Posts Tagged ‘Seele’

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 16. Paulus der Christusmörder / Das christliche Schreckensszenario

25. Dezember 2022

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DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 16. Paulus der Christusmörder / Das christliche Schreckensszenario

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 13. Der Christusmord nach Johannes / Christus bringt die Erlösung

26. September 2022

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 13. Der Christusmord nach Johannes / Christus bringt die Erlösung

Engel und Dämonen: 1949 gegen 1951

16. September 2022

Der Schweizer Orgontherapeut Dr. Alberto Foglia über zwei Fälle von „Besessenheit“ hier.

1949 erschien Äther, Gott und Teufel. Wer „Gott“ und „Teufel“ ist, wird in dem im gleichen Jahr erschienenen ausführlichen Fallbericht über eine schizophrene Spaltung in der dritten Ausgabe von Charakteranalyse erläutert. Die Stimmen, die der paranoide Schizophrene hört, sind Ausdruck von durch die Panzerung entstellter Impulse, spezifisch geht es um die Trennung von Wahrnehmung und Erregung durch Ausgenpanzerung, so daß die Wahrnehmung zunehmend eine Eigenexistenz führt, die es gilt durch Entpanzerung von neuem zu integrieren.

1951 erschienen zwei Bücher, die zumindest andeutungsweise diesen Ansatz in Frage stellen. Zunächst geht es darum, daß die Natur selbst, ohne Zutun des Menschen, entarten kann. Es geht natürlich um „DOR“, dessen Ursprung und Funktionsweise in Das ORANUR-Experiment (Teil 1) und den daran anschließenden Aufsätzen, insbesondere „Die emotionale Wüste“ (1955), erläutert wird. Im Schlußkapitel von Die kosmische Überlagerung (1951) wird das „Ich“ als inhärent so schwach gezeichnet, daß es sich abpanzern muß. Gewisserweise finden wir uns im Freudschen Paradigma wieder, was den „Todestrieb“ und das grundsätzliche „Unbehagen“ in der Welt betrifft.

In seinem letzten Buch Das ORANUR-Experiment (Teil 2) (Contact with Space) spekuliert Reich über den Einfluß „kosmischer Orgoningenieure“, die nach unseren Maßstäben vollkommen verrückt sind und vielleicht vor Jahrtausenden die Wüsten auf dem Planeten hervorriefen, die wiederum die Panzerung erzeugten. Reich verweist in diesem Zusammenhang auf die stacheligen, „monsterartigen“ Pflanzen und Kreaturen in der Wüste.

Wohin dieser, wenn man so sagen kann, „untergründige Gedankengang“ letztendlich führt, wird durch ein Kapitel in Jerome Edens Die kosmische Revolution deutlich, in dem es tatsächlich um Emanuel Swedenborgs „Dämonen“ geht.

Reich schrieb 1949 in Charakteranalyse:

Es ist für Schizophrene durchaus üblich, Stimmen von den Wänden zu hören oder Dinge dort zu sehen. Diesem typischen Erleben muß eine bestimmte elementare Funktion zugrunde liegen. Die Projektion einer bestimmten Funktion nach außen ist offenbar die Ursache für das Gefühl, gespalten zu sein. Zugleich ist die chronische Spaltung der Persönlichkeit bzw. die fehlende EINHEIT im Organismus der Boden, der die akute Spaltung hervorbringt. (S. 569)

[D]er Schizophrene hat [seinen orgonotischen Sinn] an einen anderen Ort versetzt und in die verschiedenen Wahngebilde transformiert: „Kräfte“, „Teufel“, „Stimmen“, „Elektroströme“. „Würmer im Gehirn oder Eingeweiden“ usw. (S. 591)

Mir ist gerade aufgefallen, daß jeder einzelne Horrorfilm auf einer bestimmten Wendung basiert: die Spaltung ist real, „die Dämonen an der Wand“ sind real usw., haben ihren eigenen Willen und ihre eigene Agenda. Der Schizophrene sieht eine Realität, für die andere blind sind.

Wenn sich Reich 1949 auf Swedenborg „berief“, fragt man sich, ob die angedeutete innere Logik seiner Arbeit ab 1951 dem folgenden Text eine andere Wendung gegeben hätte:

All das erinnert an Erfahrungen der Art, die uns von großen Spiritualisten und Mystikern, wie etwa Swedenborg, mitgeteilt worden sind. Es brächte uns nicht weiter, wenn wir sie aus dummer Überheblichkeit mit einem verächtlichen Lächeln abtäten. Wir müssen vielmehr an dem unausweichlichen logischen Schluß festhalten, daß jeder Erfahrung eines lebenden Organismus eine wie auch immer geartete Realität zugrunde liegt. Wenn man die mystische Erfahrung auf wissenschaftlicher Grundlage erforscht, so heißt dies ja nicht, daß man an die Existenz übernatürlicher Kräfte glaubt. Unser Ziel ist einzig, zu begreifen, was in einem lebenden Organismus vor sich geht, wenn er vom „Jenseits“, von „Geistern“ oder von einer „Seele außerhalb des Körpers“ spricht. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, den Aberglauben überwinden zu wollen, ohne zu wissen, was er eigentlich ist und wie er funktioniert. Schließlich sind es doch Mystizismus und Aberglauben, die das Denken der großen Mehrheit der Menschen beherrschen und ihr Leben zerstören. Damit, daß man darüber als „Schwindel“ hinweggeht, wie es der ignorante und deshalb arrogante Mechanist zu tun pflegt, wird man gar nichts erreichen. Wir müssen ernsthaft versuchen, das mystische Erleben zu verstehen, ohne dabei selbst Mystiker zu werden. (S. 568f)

