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Orgonomie und Metaphysik (Teil 29)

2. Februar 2022

Es liegt ein untergründiger Parallelismus vor zwischen Charles Kelley und Richard Blasband, beides Randerscheinungen auf Orgonon der 1950er Jahre. Und beide endeten mit dem Diktum: „Es gibt mehr als Sex.“

Dazu ist zunächst zu sagen, daß dies natürlich auch Reich in Christusmord gesagt hat („mehr als bloßes Ficken“), andererseits hat Reich natürlich über die Mystifizierung der genitalen Christus-Energie geschrieben, wie es sich in der christlichen Kunst zeigt. Ich erinnere auch an den hinduistischen Hare Krishna-Kitsch, wo Krishna (Christus) mit den Milchmädchen spielt, „Gopis“, die die Seelen verkörpern. Hier wird die religiöse Ekstase direkt im Bild der genitalen Umarmung gefaßt. Die Religiösen sagen, dies zeige, daß sie doch gar nicht so sexualfeindlich seien, während Reich sagt, daß alle Irrationalität transformierte Sexualität ist und alles Rationale befriedigter Sexualität entspricht – also absolut asexuell ist.

Es ist aber unbestritten, daß, wie allein schon der Begriff „Orgon“ zeigt, in der Orgonomie (ursprünglich „Sexualökonomie“!) alles auf den Sexus gründet und etwa die Orgontherapie richtigerweise „Orgasmustherapie“ heißen müßte. Kelley und Blasband wollten von dieser Ausschließlichkeit weg. Kelley indem er von „Feeling and Purpose“ sprach. Also in der Therapie sollte es nicht nur um Emotionen bzw. deren Befreiung gehen, sondern vor allem auch um Zielstrebigkeit. Das entspricht ungefähr dem, warum heutzutage junge Männer zur Fremdenlegion gehen: um ihre emotionalen Grenzen auszuloten und um Disziplin bzw. Selbstdisziplin zu lernen. Bei Blasband ging es entsprechend um die „zielgerichtete Intention“ mit der man die diversen „Energiekörper“ (die Schichten der Aura) beeinflussen kann.

Es ist in etwa so wie beim Qi Gong: die Funktion der Vorstellungskraft („der Geist“) ist der Weg zur Manipulation der Orgonenergie bzw. des „Qi“. Die von Koopman und Blasband vorgebrachte „unsterbliche Essenz“ ist nichts weiter als Ballast, ein unnützes mystisches „zusätzliches“, imgrunde tautologisches Konzept mit zweifelhafter funktioneller Bedeutung. Es ist nur die biophysikalische Orgonfunktion der Imagination, mit der Blasband und andere die Orgonenergie manipulieren.

Blasband und auch Kelley verwechseln schlicht die Folge mit der Ursache. Die gute Koordination des Organismus vermittelt das Gefühl psychischer Einheit (Soma –> Psyche). Nun kommt Blasband und erklärt die Folge der organismischen Koordination, nämlich die psychische Einheitsempfindung zur Ursache (Psyche –> Soma). Eine auf den Kopf gestellte Welt, die bereits Reich auf die Füße gestellt hatte.

In der Geschichte der Orgonomie sehe ich nur einen einzigen Anknüpfungspunkt zu der Welt von Kelley und Blasband, nämlich ausgerechnet Marx! Zurecht insistiert dieser darauf, daß Arbeit, die Grundlage unserer Existenz, nicht bloßes organismisches Roboten ist, sondern dieses erst zur Arbeit wird, wenn es zielgerichtet, intentional, einem Plan folgend ist. Allenfalls könnte man noch Freuds Überwindung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip nennen.

Bereits Friedrich Albert Lange hat in seinem Buch über die Geschichte des Materialismus (übrigens Pflichtlektüre für jeden angehenden Orgonomen) über die berechtigte und notwendige Ergänzung des Materialismus geschrieben, denn der Materialismus allein könne die Realität nicht erklären. Dieser Neukantianer stimmte der materialistischen naturwissenschaftlichen Methode vollkommen zu, man dürfe darauf aber keine umfassende Weltanschauung bauen, da der Mensch nur immer Bruchstücke der Wirklichkeit erfassen könne. Insbesondere das Bewußtsein ließe sich nicht aus stofflichen Vorgängen erklären, obwohl es offensichtlich von diesen abhängig ist.

