
Wilhelm Reich, Physiker: 7. Wahrheit und Wirklichkeit, b. Die fundamentale Ebene
1. Sowohl bei Freud als auch bei Reich sei die Störung der natürlichen Libido-Ökonomie die Ursache der Neurose. Tatsächlich betrachtete Freud jedoch das Ich als intrinsisch zu schwach, um mit den Trieben fertigzuwerden, so daß eine neurotische Entwicklung, d.h. das Auffahren diverser Abwehrmechanismen, unausweichlich sei, solle der Mensch nicht in haltloser Perversion a la de Sade versinken. Freud und Reich waren Gegensätze, auch wenn zumindest Reich das nicht recht wahrhaben wollte.
2. Gesunde Kinder sind nicht „polymorph pervers“! Beim gesunden Kind kommen spontan nur die orale und die genitale Libido zum Ausdruck. Insbesondere die anale Libido ist ein reines Kulturprodukt.
3. Reichs Lösung für die negative therapeutische Reaktion, also schlichtweg die Selbstsabotage der Patienten, wären befriedigende sexuelle Beziehungen gewesen. Nun, dagegen besteht ja gerade die Abwehr! Die Abwehrmechanismen müssen angegangen werden, bevor die Funktion des Orgasmus überhaupt greifen kann!
4. In der Orgontherapie gibt es keine „Atemtechnik“! Es geht darum, daß spontane naturgegebene Atmen zu befreien. Patienten das „richtige Atmen“ beibringen zu wollen oder es „einzutrainieren“, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Orgontherapie ist kein „Yoga“, sondern das diametrale Gegenteil!
5. Reich habe nur im Stalinismus einen Roten Faschismus gesehen. Lenin, Stalin und Mao hätten die ursprünglich emanzipatorischen Ansätze von Marx autoritär entstellt. Nun, Reich betrachtete auch die Labour-Regierung Englands nach dem Zweiten Weltkrieg als Roten Faschismus. Roter Faschismus ist nicht nur brutale Unmenschlichkeit unter linken Vorzeichen, sondern vor allem die politische Ausbeutung und zynische Perpetuierung der Hilflosigkeit der Massen. In dieser Hinsicht war Lenin für den in dieser Hinsicht arg naiven Reich die große Ausnahme, die Reich bis zum Ende gepriesen hat, wollte Lenin doch, daß der Staat unter Beteiligung aller Arbeitenden geleitet wird und in diesem Prozeß schließlich als überflüssig „arbeitsdemokratisch“ abstirbt. Im Vergleich dazu ist der Einfluß von Marx auf Reich eher marginal!
6. Soziopathen, Psychopathen und Faschisten hätten keine „dritte Schicht“, keine soziale Fassade, die die sekundären Triebe in Schach hält. Das mache sie so gefährlich. Vollständiger Unsinn! Ganz im Gegenteil haben sie eine sehr ausgeprägte soziale Fassade, nur daß diese ganz im Dienste der sekundären Schicht steht. Der Rote Faschist gibt vor, gegen die sekundäre Schicht zu sein, – um diese dann um so besser ausdrücken zu können.
7. Im Zentrum des politischen Elends steht, daß man immer den jeweils anderen die Schuld am menschlichen Elend gibt, während man das eigentliche Problem, nämlich die Emotionelle Pest, außer acht läßt. Oder anders formuliert: Moral („der Kampf gegen das Böse“) bringt immer das Gegenteil des Beabsichtigten hervor, nämlich Unmoral, das Böse. Versucht man nun in „orgonomischen“ Kreisen Beispiele aus der aktuellen Politik für diesen Mechanismus anzuführen, wird man sofort in eine pseudo-orgonomische politische Diskussion verwickelt, bei der es darum geht, der Gegenseite die Schuld zuzuschreiben. Das eigentliche Problem, das man doch nur exemplifiziere wollte, nämlich die zugrundeliegende Emotionelle Pest, fällt so wieder unter den Tisch.
By the way: Du lebst in einem rotfaschistischen Land!