Wie ich auf diesen ganzen „offensichtlichen Unsinn“ komme? Ich verweise auf Jerry Marzinsky, einen klinischen Psychologen, der in seiner Berufskarriere es vor allem mit gewalttätigen Paranoid-Schizophrenen zu tun hatte. Dabei ist ihm aufgefallen, daß die „Stimmen“, die seine Patienten hörten, eine eigene Logik hatten und daß er seinen Patienten helfen konnte, indem er ihnen beibrachte, daß diese Stimmen nicht sie selbst seien, d.h. nichts „Verdrängtes“ an die Oberfläche dringt, sondern daß es sich um immaterielle „energetische Parasiten“ handelt, die sich, ähnlich Vampiren, am Unglück ihrer Opfer laben und mittlerweile unsere gesamte Gesellschaft bestimmen. Man gehe auf ein „alternatives“ Rockkonzert! Außerdem scheinen diese Stimmen über ein umfassendes Wissen zu verfügen, beispielsweise führen sie ihre Opfer zu Drogenverstecken, was den Stimmen den Status objektiv vorhandener Gegebenheiten verleiht. Crystal Meth-Benutzer sehen über kurz oder lang die „Schattenmenschen“, d.h. dreidimensionale humanoide Figuren, die aussehen wie schwarze Schatten ohne irgendwelche Details, die man ausmachen könnte, außer ihren roten oder lindgrünen Augen. Das besondere daran ist, daß zwei Crystal Meth-Benutzer die gleichen Schattenmenschen sehen, so als seien diese objektiv vorhanden.

Und was die erwähnten „Außerirdischen“ betrifft, über die Reich und Eden geschrieben haben, zitiert Marzinsky Carlos Castaneda:

Wir sind Gefangene eines Raubtiers, das aus den Tiefen des Kosmos kam und die Herrschaft über unser Leben übernommen hat. Die Menschen sind seine Gefangenen. Das Raubtier ist unser Herr und Meister. Es hat uns gefügig und hilflos gemacht. Wenn wir protestieren wollen, unterdrückt es unseren Protest. Wenn wir unabhängig handeln wollen, verlangt er, daß wir es nicht tun… Ich habe die ganze Zeit um den heißen Brei herumgeredet und impliziert, daß uns etwas gefangenhält. In der Tat werden wir gefangengehalten!

Um uns gehorsam, sanftmütig und schwach zu halten, haben sich die Raubtiere auf ein großartiges Manöver eingelassen, großartig natürlich aus der Sicht eines Kampfstrategen. Ein entsetzliches Manöver aus der Sicht derer, die es erleiden. Sie haben uns ihren Verstand gegeben! Hörst du mich? Die Raubtiere geben uns ihren Verstand, der zu unserem Verstand wird. Der Verstand des Raubtiers ist barock, widersprüchlich, verdrießlich, erfüllt von der Angst, jeden Moment entdeckt zu werden.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 54)

27. April 2022

Reichs Mitarbeiter Mitte der 1930er Jahre, Karl Teschitz (d.i. Karl Motesiczky), führt aus:

Im gewöhnlichen Leben werden in unserer Gesellschaft bestimmte Vorstellungen aus dem Bewußtsein verdrängt, die dazugehörige Energie in krampfhaften Körper- und Charakterhaltungen gebunden. Im Zustand religiöser Erregung, „Erbauung“ brechen diese Kräfte plötzlich in unser Bewußtsein ein: Aber nicht so, daß sogleich eine dauernde organische Verschmelzung stattfände. Der Einbruch geschieht vielmehr bloß an einer Stelle, wie durch ein Loch, das sich nachher wieder schließt. (Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland. Kopenhagen: Sexpol-Verlag, 1935, S. 75)

Woher aber, so fragt Teschitz, bezieht dieser Durchbruch seine ungeheure Energie? Es handele sich um zurückgehaltene sexuelle Energie,

die in der Ekstase allerdings in verhüllter Form durchbricht, dafür spricht die ungeheure Ähnlichkeit der Ektase mit dem Höhepunkt des sexuellen Erlebens, dem Orgasmus. Hier wie dort gehen willkürliche Vorbereitungen, Muskelbewegungen in einem bestimmten Augenblick in unwillkürliche über, hier wie dort wird der entscheidende Höhepunkt plötzlich ansteigend und kurz dauernd in passiver Hingegebenheit erlebt. Hier wie dort ist er mit allgemeiner Erregung und mit bestimmten Körpersensationen verbunden (Gefühl des Strömens, Stocken des Atems), jede Ablenkung durch äußere Vorgänge wird als störend und schmerzhaft empfunden, hier wie dort stellt auch die Phantasie im Augenblick höchster Erregung ihre Tätigkeit ein, Phantasien während des Akts sind Zeichen einer Störung. Kurz vorher hat man das Gefühl des Eindringens und Durchdrungenwerdens, während das Gefühl der eigenen Persönlichkeit sich auflöst. (ebd., S. 78f)

Dazu zitiert Teschitz die heilige Theresa, die die mystische Vereinigung mit Gott mit vier Arten vergleicht, einen Garten zu bewässern:

Zuerst kann man mit Mühe und Anstrengung Wasser aus einem Brunnen schöpfen. Dann kann man eine Standpumpe mit Ausguß gebrauchen, die man mit einem Schwengel in Gang setzt und diese Methode habe ich selbst oft gebraucht: Sie ist minder anstrengend und man bekommt mehr Wasser. Weiter kann man Wasser aus einem Bach oder einem Teich hereinleiten; die Bewässerung ist dann besser, die Erde wird bis in größere Tiefe feucht, man muß nicht so oft gießen und der Gärtner hat nicht annähernd so schwere Arbeit mehr. Die vierte Art ist ein reichlicher Regen, und das ist die ohne Vergleich beste Art, denn dann ist es der Herr selbst, der wässert, ohne irgendwelche Arbeit von unserer Seite.

