Der Kapitalismus ist nicht die Lösung

Reich wurde in eine Familie von Großgrundbesitzern hineingeboren, die in Galizien wie kleine Landadlige herrschten. Verhältnisse wie heute vielleicht in Guatemala! Im Ersten Weltkrieg implodierte diese Welt. Wie viele seiner Generation war der restlos desillusionierte Frontkämpfer Reich vom „russischen Experiment“ fasziniert. In seiner Tätigkeit als Psychiater und Psychotherapeut, der Ambulanzen für Mittellose anbot, hatte er aus erster Hand Einblicke in das schier ausweglose Elend der Nachkriegszeit. Leute wie die Hausärztin Marie „Mizzi“ Frischauf-Pappenheim (1882-1966) überzeugten ihn schließlich von der Marxistischen Wirtschaftstheorie. Eine gerechte Welt war möglich.

Zwar glaubte er im Laufe der Zeit weniger und weniger an linke Politik, die im Kern „Sozialpolitik“ ist (d.h. von der Hilflosigkeit der Massen lebt und diese perpetuiert) und formulierte sein Konzept der „Arbeitsdemokratie“, doch am ökonomischen Kerngehalt des Marxismus hielt er stets fest, zumal er am Ende seines Lebens zunehmend mit der ekelerregenden Geschäftemacherei der Pharmaindustrie konfrontiert war. Der Orgonenergie-Akkumulator war eine potentielle Gefährdung ihrer Profite! (Reichs Anwälten wurde das ganz offen gesagt.)

In meiner Auseinandersetzung mit Marx habe ich in diesem Blog zu zeigen versucht, daß dessen „Politökonomie“ unvereinbar mit Reichs Konzept Arbeitsdemokratie ist, es jedoch eine große Schnittmenge zwischen der Arbeitsdemokratie und Friedrich August von Hayek gibt, der „Österreichischen Schule“ in der Ökonomie.

In der Österreichischen Schule geht es im Grunde nur um eines: die Wirtschaft ist dermaßen „organisch verwoben“, daß man sie nicht von außen regulieren kann.

Friedrich August von Hayek’s time has come! In diesem Artikel wird jedoch kritisch angemerkt, daß die Österreichische Schule nicht erklären kann, warum die Märkte immer wieder daran scheitern, eine vernünftige und vor allem finanzierbare Gesundheits- und Altersversorgung für die Unterschicht bereitzustellen.

Beispielsweise ist das Gesundheits- und Rentensystem von der Qualität her in den USA zwar geradezu traumhaft, wenn man ein gutes Einkommen hat oder auch zufällig in der richtigen Branche, in der richtigen Firma arbeitet, aber für die Armen und auch für ein Gutteil der Mittelschicht ist es die reinste Katastrophe. Selbst wenn niemand hungern muß und im Notfall für medizinische Versorgung gesorgt wird (MEDICAID und MEDICARE), bleiben beispielsweise künstliche Hüftgelenke, die in Deutschland eine Selbstverständlichkeit sind, für viele alte Amerikaner ein unerreichbarer Traum. Deutsche können da nur vollkommen fassungslos mit dem Kopf schütteln.

Reichs erste Formulierungen seiner „Arbeitsdemokratie“ vom Ende der 30er Jahre erinnern sehr an „rätekommunistische“ und „anarcho-syndikalistische“ Konzepte – „unter Ausschluß des Privateigentums an gesellschaftlichen Produktionsmitteln“. Organisatorische Anregungen, die er bald fallenließ und durch eine Maxime ersetzte: Funktion hat stets Priorität vor Struktur – der rationale Arbeitsprozeß selbst soll die Gesellschaft bestimmen.

Damit näherte sich Reich der Vorstellungswelt der Österreichischen Schule sehr stark an. Es war nur folgerichtig, daß Hayek’s The Road to Serfdom zu einer der Grundtexte der Orgonomie wurde. Aber, wie gesagt, es gibt Lücken in der Österreichischen Schule, die ausgerechnet für die Orgonomie von zentraler Bedeutung sind, insbesondere das Gesundheitswesen.

