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David Holbrook, M.D.: ORGONOTISCHE FUNKTIONEN IN DER KLINISCHEN SITUATION. DIE BIOENERGETISCHE EINHEIT VON PSYCHE UND SOMA (Teil 3)

13. Februar 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Orgonotische Funktionen in der klinischen Situation. Die bioenergetische Einheit von Psyche und Soma

 

Versuch über das Leib-Seele-Problem

13. April 2015

Zum Leib-Seele-Problem gibt es prinzipiell fünf Auffassungen, die sich jeweils bestimmten therapeutischen Schulen zuordnen lassen.

  1. Bestimmt die Psyche den Körper (Idealismus, Psychoanalyse) oder
  2. der Körper die Psyche (mechanistischer Materialismus, Psychopharmakotherapie)? Existieren Psyche und Soma
  3. nebeneinander her und beeinflussen einander („psychosomatische Medizin“),
  4. schließen sie einander aus (Mystizismus, „religiöse Heilung“) oder sind sie
  5. ein und dasselbe (Monismus, „Körpertherapien“)?

Reich hat diese fünf sich gegenseitig ausschließenden Anschauungen wie folgt zu einem einheitlichen Konzept integriert:

Die Orgontherapie umfaßt alle fünf Herangehensweisen. Beispielsweise hat sie psychoanalytische Komponenten (1) und solche, die der Herangehensweise der Verhaltenstherapie ähneln (2).

Tatsächlich läßt sich diese umfassende funktionelle Herangehensweise auf alle denkbaren Bereiche ausweiten. Auf das Wesentliche reduziert hat man folgendes vor sich:

Neben der Aristotelischen Entweder-Oder-Logik gibt es beispielsweise dreiwertige Logiken, wie die Neumannsche Quantenlogik (außer „Ja“ und „Nein“ gibt es in der Natur auch ein „Vielleicht“). Aus der klassischen zweiwertigen Logik läßt sich aber auch eine vierwertige ableiten. Daneben gibt es beispielsweise auch die buddhistische vierwertige Logik (es ist x; es ist nicht-x; es ist x und nicht-x; es ist weder x noch nicht-x).

Mit der gegebenen Logik läßt sich ein Teilaspekt der Wirklichkeit besonders gut beschreiben. Deshalb wurde sie ja entwickelt! Beispielsweise verwendet man heute die „Fuzzy Logic“ für Steuersysteme, bei denen man keine exakten Eingaben machen kann, weil ein und dasselbe Element „ein wenig“ zu dieser Menge gehört und „ein wenig“ zu jener Menge. Neuerdings findet sie vor allem in der Medizintechnik und sogar Medizintheorie verstärkt Anwendung.

Der Sprache selbst ist eine Logik inhärent, die uns manchmal schlimm in die Irre führen kann. Robert Anton Wilson will uns wieder zum Herrn über unser Werkzeug Sprache machen. Ein neues Instrument der Sprache ist Wilsons Kunstwort „po“:

„Sexualität po Physik“ führt zum Orgon; oder „Sexualität po Träume“ führt zur Psychoanalyse. Auf diese Weise funktionieren Suchmaschinen. „Türklinke po Maximalismus“ ergibt dann beispielsweise das Stichwort „Willy Brandt“. (Die Sozialdemokratie ist maximalistischen Forderungen seit jeher abhold gewesen, was dazu geführt hat, daß sich infolge der Entspannungspolitik am Ende des Kalten Krieges die Vertreter der beiden Blöcke die Türklinken in die Hand gaben.)

Die unterschiedlichen Logiken und „Denkweisen“ in das obige Schema (erste Abbildung) einzupassen, wäre Aufgabe entsprechend geschulter Mathematiker und Philosophen („Logiker“). Ich bin überzeugt, daß dies möglich ist, weil letztendlich alle mehrwertigen Logiken doch wieder in der klassischen Logik ausgedrückt werden müssen. Siehe dazu das I. Kapitel von Orgonometrie.

Ein erster Versuch, eine vorläufige Skizze, könnte etwa wie folgt aussehen:

  1. Wilsons „x po y“ und andere derartige Pseudologiken analog zur Psychoanalyse;
  2. die klassische Logik, die Logik der Grammatik;
  3. der Hegelsche Dialektik und andere mehrwertige Logiken, die zwischen „x“ und „y“ vermitteln;
  4. die buddhistische Logik;
  5. die Fuzzy Logic.

