Posts Tagged ‘Neurosen’

Das Ende der Laientherapie

29. November 2018

Reich hat das Ende der Laientherapie eingeläutet. In den 1920er Jahren opponierte er gegen Freud, der die Psychoanalyse zunehmend als bloße „Psychologie“ betrachtete und den bis dahin weitgehend auf Ärzte beschränkten Beruf des Psychoanalytikers für „Laien“ öffnen wollte. Reich argumentierte dabei, vor dem Hintergrund der sich formierenden Sexualökonomie, hauptsächlich von der Libidotheorie her. Die Neurosen hatten einen „ökonomischen“, also physiologischen Kern. Man lese nur sein Buch Die Funktion des Orgasmus aus dem Jahre 1927! Beispielsweise entspricht der Gegensatz von Angst und Lust dem Gegensatz zwischen Herz („Herzenge“) und Genital.

In den 1930er und 1940er Jahren führte er weiter aus, daß und wie Neurosen im Körper verankert sind. Er zeigte, daß die „Neurose“ in der Tat eine Nervenkrankheit ist, nämlich eine chronische Übererregung des Sympathikus („Sympathikotonie“). Um so idiotischer ist es, daß die von ihm entwickelte Therapieform (und ihre diversen illegitimen Abzweigungen) zunehmend von Laientherapeuten praktiziert wurde. Dabei hat Reichs „Schüler“ Charles Kelley, ein Psychologe, den Vogel abgeschossen, als er zur Rechtfertigung seiner therapeutischen Tätigkeit allen Ernstes ausführte, daß Neurosen gar keine „Nervenkrankheiten“ seien, die man ärztlich therapieren kann, sondern bloße Anpassungsstörungen. „Therapie“ sei deshalb mehr so etwas wie ein „Lernprogramm“, der „Therapeut“ ein Trainer für „Zielgerichtetheit und Fühlen“. Es gibt tatsächlich Leute, die derartigen Murx ernstnehmen! Am schlimmsten sind aber die „Körpertherapeuten“, etwa in der Tradition von Alexander Lowen, die weitaus mehr „mit dem Körper arbeiten“ als der Orgontherapeut, die aber nicht mal die Qualifikation als klinischer Psychologe geschweige denn Arzt vorweisen können. In dieser Szene tummeln sich Politologen, Kindergärtner, Betriebsschlosser, etc. Würdest du einen Politologen dein Auto reparieren lassen?!

nachrichtenbrief122

7. September 2018

Über Panzerung, Krieg und Frieden (Teil 3)

19. August 2018

von Paul Mathews, M.A.

Bisher haben wir die Kriege der Zivilisation als Produkt der Neurosen der Zivilisation behandelt – als wirkliche Biopathien. Tatsächlich können wir tragfähige Analogien zwischen klassischen und funktionellen Interpretationen von physischen und sozialen Biopathien ziehen. Zum Beispiel beruht die klassische Interpretation der kardiovaskulären und Krebs-Biopathien hauptsächlich auf chemischen Ernährungsfaktoren, einer gewissen Anerkennung von physischem Stress und vagen Vorstellungen von emotionalen Faktoren, während die bioenergetischen Faktoren nie berührt werden. Das funktionelle Verständnis dagegen gelangt zu den Kernfragen von orgonotischer Pulsation, Panzerung und orgastischer Impotenz. In ähnlicher Weise befasst sich die klassische Interpretation einer sozialen Biopathie wie Krieg hauptsächlich mit sozio-ökonomischen Faktoren, zeigt nur eine sehr vage Kenntnis emotionaler Faktoren und berührt niemals die bioenergetischen Faktoren. Selbst die vorgeblich anarchistische, „anti-alte-schule-kommunistische“ Neue Linke plappert noch immer die antikapitalistischen, antiimperialistischen Plattitüden des Roten Faschismus daher, beweihräuchert das maoistische China und seine internationalen Ableger, verurteilt Freud und verzerrt die funktionellen, orgonomischen Aspekte von Reichs Werk und lehnt sie zugunsten seiner früheren marxistischen Schriften ab. Hier haben wir ein weiteres perfektes Beispiel für den heutigen „biologische[n] Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“. Um wieder Reich zu zitieren:

Jetzt zu den Kommunisten: ich war nie ein Kommunist im üblichen Sinne. Ich war nie ein politischer Kommunist. Ich möchte, dass Sie das betonen. Niemals. Oh ja, ich habe in der Organisation gearbeitet. Ich habe mit ihnen zusammengearbeitet. Ich war überzeugt, dass der Kapitalismus schlecht ist, aber ich glaube heute nicht mehr, dass das Elend durch den Kapitalismus verursacht wurde (11, S. 114)e.