Der Kapitalismus hat für eine praktisch hundertprozentige Versorgung der Bevölkerung mit Kühlschränken, Waschmaschinen, Telefonen, etc., neuerdings sogar mit Computern, gesorgt. Bei allem was recht ist: ich möchte in keinem anderen System leben und wäre bereit zur Waffe zu greifen, wenn hier der Sozialismus (oder meinetwegen „Rätekommunismus“) eingeführt würde! Gleichzeitig möchte ich aber auch nicht, daß zentrale Bereiche von „Liebe, Arbeit und Wissen“ vom Profitdenken bestimmt werden. Ich möchte nicht, daß die Alten und Schwachen unter die Räder geraten.

Genau hier ist Raum für Reichs „prä-amerikanische“ Überlegungen über „Arbeits- und Konsumvertreter“, die, um Reich zu paraphrasieren, aus ihren sachlich-fachlichen Kenntnissen und Fähigkeiten heraus die Interessen und materiellen Bedürfnisse der arbeitenden Massen vertreten (siehe Die natürliche Organisation der Arbeit, 1939).

Dies geschieht heute in jeder gutgeführten gemeinnützigen Organisation, solange sie nicht von irgendeiner meschuggen Ideologie bestimmt wird. Es ist kaum einzusehen, warum sich Medizin und Altenpflege flächendeckend nicht ähnlich organisieren lassen. (Wobei natürlich jedem freistehen sollte, daneben privatwirtschaftliche Lösungen anzubieten.)

Und es geht hier nicht nur um den Kapitalismus mit seinen Profitinteressen, sondern auch um jene Sozialdrohnen, die wie die Maden im Speck von der gegenwärtigen Sozialbürokratie leben. Man erzähle mir nicht, diese Leute hätten keine „Profitinteressen“! Beide, die „Kapitalisten“ und die „Sozialisten“, haben ein wirtschaftliches Interesse daran, daß den Menschen langfristig nicht geholfen wird.

Ein genuin arbeitsdemokratisches System würde die Medizin und sogar die Altenpflege mit der Zeit schrumpfen lassen. (Wenn man ihnen nur vernünftig hilft, können Alte sehr lange ein selbstbestimmtes und produktives Leben führen!) Ausgerechnet jene Bereiche also, die heute als „Zukunftsbranchen“ gelten.

Es geht um Solidarität – um Liebe. Wir brauchen einander. Das Problem ist, daß zwei Ebenen verquickt werden, die man auseinanderhalten muß: den Kapitalismus, der von Effizienzdenken und monetärem Kalkül geprägt ist, und die grundlegendere Arbeitsdemokratie, in der es darum geht, gemeinsam und wechselseitig Bedürfnisse zu erfüllen. Vom Feld der Arbeit auf das der Sexualität übertragen, entspricht das erstere der Ebene, von der die Evolutionsbiologie handelt, die kalte Welt der genetischen Auswahl, das letztere der bioenergetisch-emotionalen Ebene, von der in Reichs Sexualökonomie die Rede ist.

Dazu wollen wir auf die vielleicht ersten Anklänge an das Konzept „Arbeitsdemokratie“ in Reichs Werk blicken. Im Oktober 1934 fügte Reich folgende Fußnote seinem Aufsatz „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ (1929) an:

Da der heutige ökonomische Marxismus im Namen von Karl Marx gegen die Sexualökonomie polemisiert, bringe ich ein Zitat, das zeigt, wie sehr Marx die Bedürfnisse als Basis der Produktion und der Gesellschaft einschätzte (…). „Die Individuen sind immer und unter allen Umständen von sich ausgegangen, aber daß sie nicht einzig in dem Sinne waren, daß sie keine Beziehungen zueinander nötig gehabt hätten, da ihre Bedürfnisse, also ihre Natur und die Weise, sie zu befriedigen, sie aufeinander bezog (Geschlechtsverhältnisse, Austausch, Teilung der Arbeit), so mußten sie in Verhältnisse treten. Da sie ferner nicht als reine Ichs, sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Produktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr, der seinerseits wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmte. So war es eben das persönliche individuelle Verhalten der Individuen, ihr Verhalten als Individuen zueinander, das die bestehenden Verhältnisse schuf und täglich neu schafft. Sie traten als das miteinander in Verkehr, was sie waren, sie gingen ‚von sich aus‘, wie sie waren, gleichgültig welche Lebensanschauung sie hatten. Die ‚Lebensanschauung‘ selbst, die windschiefe der Philosophie, konnte natürlich immer nur durch ihr wirkliches Leben bestimmt sein.“ (Marx-Engels, Deutsche Ideologie, Wien-Berlin, 1932, S. 16)