Als ich mich daran machte, die obige Aufstellung der fünf Arten von Logik in Angriff zu nehmen, hatte ich nicht den blassesten Schimmer, was ich überhaupt schreiben sollte und war drauf und dann „diesen ganzen Unsinn“ unter der Riesendatei „Fehlversuche und Quatsch“ abzuspeichern. Dann hat sich aber doch spontan eins zum anderen gesellt – das ist die funktionelle Logik, die von uns Besitz ergreift.

Aber zurück zum Leib-Seele-Problem, daß man nur ganz erfassen kann, wenn man bedenkt, daß es funktionell betrachtet auch Organe außerhalb des Körpers gibt:

In der Fachzeitschrift für Psychiater und Neurologen Nervenheilkunde (7/2004, S. 431) wurde Woody Allens berühmter Film von 1973 Was sie schon immer über Sex wissen wollten zur nervenärztlichen Fortbildung herangezogen:

Es wäre gar nicht so falsch, den Körper „als Netzwerk von Einheiten“ zu betrachten, die, so wörtlich, „jeweils durch Menschen dargestellt werden“! Nach dem Motto „Gehirn an Hand: Faust ballen!“ Tatsächlich würde sich das Zusammenspiel einzelner Module im Gehirn ganz ähnlich abspielen, wie in Woody Allens Filmsatire: „Frontalhirn an Mandelkern: cool bleiben!“ Neben der Regulation der Emotionen wird in Nervenheilkunde mit Hilfe dieses Kasperletheaters auch die Konsolidierung von Gedächtnisinhalten erläutert.

Reich hat gegen eine Biologie polemisiert, die organismische Vorgänge von einer „Befehlszentrale“ her zu erklären versucht. Strukturen wie das Gehirn und die Chromosomen seien allenfalls Werkzeuge des Lebendigen für bestimmte Aufgaben.

In Hans Hass und der energetische Funktionalismus habe ich ausgeführt, daß unsere Werkzeuge Erweiterungen unserer Körper sind. „Zusätzliche Organe“, die sich in die Evolution genauso einreihen, wie unsere angeborenen Organe. Man denke nur an den Arm, der etwas greift, und den Bagger, der Erdarbeiten verrichtet.

Ernst Kapps 1877 publizierte Grundlinien einer Philosophie der Technik stehen am Anfang der modernen Technikphilosophie. Kapps Überlegungen, sind aus seiner Beschäftigung mit der Hegelschen Dialektik hervorgegangen. Wikipedia zufolge ist sein Buch „vielleicht das erste genuin moderne Werk der Technikphilosophie“, da es „die bis dahin vorherrschende cartesianische Metaphorik des Organischen als etwas bloß Mechanischem komplett umkehrt.“

Zentrale These des Werkes ist, daß alle technischen Artefakte letztlich als Organprojektionen zu verstehen seien. So ist z.B. ein Hammer letztlich als Faust zu verstehen, eine Säge bildet die Schneidezähne ab, ein Fernrohr bildet unbewußt den inneren Aufbau des Auges nach usw. Die Entwicklung des Buches folgt dabei einer zunehmenden Komplexität der technischen Apparaturen, über die damals aufkommende Telegraphie, die als ein Nervensystem verstanden wird, bis hin zum Staat als Abbild des menschlichen Organismus in toto. Die technische Entwicklung als Motor der kulturellen Entwicklung ist dabei stets ein Herausstellen von etwas, das bereits im Menschen organisch wie geistig angelegt ist, um im selben Moment als ihre Konkretion dessen geistige Entwicklung herauszufordern und voranzutreiben.

Das war stand der Anthropologie von vor über 100 Jahren. Das Lebendige greift in die „mechanische Welt“ hinaus und erweitert so ihren Wirkungsbereich. Und wo sind wir heute: bei Woody Allen!

Das Lebendige entfaltet sich von links nach rechts (→), entsprechend sollten auch seine Gesetze Priorität über die autonomen Gesetze der beiden oberflächlicheren Funktionsbereiche haben. Doch leider werden die oberflächlichen Gesetze, die das Funktionieren unserer zusätzlichen Organe bestimmen, dazu herangezogen, das Funktionieren des menschlichen Körpers zu beschreiben (←).