„Metaphysik“ erkannte Lange nur als Kinderspiel für Erwachsene, dichterischen Mythos und ideele Fiktion an, die nichtsdestoweniger eine zentrale Funktion hat. Das sieht man z.B. daran, daß im Glauben verankerte Menschen, wobei scheiß egal ist, woran sie glauben, weniger an Krebs erkranken als materialistische Atheisten. Und dem liegt auch die ganze Geistheilerei zugrunde: die funktionelle Bedeutung der Illusion. Man darf nur nicht vergessen, daß es Illusion ist.

Reich erinnert sich:

In der medizinischen Arbeit war ich Mechanist und gedanklich eher allzu systematisch. Von den vorklinischen Fächern interessierten mich am meisten die systematische und topographische Anatomie. Gehirn und Nervensystem beherrschte ich vollkommen. Die Kompliziertheit der Nervenbahnen und die sinnreiche Anordnung der Schaltstationen faszinierten mich. So sammelte ich viel mehr an Wissensstoff, als zum Rigorosum gefordert war. Aber gleichzeitig wurde ich von der Metaphysik gefesselt. Langes Geschichte des Materialismus gefiel mir, weil die Unabkömmlichkeit der idealistischen Philosophie über das Leben klar hervortrat. Manche Kollegen ärgerten sich über meine „Sprunghaftigkeit“ und „Denkinkonsequenz“. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 29)

Ganz ähnlich war Blasband. Charles Konia beschreibt ein Fallbeispiel, hinter dem sich niemand anderes verbirgt als Blasband. Ich paraphrasiere entsprechend: Im Gegensatz zum typischen impulsiven Charakter zeigte sich bei Blasband eine energische und charmante Führungspersönlichkeit der Orgonomie mit einer gewisse Arbeitsfähigkeit, solange er unter dem Leiter der Orgonomie, E.F. Baker, einer starken Autoritätsperson, arbeitete. Solange er unter Bakers Kontrolle stand, war er ein guter Soldat und führte seine Aufgaben einigermaßen gut durch, obwohl man das Gefühl hatte, daß er sie auf Befehl und nicht aus innerer Motivation heraus erledigte. Man hatte den Eindruck, daß er auf sich allein gestellt Schwierigkeiten gehabt hätte, bei seiner Arbeit Verantwortung zu übernehmen. Als Baker plötzlich starb, war Blasband gezwungen, die Verantwortung für den Arbeitsprozeß zu übernehmen. Zunächst machte er seine Sache recht gut, indem er sich an Bakers Vorbild orientierte. Nach und nach verschlechterte sich jedoch seine Arbeitsleistung (chronisches Erschöpfungssyndrom). Er verlor die Fokussierung und ließ sich zunächst heimlich, dann offen mit einem mystischen Heiler (Nikolai Levashov) ein. Seine Arbeitsfähigkeit verschlechterte sich weiter, und er brach seine Tätigkeit in der Orgonomie ab (The Emotional Plague, S. 304).

Blasband ein Triebhafter Charakter?! Ich finde, diese Diagnose macht schon Sinn, wenn man an sein Verhalten gegenüber Jerome Eden denkt, z.B. sein vollkommen unberechenbares und unverantwortliches Verhalten während der Rio Vista-Expedition; seine Beziehung zu dem pestilenten mystischen Psychopathen Trevor Constable; seine merkwürdige Besprechung eines Buches über Otto Fenichel, wo er den Modju Fenichel als Märtyrer einer guten, rationalen Sache hinstellte (vollkommen irrsinnig!); seine vollkommen blödsinnige Bemerkung mir gegenüber von wegen alle Deutschen sollten schuldbewußt sein; seine pornographische Bemerkung als Guiseppe Cammarellas Frau bei der orgonomischen Konferenz in Nizza mit einem Mikro nicht zurechtkam; sein Ernstnehmen der abstrusesten Theorien, die Levashov präsentierte; sein unverantworliches Verhalten in bezug auf „Körpertherapeuten“ sowie dem profilneurotischen lunatic fringe der Orgonomie, das im krassesten Widerspruch zu dem stand, was er davor vertreten hatte (als er noch ein braver ACO-Soldat war); seine infantilen Allmachts- und Allwissensphantasien; seine Beliebtheit bei allen: der Charmeur, den jeder mag. Ich erinnere auch daran, wie Reich auf Blasband reagierte, als sie sich das erste Mal begegneten: „Auf sanfte Weise erzählte er (Reich) mir von meiner Impulsivität und ging ein wenig auf mein Verhalten ein“ („A Visit to Orgonon“ Journal of Orgonomy 21(2), November 1987, S. 242).