Das „Pumpen“ geschehe durch Konzentration auf Jesus Christus und sein Leben. Das rinnende Wasser entspräche einem „Schlaf der Seelenkräfte, ein Zustand, da sie nicht völlig verschwunden sind, aber dennoch nicht wissen, wie sie wirken (…) Man könnte es vergleichen mit jemand, der schon mit dem geweihten Wachslicht in der Hand jeden Augenblick den Tod erwartet, ihn erwartet mit brennender Sehnsucht. In diesen letzten Atemzügen ist die Seele überflutet von unsäglicher Freude.“ Man „stirbt der Welt“ und die Seele wisse nicht, ob sie reden oder weinen solle. „Es ist für die Seele ein unendlich seliges Genießen“, wobei „der Körper deutlich an ihrem Glück und Ihrer Seligkeit teilnimmt“. Aber man sei noch immer nicht ganz mit Gott vereint und wir kommen zur Stufe 4, wo man nur genießt, ohne zu wissen, was man genießt.

Alle Sinne sind so aufgesogen in diesem Genuß, daß keiner von ihnen frei ist, sich mit etwas anderem abzugeben, sei es nun das Äußere oder das Innere… Der Körper ist ohnmächtig und die Seele ist unfähig, das Glück vorauszusehen, das sie genießt… Zu Beginn kam dieses Wasser vom Himmel fast immer nach einem innerlichen Gebet… Während die Seele auf diese Weise ihren Gott sucht, fühlt sie mit starkem und süßem Empfinden, daß sie das Meiste nicht weiß. Der Atem steht stille, die Körperkräfte versinken, so daß man nicht einmal die Hände ausstrecken kann, ohne daß es weh tut. Nach meiner Meinung dauert es niemals lang, daß auf diese Weise alle Seelenkräfte zugleich stillstehen… Ich sage es noch einmal: Dies, daß die Kräfte ganz untätig sind, daß auch die Phantasie nicht arbeitet – denn meiner Meinung nach ist auch die Phantasie unwirksam – das dauert niemals lange. …Wir kommen nun zu den innersten Empfindungen der Seele in diesem Zustand… Ich für meinen Teil halte es für unmöglich, etwas davon zu wissen oder gar von ihnen zu sprechen. Da ich mich nun zum Schreiben setzte, fragte ich mich, was die Seele da macht; es war nach dem Altargang und ich kam eben aus dem Orationszustand, von dem ich spreche. Da sagte mir Unser Herr diese Worte: Du wirst aufgezehrt, meine Tochter, von einem Drang, tiefer in mich einzudringen. Es ist nicht mehr länger sie, die lebt, ich bin es, der in ihr lebt. (z.n. ebd. S. 76f)

Teschitz kommentiert:

Im Akt selbst ist der Mensch ein Stück Natur geworden, die Empfindungen dabei sind darum nahezu unaussprechlich und es hat eingehender klinischer Beobachtung bedurft, um die Orgasmusphänomenologie auch nur so weit auszuarbeiten, wie wir heute damit gekommen sind. Doch die sexuelle Energie kann im sexualverneinenden religiösen Menschen nicht als solche durchbrechen, sie kann auch nicht in der einzig wirklich natürlichen Form als Erregung und Entspannung am Genitale abgeführt werden. An Stelle dessen tritt die phantasierte Vereinigung mit einem Bild des Vaters (oder der Mutter). (…) Mit der phantasierten Vereinigung in der religiösen Ekstase müssen allerdings auch gewisse körperliche Vorgänge Hand in Hand gehen, die mit der körperlichen Erschütterung und Entlastung im sexuellen Orgasmus eine Ähnlichkeit haben: Denn in beiden Fällen berichten die Betreffenden von Körpersensationen, aber auch von dem Gefühl von Befreiung, Erleichterung, unaussprechlichen Glücks nachher. Doch wissen wir über die körperliche Grundlage der religiösen Ekstase noch weniger als über die des Orgasmus, nämlich gar nichts. Doch die Minderwertigkeit der „ekstatischen“ Befriedigung gegenüber der orgastischen beweist die Angst, mit der diese Befriedigung selbst bei der heiligen Theresa verbunden ist und die beim orgastisch potenten gesunden Menschen natürlich fehlt. Diese Angst spielt bei andern Mystikern und Propheten aber auch bei den gewöhnlichen Gläubigen eine entscheidende, oft das ganze Leben beherrschende und wir können ruhig sagen vergiftende Rolle. Der religiöse „Orgasmus“ ist darum teuer bezahlt. Er schwindet aber zusammen mit aller religiösen Bindung sogleich, wenn wir bei einem religiösen Menschen in der Analyse die Fähigkeit zum wirklichen Orgasmus herstellen. (ebd., S. 79)

Bei der Religion und heute in Zeiten des Antiautoritarismus der „Spiritualität“ geht es stets um zweierlei: um genitale Orgasmusangst und um einen vermeintlich ebenbürtigen, wenn nicht sogar höherwertigen Ersatz-Orgasmus. Man denke nur an Rumis Ausspruch: „Der Wunsch, Deine Seele zu kennen, wird alle Deine anderen Wünsche beenden.“

Was speziell das moderne „spirituelle“ Gesülze betrifft, das den altertümlichen Mystizismus weitgehend abgelöst hat, – dazu möchte ich nochmals Teschitz zitieren: „Das Gefühl der Ferne, Unerreichbarkeit, des Geheimnisvollen entspricht der unmittelbaren Wahrnehmung, daß die vegetative Sehnsucht des sexuell gestörten Menschen nie wirklich befriedigt werden kann“ (ebd., S. 87).

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (1,1-5,42) (Teil 2)

26. April 2022

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DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 4. Der Christusmord nach Matthäus / Matthäusevangelium (1,1-5,42) (Teil 2)

Orgonomie und Metaphysik (Teil 51)

7. April 2022

Reich definierte Mystik als Glaube, daß der „Geist“, bzw. die „Seele“, unabhängig vom Körper existieren könne. Er führte diese „Weltanschauung“ auf die Panzerung des Organismus zurück. Der Panzer trennt den Menschen von der organismischen Orgonenergie, die dergestalt in ein „Jenseits“ versetzt (Mystizismus) oder ganz negiert wird (Mechanismus). Genauer betrachtet, stellt der Panzer eine unüberbrückbare Barriere dar zwischen der „körperlichen Welt“ (bioenergetische Erregung) und der „geistigen Welt“ (Wahrnehmung), die dergestalt, so das Empfinden des Mystikers, ein Eigenleben führt.