Da die zusätzlichen Organe nicht mit unserem Körper verbunden sind, funktionieren sie per Befehl: „Mensch an Bagger: Schaufel nach unten hebeln!“ Daraus ein „Gehirn an Hand: Faust ballen!“ zu machen – nun, das ist mechanistische (den funktionellen Naturgesetzen diametral entgegengesetzte) Wissenschaft. Reich hat dies im einzelnen in Äther, Gott und Teufel ausgeführt.

Die Tragikomik der mechano-mystischen Lebensauffassung

24. Juli 2014

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Alexander Lowen und Stanley Keleman in den 1970er Jahren die „Körpertherapie“ als ungeheuren Durchbruch verfochten: „Die Seele über den Körper heilen.“ Das wäre angeblich die Essenz der von Reich entwickelten Therapie! Jetzt finde ich in der Bahn zufällig einen Flyer mit der Überschrift „Psyche hilft Körper“.

„Es ist unglaublich, wie viel Kraft die Seele dem Körper zu verleihen vermag“. Dieser Satz von Wilhelm von Humboldt aus dem frühen 19. Jahrhundert hat heute ebenso viel Gültigkeit wie zu Humboldts Zeiten. Über viele Jahrzehnte wurde der Kraft der Seele allerdings nicht die Bedeutung beigemessen, die ihr zusteht.

Als Student der Orgonomie fühlt man sich manchmal wie ein Zeitreisender, den es ins Mittelalter verschlagen hat, und den die mittelalterlichen Vorstellungen, etwa über das Leib-Seele-Problem („Körper beeinflußt Seele“ gegen „Seele beeinflußt Körper“) schrecklich auf die Nerven gehen.

leibseele

Die Orgontherapie ist keine „Körpertherapie“, denn es geht nicht um „die Integration des Körpers in die Psychotherapie“ und ähnliches, sondern darum, das neurotische Gleichgewicht aufzuheben mit dem Ziel, den genitalen Primat und damit die orgastische Potenz (der regelrechte Haushalt der biologischen Energie) herzustellen. Geht das ohne körperliche Interventionen, um so besser.

Aus eigner Erfahrung kann ich sagen, daß es weitaus effektiver ist, selbst zu spüren, wie man jahrzehntelang beispielsweise die Schultern gehalten hat, als von außen darauf gebracht zu werden. Es ist effektiver, sich seiner neurotischen Idiosynkrasien bewußtzuwerden und sie aufzugeben, statt durch Massage oder „Übungen“ „gerade gerichtet“ zu werden. Freiheit kann einem nicht geschenkt werden. Entweder nimmt man sich die Freiheit oder man wird nie frei sein.

Das A und O der Therapie ist die Motivation, also der Wille, ein neuer Mensch zu werden und ein besseres Leben zu führen. Es geht nicht darum, sich hinzulegen und durch „Handauflegen“ an sich herum manipulieren zu lassen, bis sich irgendwelche Verspannungen lösen.

Es geht aber auch nicht darum, mit dem „Willen“, bzw. der „Psyche“, den Körper zu heilen. Ich verweise auf die Stelle in Peter Reichs Der Traumvater (München 1975, S. 28f), wo Reich am Beispiel einer Filmszene mit John Wayne kritisch die Beeinflussung des Körpers durch die Psyche beleuchtet:

Und die Art, wie sie etwas leisten oder durchsetzen, ist ebenfalls hartleibig. Erinnerst du dich an den Film mit John Wayne, in dem er stürzt und zum Krüppel wird? (…) Du weißt, als er im Bett saß, auf das Ende seines Gipsverbandes schaute und seine Zehen beobachtete, beschloß er, wieder gehen zu lernen. Und er sagte immer wieder zu sich: „Ich muß diesen Zeh bewegen. Ich muß diesen Zeh bewegen.“ Schau, das ist die starre, die verkrampfte Art, Dinge zu überwinden. (…) Hindernisse und Behinderungen in dieser Weise zu überwinden, durch Gewalt, durch sogenannte Willenskraft (…) das ist die starre, verkrampfte, mechanistische Art, Leistungen zu vollbringen. Er mußte sich so anspannen und verhärten, sich selbst mit aller Gewalt dazu zwingen, wieder gehen zu lernen, daß er darüber vergaß, wie man liebt und freundlich ist. (…) Am besten ist es, einfach zu atmen, sich zu entspannen und es auf natürliche Weise kommen zu lassen. Erzwinge nie etwas, laß es einfach auf natürliche Weise eintreten, dann ist es immer okay.