An der Basis haben wir die Arbeitsdemokratie, auf der der Kapitalismus beruht, der wiederum die gesellschaftliche Ideologie prägt. Vergegenwärtigen kann man sich das an einer Arztpraxis. Auf der untersten Ebene arbeitet der Arzt als eben das, als Arzt im persönlichen Kontakt mit seinem jeweiligen Patienten. Auf der zweiten Ebene ist der Arzt Geschäftsmann, der ein kleines Unternehmen nach betriebswirtschaftliche Prinzipien „kalten Herzens“ führt („Zeit ist Geld!“). Und auf der obersten Ebene ist er gefangen in irrationalen Regularien, etwa das vollkommen absurde „Qualitätsmanagement“, die die jeweilige gesellschaftliche Ideologie widerspiegeln.

Ostlebengorda

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9 Antworten to “Der Kapitalismus ist nicht die Lösung”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Aus aktuellem Anlass
    10 Gründe, warum der Kommunismus schlecht für uns wäre

    Jetzt ist die Katze aus dem Sack. So müssten wir alle leben, ginge es nach der LINKEN.

    ■1. Eine kleine Kaste von Bonzen hätte das ganze Geld.
    ■2. Die Züge wären überfüllt, schmutzig, unpünktlich oder fielen aus.
    ■3. Es würde sinnloser Quatsch produziert, den kein Mensch braucht (Rasierapparate mit 5 Klingen, Bücher, für die man Strom braucht usw.).
    ■4. Die Arbeiter wären die Angeschmierten und müssten das Maul halten.
    ■5. Schon die Kinder würden erbarmungslos indoktriniert, und wer aus dem falschen Elternhaus käme, hätte keine Chance.
    ■6. Die Umwelt wäre im Eimer.
    ■7. Das Fernsehen wäre sterbenslangweilig und hauptsächlich dazu da, die Leute ruhigzustellen.
    ■8. Die akademische Freiheit stünde bloß auf dem Papier, auf den Unis würde nur gepaukt und nicht studiert.
    ■9. An die Spitze des Staates gelangten zuverlässig die Machtgierigen, Anpasser und Unfähigen.
    ■10. In den Zeitungen stünden nur Lügen und Unsinn („So wird bei Hartz IV abgezockt“, „Bühne frei für die Superhandys“).

    http://www.spiegel.de/spam/0,1518,738171,00.html

  2. Nitya Says:

    „Es geht um Solidarität – um Liebe. Wir brauchen einander.“

    Wenn diese Einsicht innerhalb des Wertekatalogs allgemein anerkannt wäre als der fundamentalste Wert schlechthin, wäre die Bereitstellung einer vernünftigen und vor allem finanzierbaren Gesundheits- und Altersversorgung für die Unterschicht kein Thema mehr.

    Wenn meine Tante Räder hätte, …

    Und genau an diesem Punkt scheitern alle Theorien.

  3. David Says:

    Peter Nasselstein hat in:

    https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2010/05/10/kommunarden%c2%a0kinderficker/#comment-2261

    gesagt:

    Ja, es ist symbolisch, daß in diesem Land Diebstahl härter bestraft wird als die Zerstörung einer Kinderseele.

    Diebstahl wurde in diesem Land – oder in ganz Europa – härter bestraft als ein normaler Mord, d.h. an einem Erwachsenen: Während den Mörder eine relativ humane, weil schnelle Hinrichtung erwartet, nämlich Enthauptung durch die Axt oder das Schwert, wird traditioneller weise seit dem frühen Mittelalter der Dieb gehängt, was etwas langsamer geht.

    Diese Strafe für den Dieb ist auch härter als die Strafe für den Dieb im Islamischen Recht, weil ihm dort „nur“ die Hand abgenommen wird.

    Erst seit – wann? – gibt es in Europa für Diebstahl nur ein paar Jahre Gefängnis.

    Die europäische Gesellschaft ist, wie ich gestern sagte, sehr eigentums-orientiert, sie ist mehr eigentums-orientiert als jede andere. Welche negativen, aber auch positiven Folgen dies langfristig hat, kann ich im Moment nicht einschätzen.

    • Peter Nasselstein Says:

      Es hat historisch und „funktionell“ betrachtet einen sehr guten Grund, warum Diebstahl und Sachbeschädigung so unverhältnismäßig hart bestraft wurden. Man nehme einen Bauern: der kann (jedenfalls theoretisch) Leib und Leben selbst verteidigen, während sein weit abgelegener Weidezaun übelwilligen Mitmenschen schutzlos ausgeliefert ist. Die gesamte Gesellschaft würde sehr schnell kollabieren (mit Mord, Todschlag und Hungersnöten), wenn das Eigentum nicht mit drastischen Strafandrohungen geschützt würde.