Vor der Orgonomie war es die Welt des Okkulten (es ist kein Zufall, daß er danach noch jahrelang an Constable klebte), dann hat er sich der Führerfigur Baker unterworfen; es ist kein Zufall, daß er den beiden Naiven Eden und Baker gefolgt ist und dem faschistischen Malteser-Ritterorden beitrat und später Mitglied von Levashovs okkulten Orden wurde, der mit mehreren anderen Galaxien und anderen Universen (sic!) in Kontakt steht. Es ist eine Sekte, schlimmer als Scientology!

Übrigens ist der Triebhafte Charakter prinzipiell unheilbar und ähnelt darin (wie auch in anderen Dingen) dem pestilenten Charakter. In vieler Hinsicht ähnelt Blasband Reichs Mitarbeiter Michael Silvert. Reich sagte einmal zu Morton Herskowitz auf die Frage, wie er denn solche Typen, solche „Kommunisten“ wie Silvert, um sich dulden könne: „Auch die Orgonomie braucht ihre Kommunisten!“. Und Silvert hat denn auch dort, wo er unter direkter Kontrolle stand, sehr gute Arbeit geleistet – die die anderen Orgonomen nicht geleistet haben. Ähnliches trifft auf Blasband zu. Die Orgonomie, d.h. Baker brauchte ihn einfach, weil mit den anderen Orgonomen nicht viel los war, was den naturwissenschaftlichen Bereich betrifft. Aber dort wo Blasband selbständig arbeitete, kam es über kurz oder lang genau wie bei Silvert zur Katastrophe.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 16)

12. Dezember 2021

Reich hatte ein Muster in seinem Leben, die „Offensichtlichkeit“: „Libido“ führt folgerichtig zur Orgasmustheorie, obwohl jeder klug genug war, sie niemals anzurühren; Psychoanalyse führt logischerweise zur Erfassung des individuellen Charakters und zur Infragestellung des gesamten sozialen Systems („politische Psychologie“, Massenpsychologie). Auch das Orgon ist unvermeidlich, weil Atome keinen Sinn machen (Moleküle können durch ihr Zusammenspiel kein Bewußtsein „produzieren“) und „Geist“ erklärt gar nichts (Donner wird auf den „Donnergott“ zurückgeführt). Ein unverzichtbares Element von Wissenschaftlichkeit ist die evolutionistische Komponente. Man muß jeweils einen konkreten Entwicklungsverlauf angeben können: der Geist des Menschen muß sich wie alles andere in der Natur (Mineralien und Lebewesen) entwickelt haben. Das letztere kann der Materialismus zwar, aber die Materie ist ihm etwas Gegebenes. Daran ändert das mystische Ereignis „Urknall“ auch nichts.

Reich führt über den Unterschied zwischen toter Materie und dem Lebendigen aus:

Nach den Anschauungen, die sich aus den Bionversuchen ergeben, besteht der Unterschied gar nicht in irgend etwas, das im Lebendigen neu hinzukommt und es zum Lebendigen macht; der Unterschied ist eine besondere Kombination von Funktionen, die man isoliert für sich auch im Leblosen findet. (Die Bionexperimente, Frankfurt 1995, S. 161)

Und weiter: Um das Lebendige erfassen zu können, müsse man die „Ganzheitsfunktion“ auffinden,

die man zwar in Einzelfunktionen physikalischer und chemischer Art zerlegen kann, die man auch im Anorganischen vorfindet, die aber im Anorganischen nicht als einheitliches Ganzes funktionieren. Man übersah bisher, daß die einheitliche Ganzheitsfunktion in keinem Gegensatz zur Summe der Einzelfunktionen steht; das gab den Vitalisten die Grundlage ab, das Unerklärliche metaphysisch zu begründen wie etwa bei Driesch. (…) Notwendig ist die restlose Erfassung des Sprunges von der Summe der Einzelfunktionen zum einheitlichen Funktionieren aller dieser Einzelfunktionen. Es wäre somit ein Kolloidgemisch nicht dann als Leben zu definieren, wenn es die das Lebendige charakterisierenden physikalischen und chemischen Funktionen zeigt, sondern erst dann, wenn diese Funktionen zu einer Einheit des Organismus zusammengefaßt sind, wobei in der Ganzheitsfunktion sich sämtliche Elemente jeder Einzelfunktion finden müssen. (ebd., S. 162f)