Die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von Sigmund Freud sind grundlegende Bestandteile des komplizierten und entwicklungsreichen Gebäudes, das er mit der Psychoanalyse geschaffen hat. Dieses Werk Freuds wird in seinem Schülerkreis mit Recht die „Bibel der Psychoanalyse“ genannt. Dennoch ist es seinem Wesen nach von nichts so weit entfernt wie von einer Bibel: Es enthält die sichersten Elemente einer naturwissenschaftlichen Sexualtheorie. Wie viele neue Entdeckungen die zukünftige Forschung innerhalb der Sexualpathologie und Psychopathologie uns auch schenken mag, Freuds Entdeckungen, wie sie hier zusammengefasst sind, werden nicht nur weiterhin die Grundlage jeder weiteren Sexualforschung bleiben, sondern ihr wesentlichster Inhalt wird zum bleibenden Besitz menschlichen Wissens gehören. Die Lehre vom Dasein und von der Entwicklung der Sexualität beim Kinde wird vielleicht in diesem oder jenem Detail, zum Beispiel in der Frage der sexuellen Konstitution, eine gewisse Korrektur erfahren, aber dass die Kinder von Geburt an von libidinösen Lustmechanismen beherrscht werden, kann nicht mehr geleugnet werden. Was Freud hier mit Hilfe der psychoanalytischen Methode entdeckte, wurde später durch die Entdeckung von Lipschütz u. a. bestätigt, dass der physiologische genitale Hormonapparat nicht, wie man bisher glaubte, erst in der Pubertät zu funktionieren beginnt, sondern bereits um die Geburt herum. Freuds Abgrenzung des Begriffs der Sexualität vom Fortpflanzungsbegriff und die Erweiterung des Sexualitätsbegriffs um die nichtgenitale (orale, anale usw.) Sexualität hat die gesamte Sexuologie auf ein sicheres Fundament gestellt. Die Formulierung des Begriffs der „Libido“, die er vor nunmehr über dreißig Jahren gab, als Maß der Energie des Sexualtriebes, und das Aufzeigen der Zusammenhänge zwischen den sexuellen Ich- und Objektinteressen, hatte einen umwälzenden Einfluss auf das gesamte Verständnis der seelischen Störungen. Selbst dort, wo Freud sich nur plastischer Bilder bediente, um die schwierigen seelischen Prozesse anschaulich zu machen, etwa im Vergleich zwischen der Aussendung des Objektinteresses und einem Pseudopodium, hat er sehr tiefe biologische Probleme berührt.
Da Laien die Psychoanalyse oft als eine Art Spekulation betrachten, kann nicht deutlich genug betont werden, dass jedes einzelne Stück ihrer naturwissenschaftlichen Theorie auf mühsamste Weise gewonnen wurde, und zwar nicht nur durch Selbstbeobachtung, sondern durch monatelange, oft jahrelange Beobachtung und Analyse krankhafter Seelenzustände. Die psychoanalytische Erkenntnis ist für jeden zugänglich, der sich die Methode der Analyse angeeignet hat oder frei genug von Sexualwiderstand ist, um die Phänomene, die ihr zugrunde liegen, unmittelbar an Kindern und Geisteskranken zu beobachten.
Die vorliegende dänische Übersetzung von Freuds Werk wird zweifellos vielen, die sich aus Mangel an Orientierung der Feindschaft gegen die Psychoanalyse angeschlossen haben, die notwendige Klarheit bringen, sodass sie selbst über den Wert der analytischen Forschung urteilen können.
Wilhelm Reich.
Übersetzt von Robert Hase
Quelle: TRE AFHANDLINGER OM SEXUALTEOR I SIGMUND FREUD PROFESSOR, DR. MED.
STORE NORDISKE VIDENSKABSBOGHANDEL KØBENHAVN 1935

Was niemand zu sehen scheint, ist ein entscheidender Unterschied zwischen der autoritären Gesellschaft und der gegenwärtigen woken antiautoritären Gesellschaft: In der konservativen autoritären Gesellschaft handelte jeder als Individuum, aber die inneren Werte, Gefühle und Kognitionen waren fast identisch. Das miteinander Diskutieren war einfach, weil alle im Wesentlichen auf der gleichen Wellenlänge waren. Heute, in der antiautoritären Gesellschaft, wollen die Menschen einen Job in der Regierung oder fügen sich nahtlos in bürokratische Großunternehmen mit ihrem Qualitätsmanagement und ihren Manuals ein, denen jeder Angestellte wie ein willenloser Roboter folgen muß. Im öffentlichen Raum verschwindet das Individuum. Im Gegensatz dazu hat jeder antiautoritäre Mensch ein „individuelles“ Innenleben, das so weit geht, daß jeder sein eigenes Geschlecht, eigene Pronomen und sogar seine eigene „Spezies“ („Furys“ usw.) hat. Jeder hat seine „eigene Sichtweise“ und es ist fast unmöglich, eine gemeinsame Basis zu finden. Die Menschen halten unverrückbar an ihren „Meinungen“ fest.