Die Ideologie der Neuen Linken von heute ist nicht mehr als eine Abwandlung des „Vulgärmarxismus“ der Alten Linken und ist in gewisser Hinsicht sogar weniger differenziert. Ihr Anspruch, eine biologische mit einer sozialen Revolution zu verbinden, wird durch ihre Losungen und Handlungen widerlegt, die keinerlei Verständnis für biologische Funktionen haben. Ironischerweise kommt sie in ihrem vermeintlichen Kampf gegen das autoritäre Patriarchat in dessen funktionellen Gegensätzen am stärksten zum Ausdruck – Zügellosigkeit, Gesetzlosigkeit, Pornografie – alles Kennzeichen des Roten Faschismus.2

Gibt es schließlich Kriterien für eine rationale Kriegsführung? Gibt es so etwas wie einen notwendigen Krieg? Die Antwort ist ja, solange die organisierte emotionale Pest fortbesteht, um die menschliche Freiheit und das Überleben zu bedrohen. Wir können die folgende Analogie aufstellen: Es ist bedauerlich, dass Polizeibeamte benötigt werden, um die Bürger, die „leben und leben lassen“, vor den Kriminellen zu schützen. Gäbe es keine Panzerung, keine sekundären Triebe, dann gäbe es keine Kriminellen und somit auch keinen Bedarf für die Polizei. Sobald die Kräfte der Zerstörung entfesselt sind, muss sich der Mensch selbst verteidigen – egal wie sehr er den Krieg und die Existenz der Polizei beklagt. Die Beschwichtigung des Kriminellen oder der Pest führt nur zur Katastrophe.

Aber selbst innerhalb der gepanzerten Struktur der menschlichen Gesellschaft gibt es eine Hierarchie von besseren und schlechteren Systemen. Die besseren Systeme sind jene, die Hoffnung in Richtung Freiheit und Selbstbestimmung und der gesünderen Entwicklung von Säuglingen und Kindern bieten. Reich empfand, dass die westlichen Demokratien, insbesondere die Vereinigten Staaten, die besseren und gesünderen Systeme (3 und 11 und in persönlichen Mitteilungen) gegenüber den schwarzen und roten faschistischen Systemen von Nazi-Deutschland, dem faschistischen Italien und der gesamten kommunistischen Welt sowie den starren alten Patriarchien Asiens repräsentierten. Es ist also kein Zufall, dass die größten Umwälzungen heute in den Vereinigten Staaten stattfinden (veranlasst von ihren Todfeinden, die die stärkste Bastion der menschlichen Hoffnung und Freiheit in der kranken Welt nicht tolerieren können), wo die Freunde des wahren Fortschritts nicht nur gegen die überkommenen Dinge, die Veränderungen brauchen, kämpfen müssen, sondern auch gegen diejenigen, die die Dinge vorzeitig und irrational ändern möchten.

 

Fußnoten

2 Vgl. Schema der „Massenpsychologie des Faschismus“ (S. 169). Beachten Sie auch die politische und pornografische Verzerrung von Reichs Werk im Film „WR – Mysterien des Organismus“ des jugoslawischen Kommunisten Dusan Makavejew. (Siehe das Editorial und die Rezension auf S. 227).

 

Anmerkungen des Übersetzers

e Wilhelm Reich über Sigmund Freud, Schloß Dätzingen 1976, S. 77.

 

Literatur

3. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York:
11. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 2, S. 165-174.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein

Peter liest Peter Gays Freud-Biographie

13. Februar 2018

Freud warf Jung vor, die Libido zu einer „universalen Energie“ zu verwässern. Adler habe die Libido durch eine „universale aggressive Kraft“ („Wille zur Macht“) ersetzt. Freud beharrte auf seinem explizit dualistischen Ansatz, da die „psychologische Aktivität im wesentlichen von Konflikten geprägt sei“ (Peter Gay: Freud, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, S. 447). „Seine Schriften sind voll von Gegenüberstellungen wie aktiv und passiv, männlich und weiblich, Liebe und Hunger und (…) Leben und Tod“ (S. 447).

Gay erwähnt Stefan Zweig: „Zweig mit seiner Begabung für die Übertreibung und die auffälligen Antithesen hat eine Strähne, eine sehr bunte Strähne, aus einem wirren Gewebe von Druck und Gegendruck herausgegriffen“ (S. 574). Das ist genau jene Fruchtbarmachung von Antithesen, die Reich in der Charakteranalyse vorexerzierte, zu der Freud aber weitgehend unfähig war.

Am nächsten kommt Freud dem „Universalen“ vielleicht mit seinem Konzept des Es, das er bei Groddeck entlehnt hatte. Groddeck über Das Ich und das Es: „Dabei hat (Freuds) Es nur bedingten Wert für die Neurosen. Er macht den Schritt in das Organische nur heimlich, mit Hilfe eines von Stekel und Spielrein genommenen Todes- oder Destruktionstriebes. Das Aufbauende meines Es läßt er beiseite, vermutlich um es das nächstemal einzuschmuggeln“ (z.n. Gay, S. 461). Freuds „Es“ bringt, so Freud am Ende von Das Ich und das Es „keinen einheitlichen Willen zustande“, weil in ihm Eros und Todestrieb miteinander ringen (S. 462).