Entsprechend geht es in der Orgontherapie nicht darum, sich etwa zum „richtigen“ Atmen zu zwingen, sondern darum, es einfach „arbeitsdemokratisch“ geschehen zu lassen.

Orgontherapie ist imgrunde nichts anderes als „Orgasmustherapie“ und genauso wenig wie einem ein Orgasmus von außen aufgezwungen werden kann, kann man einen Orgasmus „wollen“. Das einzige, was man tun kann, ist, die Hemmnisse, die sowohl der Hingabe, als auch der Aggression entgegenstehen, fahren zu lassen.

Alles andere ist Sadomasochismus und auf die Therapie übertragen das, was ich als „Blauen Faschismus“ bezeichnet habe. Tatsächlich unterscheiden sich die diversen „Reichianischen“ Körpertherapien kaum von dem, was Reich in Charakteranalyse als Masochismus beschrieben hat: „Bringe mich von außen zum Platzen!“. Den sadistischen Körpertherapeuten (den „Bioenergetikern“, selbsternannten „Orgontherapeuten“, etc.) ist es eine Lust, ihren „Patienten“ diese Freude angedeihen zu lassen.

Es ist auffällig, daß immer wieder „Reichianische“ Therapeuten und selbsternannte „Orgontherapeuten“ hervortreten, die mit einer ganzen Palette von Therapietechniken Patienten für sich gewinnen wollen. Es ist teilweise schreiend komisch, was sie nicht alles zusätzliche zur (angeblichen) Orgontherapie anbieten. Das reicht von „Craniosakral-Therapie“ über „Ayurveda“ bis hin zur „Geistheilung“, gar „Akupunktur“. Was sie mit diesen ellenlangen Listen zur Schau stellen, ist nicht etwa ihre „Zusatzqualifikation“, sondern ihre Unfähigkeit, therapeutisch effektiv zu arbeiten. Es ist der verzweifelte Versuch kontaktloser Neurotiker Kontakt herzustellen. Imgrunde sind es Perverse, die mit allen möglichen Folterwerkzeugen ihre „Liebe“ zum Ausdruck bringen wollen.

Gestik und Sprache

7. Januar 2014

Francesco Foroni von der Freien Universität Amsterdam und Gün Semin von der Universität in Utrecht haben in einer neuen Studie gezeigt, daß Sprache sich nicht nur im Gehirn abbildet, sondern buchstäblich „ver-körpert“ wird. Sie ist also kein rein „geistiges“ System aus abstrakten Symbolen, sondern Sprache und körperlichen Reaktionen beeinflussen sich wechselseitig. Die aufgenommenen Symbole werden direkt in körperliche Reaktionen umgesetzt und so verstanden.

Die Probanden lasen Wörter ab, während die Aktivität jener Gesichtsmuskeln gemessen wurde, die das Stirnrunzeln und das Lächeln steuern. Bei „positiven Wörtern“ wie „Lächeln“, „Grinsen, „Lachen“ bewegten sich die Mundwinkel, „negative Wörter“ wie „Stirn runzeln“, „Weinen“, „Kreischen“ verursachten hingegen eine Bewegung der Stirn. Die Begriffe und die mit ihnen einhergehenden spontanen körperlichen Reaktionen führten auch zu entsprechenden emotionalen Reaktionen. Beispielsweise fanden die Testteilnehmer Comic-Abbildungen komischer, wenn sie vorher durch „positive“ Begriffe darauf eingestellt waren. Wurde die Muskelaktivität verhindert, indem der Proband einen Stift mit den Lippen festhielt, blieb die Belustigung aus.

Daß Körper und Geist funktionell identisch sind, zeigen auch die Forschungen von Meredith Rowe und Susan Goldin-Meadow von der University of Chicago. Sie berichten von einer Langzeitstudie an fünfzig Familien, bei der sie herausfanden, daß Kleinkinder, die mit 14 Monaten häufig gestikulieren, im Alter von viereinhalb Jahren über einen größeren Wortschatz verfügen als ihre gestikulationsfaulen Altersgenossen.

Eine Erklärung, wie die Gestik des Kindes zu einem größeren Wortschatz führt, haben die Forscherinnen auch parat. Die Mutter reagiert beispielsweise auf den Fingerzeig ihres Sprößlings, indem sie ihm erklärt, was es sieht. Das Kind seinerseits benutzt die Hände, um sich seiner Umwelt mitzuteilen, wenn es bestimmte Dinge noch nicht aussprechen kann.