Es ist eine Welt, die auf dem Kopf steht und von innen nach außen gekehrt ist! Das Innenleben ist zersplittert, als gehöre es in den orgonometrischen Bereich der „relativen Bewegung“, und die äußere Welt wird auf psychotische Weise behandelt, als gehöre sie in den orgonometrischen Bereich der „koexistenten Wirkung“. Man vergleiche nur Bilder von einem Straßenzug aus der Wilhelminischen Ära mit den gleichen Straßenzügen heute: früher war die äußere Welt ein Dschungel voller exotischer Gewächse, während die Menschen innerlich grundlegend gleich waren, heute ist die äußere Welt eine kubistische Langeweile, während das Innenleben der Menschen ein wilder Urwald ist.
Wie Reich bereits 1927 in seinem Buch Die Funktion des Orgasmus feststellte, ist jeder wirkliche Orgasmus bei Männern und Frauen gleichgeartet und gleich stark ausgeprägt. Es ist alles andere als abwegig, dies auf das gesamte innere Erleben gesunder Menschen auszudehnen. Schon damals konterten die Psychoanalytiker, daß Reich „Individualität“ akzeptieren solle, daß jeder „Orgasmus“ individuell sei und daß Perverse etc. ihre eigene Art von „Orgasmem“ hätten etc. Heute hat jeder Antiautoritäre seine „eigene“ Sexualität. Wie Reich in Die sexuelle Revolution schrieb: „Die sogenannte individuelle Differenzierung der Menschen ist heute im wesentlichen ein Ausdruck überwuchernder, neurotischer Verhaltensweisen“ (Fischer TB, S. 29).
Aber fangen wir von vorne an: Es gibt eine Frage, die mich seit Jahren, ja Jahrzehnten beschäftigt. Betrachten wir „Dinge“ wie Bäume. Jeder Baum ist anders und einzigartig, aber dennoch ist jeder von ihnen ein „Baum“. Man nehme nun hingegen innere „Dinge“ wie Langeweile, Liebe, Schmerz usw. Auch hier ist jeder davon überzeugt, daß seine Langeweile, seine Liebe, sein Schmerz usw. ebenso einzigartig wären wie ein bestimmter Baum und daß die Begriffe „Langeweile“, „Liebe“, „Schmerz“ usw. ebenso substanzlos sind wie der abstrakte Begriff „Baum“. Das Problem ist, daß ein Baum ein separates mechanisches Ding ist, das ich fällen, verbrennen, umarmen und was auch immer kann. Bei Gefühlen und anderen „Bewußtseinsinhalten“, d.h. dem gesamten emotionalen und kognitiven Innenleben, ist es jedoch grundlegend anders. Sie sind überhaupt keine separaten „Dinge“ mit Teilen und Ausdehnung, sondern, nun ja, in Ermangelung eines besseren Begriffs, eher „Platonische Ideen“. Ich kann sie nicht „zerschneiden“, „verbrennen“, „umarmen“ oder irgendetwas Mechanisches mit ihnen machen, weil sie funktionelle Ganzheiten darstellen. Und deshalb stelle ich in Frage, ob sie „individuell“ sind; d.h. Peters Langeweile, Liebe, Schmerz usw. ist genau dasselbe wie Ludwigs Langeweile, Liebe, Schmerz usw. Sie sind absolut identisch. Wir alle empfinden genau die gleichen „Dinge“!