Normalerweise kommt dieses Weltgefühl in Religionen und Philosophien zum Ausdruck, die sich in einer ausgeklügelten Märchenwelt aus Engeln und Dämonen erschöpfen, die praktisch nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat; eine Parallelwelt, wie etwa im Volkskatholizismus, wo bioenergetische Erregungen auf verzerrte und „irreale“ Weise wahrgenommen werden, dabei jedoch die alltägliche Welt verhältnismäßig adäquat und realitätsgerecht gemeistert wird. In extremen Fällen kann es zu einer Art „Umkehr“ oder „Perspektivwechsel“ kommen: die „geistige Welt“ wird zur eigentlich realen Welt und die materielle Welt irreal. Es ist das kindische Weltempfinden, das von Hollywood mit seinen Superhelden a la „X-Men“ oder „Bruce allmächtig“ verbreitet wird. Offensichtlich hängt dies mit einer stärkeren Augenpanzerung zusammen, wie sie für die diversen religiösen Bewegungen des „New Age“ und für „östliche Weisheitsschulen“ typisch ist. „Gott“ (die verzerrte Wahrnehmung der kosmischen Orgonenergie) tritt zunehmend in den Hintergrund und der eigene „Geist“ (die von der Erregung abgespaltene Wahrnehmung) in den Vordergrund. Verzerrter Kontakt macht vollständiger Kontaktlosigkeit platz.

Nunmehr ist es die materielle Welt, die sich „dem Geist“ zu unterwerfen hat, der sich aus seiner „Gefangenschaft in der von ihm doch erschaffenen Materie“ wieder befreien soll. Das ist natürlich eine Travestie der von Reich in Die kosmische Überlagerung beschriebenen bioenergetischen Realität, daß die Materie durch Überlagerung aus der kosmischen Orgonenergie hervorgegangen ist und in Lebewesen diese Energie in einer materiellen Membran „gefangen“ ist. Entsprechend wirken diese extrem mystischen Doktrinen nicht nur teilweise geradezu rational (sie appellieren an unsere tiefsten bioenergetischen Empfindungen), sondern sie sind in einem gewissen Maße auch wirksam, d.h. mit ihrer Hilfe läßt sich teilweise die Orgonenergie tatsächlich „geistig“ beeinflussen. Auf diese Weise „fixen“ die diversen Kulte ihre Anhänger an, auch wenn sich später diese anfänglichen positiven Resultate nicht weiter vertiefen lassen und die Adepten selbst zunehmend „verflachen“. (Es ist wie beim Heroin, wo am Anfang der Rausch steht und am Ende Abhängigkeit, obwohl die „Highs“ immer flacher werden.) Man denke an Scientology, Geistheilung, Transzendentale Meditation, Neo-Satanismus und ähnlichen Unsinn, der anfangs manchmal recht überzeugend wirkt, aber nirgends hinführt.

Obwohl Linke wegen ihres mangelnden Kernkontakts gemeinhin einer eher „materialistischen“ Weltanschauung anhängen, ähnelt ihre Herangehensweise an gesellschaftliche Probleme auf verblüffende Weise dem Grundkonzept der extremen Mystiker: die Welt hat sich den „Postulaten“ der „Intellektuellen“ – den Postulaten des „Geistes“ zu unterwerfen (sozusagen: „Es werde Licht!“). Diese Leute glauben allen ernstes man könne die Wirtschaft mit einem „Plan“ regulieren. Das ist so, weil sie genauso wie die extremen Mystiker unter einer sehr starken Augenpanzerung leiden. (Beispielsweise wollen diese Spinner die Einwanderung von Fachkräften fördern, verlangen aber gleichzeitig die höhere Besteuerung „der Reichen“.)

Während die gemäßigte Linke, die traditionellen Sozialdemokraten, von einer „gerechten Gesellschaft“ träumen (Reich sprach von „sozialistischer Sehnsucht“), versucht die extreme Linke diesen Traum tatsächlich umzusetzen („demokratischer Sozialismus“, Kommunismus). Bei Licht betrachtet ist dieser Traum natürlich vollständiger Unsinn: je sozial durchlässiger eine Gesellschaft wird, desto schneller setzen sich die Fähigen gegen die Unfähigen durch – will man diese „Ungerechtigkeit“ korrigieren, ist das extrem ungerecht gegenüber den Fähigen. Am Anfang hat die extreme Linke beim Durchsetzen des dergestalt vollständig absurden sozialistischen Projekts teilweise tatsächlich Erfolge, weil „endlich mal etwas getan wird“, sie die Massen begeistern und mitreißen können (nicht zuletzt Reich selbst hat das Ende der 1920er Jahre beeindruckt), – doch sehr schnell wird es zu einem Alptraum, eben weil „Gerechtigkeit“ ein natur- und wirklichkeitswidriges Unterfangen ist und nur mit extremer Brutalität künstlich durchgesetzt werden kann. (Ein echter Linker kriegt spätestens jetzt entweder einen Ohnmachtsanfall oder er entwickelt einen mörderischen Haß auf mich!)

Auch in dieser Hinsicht ähneln sich die extreme Mystik und die extreme Linke: am Ende sind sowohl mystische Kulte als auch kommunistische Staaten kaum mehr als Konzentrationslager voller halbtoter Zombies. Man denke etwa an Falun Gong und den Maoismus in China.