Das „Aufbauende“, dessen Fehlen Groddeck monierte, kam beispielsweise in den Schlußworten zu Das Unbehagen in der Kultur zum tragen. Freud: „Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden ‚himmlischen Mächte‘, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten“ (z.n. Gay, S. 621).

Freud bezeichnete die Analytiker, sich selbst eingeschlossen, „als „im Grunde unverbesserliche Mechanisten und Materialisten“ (S. 498), doch immer wieder scheint das imgrunde mystische Grundwesen der Psychoanalyse durch. Von wegen „himmlische Mächte“!

Freud sprach stets von „die Wissenschaft“, doch was meinte er damit eigentlich konkret? Er, der sich spätestens seit 1900 kaum noch mit der Wissenschaft beschäftigte und vollkommen in einer „Psychologie“ aufging, die sich in Deutungen erschöpfte („Tiefenpsychologie“). Man denke nur an seinen Lamarckismus, der bei ihm einen dezidiert mystischen Charakter annahm („Geist über Materie“). Dazu Gays folgende Anmerkung:

Während des Krieges spielte er, wie er Abraham schrieb, mit der Möglichkeit, Lamarck für die Sache der Psychoanalyse zu rekrutieren, indem er zeigt, daß Lamarcks Idee des „Bedürfnisses“ nichts anderes ist als „die Macht der Vorstellung über den eigenen Körper. Wovon wir Reste bei der Hysterie sehen, kurz die ‚Allmacht der Gedanken‘“. (S. 414)

Andererseits: in seinem Dialog mit Romain Rolland, wo dieser von „ozeanischen Gefühlen“ sprach, die Grundlage des religiösen Empfindens seien, konnte Freud nur konstatieren, daß er dieses Gefühl nicht kenne (S. 612).

Die Psychoanalyse sei, so Gay über Freud, „die Kunst und Wissenschaft des geduldigen Zuhörens“ (S. 293). Immerhin hier konnte Reich Freud folgen: die Natur nicht im Kantschen Sinne „foltern“, sondern sie sprechen lassen.

Und was schließlich den orgonomischen Funktionalismus betrifft: In Gays Worten ist es „ein Gemeinplatz der psychoanalytischen Lehre, daß die dramatischten Unterschiede, wie weit auseinanderstehende Äste aus demselben Stamme entspringen können“ (S. 632). Beispielsweise schrieb Freud über die Gefühlskonflikte des „Rattenmanns“, sie seien „nicht unabhängig voneinander, sondern paarig miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt“ (S. 302).

Zwei Modjus als „Therapeuten“

25. November 2016

Bücherlogo

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Zwei Modjus als „Therapeuten“

 

 

Robert 2014: „In dem Versuch sich mittels Massage selbst zu heilen, entdeckte Lowen, zusammen mit einem Kollegen (John Pierrakos), die ‚Streßpositionen‘, die das therapeutische Kernelement der Lowenschen „Bioenergetik“ ausmachen.“

Massage ist doch das genaue Gegenteil von Stresspositionen. Für mich hört sich das eher wie eine Verbalhornung an.
Ich hab mich nach den Bioenergetischen Übungen immer befreit gefühlt; auch weil man mal richtig schreien konnte. Allerdings machte meine Gruppe fast nur die Bioenergetischen Übungen oder Selbstdarstellung wie AAO, also großer Murks.

„eher dazu ersonnen Spontaneität zu unterdrücken“

Das ist meiner Erfahrung nach Unsinn, weil ja Gefühle durchbrechen oder hochkommen.

Peter: Es ist vollkommen irrelevant, wie man sich nach bioenergetischen Übungen fühlt bzw. das „Gefühle durchbrechen“. Es ist ähnlich wie mit der Psychoanalyse, wo „wilde Deutungen“ auch teilweise dramatische Effekte hatte und beim Patienten zu „tiefen Einsichten“ führte. So funktioniert jede psychologische und medizinische Charlatanerie. Entscheidend ist, ob es der Entwicklung hin zur Genitalität dienlich ist oder nicht.

Klaus: Das linke Befreiungsideal wurde durch 68 auch auf den einzelnen Menschen, seine ‚Psyche‘, bezogen. Das gehört wohl zur Freiheitskrämerei. Gerade Kindern in unseren Breiten scheint heute oft ein ‚inneres Gerüst‘ zu fehlen. Manchmal erwähnen Orgontherapeuten, dass sie vorübergehend Panzer aufbauen müssen – wenn ich es richtig verstehe. Gerade in der Charakteranalyse wird ja immer wieder betont, wie gefährlich Chaos ist. Und was ist chaotischer als mehr oder weniger in Eigenregie durchgeführte ‚Bioenergetik‘? (Das Chaos spiegelt sich sicher in Lowens ‚Theorie‘ wider.)