Reich fährt fort: „Die Ganzheitsbetrachtung der organischen Systeme stand bisher als metaphysischer Idealismus dem der Teilfunktionsanalyse der gleichen Systeme als mechanischem Materialismus gegenüber; sie waren absolute Gegensätze, unvereinbar. Mit der dialektischen Auflösung dieses Widerspruchs von Ganzheit und Details löst sich das Problem des Lebens in befriedigender Weise durch Ausschaltung des metaphysischen Jenseitsprinzips für die Erklärung des Ganzen“ (ebd., S. 163).

Entsprechend findet man auch in nichtbewußten Vorgängen Elemente des Bewußtseins, doch die müssen erst zusammenfinden, um Bewußtsein im eigentlichen Sinne zu erzeugen: Lust und Angst sind die beiden Grundemotionen die allem Lebendigen gemeinsam sind, sie sind deshalb etwas Außerpsychisches! Lust und Angst hat z.B. auch eine Amöbe, ohne daß wir ihr eine „Psyche“ zuschreiben würden! Bei höheren Lebewesen, insbesondere aber beim Menschen sind die „Herausbewegung“ (Lust) und die „Hereinbewegung“ (Angst) funktionell identisch mit der bewußten Lustempfindung bzw. bewußten Angstempfindung. Wobei das sympathisches Nervensystem mit der Angst und das parasympathische Nervensystem mit der Lust verbunden sind. Bewußte Empfindungen („ich weiß, daß ich weiß“) sind vom Retikularen Aktivierungssystem im Stammhirn abhängig, das alle Nervenimpulse fokussiert und auf die Hirnrinde projiziert: „ich bin gut drauf“ (Lust), „mir ist beklommen zumute“ (Angst).

Im Plasma selbst finden sich die Funktionen Erregung und Wahrnehmung. Aus der letzteren leiten sich dann wie erläutert im Laufe der Phylo- und Ontogenese Emotion, Empfindung und Bewußtsein ab, die jeweils mit bestimmten Erregungsvorgängen verbunden sind: bei der Emotion ist es die radiale Pulsation der organismischen Orgonenergie, bei den Empfindungen ist es das energetische Orgonom und beim Bewußtsein das Zusammenfließen aller höheren Wahrnehmungsfunktionen im Gehirn.

David Holbrook, M.D.: AUF DER ANDEREN SEITE DES FLUSSES / SIND STAATSAUSGABEN „INVESTITIONEN“? / WIE MAN DEN MENSCHEN HILFT, UM DIE MAN SICH SORGT, AUCH WENN MAN KEIN THERAPEUT IST

30. November 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Auf der anderen Seite des Flusses

Sind Staatsausgaben „Investitionen“?

Wie man den Menschen hilft, um die man sich sorgt, auch wenn man kein Therapeut ist

„Implications of Orgone for Consciousness Research“ von Leon Southgate

27. September 2021

Das Problem mit Southgates Arbeit (hier und hier) fängt bereits mit seiner Definition von Bewußtsein als jede subjektive Erfahrung an. Emotionen, Empfindungen, Kognitionen, Wollen und Ideation, Seele und Geist – wird alles zusammengeworfen. Daraus zaubert er eine Art „orgonomischen“ Panpsychismus frei nach Rupert Sheldrake, bei dem Bewußtsein und Orgonenergie schlichtweg gleichgesetzt werden. Es ist ähnlich wie bei Maglione, der die Lebensformel auch auf die unbelebte Natur angewendet hat. Auf diese Weise wird Reichs gesamte Lebensleistung ad absurdum geführt, denn dann hätte Reich gleich beim Vitalismus eines Driesch und dem Panpsychismus, der die Psychoanalyse der 1920er Jahre umwaberte (Groddeck), bleiben können. Es ist auch bezeichnend, daß Maglione mit keinem Wort das wirkliche Geheimnis des Orgonenergie-Motors erwähnt, nämlich die Kreiselwelle, und Southgate mit keinem Wort das wirkliche Geheimnis des Bewußtseins (die Funktionen Wahrnehmung und Erinnerung), nämlich die koexistierende Wirkung.