Hitler und Mao waren mit ihrem absurden Voluntarismus, der Haltung, daß der „Wille“ bzw. das „richtige Bewußtsein“ alle materiellen Widerstände hinwegfegen würden, zwei Hauptbeispiele einer mystischen Geisteshaltung, die mit bloßen Postulaten die „materielle Welt“ beeinflussen, ja beherrschen will. Der gemäßigten Rechten und gemäßigten Linken ist derartiger Triumphalismus fremd. Sie sitzen passiv da und träumen von einer „besseren Welt“ im Jenseits bzw. in der Zukunft. Gott oder „der Gang der Dinge“ werde sie bringen.

Der verborgene Mystizismus der Linken ist letztendlich darauf zurückzuführen, daß das mechanistische Weltbild seine Lücken und Ungereimtheiten nur mit mystischen Konzepten flicken kann. Beispielsweise dürfte es nach materialistischer Geschichtsauffassung gar kein „proletarisches Klassenbewußtsein“ geben. Lenin hat das offen eingestanden: das Klassenbewußtsein müsse von außen in das Proletariat hineingetragen werden – durch Hegelianer!

Dieser Planet ist ein Irrenhaus.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 39)

2. März 2022

Das Gefühl, daß es Totes überhaupt gibt, ist ein typisches Artefakt Saharasias. James DeMeo legt nahe, daß jede übermäßige Beschäftigung mit einem „Leben nach dem Tode“ mit der Verwüstung und der mit ihr zusammenfallenden alltäglichen Bedrohung des Lebens verbunden sein könnte (On the Origin and Diffusion of Patrism: The Saharasia Connection, University of Kansas, 1986, S. 326). Man denke auch an den mittelalterlichen Todeskult im Anschluß an die Pest. In Saharasia bildete sich die Vorstellung aus, der Lebensfunke sei von toter, feindlicher Materie eingeschlossen, die ihn zu ersticken drohe. Demgegenüber ist für die vorsaharasischen Animisten (und auch für „vorsaharasische“ Kinder) jede einzelne Sache von einer Seele erfüllt, sogar nichtlebende Dinge wie Felsen und auch Produkte der menschlichen Arbeit. Für Reich war diese animistische Weltanschauung noch die weiteste Annäherung an den orgonomischen Funktionalismus.

Als Saharasia sich entwickelte und ausbreitete, schwächte sich diese „Weltanschauung“ langsam ab und „schrumpfte“ in ihrer geographischen Ausbreitung und in ihrem Inhalt, bis nur noch der Mensch eine Seele hatte und schließlich sogar dieses letzte Rückzugsgebiet des Lebensfunkens von der mechanistischen Wissenschaft gestrichen wurde. Tatsächlich hatte Saharasia und die mechanistische Wissenschaft recht, da der Mensch ebensowenig eine „unsterbliche Seele“ hat, wie ein Haustier, ein Stein oder ein Stuhl – aber…

Mich hat es von jeher fasziniert und war ein beunruhigendes existentielles Rätsel für mich, daß ich ganz unwillkürlich solch leblosen Dingen wie Cartoons (z.B. Bart Simpson) oder mechanischen Werkzeugen (wie z.B. meinem alten ramponierten Fahrrad) eine eigene Seele verpasse. Das gleiche trifft auf Haustiere, Neugeborene, Erwachsene und – auf meine eigene Person zu, die ich wahrnehme. Dieser universelle Animismus scheint eine anthropologische Konstante zu sein, über die wir nicht hinauskönnen. Er scheint der rationale emotionale Kern jedes Mystizismus des „Geistes“ zu sein, von der unsterblichen Seele hier drinnen bis zum personalen Gott dort oben. Dieser allgegenwärtige Mechanismus, der selbst Bart Simpson eine Seele verleiht, zeigt, mir zumindest, abschließend, daß es keine Substanz, keine Essenz in religiösen und mystischen Konzepten gibt. Sie sind ein künstliches Produkt unseres Wahrnehmungsprozesses. Dinge zu sehen, ist immer funktionell damit identisch, ihnen eine „Seele“ zu verleihen. Wir leben und können deshalb Totes gar nicht sehen!

Dieser Animismus ist jedoch nicht nur ein „solipsistisches“ Phänomen, sondern Fortführung des universellen Schöpfungsprozesses der Natur selbst. In Die kosmische Überlagerung beschreibt Reich, daß jede Art von Sein, von himmelsmechanischen bis hinab zu biologischen Systemen, aus einer spezifischen Bewegungsfigur der Orgonenergie-Ströme hervorgeht, die kreisförmig in sich zurückfließt und so erst Kontinuität und Identität konstituiert, wo es in Wirklichkeit überhaupt kein verharrendes „Sein“ gibt. Wie Nietzsche sagt: „Daß Alles wiederkehrt, ist die extremste Annäherung einer Welt des Werdens an die des Seins“ (Nachgelassene Fragmente 1885-1887, KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Bd. 12, München 1988, S. 312). Zum Beispiel beruht Leben auf Pulsation und zyklisch in sich abgeschlossener Bewegung („der Kreislauf“), auf der ständigen Wiederkehr des Gleichen; wenn es statt dessen nur eine kontinuierliche, offene Fließbewegung gäbe, dann würde es kein „beharrendes“ Leben geben. Nichtsdestoweniger ist auf dem Grund des Lebens einfach keine beharrende Substanz vorhanden, es ist alles nur Bewegung – wie uns der Tod zeigt.