O.: Es ist so deprimierend, wenn man andere „Therapeuten“ mit Reich vergleichen will und diese nur Unsinn von sich geben, dass man sie nicht einmal zitieren kann/möchte.
Ferner sind diese „charakterlosen“ Pseudotherapeuten, die sich um gute Therapien tummeln, ein scheinbar immer vorhandenes Problem. Jeder durchschnittliche Psychologe hat da mehr (berufliche) Ehre und geht empathischer oder fürsorglicher mit Patienten um, auch wenn er nur an der „Oberfläche“ therapiert.

David: Lowen ist auch deshalb so beliebt, weil er wild alles zusammenwürfelte, etwa Psychoanalyse und Orgonomie, wie ich schon sagte: es sind Dealer. Etwa Cannabis aus Kostengründen mit Ziegenscheiße strecken und / oder chemische Substanzen hinzufügen, welche den „Kick“ noch verstärken sollen – letzteres jedoch vor allem bei Pulver-Drogen wie z.B. H.
Oder auch die legalen Suchtmittel-Dealer: den Tabakszigaretten werden angeblich Substanzen hinzugefügt, welche das – ohnehin hohe – Suchtpotential des Nikotins noch mehr erhöhen.
und so alles für die Praxis unbrauchbar machte
Unbrauchbar ist es – jedenfalls für den Geldbeutel dieser Leute – überhaupt nicht.
Und: wenn dann noch – infolge Öffnung des Beckens bei gleichzeitiger Beibehaltung des „Bretts vorm Kopf“ die Leute noch verwirrter werden, dann hat auch der herkömmliche Dealer-Psychiater mit seinem Medikamenten-Köfferchen was zu verdienen, um die gröbsten Schäden zu reparieren oder wenigstens zuzdecken.
Einschub:
OffTopic: Der Marxist:
Der Marxist ist ebenfalls ein krimineller Dealer. Im Grunde ist es bei ihm „Vorschussbetrug“ – wie bei der „Nigeria-Connection“.
Er sagt, um die ausbeutungs- und herrschaftsfreie Gesellschaft herbeizuführen, musst Du erst eine Diktatur errichten – mit ihm an der Spitze. Dann diese Diktatur und den Klassenkampf immer mehr verschärfen.
Und dann kommt der Kommunismus: nämlich die natürliche, selbstregulierende Gesellschaft.
Heute, nach dem Zusammenbruch der DDR 1989 und der UdSSR 1991 ist es sehr einfach zu sehen, dass dieser Weg nicht zum Ziel führt.
Einschub Ende.
Vorschussbetrug begeht der „lowenianische“ Therapeut überhaupt nicht. Er verlangt nicht nach Vorleistungen, sondern sagt einfach schnell und billig „da unten“ alles aufmachen.
Genauso wie etwa Lowens Vorstellung einer „Pendelbewegung“ zwischen Gehirn und Becken.
Da scheint mir allerdings recht viel dran zu sein.
Das Gehirn braucht man zum Beispiel – neben den Armen und weiteren Körperteilen – zum Kämpfen und zum Arbeiten. Daher ist – meines Erachtens – diese Pendelbewegung notwendig, damit man auch, was der Gesunde – Reich zufolge – tut, zwischen Sexualität und Arbeit pendeln kann.
Ansonsten scheint mir der „lowenianische“ Freiheitskrämer mit dem „linken“ einige Charaktereigenschaften gemeinsam zu haben.

Klaus: Ich frage mich, wie sehr die Deutungen von Janov einerseits und von Herskowitz andererseits das tatsächliche Geschehen widerspiegeln. Denn wie kann es sein, dass nach der ‚Therapie‘ Leute wie Lennon und Yoko Ono – so krank sie sonst (gewesen) sein mögen – so lebensfähig und (gerade was Ono betrifft) durchsetzungsfähig waren, wie man sie kennt? Oder ist es möglich, dass der neurotische Charakter irgendwie wenigstens teilweise ‚zusammenbricht‘, nichts der Gesundheit näher Kommendes an dessen Stelle tritt und man dann noch ziemlich ‚stark‘ und handlungsfähig ist (jedenfalls nicht nur wimmernd auf dem Boden sitzt)?

O.: Es gibt keinerlei Logik zwischen Janovs auspowernde Urschrei-Methode und dem angeblichen Effekt, den er erzielt haben möchte bei seinen „Patienten“. Vielmehr hat er wie andere auch einfach mal etwas behauptet, was er irgendwo her hat (vielleicht gelesen hat) und möchte den Anschein erwecken, er wüßte, von was er redet. Leute, die Dinge von anderen kopieren, erzählen so wirres Zeug.

Robert: Weil der Angriff auf den Panzer auch was freisetzt. Vielleicht war Janov 1969 noch kein größenwahnsinniger Angeber, sondern eher am Beginn seiner Karriere und darum die Therapie nicht so destruktiv.
Die Besprechung von Peter ist in der Regel daran orientiert, alles was nicht Orgontherapie ist, als minderwertig hinzustellen. Es wird mit Sicherheit auch Klienten geben, die von der Primärtherapie profitiert haben.