Jeder normal denkende Mensch wird empört einwenden: „Ich würde sagen, daß meine Liebe und mein Schmerz und deine Liebe und dein Schmerz unterschiedlicher sind als zwei Bäume derselben Art.“ Das antwortet jeder vernünftige Mensch, eigentlich 99,99 Prozent aller Menschen weltweit. Aber dennoch: Man kann beweisen, daß kein Baum mit einem anderen Baum völlig identisch ist. Bei unserem Innenleben ist die Situation völlig anders. Wir nehmen an, daß jeder einzelne Schmerz einzigartig ist. Aber das bezweifle ich. Nehmen wir zum Beispiel zwei Bäume. Alle „zwei Bäume“ auf der Welt sind anders als alle anderen „zwei Bäume“. Aber die abstrakte „Zwei“ (die Zahl 2) ist identisch. Oder man nehme ein Sandkorn: Es unterscheidet sich von jedem anderen Sandkorn auf der Welt. Sie alle sind einzigartige Individuen. Aber sie sind aus Molekülen, Atomen und Elementarteilchen (Protonen, Neutronen und Elektronen) zusammengesetzt. Und diese Grundelemente sind, wie jeder Physiker bestätigen wird, absolut ununterscheidbar identisch. Ich erinnere an die absurde, merkwürdig „psychische“ Welt der Quantenphysik!
Wie wäre ein Gespräch, eine Sprache oder sogar Liebe oder jedes andere wechselseitige Einfühlen möglich, wenn wir „Individuen“ und absolut einzigartig wären? Wie können wir über Schmerz oder etwas anderes sprechen? Wie ist eine Therapie möglich, wenn wir füreinander „terra incognita“ sind? Vielleicht ist sie nur deshalb möglich, weil es nur einen Schmerz gibt? Es war Reich, der sagte, daß Lust Expansion ist, Angst Kontraktion usw. Er reduzierte die „individuellen“, „einzigartigen“ Gefühle auf einfache universelle Funktionen, was ihm bis heute von feinfühligen Psychologen zutiefst übelgenommen wird.
Ist das nicht der Grund, warum die Menschen aus Orgasmusangst vor der Orgonomie weglaufen: weil sie ihre angebliche „Individualität“ gefährdet und sie auf „pulsierendes Protoplasma“ und das „Orgonom“ reduziert? Was ist Orgasmusangst, wenn nicht die Angst, sich selbst zu verlieren? Die Angst vor dem Schlaf, letztlich die Angst vor dem Tod.
Das ganze ist mit dem Kern, oder sagen wir lieber der Grundtendenz, von Reichs Arbeit verbunden:
Die Sache der Psychoanalyse war groß und stark. Sie schlug dem üblichen menschlichen Denken ins Gesicht. Du glaubst, daß du mit freiem Willen dein Handeln bestimmst? Falsch! Dein bewußtes Handeln ist nur ein Tropfen auf der Oberfläche eines Meeres unbewußter Vorgänge, von denen du nichts wissen kannst, die zu wissen du fürchtest. Du bist stolz auf die „Individualität deiner Persönlichkeit“ und die „Weite deines Geistes“? Falsch! Du bist im Grunde nur ein Spielball deiner Triebe, die mit dir tun, was sie wollen. Das kränkt deine Eitelkeit schwer, gewiß! Doch ebenso kränktest du dich, als du erfahren mußtest, daß du von den Affen abstammst und daß die Erde, auf der du kriechst, nicht das Zentrum der Sternenwelt ist, wie du einmal gerne glaubtest. Du glaubst noch immer, daß die Erde unter den Milliarden Sternen als einziger Stern belebte Materie trägt. Du bist kurzerhand bestimmt von Vorgängen, die du nicht beherrschst, nicht kennst, fürchtest und falsch auslegst. Es gibt eine seelische Wirklichkeit, die weit über dein Bewußtsein reicht. Dein Unbewußtes ist wie das Kantsche „Ding an sich“: Es ist nie selbst zu fassen, es gibt sich nur in Äußerungen zu erkennen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 38)
Ähnliches hat Reich in Bezug auf Marx geschrieben! Ich werde darauf sogleich zurückkommen! Letztlich geht es hier um die mittelalterlich, scholastische Diskussion zwischen Nominalismus und Realismus (Platonismus: Platons Ideen sind real = „Realismus“). Ich glaube, daß Reich in dieser Hinsicht stark von Marx und Freud beeinflußt wurde, die beide mit einer nominalistischen Kritik an Wissenschaft und Gesellschaft begannen, jeweils jedoch mit einer ausgeprägten (Platonistisch) realistischen Perspektive endeten. Reich hatte eine ähnliche Entwicklung, die in seinem Buch Die kosmische Überlagerung kulminierte, das eine deutlich (Platonistisch) realistische Ausrichtung hat.