Die „unsterbliche Seele“ des Menschen ist nichts anderes als die verzerrte Wahrnehmung dieses Etwas, das die Zeit und das Vergehen unterläuft: die orgonotische Pulsation, ohne die es kein im ständigen Fließgleichgewicht beharrendes Leben geben könnte. Darauf beruht auch unser Geist, der aus einer Welt, in der alles in stetigem Wandel ist, eine Welt der Ewigen Wiederkehr macht, z.B. bewegen wir uns zwischen Bäumen, so als gäbe es „den Baum“ als platonische Idee, der wir ständig von neuem begegnen. Würden wir in der wirklichen, nichtplatonischen Welt leben und jeden „Baum“ als das unverwechselbare Einzelding sehen, das er ist und auf den wir uns immer wieder von neuem individuell einstellen müßten, wären wir ohne jede Orientierung dem Fluß der Erscheinungen ausgeliefert und würden kaum einen Tag überleben. Von vornherein hätten wir kein Bewußtsein, wenn wir den objektiven Fluß und das Vergehen einfach widerstandslos akzeptieren würden. Wie erwähnt, kann es deshalb keine objektive, passive „nichtschöpferische“ Wahrnehmung geben, sondern nur den aktiven kreativen Prozeß der Beseelung. Wir sind alle „Idealisten“, ob wir es wollen oder nicht. (Für den lebensfeindlichen Buddhisten ist dieser Mechanismus der Ursprung allen Leidens, siehe Die Massenpsychologie des Buddhismus.)

Wie gesagt ist diese schöpferische Funktion, die der Wahrnehmung wesenseigen ist, auch im Wahrgenommenen selbst enthalten, genauso wie Bart Simpson seine Seele nicht nur vom Betrachter her hat, sondern auch von seinem Schöpfer am Zeichentisch. Da alles auf der pulsatorischen Bewegung beruht, die überlagernd in sich selbst zurückfließt, kann man wahrhaftig sagen, daß nicht nur die Produkte unseres Geistes, sondern alles virtuell ist, eine bloße Simulation von Beharrung. Man muß nur seinen eigenen handfesten Körper betrachten, der in Wirklichkeit ein veränderlicher Prozeß ist und kein inertes Ding, wie z.B. ein Leichnam. Und selbst die tote Materie der Leiche wäre kein fixes Etwas, wenn man die quantenmechanische Realität der Atome betrachtet: „Teilchen“, die aus nichts weiter bestehen als aus Wahrscheinlichkeit ohne jede zugrundeliegende Substanz. Gewöhnlicherweise betrachten wir nur die „virtuellen“ Welten unseres Bewußtseins und unserer Vorstellungskraft als Simulationen, doch in Wirklichkeit gibt es keine solchen Grenzen, sondern nur sozusagen „Grade der Virtualität“. Die einzige „wirkliche Wirklichkeit“ ist die sich ständig in Bewegung befindende kosmische Orgonenergie als der schöpferische Urquell aller Simulation.

Ein kultureller Ausdruck dieser orgonenergetischen Simulation von Beharrung ist die Magie im besonderen und die Religion im allgemeinen. Bronislaw Malinowski hat bei den Trobriandern eine strenge Trennung zwischen Magie und Wissenschaft gefunden. Beispielsweise beim Schiffsbau wird ganz rational wissenschaftlich vorgegangen, was streng getrennt ist von der Magie, die nur zur Geltung kommt, wenn etwas wissenschaftlich nicht beeinflußbares betroffen ist (z.B. das Wetter), d.h. mit der Ausweitung der Wissenschaft verschwindet langsam alle Magie. Dabei ist Wissenschaft, die ja Voraussage der Zukunft ist, vielleicht auch nichts anderes als besonders wirksame „Magie“ (Argonauten des westlichen Pazifik [1922], Frankfurt 1984).

Menschen wie die Trobriander, die zumindest nicht weniger rational sind als wir, benutzen also Magie nur dort, wo sie mit dem Unvorhersehbaren konfrontiert sind, das sie nicht praktisch handhaben können. Vor allem Naturkatastrophen, die die jahreszeitliche beständige Wiederkehr des Gleichen aufbrechen und zu verheerenden Hungerkatastrophen führen können. In primitiven Analogien denkend, versuchen die Trobriander durch monotone Rezitationen und Rituale die reguläre „monotone“ Abfolge der Jahreszeiten, die ewige Wiederkehr des Gleichen, „das Sein“ aufrechtzuerhalten. Ein anderes Beispiel für das Aufbrechen des natürlichen Rhythmus ist der Tod – und bei diesem Problem verwandelt sich Magie in Religion. Das Leben (d.h. die Simulation von Beharrung durch Pulsation) kann den Tod nicht akzeptieren und simuliert so das Leben bis über den Tod hinaus.

Nietzsche schreibt, daß alles in der Welt verknotet ist und einander bedingt, sodaß man nichts wegdenken kann, ohne alles zu verändern. Jeder Augenblick zieht so jeden folgenden nach sich – und letztendlich sich selber. Wie Nietzsche sagt: will man einen Augenblick, will man „Alles von neuem, Alles ewig“, denn es ist „Alles verkettet, verfädelt, verliebt“ (Also sprach Zarathustra, KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Bd. 4, München 1988, S. 402). Um seine Interpretation von Jesu Lehre auf Nietzsche selber zu übertragen: „Das wahre Leben, das ewige Leben ist gefunden (…) in der Liebe ohne Abzug und Ausschluß, ohne Distanz“ (Antichrist, KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Bd. 6, München 1988, S. 200).

Das ist die Glorifikation des Lebens im Hier und Jetzt. Es ist bemerkenswert, daß sie, die für Nietzsche das Zentrum und der krönende Abschluß seiner Philosophie war, praktisch keinerlei Wirkungsgeschichte gezeitigt hat und, wenn überhaupt beachtet, allenfalls als sein persönliches, von anderen kaum nachvollziehbares „Steckenpferd“ belächelt wurde – entsprechend dem Schicksal von Reichs Orgasmustheorie.