Robert: Der Volldepp Alexander Lowen bezeichnete sich als, nach Freud, Ferenczi und Reich, vierten großen Psychiater des 20. Jahrhunderts.
Man sollte daran denken, in den achtziger Jahren war die Bioenergetische Analyse die am weitesten verbreitete Therapie in den USA (laut Lowen).
Davon abgesehen: bis 1945 war der Volldepp mit Wolfe Reichs einzige Schüler.

Peter: Thorburn.

Robert: A critique of a therapy that involves trauma-centrism, catharsis, and attempted memory recovery
http://debunkingprimaltherapy.com/

Peter:
http://www.dieontogenetischeseite.de/kritikanJanovundPT.htm

David: … dort auch:
– Er sagte, sie würden nicht mit Leuten verhandeln, die ein niedriges Einkommen haben. Sie waren sehr streng. Wenn die Leute das Geld nicht hätten, müssten sie sofort mit der Therapie aufhören.**
Typisch für das Gebaren „alternativer“ Kreise, wie ich es manchmal erlebe.
Aber auch – Zitat aus der Anmerkung des Übersetzers:
** Kommentar FW: In seinem jüngsten Buch Primal Healing schreibt Janov im Anhang „Was ist Primärtherapie?“ Folgendes: „…..Wir sehen viel mehr Individuen aus der Arbeiterklasse als aus der Oberklasse.
Es gibt Leute, die in ihren Autos lebten, um für die Therapie zu sparen, obwohl wir eine Stiftung haben, die bedürftigen Patienten Therapie-Stipendien anbietet.“ Auf der aktuellen Webseite des Primal Centers werden Patienten zitiert, die anscheinend ein solches Stipendium erhielten und sich dafür bedanken.
Es scheint, dass sich die Dinge hier zugunsten mittelloser Patienten entwickelt haben.
Zitat Ende, Hervorhebung von mir.
Offenbar fängt man dort endlich zu denken an.

Klaus: Orgontheorie ist der Ansatz einer Theorie. Diese Theorie umfasst auch einen Gesundheitsbegriff. Und danach ist es erst einmal ziemlich egal, ob ein Patient glaubt, von etwas profitiert zu haben. Wer ein tolles Erlebnis haben will, mag Wellness oder eine Droge oder einen Urschrei-Workshop wählen.
Wenn ich „Theorie“ sage, meine ich damit übrigens nicht „etwas Praxisfernes“ oder „Unsinnliches“, sondern durchaus etwas, das Erleben und Beobachtungen mehr oder weniger gut standhält (hierzu vgl. z. B. Arbeiten Quines, etwa http://www.ditext.com/quine/quine.html ). An der Theorie muss noch vieles ausformuliert werden. Zur Erfahrungsbasis der Theorie gehören auch die Erfahrungen in der orgontherapeutischen Praxis einerseits und mit ‚neoreichianischen‘ Methoden andererseits. Und wer kein Versuchskaninchen sein will, … im Ernst: Ist man mit jemandem, der so wirr – eben new-age-mäßig – wie Lowen schreibt, gut beraten? Weisen die Erfahrungen, die man mit Orgon machen kann, nicht darauf hin, womit man vielleicht besser beraten wäre?

