Peter liest Peter Gays Freud-Biographie

Freud warf Jung vor, die Libido zu einer „universalen Energie“ zu verwässern. Adler habe die Libido durch eine „universale aggressive Kraft“ („Wille zur Macht“) ersetzt. Freud beharrte auf seinem explizit dualistischen Ansatz, da die „psychologische Aktivität im wesentlichen von Konflikten geprägt sei“ (Peter Gay: Freud, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, S. 447). „Seine Schriften sind voll von Gegenüberstellungen wie aktiv und passiv, männlich und weiblich, Liebe und Hunger und (…) Leben und Tod“ (S. 447).

Gay erwähnt Stefan Zweig: „Zweig mit seiner Begabung für die Übertreibung und die auffälligen Antithesen hat eine Strähne, eine sehr bunte Strähne, aus einem wirren Gewebe von Druck und Gegendruck herausgegriffen“ (S. 574). Das ist genau jene Fruchtbarmachung von Antithesen, die Reich in der Charakteranalyse vorexerzierte, zu der Freud aber weitgehend unfähig war.

Am nächsten kommt Freud dem „Universalen“ vielleicht mit seinem Konzept des Es, das er bei Groddeck entlehnt hatte. Groddeck über Das Ich und das Es: „Dabei hat (Freuds) Es nur bedingten Wert für die Neurosen. Er macht den Schritt in das Organische nur heimlich, mit Hilfe eines von Stekel und Spielrein genommenen Todes- oder Destruktionstriebes. Das Aufbauende meines Es läßt er beiseite, vermutlich um es das nächstemal einzuschmuggeln“ (z.n. Gay, S. 461). Freuds „Es“ bringt, so Freud am Ende von Das Ich und das Es „keinen einheitlichen Willen zustande“, weil in ihm Eros und Todestrieb miteinander ringen (S. 462).

Das „Aufbauende“, dessen Fehlen Groddeck monierte, kam beispielsweise in den Schlußworten zu Das Unbehagen in der Kultur zum tragen. Freud: „Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden ‚himmlischen Mächte‘, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten“ (z.n. Gay, S. 621).

Freud bezeichnete die Analytiker, sich selbst eingeschlossen, „als „im Grunde unverbesserliche Mechanisten und Materialisten“ (S. 498), doch immer wieder scheint das imgrunde mystische Grundwesen der Psychoanalyse durch. Von wegen „himmlische Mächte“!

Freud sprach stets von „die Wissenschaft“, doch was meinte er damit eigentlich konkret? Er, der sich spätestens seit 1900 kaum noch mit der Wissenschaft beschäftigte und vollkommen in einer „Psychologie“ aufging, die sich in Deutungen erschöpfte („Tiefenpsychologie“). Man denke nur an seinen Lamarckismus, der bei ihm einen dezidiert mystischen Charakter annahm („Geist über Materie“). Dazu Gays folgende Anmerkung:

Während des Krieges spielte er, wie er Abraham schrieb, mit der Möglichkeit, Lamarck für die Sache der Psychoanalyse zu rekrutieren, indem er zeigt, daß Lamarcks Idee des „Bedürfnisses“ nichts anderes ist als „die Macht der Vorstellung über den eigenen Körper. Wovon wir Reste bei der Hysterie sehen, kurz die ‚Allmacht der Gedanken‘“. (S. 414)

Andererseits: in seinem Dialog mit Romain Rolland, wo dieser von „ozeanischen Gefühlen“ sprach, die Grundlage des religiösen Empfindens seien, konnte Freud nur konstatieren, daß er dieses Gefühl nicht kenne (S. 612).

Die Psychoanalyse sei, so Gay über Freud, „die Kunst und Wissenschaft des geduldigen Zuhörens“ (S. 293). Immerhin hier konnte Reich Freud folgen: die Natur nicht im Kantschen Sinne „foltern“, sondern sie sprechen lassen.

Und was schließlich den orgonomischen Funktionalismus betrifft: In Gays Worten ist es „ein Gemeinplatz der psychoanalytischen Lehre, daß die dramatischten Unterschiede, wie weit auseinanderstehende Äste aus demselben Stamme entspringen können“ (S. 632). Beispielsweise schrieb Freud über die Gefühlskonflikte des „Rattenmanns“, sie seien „nicht unabhängig voneinander, sondern paarig miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt“ (S. 302).

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7 Antworten to “Peter liest Peter Gays Freud-Biographie”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Orgonomie in der Türkei:

    http://www.orgonomi.org/

  2. Peter Nasselstein Says:

    American College of Orgonomy

    ACO Movie Night continues on Saturday, March 19 at 7:00PM at the ACO’s campus in Princeton, NJ with The Young Victoria. Medical orgonomists Raymond Mero, D.O. and Susan Marcel, D.O. will lead the group discussion after the movie. Dr. Mero shares some of his thoughts about the film.

    What is it about The Young Victoria that led you to recommend it for ACO Movie Night?

    Dr. Mero: „First, this is an extremely well done movie with excellent acting, lavish period costumes, and incredible scenery filmed at historical landmarks in England. Second, and most importantly, The Young Victoria tells about the incredible, real-life love story of two people with great emotional health, Queen Victoria and Prince Albert.

    Victoria becomes Queen of England when she is just 18 years old. She feels isolated and is overwhelmed by the incredible responsibility as well as by people with their own political agenda trying to manipulate her. Prince Albert, of German royalty, is coerced by his uncle to try to get in her good graces. He travels to England and when the two meet, despite Victoria knowing that he has been sent to win her favors, there is an immediate chemistry between them. This quickly becomes a very special connection. Being a few years older than Victoria and from a similar station in life, Albert understands what she is going through and helps her cope. Although he goes back to Germany they communicate through letters, maintain a long-distance relationship and eventually marry.“

    You mentioned that Victoria and Albert have great emotional health. What is it about them that allows you say that?

    Dr. Mero: „Quite simply, each has their own unique, very positive masculine and feminine qualities. Albert is a very strong man but is not a typical „macho“ kind of guy, which is what you might expect particularly from that time period. He is firm with Victoria when she needs him to be but knows instinctively when to pull back. He encourages her to trust her feelings. Victoria blossoms and becomes a strong, independent woman who is fully capable of making her own decisions — and ruling a kingdom.

    I’m really looking forward to seeing the movie again and having a great discussion with our audience afterwards!“

    Admission to Movie Night is free thanks to the generosity of supporters like you. Complimentary popcorn and beverages will be served. Donations are welcome. For reservations call (732) 821-1144 or reserve online at http://www.orgonomy.org. You can also visit our ACO Movie Night website at http://www.acomovienight.com/ and watch the official Young Victoria trailer.

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