Marx hob, nicht zuletzt durch Max Stirner inspiriert, mit einer nominalistischen Kritik des Hegelschen Idealismus an und wandte sich den Individuen und ihrem konkreten Leben zu, ging aber letztlich doch davon aus, daß abstrakte soziale Konzepte reale, autonome Wirkungen haben und nicht allein auf individuelle Handlungen reduziert werden können. Er glaubte, daß soziale Strukturen, wie z.B. Klassenbeziehungen, real sind und eine Autonomie besitzen, die über den bewußten Willen der Individuen hinausgeht. Nicht zuletzt seine Werttheorie („Mehrwert“) macht nur vor dem Hintergrund von „Universalien“ Sinn. Eine ähnliche Herangehensweise findet sich, wie bereits angeschnitten, bei Freud, der als erster das Individuum und dessen je eigene innere Erfahrungswelt wirklich ernst nahm, um dann doch mittels der „Universalien“ das „Es“, das „Unbewußte“ und nicht zuletzt die psychische Energie „Libido“, aus der die individuellen Existenzen hervorgehen, eine (Platonistisch) realistische Perspektive einzunehmen.
In Massenpsychologie des Faschismus beschreibt Reich seine Massenversammlungen zur Zeit der Sexpol Anfang der 1930er Jahre und wie die sexualpositive „Massenatmosphäre“ der Meetings die generelle Sexualablehnung zwar nicht aufheben, aber zumindest zeitweise paralysieren könne, so daß das allerintimste Empfinden gesellschaftsverändernd fruchtbar gemacht werden kann: „Es geht also nicht darum zu helfen, sondern Unterdrücktheit bewußt zu machen, den Kampf zwischen Sexualität und Mystik ins Licht des Bewußtseins zu rücken, ihn unter dem Drucke einer Massenideologie zum Auflodern zu bringen und in soziale Aktion zu überführen“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 175).
Wie sähe ein solches Vorgehen heute in der antiautoritären Gesellschaft aus? Zunächst einmal werden wir alle ohnehin schon von den intimsten (sexuellen) Geheimnissen unserer Mitmenschen ständig belästigt. Und das nicht nur über die Medien, sondern auch im Alltag, wo die Menschen manchmal eine geradezu psychotische Distanzlosigkeit zeigen. Dazu hat sicherlich auch das Internet beigetragen, wo man sich so schön hinter einem Avatar verbergen kann. Kontaktlosigkeit wohin man schaut.
Die „Unterdrücktheit“ bewußtmachen? Reich dachte da in erster Linie an die Unterdrückung des sexuellen Lebensglücks. Die Unterdrückung des rein materiellen Lebensglücks führt unmittelbar zur Rebellion und bedarf keiner Massenpsychologie. Da die sexuelle Unterdrückung jedoch den Charakter des Massenindividuums so verformt, daß es die Unterdrückung hinnimmt, sogar für sie streitet, wollte Reich wie oben erörtert, diese inneren Hemmungen sozusagen austricksen.
Die Glieder der antiautoritären Gesellschaft sind leider ganz anders geartet, da von inneren Hemmungen nicht mehr die Rede sein kann. Die Massenindividuen sind tendenziell nicht mehr triebgehemmt, sondern ganz im Gegenteil triebhaft. Was also bewußtmachen?
Um diese Frage beantworten zu können, wäre es nützlich, zunächst die funktionelle Identität von Sexualität und Arbeit zu erfassen:
Wir nennen die Beziehung eines Menschen zu seiner Arbeit, wenn sie ihm Freude macht, „libidinös“; die Beziehung zur Arbeit ist, da Arbeit und Sexualität (im engsten und weitesten Sinne) aufs engste miteinander verflochten sind, gleichzeitig eine Frage der Sexualökonomie der Menschenmassen; von der Art, wie die Menschenmassen ihre biologische Energie anwenden und befriedigen, hängt die Hygiene des Arbeitsprozesses ab. Arbeit und Sexualität entstammen der gleichen biologischen Energie. (ebd., S. 263)
Anfang der 1930er Jahre war Arbeit geprägt von:
Darauf (und zwar ausschließlich darauf) geht der Reichtum Deutschlands zurück. Wie kein anderes Land (vielleicht mit Ausnahme von Japan und Korea) verkörpert es eine autoritäre Gesellschaft – bzw. hat sie verkörpert.