Mr Mindcontrol: Tja, was sage ich sonst zur „Tiefenpsychologie“? Sie ist eine Anti-Tiefen-Psychologie! Während die PA die ganze Persönlichkeit „durchanalysiert“ und damit alle tiefen Gefühle intellektuelle zerquatscht gibt Janov hier unumwunden zu, dass Patienten die PT gemacht haben keine Tiefenstruktur mehr haben. Es geht also um Zerschlagung der Tiefenstrukturen die einen Menschen auch ausmachen. Es ist Teil meines Menschseins „Schichten“ und damit auch „Tiefe“ zu haben.
Da lobe ich wieder einmal die Hypnose ( leider ein immer noch massiv unterschätztes Verfahren ) mit der man in tiefe Schichten „reisen“ kann ohne die Strukturen zu zerstören.
Interessant mit dem Vergleich Elektro-Schock ist ja dass Janov und seine humanistischen Anhänger diese klassische Psychiatrie verteufeln ( in der Tat gibt es da sehr viel zu kritisieren ) und selber nicht besser sind. Ich halte einen klassichen E-Schock der Psychiatrie der bei der Behandlung von Depression übrigens gerade eine steigende Beliebtheit zu erfahren scheint für harmloser, ganz einfach weil das passiv ist und der Patient nicht lernt sich selber fertig zu machen. Ein Reset und ein Neustart des Gehirns kann u.U. tatsächlich falsche Verknüpfungen lösen und zur Neuorierntierung beitragen, ein lernen aber wie man sich Traumatische Schocks selber beibringt um Probleme zu lösen halte ich für sehr problematisch. Ich denke auch dass durch die alte Forma der Primärtherapie, Bonding, istdp etc. die traumatische Spaltung noch vertieft wird, die „geplatzten Reifen“ ( ich habe bei der PT die Abwehr immer mit einen Gummiband verglichen dass die PT zum reissen bringt, obwohl viele Abwehr doch biologisch sinnvoll ist lediglich fehlgeleitet sein kann wie bei einer Auto-Immun-Reaktion ) werden irgendwann versuchen sich wieder aufzubauen ( was ja dem Gesetzt der automatischen Heilung in der Natur entspricht ). Dann gehen die Komplikationen erst richtig los und das Spüren der traumatuischen Spaltung wird unerträglich genauso wie wenn der Rausch eine destruktiven Droge nachlässt.
Janov selber nimmt sich aber die Frechheit raus andere Therapien wie Rebirting zu kritisieren weil Sie die Abwehr mit Gewalt brechen. Wenn man seine Ausführungen auf der „Ontogenetischen Seite“ liest könnt man davon ausgehen seine PT wäre human und würde nicht überfordern und die Abwehr auch nicht mit Gewalt brechen.
Janovs Jünger im Web wie „expat“ oder „primal“ weisen sie ganzen Vorwürfe zurück und meinen das würde doch alles gar nicht stimmen. Angeblich gäbe es jetzt eine neue Primärtherapie die das nicht mache auch ganz ohne Intensiv-Phase. Stimmt das oder sind das nur Janovs übliche Lügen ( schon 1980 hat er in einen Zeit-Interview zur Verantwortung in der PT dreist gelogen )?

O.: EKT (E-Schocktherapie) wird ausschließlich bei rezdivierender depressiver Störung, schwerer Episode vorzugsweise mit psychotischen Symptomen als letztes Mittel angewendet, wenn Psychotherapie und Psychopharmaka völlig versagen und zu keiner Besserung führen können. Sie wird nicht generell bei „Depression“ angewendet und wer dies tut – weil es in der Medizn mal wieder Mode wird – sollte die ärtzliche Approbation abgeben müssen, so meine irrelevante Meinung.

Mr Mindcontrol: In der Charite „Benjamin Franklin“ in Berlin Westend vor 1 Jahr wurden an einen Plakat die Vorzüge der EKT regelrech beworben. Wie sie funktiniert etc.
Na ja die „Platanen-Allee“ war schon in den 1980ern für ihre E-Schock-Therapie berühmt und berüchtigt!
Was in den 80ern und 90ern noch total böse war wird hier mehr und mehr hoffähig. Klar gibt es da auch Schäden, on Medikamente aber besser sind weiss ich nicht.

O.: Diese Werbung für die EKT und auch Ritalin an der Platanen-Allee (früher noch FU) ist für mich sehr befremdlich (gewesen). Auch die Hochbegabtenförderung und -forschung wurde betrieben. Nie wurde Studenten ein Fall präsentiert, bei dem ein Erfolg berichtet werden konnte.
Leider veröffentlicht auch die VT (wen wundert es), dass EKT eine Methode zur Behandlung von Depression sei, vermutlich weil es bei Schizophrenie schon nichts brachte.

David: Bekanntermaßen wird über „Katathymes Bilderleben“ (KB) gesagt dass der Therapeut damit viel schneller – vielleicht auch tiefer – in die unbewussten Bereiche vordringen könne als mit Psychoanalyse; ferner wird das KB als eine der Hypnosetherapie-Methoden gesehen.

Freud und die Sexualökonomie

1. Juli 2016

Bereits 1893 schrieb Freud an seinen damaligen Freund Wilhelm Fließ, daß bekanntermaßen „die Neurasthenie eine häufige Folge abnormen Sexuallebens“ sei, d.h. von Masturbation und Coitus interruptus. Er stellte dagegen die Behauptung auf, daß sie ausschließlich eine „sexuelle Neurose“ sei und kam zu dem Schluß, daß man Neurosen zwar nicht heilen könne, sie aber vollständig vermeidbar seien. „Die Aufgabe des Arztes verschiebt sich daher ganz in die Prophylaxis.“ Als Konsequenz forderte er ganz sexualökonomisch den „freien sexuellen Verkehr“ der Geschlechter unabhängig von der Eheinstitution und bessere Verhütungsmittel (Peter Gay: Freud, Fischer TB, S. 77). In seinen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie sollte er 1905 schreiben, daß die neurotischen Symptome „die Sexualbetätigung der Kranken“ seien (ebd., S. 169). 1907 berichtete ein Teilnehmer der Freudschen „Mittwochsgesellschaft“, „wie er während einer Zeit sexueller Abstinenz an allen Arten von psychosomatischen Symptomen gelitten habe, die verschwunden seien, sobald er ein Verhältnis mit der Frau eines impotenten Freundes angeknüpft habe“ (ebd., S. 201f).

