ und für „östliche Weisheitsschulen“ typisch ist. „Gott“ (die verzerrte Wahrnehmung der kosmischen Orgonenergie) tritt zunehmend in den Hintergrund und der eigene „Geist“ (die von der Erregung abgespaltene Wahrnehmung) in den Vordergrund. Verzerrter Kontakt macht vollständiger Kontaktlosigkeit platz.

Nunmehr ist es die materielle Welt, die sich „dem Geist“ zu unterwerfen hat, der sich aus seiner „Gefangenschaft in der von ihm doch erschaffenen Materie“ wieder befreien soll. Das ist natürlich eine Travestie der von Reich in Die kosmische Überlagerung beschriebenen bioenergetischen Realität, daß die Materie durch Überlagerung aus der kosmischen Orgonenergie hervorgegangen ist und in Lebewesen diese Energie in einer materiellen Membran „gefangen“ ist. Entsprechend wirken diese extrem mystischen Doktrinen nicht nur teilweise geradezu rational (sie appellieren an unsere tiefsten bioenergetischen Empfindungen), sondern sie sind in einem gewissen Maße auch wirksam, d.h. mit ihrer Hilfe läßt sich teilweise die Orgonenergie tatsächlich „geistig“ beeinflussen. Auf diese Weise „fixen“ die diversen Kulte ihre Anhänger an, auch wenn sich später diese anfänglichen positiven Resultate nicht weiter vertiefen lassen und die Adepten selbst zunehmend „verflachen“. (Es ist wie beim Heroin, wo am Anfang der Rausch steht und am Ende Abhängigkeit, obwohl die „Highs“ immer flacher werden.) Man denke an Scientology, Geistheilung, Transzendentale Meditation, Neo-Satanismus und ähnlichen Unsinn, der anfangs manchmal recht überzeugend wirkt, aber nirgends hinführt.

Obwohl Linke wegen ihres mangelnden Kernkontakts gemeinhin einer eher „materialistischen“ Weltanschauung anhängen, ähnelt ihre Herangehensweise an gesellschaftliche Probleme auf verblüffende Weise dem Grundkonzept der extremen Mystiker: die Welt hat sich den „Postulaten“ der „Intellektuellen“ – den Postulaten des „Geistes“ zu unterwerfen (sozusagen: „Es werde Licht!“). Diese Leute glauben allen ernstes man könne die Wirtschaft mit einem „Plan“ regulieren. Das ist so, weil sie genauso wie die extremen Mystiker unter einer sehr starken Augenpanzerung leiden. (Beispielsweise wollen diese Spinner die Einwanderung von Fachkräften fördern, verlangen aber gleichzeitig die höhere Besteuerung „der Reichen“.)

Während die gemäßigte Linke, die traditionellen Sozialdemokraten, von einer „gerechten Gesellschaft“ träumen (Reich sprach von „sozialistischer Sehnsucht“), versucht die extreme Linke diesen Traum tatsächlich umzusetzen („demokratischer Sozialismus“, Kommunismus). Bei Licht betrachtet ist dieser Traum natürlich vollständiger Unsinn: je sozial durchlässiger eine Gesellschaft wird, desto schneller setzen sich die Fähigen gegen die Unfähigen durch – will man diese „Ungerechtigkeit“ korrigieren, ist das extrem ungerecht gegenüber den Fähigen. Am Anfang hat die extreme Linke beim Durchsetzen des dergestalt vollständig absurden sozialistischen Projekts teilweise tatsächlich Erfolge, weil „endlich mal etwas getan wird“, sie die Massen begeistern und mitreißen können (nicht zuletzt Reich selbst hat das Ende der 20er Jahre beeindruckt), – doch sehr schnell wird es zu einem Alptraum, eben weil „Gerechtigkeit“ ein natur- und wirklichkeitswidriges Unterfangen ist und nur mit extremer Brutalität künstlich durchgesetzt werden kann. (Ein echter Linker kriegt spätestens jetzt entweder einen Ohnmachtsanfall oder er entwickelt einen mörderischen Haß auf mich!)

Auch in dieser Hinsicht ähneln sich die extreme Mystik und die extreme Linke: am Ende sind sowohl mystische Kulte als auch kommunistische Staaten kaum mehr als Konzentrationslager voller halbtoter Zombies. Man denke etwa an Falun Gong und den Maoismus in China.

Hitler und Mao waren mit ihrem absurden Voluntarismus, der Haltung, daß der „Wille“ bzw. das „richtige Bewußtsein“ alle materiellen Widerstände hinwegfegen würden, zwei Hauptbeispiele einer mystischen Geisteshaltung, die mit bloßen Postulaten die „materielle Welt“ beeinflussen, ja beherrschen will. Der gemäßigten Rechten und gemäßigten Linken ist derartiger Triumphalismus fremd. Sie sitzen passiv da und träumen von einer „besseren Welt“ im Jenseits bzw. in der Zukunft. Gott oder „der Gang der Dinge“ werde sie bringen.

Der verborgene Mystizismus der Linken ist letztendlich darauf zurückzuführen, daß das mechanistische Weltbild seine Lücken und Ungereimtheiten nur mit mystischen Konzepten flicken kann. Beispielsweise dürfte es nach materialistischer Geschichtsauffassung gar kein „proletarisches Klassenbewußtsein“ geben. Lenin hat das offen eingestanden: das Klassenbewußtsein müsse von außen in das Proletariat hineingetragen werden – durch Hegelianer!

Dieser Planet ist ein Irrenhaus.