Als leidgeprüfter Konsument und (Mit-) Produzent erfährt jeder tagtäglich, daß beide Grundlagen unserer Gesellschaft zusehends erodieren. An ihre Stelle tritt:
Oder mit anderen Worten: es geht darum, nicht „ausgebeutet“ zu werden. Dafür gibt es mittlerweile sogar „Ratgeber“ im Buchhandel: geschäftig tun, wenn der Vorgesetzte vorbeigeht, ansonsten nur das allernotwendigste leisten, damit das Nichtstun nicht auffällt.
Früher lebte man, um zu arbeiten, heute arbeitet man, um zu leben. Das „wahre Leben“ beginnt nach Arbeitsschluß. Die Menschen befinden sich in einem chronischen Expansionszustand und sind vollkommen kontaktlos, was man schon daran sieht, daß von der Substanz gelebt wird.
Was wäre also Sexpol-Arbeit heute? Zunächst einmal muß man sich bewußtmachen, daß Reichs sozusagen „gruppentherapeutischer“ Ansatz zu Sexpol-Zeiten funktionell identisch ist mit dem sich zeitlich unmittelbar daran anschließenden vegetotherapeutischen, also „körpertherapeutischen“ Ansatz: es ging um die Freilegung der biologischen Energie durch Beseitigung der Hemmungen.
In der antiautoritären Gesellschaft ist jedoch kein Platz mehr für die überkommene von Reich und Elsworth F. Baker entwickelte weitgehend körpertherapeutisch orientierte Orgontherapie, da die „Beseitigung von Hemmungen“ beim Neuen Menschen zu noch mehr Kontaktlosigkeit führt, also sich sein Zustand noch weiter verschlimmert.
Die vordringlichste Maßnahme ist deshalb die Wiederherstellung der Kontaktfähigkeit. Das bedeutet es heute, wenn man etwas „ins Licht des Bewußtseins“ rücken will! „Sexpol-Arbeit“ bedeutet heute nichts anderes als logisches, d.h. orgonometrisches Denken. Oder mit anderen Worten: sie kann nur bedeuten, den Massen die Orgonomie nahezubringen. Es geht also hier bei „Liebe, Arbeit und Wissen“ vor allem um das Wissen.
Die Frage ist, welche soziale Strömungen die Orgonomie heute nutzen kann. Früher waren Nationalsozialismus und Stalinismus unser Todfeind, heute sind es Political Correctness, Wokeness und Multikulturalismus (bzw. sind sie hinzugetreten). Früher war es der verzerrte Kontakt, heute ist es die Kontaktlosigkeit. Eine hervorragende Verkörperung jener Kräfte, die die Orgonomie nutzen kann, finden sich insbesondere dort, wo die Arbeitsfunktion unterstützt wird, also bei der sogenannten „Rechten“ mit ihrem bemerkenswert klaren und „amoralischem“ Denken.
1870 notierte sich Nietzsche, daß der Mensch sich den Tieren nicht als zugehörig empfinde (Studienausgabe, Bd. 7, S. 102). Er fügt hinzu, der Mensch müsse sich durch die Illusion des Nichttierseins dem „Gesamtzweck des Weltwillens“ entziehen, denn nur im Wahn seiner Überweltlichkeit könne er Frieden finden. Anders als bei Reich konnte bei ihm also von einer „Rückkehr zur Natur“ nicht die Rede sein.