Hier haben wir eine hervorragende Illustration für die Einheit von Psyche (Wortschatz) und Soma (Gestik). Sogar beim Lernen von Mathematik ist die Wechselwirkung mit Gesten wichtig, wie die besagten Forscher der Universität von Chicago experimentell zeigen konnten.

Sozioökonomische Unterschiede wirken sich bereits mit 14 Monaten auf die Gestik aus, noch bevor sich die Kinder in ihrer gesprochenen Sprache unterscheiden, d.h. in Familien aus sozial besser gestellten Schichten wird mehr gestikuliert und die Kinder haben später einen entsprechend größeren Wortschatz.

Die meisten würden wahrscheinlich davon ausgehen, daß in den Unterschichten, „die es nicht so mit Worten haben“, mehr gestikuliert wird als in den ökonomisch besser gestellten Klassen. Dieser Widerspruch löst sich aus bioenergetischer Sicht sofort auf, wenn man daran denkt, daß die ökonomisch niedrige Stellung mit einer generellen Kontraktion der bioenergetischen und biosozialen Funktionen einhergeht: das eine bedingt das andere.

Man braucht nur in eine Fabrik gehen und wird dies sofort anhand der gedrückten Körpersprache der Arbeiter im Vergleich mit der souveränen Körpersprache der Führungskräfte illustriert sehen. Menschen der Unterschicht sprechen lauter, verlassen sich ganz auf ihr Organ. In der Bahn, im Restaurant, überall: schaut man sich jene an, die unangenehm laut sind, hat man stets einen Proleten vor sich. Nonverbale Hinweise, Zwischentöne, leise Andeutungen und Rücksicht scheint es für diese Leute nicht zu geben.

Was „bioenergetische Lebendigkeit“ angeht: Samuele Marcora (Universität in Bangor, Wales) et al. konnten experimentell nachweisen, daß geistige Erschöpfung auch die körperliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Man empfindet nach geistiger Verausgabung eine körperliche Belastung als deutlich anstrengender und fühlt sich eher erschöpft. Dabei arbeiten die Muskeln und das Herz-Kreislauf-System weiter ohne meßbare Veränderungen. Es ist, als senke das Gehirn die Toleranz für körperliche Anstrengung. Die Forscher versuchen hier neue Ansätze für die Behandlung von Erschöpfungszuständen wie etwa dem chronischen Erschöpfungssyndrom zu erschließen. Sie denken dabei an „Kontrollzentren im Gehirn“, den „Gyrus cinguli, ein Teil des Limbischen Systems, in dem motorische Kontrolle mit Emotionen und kognitiven Prozessen zusammengeführt wird“ und den Botenstoff Dopamin.

Sicherlich gehören diese physiologischen, neurologischen und biochemischen Elemente zum Gesamtbild, doch was ist dieses Gesamtbild?

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Reich in der Platonischen Akademie (Teil 2)

30. April 2013

Der Gegensatz von Quantität und Qualität ist die Grundlage der Physik. Durch diese Trennung hat sie sich von der Aristotelischen Philosophie befreit und ist zur Wissenschaft geworden. Zum Beispiel interessiert die Farbe Blau und ihr Verhältnis zur Farbe Rot in keinster Weise, sondern z.B. nur daß die „blauen“ Photonen energiereicher sind, als die „roten“. Daß Rot eine Signalfarbe ist und Blau etwas melancholisch wirkt, ist den Physikern egal und muß draußen vor bleiben. Für Reich war jedoch gerade die Aufhebung des Gegensatzes von Quantität und Qualität der Ausgangspunkt der Orgonomie.

Physiker räumen gerne ein, daß Aristoteles vielleicht ein guter Psychologe und Biologe gewesen sein mag, wenn er nur nicht sein psychologisches und biologisches Denken auf rein physikalische Phänomene übertragen hätte. Doch sowohl für Aristoteles als auch für Reich war es nicht die Aufgabe der Psychologie und Biologie der Physik zu folgen, sondern umgekehrt. Dazu schrieb Reich 1944 in einem Brief an seinen Mitarbeiter Theodore Wolfe:

Es ist kein Zufall, daß die Orgonenergie – d. h. die grundlegende kosmische Energie, die das Leben steuert – nicht im Kontext der Physik toter Materie, sondern im Kontext der Psychiatrie, der Emotionen, entdeckt wurde. Bei der Entdeckung habe ich in keinster Weise den Bereich der Bio-Psychiatrie verlassen. Die Beziehung zwischen der physikalisch-mathematischen Wissenschaft und der Wissenschaft vom Leben wird einfach umgekehrt: bis jetzt sind Biologie, Medizin, etc. der Chemie und Physik gefolgt und versuchten auf eine völlig verfehlte Weise ihre Wissenschaft auf Gesetze zu gründen, die im Bereich der anorganischen Physik entdeckt worden waren. Die Entdeckung des Orgons kehrt diese Beziehung um. Jetzt stellen die Funktionen lebendiger Organismen das Modell für die Erforschung einer grundlegenden Energie dar. Dies wird nicht nur für die Erforschung der Orgonenergie zur Anwendung kommen, sondern für weit mehr als dies: die vielen Lücken und Widersprüche im Bereich von Chemie und Physik werden ausschließlich durch die Tatsachen, die aus der Orgon-Forschung hervorgehen, gelöst werden. Von nun an, und das kann ich sicher voraussagen, wird es nicht mehr die Rolle von Biologie und Psychiatrie sein, Physik und Chemie zu folgen, vielmehr werden die Rollen vertauscht werden und es werden Physik und Chemie sein, die Biologie und Psychiatrie folgen, um sich auf eine bessere und exaktere wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Dies gilt auch in einem anderen, tieferen erkenntnistheoretischen Sinn. (American Odyssey, S. 223)

Dies ist in meinen Augen der spezifische Grund, warum fast jeder Physiker fast automatisch so negativ auf Reich reagiert. Schließlich entwickelte sich die Physik durch die Emanzipation vom Aristotelischen Ansatz, d.h. einer psychologistischen bzw. biologistischen Herangehensweise. Es ist nur allzu verständlich, daß Physiker derartig allergisch auf Reich reagieren, so als sei er im wahrsten Sinne des Wortes „mittelalterlich“.

Charles Konia führt in seinem Buch Neither Left Nor Right aus, daß alle bedeutenden politischen Denker seit der Antike entweder mystischen oder mechanistischen Theorien anhingen und auf dieser unpassenden Grundlage die Gesellschaft verstehen wollten. Aristoteles sei die einzige Ausnahme gewesen, denn er war an erster Stelle Naturwissenschaftler. Theorie hatten den Fakten zu folgen. Außerdem war er praktisch der einzige „mit einem auf der Biologie gründenden Verständnis der gesellschaftlichen Organisation“ (S. 6).

Die Wirklichkeit ist, so Konia, für Aristoteles nicht statisch, sondern entwickelt sich einem Ziel entgegen, d.h. sie ist funktioneller Natur. Bei Aristoteles steht das Ganze (etwa der Staat) vor dem Teil (das Individuum). Der Staat setze sich nicht aus einer Anzahl von Menschen zusammen (Quantität), sondern aus unterschiedlichen Arten von Menschen. Der Staat ist ein organisches Gebilde, das sich selbst reguliert, keine Maschine, die von Machteliten benutzt wird. Entsprechend sollte es nicht eine Herrschaft von Menschen, sondern die des Rechts geben. Aufgrund seines funktionellen Denkens konnte bereits Aristoteles vor dem Sozialismus warnen. (Im damaligen Sprachgebrauch redete Aristoteles in diesem Zusammenhang von „Demokratie“. Übrigens sind die westlichen Staaten, etwa die USA, England oder Deutschland nicht einfach „Demokratien“, sondern in Aristotelischer Tradition Republiken bzw. konstitutionelle Monarchien, d.h. der Souverän kann sich nicht willkürlich über Gesetze hinwegsetzen, manche Gesetze von Verfassungsrang nicht mal verändern!)

Insbesondere hebt Konia den Unterschied zum Mystizismus Platos hervor. Wie dies mit der Entdeckung des Orgons zusammenhängt, kann man sich vielleicht am besten am Leib-Seele-Problem vergegenwärtigen. Hans Hass führt aus, daß für Plato der Leib nur das Werkzeug der Seele gewesen sei. Der Leib sei ein „Fahrzeug“ der Seele, das sie wie ein „Steuermann“ lenke.