Man kann so beliebig fortfahren: es zeichnet sich in den ersten Jahren der Psychoanalyse Wilhelm Reichs Sexualökonomie ab.

Siehe dazu auch Chronik der Orgonomie.

Die Aktualität von Reichs WAS IST KLASSENBEWUSSTSEIN? von 1934 (Teil 1)

10. April 2016

Es gilt Reichs kommunistisch geprägte Schriften von 1928 bis etwa 1935 der Linken zu entreißen und für die Orgonomie fruchtbar zu machen. Zunächst einmal ist zu konstatieren, daß Reichs Sexualökonomie jener Jahre ohne jeden Abstrich noch immer volle Gültigkeit hat und immer Gültigkeit haben wird:

Die Zwangsregulierung des Geschlechtslebens arbeitet mit Hilfe sexueller Hemmungen, die sie im Individuum von Kindheit auf verankert. Diese Hemmungen erzeugen einen unlösbaren Widerspruch, indem sie einerseits durch die Sexualverdrängung eine sexuelle Stauung bedingen und so die sexuellen Bedürfnisse steigern und sie in „sekundäre“ grausame, pervertierte Triebe umwandeln, die gezügelt werden müssen, andererseits die Struktur der Person im Sinne einer verminderten bis vollends gestörten Befriedigungsfähigkeit verändern. Aus diesem Widerspruch, der eine unausgleichbare Differenz zwischen Bedürfnisspannungen und Befriedigbarkeit erzeugt, ergeben sich als energetische Ausgleichsreaktionen die sexuellen Krankheiten, Neurosen, Perversionen und unsozialen sexuellen Verhaltungsweisen. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 161)

Reich ist einen Schritt weitergegangen und hat aus den inneren Widersprüchen der emotionalen („psychischen“) Struktur der Menschen die „hohe Politik“ abgeleitet. Wenn er etwa in Was ist Klassenbewußtsein? im Zusammenhang mit der damaligen Frauenbewegung schreibt:

Frauenrechtlertum, in seiner heutigen Form reaktionär, gegen das klassenmäßige Fühlen gerichtet, ist leicht [im Sinne der Revolution] umkehrbar, weil es auf Veränderung drängt. Auch bei den Frauen muß festgestellt werden, daß direkter Hunger und Sorge um die Ernährung der Kinder nur verhältnismäßig selten revolutionäres Denken vermittelt; weit häufiger Angst vor der Politik überhaupt, Bremsung der politischen Tätigkeit des Mannes und der Kinder, die die Familie miternähren, Stumpfheit oder Prostituierung. Diese Sorgen und Ängste können zu wesentlichen Triebkräften des Klassenbewußtseins werden, wenn sie in richtigen Zusammenhang mit den anderen Kräften und Gegenkräften gebracht würden. (Was ist Klassenbewußtsein?, 1934, S. 23f, Hervorhebungen hinzugefügt)

„Kraft und Gegenkraft“ entsprechen „Trieb und Abwehr“ im Individuum. Hier geht es um das Erkennen und Handhaben der „Kräfte und Gegenkräfte“ im gesellschaftlichen Bereich. Ein konkretes Beispiel sind die „Instruktionsabende“ der Sexpol in Berlin, die dem Kontakt zwischen den Massen und den Funktionären dienten, wo Reich, wie in der Charakteranalyse, immer von den aktuellen konkreten Problemen ausging, nicht von psychoanalytischen und Marxistischen Theorien über die Vergangenheit:

Man setzte kein Thema an und keine Diskussion, sondern stellte einfach an die Funktionäre und einfachen Genossen die Frage, wo sie gegenwärtig die größten Schwierigkeiten hätten. Schon dadurch konnte man nicht fehlgehen in der Beurteilung dessen, was momentan am wichtigsten war. Man beriet gemeinsam die Schwierigkeit, fand hier eine Lösung, die der praktischen Überprüfung überlassen wurde, schob dort eine Entscheidung auf, bis man mehr Material zur Entscheidung vorliegen hatte; das lebendige Leben flutete aus den kameradschaftlichen Besprechungen; man brauchte nicht Theorien aus den Fingern zu saugen, sie ergaben sich von selbst. Die wachsende Beteiligung und die Lebhaftigkeit der Diskussion zeigten, daß die Instruktionsabende ein glücklicher Griff gewesen waren. Man erwarb die Überzeugung, daß das Leben sich nicht betrügen, sondern klar, einfach fassen läßt. Man mußte nur die einfachen Organisationsmitglieder (es waren auch viele Nichtmitglieder anwesend) einfach von der Leber weg reden lassen. Als einzige ernste Schwierigkeit ergab sich immer nur die Verbauung durch falsche, von der bürgerlichen Ideologie vermittelte Anschauungen, die aber im Lichte lebensnaher, unverbogener, undogmatischer Besprechung in Nichts zerflossen. (ebd., S. 46)

Das erinnert frappant an seine Kritik an der damals gängigen psychoanalytischen Therapie.