Zwar gab Nietzsche 18 Jahre später an, auch er rede von „Rückkehr zur Natur“, doch diese sei „eigentlich nicht ein Zurückgehen, sondern ein Hinaufkommen“ (Götzendämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen, A 48). Wie nahe Nietzsche der Vorstellung der Orgonomie kommt und wie gleichzeitig unendlich fern er ihr steht (da er primäre und sekundäre Triebe nicht ausreichend trennt), zeigt folgende Stelle aus Der Antichrist (A 3):
Nicht was die Menschen ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen ist das Problem … (– der Mensch ist ein Ende –): sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren. Dieser höherwertigere Typus ist oft genug schon dagewesen, aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare – und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, – der Christ…
Von Stirner und Nietzsche beeinflußt schrieb Reich 1920, der Mensch müsse sich aus seinen infantilen inzestuösen Bindungen lösen, genauso habe die ganze Menschheit in ihrer „geistigen Phylogenese“ die Reife des Mannes zu erlangen, der „er selbst“ ist, „wie es einzelnen Individuen in der Ontogenese tausendfach gelang“. Die Menschheit befinde sich also noch auf der „infantilen Stufe“ und der Fortschritt liege in der „phylogenetischen Reifung“ der Menschheit hin zur „geistigen Individualität“ (Frühe Schriften, S. 71).
Die Psychoanalyse hat Freuds „Libido“ mit dem platonischen „Eros“ gleichgesetzt (siehe dazu auch Götzendämmerung, A 23). Der Nietzsche-Interpret Walter Kaufmann hat das gleiche mit Nietzsches Willen zur Macht getan. Nietzsche lasse keinen Zweifel daran, „daß dieser Trieb der Eros ist, der sich erst in der Selbstvervollkommnung erfüllen kann“ (Nietzsche, Darmstadt 1988, S. 298). Bei Reich ist diese Erfüllung identisch mit Genitalität, d.h. der liebevollen Selbsthingabe, bei Nietzsche mit dem antiken „hedonistischen“ verfeinerten, andauernden Glück der Selbstüberwindung. Der erste Psychologe Nietzsche spricht hier von der Sublimation, wie sie später auch Freud verstand – die Reich dann durch sein Konzept der Genitalität ersetzte.
Nietzsches Meisterung des Chaos durch eine bezwingende Idee („Wille zur Macht“) wird durch Reichs Genitalität („Hingabe“) aufgehoben, die wiederum dem Platonischen „Eros“ entspricht, d.h. dem Hingezogensein aus der Welt der bloßen Schatten zu den perfekten schönen Gestalten der Ideenwelt. Doch hinter der „übersinnlichen Realien“ des Platon verbirgt sich etwas sehr Sinnliches, das als genitale Umarmung identisch ist mit dem allgemeinen Funktionsprinzip der kosmischen Überlagerung und schließlich mit jener Ewigkeit, die sich am Höhepunkt des Tages, dem Platonischen „Großen Mittag“ Nietzsches, wenn die Sonne im Zenit steht und die Schatten verschwinden, aktualisiert. Erst Reich hat das mit Leben erfüllt, was die beiden, jedenfalls nach Kaufmans Einschätzung, größten Denker der Menschheit (Platon und Nietzsche) halbfertig – erdachten. Immerhin kam Nietzsche dem schon sehr nahe (und stand ihm gleichzeitig sehr fern) als er schrieb:
Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurzen Zeiten des Stillstandes, mitten innen zwischen dem Aufsteigen und Absteigen eines regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles andere ist Durst und Hunger – oder Überdruß. (Der Wanderer und sein Schatten, A 193)
Was sekundäre Triebe betrifft entspricht die Nietzschesche Sublimation des Willens zur Macht, die zur aristokratischen Noblesse, menschlicher Größe und Gerechtigkeit führt, dem „Erkenne dich selbst“ aus Reichs Rede an den Kleinen Mann. Doch ansonsten steht Nietzsche sicherlich Freud näher als Reich, wie die Kapitelüberschriften des Hauptteils von Kaufmanns Buch zeigen:
Nietzsches Philosophie der Macht: „Moral und Sublimierung“, „Sublimierung, Geist und Eros“ und „Macht gegen Lust“
Nietzsche ging es wie Freud um Bändigung, Sublimierung und (im Sinne Hegels) Auf-Hebung der Natur, was zwar nicht schlichtweg mit der Unterdrückung der Natur gleichzusetzen ist, aber bei einer mangelnden Unterscheidung zwischen primären und sekundären Trieben doch darauf hinausläuft.