[A]nders sahen Aristoteles und viele nach ihm die Seele. Sie ist kein Wesen, das vom lebenden Körper getrennt existiert, sondern eine Kraft, die den Leib zum Lebendigen macht. Sie ist ein gestaltendes Prinzip, sie kommt auch schon den Pflanzen zu. Sie ist ein Formprinzip: Leib und Seele verhalten sich zueinander wie Stoff und Form (Duns Scotus). Kritolaos nannte die Seele „Quinta essentia“. Nach E. Becher ist sie der „führende Faktor“ in den Organismen. Die Aristotelische Bezeichnung „Entelechie“ wurde von H. Driesch übernommen. Die Seele ist eine ganzmachende ordnende Kraft, nur ein Teil der Seele sei im Menschen bewußt: das „lch“. (Naturphilosophische Schriften, Bd. 3: Energon-Theorie, München 1987, S. 266)

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  1. die Seele bestimmt den Körper;
  2. der Körper bestimmt die Seele;
  3. und
  4. Seele und Körper existieren nebeneinander und beeinflussen einander;
  5. und
  6. Seele und Körper schließen einander aus;
  7. und
  8. Seele und Körper sind ein und dasselbe;
  9. die biologische Energie.

The Journal of Orgonomy (Vol. 22, No. 2, November 1988)

25. April 2012

Reich führt aus, daß psychische bzw. unbewußte Wünsche und Haltungen keine somatischen Folgen zeitigen, sondern vielmehr die psychischen und somatischen Komponenten Ausdruck der zugrundeliegenden Panzerung sind („Orgonomic Thinking in Medicine”, Orgone Energy Bulletin, 4(1), Januar 1952, S. 3).

Sind Epilepsie und Schizophrenie psychische oder somatische Biopathien? Um diese Frage zu behandeln, müssen wir einen Blick auf die Panzersegmente werfen:

Wie Charles Konia in „Orgone Therapy: Part VII. The Application of Functional Thinking in Medical Practice“ (S. 256-267) ausführt, entstehen psychische Biopathien durch die Panzerung der drei Segmente (Augen-, Mund- und Becken-Segment), in denen sich die erogenen Zonen befinden (okular, oral, anal und phallisch), während somatische Biopathien durch die Panzerung aller sieben Segmente entstehen können. Dadurch wird natürlich beim okularen, oralen und beim Beckensegment die Grenze zwischen psychischen und somatischen Biopathien fließend.

Ohnehin sei, so Konia, der Begriff „psychosomatische Krankheiten“ denkbar ungeeignet („Somatic Biopathies (Part 1)”, Journal of Orgonomy, 23(2), November 1989, S. 224):

  1. werden die Krankheitsprozesse nicht richtig definiert;
  2. gibt es somatische Biopathien wie Parkinson und Multiples Sklerose, die nach schulmedizinischer Einschätzung gar keinen „psychischen“ Hintergrund haben; während andererseits
  3. ausnahmslos alle psychischen und somatischen Biopathien ganz offensichtlich sowohl psychische als auch somatische Komponenten aufweisen.

Reich hat dargelegt, daß, als der Organismus in Gestalt der Philosophen, Naturforscher und Ärzte sich selbst erforschte, er gar nicht umhin konnte Teilaspekte der Wirklichkeit jeweils korrekt wahrzunehmen. Der Fehler lag nur in der Panzerung der Beobachter der Natur begründet, die ihre Wahrnehmung zerstückelte und es verhinderte, daß sie das einheitliche Bild sahen. Dies hat erst Reich geleistet, als er die verschiedenen Anschauungen der mechanistischen und der vitalistischen Weltsicht, des psycho-physischen Parallelismus und der mystisch-theologischen und monistisch-naturphilosophischen Philosophien in einem System zusammengefaßt hat: den orgonomischen Funktionalismus („Orgonotic Pulsation“, International Journal of Sex-Economy and Orgone-Research, 3(2,3), Oktober 1944, S. 104f).

Ein Vorläufer Reichs hinsichtlich des Leib-Seele-Problems war der von Goethe beeinflußte romantische Arzt, Naturforscher, Philosoph und Maler Carl Gustav Carus (1789-1869). Diesem zufolge sei es falsch, wenn gesagt werde, „die Trauer wirke einen langsamen Herzschlag, ein Bleichen der Haut…, ein schluchzendes Atmen…, sondern es soll heißen: die Trauer ist eben teilweise alles dieses selbst“ (z.n. Hans Prinzhorn: Nietzsche und das XX. Jahrhundert, Heidelberg 1928, S. 20f). Carus geht dabei von Forschungen, nicht von philosophischen Spekulationen aus und bildete so eine Art von Proto-Orgonomie aus.