      Ein Kind kann sich natürlich nicht wehren. Sogar noch schlimmer: es fühlt sich sogar als eigentlicher Täter, als schlecht und böse.

  4. Robert (Berlin) Says:

    Der Rote Faschismus („Kommunismus“) ist Organisierte Emotionelle Pest und sonst nichts.

    So gut diese Doku auch ist, werden einige Fakten leider verschwiegen

    a) Eisenhower und Churchill/Attlee lieferte eine Millionen russische Widerstandskämpfer und Antikommunisten, die gegen Stalin kämpften, an ihre russischen Mörder aus – obwohl sie wussten, das sie umgebracht würden.
    b) Putin kam nur deswegen an die Macht, weil der Westen schamlos das Land ausbeutete und aufkaufte. Er ist die Antwort auf den Raubkapitalismus.

    Naja, leider kann man offenbar in keiner Geschichtsdokumentation Objektivität erwarten. Nur hat man dann den bitteren Nachgeschmack der Einseitigkeit und das schadet der gesamten Aussage des Films.

  5. David Says:

    Der Kapitalismus hat für eine praktisch hundertprozentige Versorgung der Bevölkerung mit Kühlschränken, Waschmaschinen, Telefonen, etc., neuerdings sogar mit Computern, gesorgt

    Manche Dinge funktionieren besser, wenn sie nicht privatwirtschaftlich organisiert sind, hier wurde das Gesundheitswesen genannt.

    Da gibt es noch mehr: heute früh wurde gemeldet, dass die Deutsche Bahn vom Bundesverkehrsminister eins auf die Mütz gekriegt hat – die derzeitigen Winter-Probleme der Bahn liegen – laut Minister – daran dass die Bahn weitgehend privatisiert ist und strikten Sparkurs fährt. Der Minister habe gesagt, die Deutsche Bahn solle mehr investieren.

    Und was ist mit den ICE-Klimaanlagen-Problemen im Sommer vor ein oder zwei Jahren? Wie ich glaube, können solche Störungen zwar überall auftreten, jedoch führt ein scharfer Privatisier- und Spar-Kurs dazu, dass die kurzfristig nicht behoben werden können!

    In Neuseeland wurde die Staatsbahn weit radikaler als in Deutschland privatisiert. Die wo danach das Sagen hatten, gingen vor nach dem Prinzip: ausquetschen, nichts reinstecken, nicht an morgen denken.

    Die neuseeländische Eisenbahn musste wieder zur Staatsbahn werden, also von der Regierung zurück gekauft werden, andernfalls wäre der weitere Betrieb nicht mehr möglich gewesen.

    Die Flugsicherung funktioniert ebenfalls besser, wenn sie in staatlichen – oder gar militärischen – Händen ist.

    Die schweizerische Flugsicherung Skyguide, welche bekanntermaßen für das Unglück von Überlingen verantwortlich ist, ist, wenn ich mich nicht irre, ebenfalls eine Privatfirma, die einen strikten Spar-Kurs fährt.

    Gestern wurde gemeldet, dass in dem Teil des deutschen Luftraums, für welchen die schweizerische Flugsicherung zuständig ist, nämlich der Südhälfte von Baden-Württemberg, seit Überlingen weitere zwei Beinahe-Zusammenstöße waren …

  6. Robert (Berlin) Says:

    „Beispielsweise ist das Gesundheits- und Rentensystem von der Qualität her in den USA zwar geradezu traumhaft, wenn man ein gutes Einkommen hat oder auch zufällig in der richtigen Branche, in der richtigen Firma arbeitet, aber für die Armen und auch für ein Gutteil der Mittelschicht ist es die reinste Katastrophe. Selbst wenn niemand hungern muß und im Notfall für medizinische Versorgung gesorgt wird (MEDICAID und MEDICARE), bleiben beispielsweise künstliche Hüftgelenke, die in Deutschland eine Selbstverständlichkeit sind, für viele alte Amerikaner ein unerreichbarer Traum. Deutsche können da nur vollkommen fassungslos mit dem Kopf schütteln.“

    http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/allergietest-fuer-2525-dollar-gesundheitssystem-der-usa-a-970311.html

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