Reichs Vorwort zur dänischen Ausgabe von Freuds DREI ABHANDLUNGEN

VORWORT ZUR DÄNISCHEN AUSGABE

Die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von Sigmund Freud sind grundlegende Bestandteile des komplizierten und entwicklungsreichen Gebäudes, das er mit der Psychoanalyse geschaffen hat. Dieses Werk Freuds wird in seinem Schülerkreis mit Recht die „Bibel der Psychoanalyse“ genannt. Dennoch ist es seinem Wesen nach von nichts so weit entfernt wie von einer Bibel: Es enthält die sichersten Elemente einer naturwissenschaftlichen Sexualtheorie. Wie viele neue Entdeckungen die zukünftige Forschung innerhalb der Sexualpathologie und Psychopathologie uns auch schenken mag, Freuds Entdeckungen, wie sie hier zusammengefasst sind, werden nicht nur weiterhin die Grundlage jeder weiteren Sexualforschung bleiben, sondern ihr wesentlichster Inhalt wird zum bleibenden Besitz menschlichen Wissens gehören. Die Lehre vom Dasein und von der Entwicklung der Sexualität beim Kinde wird vielleicht in diesem oder jenem Detail, zum Beispiel in der Frage der sexuellen Konstitution, eine gewisse Korrektur erfahren, aber dass die Kinder von Geburt an von libidinösen Lustmechanismen beherrscht werden, kann nicht mehr geleugnet werden. Was Freud hier mit Hilfe der psychoanalytischen Methode entdeckte, wurde später durch die Entdeckung von Lipschütz u. a. bestätigt, dass der physiologische genitale Hormonapparat nicht, wie man bisher glaubte, erst in der Pubertät zu funktionieren beginnt, sondern bereits um die Geburt herum. Freuds Abgrenzung des Begriffs der Sexualität vom Fortpflanzungsbegriff und die Erweiterung des Sexualitätsbegriffs um die nichtgenitale (orale, anale usw.) Sexualität hat die gesamte Sexuologie auf ein sicheres Fundament gestellt. Die Formulierung des Begriffs der „Libido“, die er vor nunmehr über dreißig Jahren gab, als Maß der Energie des Sexualtriebes, und das Aufzeigen der Zusammenhänge zwischen den sexuellen Ich- und Objektinteressen, hatte einen umwälzenden Einfluss auf das gesamte Verständnis der seelischen Störungen. Selbst dort, wo Freud sich nur plastischer Bilder bediente, um die schwierigen seelischen Prozesse anschaulich zu machen, etwa im Vergleich zwischen der Aussendung des Objektinteresses und einem Pseudopodium, hat er sehr tiefe biologische Probleme berührt.

Da Laien die Psychoanalyse oft als eine Art Spekulation betrachten, kann nicht deutlich genug betont werden, dass jedes einzelne Stück ihrer naturwissenschaftlichen Theorie auf mühsamste Weise gewonnen wurde, und zwar nicht nur durch Selbstbeobachtung, sondern durch monatelange, oft jahrelange Beobachtung und Analyse krankhafter Seelenzustände. Die psychoanalytische Erkenntnis ist für jeden zugänglich, der sich die Methode der Analyse angeeignet hat oder frei genug von Sexualwiderstand ist, um die Phänomene, die ihr zugrunde liegen, unmittelbar an Kindern und Geisteskranken zu beobachten.

Die vorliegende dänische Übersetzung von Freuds Werk wird zweifellos vielen, die sich aus Mangel an Orientierung der Feindschaft gegen die Psychoanalyse angeschlossen haben, die notwendige Klarheit bringen, sodass sie selbst über den Wert der analytischen Forschung urteilen können.

Wilhelm Reich.

Übersetzt von Robert Hase

Quelle: TRE AFHANDLINGER OM SEXUALTEOR I SIGMUND FREUD PROFESSOR, DR. MED.

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