Die Ewige Wiederkehr des Gleichen ist untrennbar mit dem „Übermenschen“ verknüpft, der aus seinem Glück und seiner Kraft, den Schmerz der Wirklichkeit ohne Flucht in mystische Gefilde zu ertragen, die Ewige Wiederkehr wünschen kann. Eine „züchtende“ Lehre, da der zum Glück unfähige, der „orgastisch Impotente“, an ihr zerbräche – denn es gibt keine Erlösung für sein autistisches Ich. Sein Ich und sein vorgeblich eigener „Wille“ ist selber in den superdeterministischen Nexus der Welt eingebunden, sodaß auch sein rebellisches „Nein“ untrennbar zum Ablauf gehört. Es kann also weder einen Trost in der Revolte noch in dem geben, was Nietzsche „Türkenfatalismus“ nannte, da es keinen Gott und kein Gesetz gibt, der oder das irgend etwas „verhängt“ hätte. Wir gehören unlösbar dazu, ob wir wollen oder nicht. „Erlösung“ gibt es nur in einem einzigen Sinne: die Vergangenheit erlösen, d.h. dem Sinnlosen Sinn geben, indem man der Entwicklung ein alles rechtfertigendes Ziel gibt. Das ist auch die tiefere Bedeutung von Reichs „Kindern der Zukunft“: sie rechtfertigen das Leben in alle Ewigkeit.

Nietzsche:

Gesetzt, wir sagen Ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern zu allem Dasein Ja gesagt. Denn es steht nichts für sich, weder in uns selbst, noch in den Dingen: und wenn nur ein einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt hat, so waren alle Ewigkeiten nötig, um dies eine Geschehen zu bedingen – und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht. (Nachgelassene Fragmente 1885-1887, KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Bd. 12, München 1988, S. 307f)

Orgonomie und Metaphysik (Teil 38)

28. Februar 2022

Aller Mystizismus beruht auf der künstlichen Trennung zwischen subjektiven Empfindungen und den objektiven organismischen Vorgängen. Und so ist die Nahtodeserfahrung und das Austreten des Bewußtseins aus dem Körper vielleicht nichts anderes als eine extreme Variante der mechano-mystischen Pathologie des Menschentiers, die beim biologischen Zusammenbruch, der letztendlichen Abpanzerung, besonders augenfällig auftritt. Die Verweigerung der Hingabe in Potenz. Die übernatürliche Autonomie einer unsterblichen, dem Energiemetabolismus nicht unterworfenen „Essenz“, die der spiritistische Glaube lehrt, wäre das solipsistische, autistische, kontaktlose Gegenteil der Liebe. Wie Nietzsche in Morgenröte schreibt, eine schreckliche Zudringlichkeit und letztendlich der Ausdruck haßerfüllten Ressentiments: „Die Welt wird mich nicht los!“ (KRITISCHE STUDIENAUSGABE, Bd. 3, S. 190).

Andererseits glauben auch genitale Menschen wie die Trobriander, daß die Seelen der Verstorbenen zu einem entfernten „Avalon“ im Meer gehen. Wahrscheinlich entstand diese Vorstellung durch die, den Primitiven, unerklärlichen Luftspiegelungen über der See. So entspricht sie dem christlichen Wolkenkuckucksheim, das auf Luftspiegelungen über der Wüste zurückgeht. Immerhin sind diese durch das Flimmern der Atmosphäre verursachten Fata Morganen zumindest indirekt orgonotische Phänomene! „Eingeborene der Orgonomie“, wie Reichs kleiner Sohn, glauben an einen pulsierenden Plasmakörper, der im kosmischen Orgonenergie-Ozean schwimmt und die unsterblichen Seelen beherbergt (vgl. Peter Reich: Der Traumvater, München 1975, S. 133). Da er von genitalen Menschen vertreten wird, kann dieser Glaube kaum pathologisch sein, zumal lange vor dem Anfang Saharasias bereits die Neandertaler (wie sich aus Grabbeigaben zweifelsfrei erschließen läßt) an ein Leben nach dem Tode glaubten. Dies sagt natürlich nichts über die Richtigkeit dieser Vorstellung, nur daß es offenbar natürlich ist, gesund-naiv an ein Leben nach dem Tode zu glauben.

„Orgastisches Zerfließen im kosmischen Orgonenergie-Ozean“ ist leicht dahin gesagt – doch für jeden empfindungsfähigen Menschen ist der Tod eine Tragödie; und wenn nicht für den Sterbenden selber, dann sicherlich für seine Hinterbliebenen. Für jene, die jung sterben, gibt es weit begehrenswertere Wege, mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean eins zu werden, als ausgerechnet in der Umarmung des Todesengels, und ausgebrannte ältere Menschen erfahren den Tod sicher nicht als „Orgasmus“.

Vielleicht hätte dieser Endpunkt der jahrzehntelangen Involution einen anderen emotionalen Gehalt, wenn ihm die Endgültigkeit genommen und Leben und Tod als zyklischer Prozeß betrachtet würden, wie ja auch das Geschlechtsleben ein solcher Kreislauf von Ladung und Entladung ist. Leben und Liebe, Tod und „kleiner Tod“ wären dann, um mit dem Reich von 1923 zu reden, „wie das Aufschäumen der Meereswellen an der felsigen Küstenwand, die sie wieder in weiter Fläche zurückwirft“ („Zur Trieb-Energetik“, Frühe Schriften, Köln 1977, S. 160).

Als der Urmensch die Zyklen der Natur, z.B. die Phasen des Mondes oder den Wechsel der Jahreszeiten beobachtete, muß er sie auch auf den Tod bezogen haben und so zum Glauben an die Wiederverkörperung gekommen sein. Dergestalt ist im Matriarchat der Tod keine endgültige Vernichtung, sondern nur sozusagen die notwendige Ruhepause zwischen Ernte und Aussaat. Was für eine lebensfeindliche Kehre diese Vorstellung im Patriarchat nahm, zeigt der traditionelle Wiedergeburtsglaube im Hinduismus. Er lehrt, daß alles vergänglich und deshalb nichts wichtig sei, sodaß das einzelne Leben im leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten jedes Schwergewicht verliert, was auch jede Mitmenschlichkeit untergräbt. Außerdem ist die Vorstellung von der „Seelenwanderung“ ein Produkt mangelnder spiritueller Durchdringung, ist es doch schon mehr als fraglich und schlechtweg unbeweisbar, ob wir in der Vergangenheit das gleiche „Ich“ waren und in Zukunft noch dieses „Ich“ sein werden. Geschweige denn, daß sich dieses imaginäre „Ich“ über mehrere Leben erhält. Schon Gautama Buddha hat sich, wenn auch reichlich inkonsequent, gegen die lächerliche Vorstellung einer Wanderung des „Ich“ von Leben zu Leben gewandt.