Was mich an dieser Arbeit geradezu abgestoßen hat, ist die sie prägende schizoide Weltsicht. Ein einzelner Mensch, mag jede Menge „Subjektivität“ haben und wie ein Autist in einer „psychischen Welt“ leben („Panpsychismus“), aber das ist das Gegenteil von Bewußtsein im eigentlichen Sinne. Bewußtsein im eigentlichen Sinne ist vor allem eine soziale Funktion. Herdentiere brauchen angesichts der hochkomplexen Vorgänge innerhalb einer Herde ein Konzept von „Ich“ und „Du“ und eine innere Bühne („Bewußtsein“), in dem sie ihre „Schachzüge“ im Voraus planen. Allein schon die Frage der Sprache! Bewußtsein ohne Sprache? Schwierig. Sprache ohne andere Menschen? Sinnlos. Die Psyche ist vom Sozialen nicht zu trennen. Das hat Freud gewußt („Ödipuskomplex“) und der Soziologe Reich gewußt, während Southgate, eine Art Wiedergänger C.G. Jungs, alles wieder in den autistischen Urschlamm des Okkultismus hinab zieht. Man vermeint bei der Lektüre geradezu die Ouvertüre von Wagners „Rheingold“ zu vernehmen…

Aber lassen wir Southgates Beitrag Revue passieren: Nach einer umfassenden Darstellung des wissenschaftlichen Problems „Bewußtsein“ und einer her oberflächlichen Darstellung des Reichschen Beitrags zu diesem Bereich kommt Southgate zu seiner eigenen Theorie, dem „orgonotischen [gemeint ist natürlich „orgonomischen“] Panpsychismus“, dem zufolge das Bewußtsein schlichtweg eine nicht weiter reduzierbare Eigenschaft der Orgonenergie ist. Was Southgate nicht aufzugehen scheint, ist, daß in diesem Zusammenhang „Bewußtsein“ genauso nichtssagend ist, wie „Sein“. Will sagen: das ganze bringt uns ungefähr so weit, als würde man sagen, daß „das Sein“ eine Eigenschaft der Orgonenergie ist. Es erklärt rein gar nichts!

Wenn es sich darauf beschränken würde, aber für Southgate „unterstützen Bione und die Abiogenese den panpsychischen Ansatz, daß Materie lebendig und bewußt ist“. Ich kann mir kaum einen schlimmeren Mißbrauch der Reichschen Theorie vorstellen. Die Bionforschung war nicht zuletzt ein antifaschistisches Projekt, das gegen den Mystizismus (Panpsychismus) gerichtet war, d.h. sowohl gegen das Neuheidentum der Nazis und die damalige „Erbforschung“, als auch gegen den kirchlichen Mystizismus. Reich wollte das Leben und damit auch „Geist und Seele“ (dialektisch-) materialistisch erklären. Southgate hingegen meint, daß die Beweise insgesamt darauf hindeuten, „daß sich der Geist gar nicht im Körper befindet, sondern lediglich mit ihm verbunden ist“. Dagegen hielt Reich, daß die funktionelle Einheit des Seelischen und Körperlichen „Jenseitigkeit oder auch nur Autonomie des Seelischen völlig und endgültig ausschließt“ (Äther, Gott und Teufel, S. 95).

Southgate kritisiert, daß Reich nicht den Ort des Bewußtseins angeben kann. Für Southgate ist dieser „Ort“ das Orgon selbst: das Bewußtsein sei die grundlegende Realität und Geist und Orgon seien „auf der tiefsten Ebene“ identisch. Entsprechend könnten die Gesetze der Psyche auf das Orgon übertragen werden. Das heißt nichts anderes, als daß wir wieder bei Georg Groddeck angelangt sind!

Southgates ganze Argumentation krankt daran, daß er „Soma“ und „Psyche“ nicht definiert. Das Soma, das ist die Gesamtheit der Teile des Organismus („die Niere auf Zimmer 7“), während die Psyche aus dem ganzheitlichen Funktionieren des Organismus bzw. dessen Störungen hervorgeht („Charakteranalyse“). Daß die Lebensenergie strömt, erregt wird und wahrnimmt, ist davon unabhängig und bedeutet nicht, daß das Orgon so etwas wie eine „Psyche“ hat. Es ist alles eine Frage der Orgonometrie, d.h. der Klassifizierung und richtigen Einordnung:

 

Southgate hintertreibt genau das, indem er alles mit allem gleichsetzt:

Orgon wird von Reich als eine unbewußte, nicht lebende, aber schöpferische Energie dargestellt, während seine Schöpfungen – Lebenswesen – immer bis zu einem gewissen Grad Bewußtsein zu haben scheinen. (…) Es ist unlogisch zu sagen, daß eine Energie, die Leben erschafft, kein Bewußtsein hat, wenn überall Leben mit Bewußtsein gepaart ist und nirgendwo Leben mit Nicht-Bewußtsein gepaart ist. (…) Man kann sagen, daß die Amöbe nur wahrnimmt und kein echtes Selbstbewußtsein hat, aber solche Klassifizierungen sind in diesem Zusammenhang bedeutungslos – jede Wahrnehmung ist eine Form von Bewußtsein. Es ist bei der Amöbe dasselbe wie bei unserem Selbst – es ist nur eine Frage des Grades.

Er fährt fort – und man merkt richtig, wie alles zerfällt – die Psyche geradezu dekompensiert:

Orgon und Bewußtsein werden auf der tiefsten Ebene identisch, so wie Energie oder Materie in Sheldrakes Panpsychismus mit dem Bewußtsein identisch ist. Orgon gewinnt erst auf oberflächlicheren Ebenen an Differenzierung, die als Orgonenergie und schließlich als Materie erfahren wird, die eine Form von gefrorener Orgonenergie ist. Es gibt also ein monistisches Kontinuum in einem Dreiklang: von orgonotischem Bewußtsein zu Orgonenergie und schließlich zu Orgon-Materie. Dieses monistische Kontinuum hat drei verschiedene Aspekte: Orgon-Bewußtsein, Orgon-Energie und Orgon-Materie. Alle drei sind physisch und alle drei sind real, aber man könnte sagen, daß die Bewußtseinsebene die „realste“ oder die primäre Realität ist. Orgonenergie und -materie sind in dieser Sichtweise spezialisierte Formen eines physischen orgonotischen Bewußtseins. Energie und Materie existieren noch immer für sich, sind aber nicht vom Bewußtsein getrennt.

Alles gerät heillos durcheinander und wird auf den Kopf gestellt, Worte verlieren ihre Bedeutung. Aus der Orgonenergie wird ein bloßes Wort. Wie bei allen „Reichianern“, etwa in der „energetischen Medizin“, ist das, was sie als „Energie“ oder „Orgon“ bezeichnet, nichts anderes als Psyche:

Dieser Mystizismus, und um nichts andere handelt es sich hier, mündet schließlich in Ausführungen über, man glaubt es kaum, künstliche Intelligenz, die von Magliones Arbeit inspiriert sind.

Southgate führt aus:

Ursprünglich war es das Ziel des Autors zu untersuchen, ob das Orgon selbst ein Bewußtsein besitzt. Im Laufe einiger Jahre dämmerte die Erkenntnis, daß die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen, darin bestand, das Orgon selbst zum „Sprechen“ zu bringen – unabhängig von jeder anderen Entität. Alles andere wäre nur eine Demonstration des Bewußtseins eines Organismus, der bereits existiert. Eine solche Einrichtung, in der das Bewußtsein von Orgon demonstriert werden könnte, müßte also jegliche Organismen oder andere Eingaben ausschließen. Sie müßte völlig künstlich sein und sich nur auf das Orgon selbst stützen, um zu kommunizieren. Dann dämmerte dem Autor, daß dieses Ziel nicht ohne die Erforschung einer starken künstlichen Intelligenz verfolgt werden könnte.

Ich erinnere an Reichs oben zitierte Aussage in Äther, Gott und Teufel über die funktionelle Einheit von Psyche und Soma. Bei Southgate kommt das kurzschlüssige mystische Denken zum tragen, das untrennbar mit dem Mechanismus verbunden ist.