Wie jede Wissenschaft ist auch die Orgonomie eine Geschichte von Fehlschlägen. Die Theorie von heute wird morgen kopfschüttelnd überwunden. Fangen wir mit der Psychoanalyse an, die als Reich um 1920 herum auf den Plan trat, schlicht und ergreifend gescheitert war. Das beliebige Bewußtmachen unbewußter Anteile der Psyche machte die Menschen nicht gesünder. Freud entwickelte daraufhin die Todestriebtheorie: eh alles scheiße und man muß sich in dieser Scheiße einrichten! Reich entwickelte hingegen die Charakteranalyse, d.h. das systematische Aufdecken der unbewußten Anteile – was dem Grundwesen der Freudschen Psychoanalyse fundamental widersprach (unsystematisches „freies Assoziieren“). Die 1920er Jahre waren sozusagen die Orgonomie 0.0.
In den 1930ern versuchte Reich das Erbe von Friedrich Kraus (Flüssigkeits- und Ionenströme im Körperplasma) weiterzuführen (Orgonomie 1.0), nur um am Ende feststellen zu müssen, daß die ganze „bioelektrische Theorie“ vorne und hinten nicht paßte und er etwas tun mußte, was er zuvor dezidiert abgelehnt hatte: aus der Libido eine Art „Lebensenergie“ zu machen. Die sexualökonomische Lebensforschung wurde wie zuvor die klassische Psychoanalyse zur Makulatur und es entwickelte sich die „Orgon-Biophysik“, die Orgonomie 2.0. Bis 1950 wurde alles schön ausgearbeitet und am Ende erstmals von Rech als „Orgonomie“ bezeichnet. Bumm, das ORANUR-Experiment schlug ein und versenkte diesen Ozeanriesen, da zentrale Voraussagen schlichtweg falsch waren! Diese Orgonomie 3.0 entwickelte sich in den 1950er Jahren inmitten der juristischen Auseinandersetzungen und dem ORANUR-Chaos.
Nach Reichs Tod versuchte Charles Konia das von Reich hinterlassene Trümmerfeld aufzuräumen und stellte fest, daß dessen „orgonometrischen“ Aufstellungen nicht recht zusammenpaßten. Resultat war eine neue Ausstellung, die die Einführung der Funktion „koexistierende Wirkung“ erzwang, was die Orgonomie mit der Jahrtausendwende wieder vollkommen umwarf: aus einem Weltbild einer Art „feinstofflichen“ Sauce, die das Weltall durchwabert, zu einer, na ja, vielleicht mehr „holographischen“ Welt: Orgonomie 4.0.
Um die Entwicklung und den heutigen Stand der Orgonomie erfassen zu können, muß etwas weiter ausgeholt werden – hier am Beispiel meines Aufsatzes über Orgonogenetik:
Das Orgon hat zwei Eigenschaften im Bereich der relativen Bewegung: Pulsation und die Kreiselwelle („energetisches Orgonom“, „Bohnenform“, „Embryoform“). Zunächst einmal läßt sich zeigen, daß die Pulsation (verkörpert im Vegetativen Nervensystem) sich im Verlauf der Evolution zum Menschen immer weiter differenziert und eindeutiger wird, d.h. der Sympathikus repräsentiert im Verlauf der Stammesgeschichte immer eindeutiger Kontraktion und entsprechend der Parasympathikus die Expansion. Primordiale Orgonenergie-Funktionen werden also immer eindeutiger zu Struktur. Parallel dazu werden die Emotionen immer bedeutsamer („Emotionalisierung“). Das gleiche gilt für die Orgonom-Form und die zunehmende „Sexualisierung“ des Menschen im Vergleich zu unseren evolutionären Vorfahren bzw. deren gegenwärtigen Repräsentanten.
Der Materie (DOR) wird auf dieser Weise im Zeitverlauf der Stempel der „Prämaterie“ (Orgon) aufgedrückt. Das kann man unmittelbar unter dem Mikroskop bei Bionen beobachten, die aus zerfallender Materie hervorgehen und sich zu Protozoen organisieren, oder indirekt wenn man die auffallende „mechanisch“ wirkenden Urtiere mit heutigen „geschmeidigen“ Tieren vergleicht.