Im Unterschied zum Hinduismus und Buddhismus glaubte Nietzsche, daß alles viel zu wertvoll sei, um vergänglich zu sein und fand seinen Trost grade in der Vorstellung einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, die für den Inder der Inbegriff alles Schrecklichen ist. Die identische Wiederkehr verleiht dem einzelnen Leben ein unendliches Schwergewicht. Wenn ich nochmals leben sollte, dann wäre es exakt nochmal dieses Leben, weil es ansonsten eben nicht dieses, mein Leben wäre. Das besondere an Nietzsches Konzept ist also, daß es gerade auf der Verneinung der autonomen, von den Umständen nicht berührten Seele beruht.

Da es keine übernatürliche „Essenz“, kein autonomes Subjekt gibt, das das Leben lebt und überlebt, und da das Subjekt mit seiner Umgebung funktionell identisch ist, ist Wiederkehr nur möglich, wenn gleichzeitig auch die gesamte Umgebung bis in die kleinsten Einzelheiten wiederkehrt. Und weil mittlerweile (mehr oder weniger) experimentell nachgewiesen ist, daß alles unlösbar miteinander verknüpft ist und ein Augenzwinkern den gesamten Kosmos beeinflußt, wird sich alles in alle Ewigkeit variationslos wiederholen. Jedenfalls wenn die Welt so funktioniert, wie Nietzsche es nahegelegt hat: als Simulation von Beharrung, durch „zyklische Wiederkehr“. Daß es überhaupt Sein gibt, ist Beweis genug für die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 32)

12. Februar 2022

Es ist ein Irrtum, daß die von der psychoanalytischen Religionskritik abgeleitete sexualökonomische Religionskritik durch Reichs „Spätwerk“, wo viel von „Gott“ die Rede ist, irgendwie relativiert würde. Das Gegenteil ist der Fall! Zumal es nicht nur um Religion, sondern auch bzw. grade um „Spiritualität“ geht.

Der Mensch lebt in zwei Welten: etwa 16 Stunden in der Welt des Tages, wo die Funktion „relative Bewegung“ vorherrscht, und etwa 8 Stunden in der Welt der Nacht, wo die Funktion der „ko-existierenden Wirkung“ überwiegt.

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In der Tageswelt drehen sich alle Sehnsüchte um die orgastische Entladung, bei der wir für einen Augenblick in einer „anderen Welt“ sind. Annäherungsweise erleben wir das beim heftigen Nießen, wenn der ganze Körper zuckt und wir für den Bruchteil einer Sekunde „wegtreten“, oder etwa, wenn wir beim herzhaften Lachen die Kontrolle über uns verlieren, etc. (Wenn Männer Frauen Witze erzählen…) Mit anderen Worten dreht sich tagsüber alles um die Zeit: die Erwartung einer zukünftigen Befriedigung.

Im Funktionsbereich der ko-existierenden Wirkung entlädt sich die Energie nicht durch die orgastische Zuckung, sondern beim Träumen, in abgeschwächter Form in Tagträumereien, Phantasien, etc. Von daher ist es kein Zufall, daß insbesondere Buddhisten und andere spirituelle Schulen alles tun, um nicht nur die sexuelle Begierde, sondern auch das „Wegdriften des Geistes“ zu unterbinden. Im Funktionsbereich der ko-existierenden Wirkung dreht sich alles um die Dimension des Raumes: ich bin hier in der Wirklichkeit und betrete eine andere Wirklichkeit, den Bereich der Träume.

In der noch einigermaßen sexuell gesunden Vorzeit und bei heutigen Naturvölkern überwiegt die Vorstellung von einer „Anderswelt“, mit deren Hilfe man diese Welt manipulieren kann (Magie) und in die man eingeht, wenn man aufhört sich bewegen zu können, also vermeintlich „stirbt“. Mit zunehmender sexueller Hemmung (Panzerung) schwand diese Gewißheit und aus schamanistischen Praktiken entwickelten sich Meditationstechniken, Yoga, Mantras (ursprünglich Zauberformeln) etc., um die „Seele“ aus der Welt der Bewegung und ständigen Veränderung für ein statisches „Jenseits“ zu retten. Beispielsweise gehen die exaltierten Hare Krishnas in ein geistige Parallelwelt über, wo alles ist wie hier, nur eben „geistig“ und rein (asexuell). Die mehr intellektuellen, und stets etwas depressiv wirkenden, Typen verfallen dem Buddhismus oder dem Vedanta und gehen ins unterschiedslose „Leere“ bzw. das Brahman ein.

Abgesehen von ihren mystischen Rändern, die ähnliche Vorstellungen hegen, geht es bei Juden, Christen, Moslems, Parsen etc. um das Warten auf eine grandiose Zukunft, nachdem sich in einer letzten Anspannung beim Jüngsten Gericht alles in Wohlgefallen auflösen wird, jedenfalls für die schließlich Erlösten. Die „Ungläubigen“ werden in alle Ewigkeit unbefriedigt bleiben.

Nur gut, daß du nicht mal ahnst, was ich sehe, wenn ich dich anschaue! Deine „Spiritualität“ ist schlichtweg obszön…

David Holbrook, M.D.: ANGST / WIE MAN NICHT ÜBER POLITIK STREITET / EINIGE RATSCHLÄGE ZUM LEBEN UND ÜBERLEBEN

28. Dezember 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Angst

Wie man nicht über Politik streitet

Einige Ratschläge zum Leben und Überleben