Er schließt an Magliones Konzept einer Art „Orgonenergie-Motor-Einrichtung“ an: einem Orgonenergie-Akkumulator, dessen orgonotisches Potential durch eine radioaktive Quelle derartig hochgepusht wird, daß „dadurch das Orgon von seinem ‚nebligen‘ Zustand in seinen aktiven ‚spitzen‘ Zustand übergehen würde. Wenn dies geschieht, findet ein spontaner Wechsel von orgonotischen zu teilweise elektrischen Energien statt. Organismen scheinen auf einer trilateralen Basis zu funktionieren – ein nicht-energetisches Bewußtseinsfeld, das sich in Orgonenergie umwandelt, die sich wiederum in elektromechanische Bewegung umwandelt. Es gibt Parallelen zum Orgonmotor, der auf der Übersetzung von Orgonenergie in elektrische und dann in mechanische Energie beruht.“ Das ist nichts anderes als „orgonomisch“ verbrämter Mechomystizismus! Die magische-okkulte Weltsicht die letztendlich hier zum Ausdruck kommt, offenbart sich im letzten Satz des Autors: „Dieser Autor glaubt nicht, daß Bewußtsein oder bewußte Wesen erschaffen werden können, sondern daß ihnen eine Gelegenheit geboten werden kann, sich aus einem nichtmateriellen Bereich zu manifestieren.“

Fußnote zu: Nachwort zu „Zweite Ergänzung zu ‚Besprechung von ORGONOMIC FUNCTIONALISM No. 8, Spring 2021 (Teil 3)‘“

16. August 2021

Ich erwähnte eine Eselsbrücke zur englischen Vokabel „elevator“: –> see you later alligator –> rock’n roll –> Elvis Presley –> Las Vegas –> merkwürdigerweise spielen in allen Filmen über Las Vegas Fahrstühle eine zentrale Rolle –> Fahrstuhl.

Jedes einzelne Wort der Eselsbrücke, bspw. „Elvis“, wird selbst wieder über eine entsprechende Eselsbrücke ins Bewußtsein gerufen. Das zeigt uns, daß Sprachen untrennbar von der Kultur sind, in der wir aufgewachsen sind und leben. Eine zweite entscheidende Rolle wird der Aufbau und das Funktionieren (sozusagen „Assoziieren“) unseres Organismus spielen. Alles hier ausgeführte in der Tradition: Kant (Organismus), Marx (Gesellschaft), Freud (die Vergesellschaftung der Psyche), Reich (die Vergesellschaftung des Körpers)!

Plansprachen sind von daher eine Todgeburt wie alles Künstliche. Die einzige Möglichkeit, den Beschränkungen unserer gepanzerten Sprache zu entkommen, ist die Orgonometrie. Sie steht in der gleichen Traditionsreihe, wenn wir noch Hegel, Engels und Lenin einfügen.

Blogeinträge Januar/Februar 2016

5. Juni 2021

Blogeinträge Januar/Februar 2016

  • Zwangsmigration ist eine Massenvernichtungswaffe
  • Das Herausnehmen der Psyche aus der Psychiatrie
  • Das sexuelle Elend der arabischen Welt
  • Und was Donald Trump betrifft
  • Die Jungen und die Ahnungslosen
  • Die natürliche Funktion eines politischen Führers

David Holbrook, M.D.: DIE GEIST-KÖRPER-BEZIEHUNG UND DIE „GEGENWAHRHEIT“

25. November 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Die Geist-Körper-Beziehung und die „Gegenwahrheit“

 

David Holbrook, M.D.: WAHRHEIT UND GEGENWAHRHEIT IN DER KLINISCHEN SITUATION (Teil 1)

23. November 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Wahrheit und Gegenwahrheit in der klinischen Situation

 

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie

2. November 2020

Diese Arbeit von Klaus Heimann spiegelt die Orgonomie in Deutschland bzw. das orgonomische Wissen in Deutschland Mitte/Ende der 1970er Jahre wider. In diese Zeit reichen die Bemühungen zurück, die Orgonomie in Deutschland, nach der restlosen Zerstörung erster Anfänge auf deutschem Boden, die 1933 erfolgte, erneut zu etablieren. Das damalige orgonomische Wissen ist der Ausgangspunkt des NACHRICHTENBRIEFes und sollte deshalb von jedem, der neu zu unseren Netzseiten stößt, als Einführung gelesen werden, damit wir alle eine gemeinsame Grundlage haben. Klaus Heimanns Arbeit hat den Zauber des Anfangs an sich und möge in einer neuen Generation das Feuer von neuem entzünden:

ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DER ORGONOMIE von Klaus Heimann

David Holbrook, M.D.: POLITIK GEHT AUS DEM BEREICH DER PSYCHOLOGIE HERVOR, NICHT AUS DEM BEREICH DER VERNUNFT

28. Oktober 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Politik geht aus dem Bereich der Psychologie hervor, nicht aus dem Bereich der Vernunft