Zu Reichs Verbindung von psychoanalytischer und Leninistischer Herangehensweise hat Myron Sharaf in Fury on Earth geschrieben:

So wie die Charakteranalyse das Individuum von der inneren Unterdrückung befreien und den Fluß der natürlichen Energien freisetzen konnte, würden – so Reichs Hoffnung – radikale Sozialisten und Kommunisten die Massen von externer Unterdrückung retten und eine natürliche soziale Harmonie freisetzen, eine „klassenlose“ Gesellschaft. Ein wenig anders ausgedrückt, gab es eine Parallele zwischen Reichs Wunsch nach kraftvollen Aktionen von Seiten der politischen Linken und seiner klinischen Suche nach Maßnahmen, die eine schnelle individuelle Veränderung bewirkten. Entsprechend konnte ein genitaler Durchbruch den Patienten befreien, trotz ungelöster psychischer Konflikte und ohne längere Analyse. Die soziale Revolution, die von konsequent auftretenden Führern geleitet wird, könnte zu sozialen Durchbrüchen führen trotz aller Ängste und Widersprüche bei den Bürgern. Reichs Versuch seine klinischen und sozialen Hoffnungen zu integrieren bildete den Kern seiner Bemühungen zwischen 1927 und 1934. (Fury on Earth, S. 126)

Die „klinischen Maßnahmen für schnelle Veränderungen“ entsprechen seinem späteren direkten Angehen der muskulären Panzerung.

In den 1950er Jahren machte Reichs Rechtsanwalt gegenüber Sharaf die Anmerkung, „daß Reich nie wirklich den demokratischen Prozeß verstanden hat; er hatte eine elitäre Vorstellung davon, wie die Dinge sein sollten, wo ‚rationale‘ Menschen wie er selbst bestimmen, was legitim und illegitim sei“ (ebd., S, 436). Die „verkörperte Rationalität“. Wie schon in der Schlußsequenz von Was ist Klassenbewußtsein? :

Das Klassenbewußtsein der revolutionären Führung (der revolutionären Partei) ist nichts anderes als die Summe des Wissens und der Fähigkeiten, für die Masse auszusprechen, was sie selbst nicht auszudrücken vermag; und die revolutionäre Befreiung vom Joche des Kapitals ist die zusammenfassende Tat, die aus dem vollentwickelten Klassenbewußtsein der Masse von selbst erwächst, wenn die revolutionäre Führung auf allen Lebensgebieten die Masse begriffen hat. (S. 65)

Was „Demokratie“ anbetrifft, geht es hier um die Gewinnung der Massen der Bevölkerung. Reich:

Jedem marxistisch Geschulten ist sofort klar, daß bürgerliche Politik immer demagogisch sein muß, denn sie kann den Massen nur Versprechungen machen, aber nichts erfüllen. Im Gegensatze dazu ist die revolutionäre Politik, da sie den Massen alles, was sie verspricht, auch erfüllen kann, im Prinzip undemagogisch. Wo sie demagogisch ist oder wirkt, kann man mit Sicherheit auf Preisgabe der revolutionären Grundsätze schließen. (ebd., S. 37)

Man muß hier unmittelbar an die AfD oder Trump denken, die beide das Kartell des haltlosen Geschwafels („Wir schaffen das!“) durchbrochen haben und die Welt der politischen Hinterzimmer, der politischen Machenschaften, der Lobbyisten der Großindustrie, der „Bertelsmann-Stiftung“, etc. durchbrochen haben. Man lese nur die ständige Hetze der Bild-Zeitung und der öffentlichen Medien gegen die AfD und Trump. Reich:

Ein alter Grundsatz der Revolution ist die Abschaffung der Geheimdiplomatie. Er ist selbstverständlich, denn da die soziale Revolution der Vollzug des Volkswillens gegen die Besitzer der Produktionsmittel unter Führung des Industrieproletariats ist, bleibt nichts mehr zu verheimlichen. Dann gibt es nichts mehr, das die Masse nicht hören dürfte; im Gegenteil sie muß alles wissen und kontrollieren können. (S. 43)

Und weiter:

Die revolutionäre Politik hat vor den Massen nichts zu verbergen, sie will alles enthüllen. Die bürgerliche Politik darf nichts enthüllen, muß alles verbergen. An der Kulissenpolitik, wo immer sie auftreten mag, erkennt man die politische Reaktion. (S. 44)

ReichsKlassenbewusstsein

Freud, Retter der Kultur

23. Dezember 2014

Wenn man vom Libido-Konzept selbst absieht, ist die wichtigste Vorstellung, die Reich aus der Psychoanalyse übernommen hat, die, daß die Libido auf prägenitale Stufen bzw. Objekte (insbesondere das gegengeschlechtliche Elternteil) fixiert bleibt und deshalb nicht entladen werden kann.

Diese Vorstellung hat er dahin modifiziert, daß die genitale Sexualität die besagten infantilen Fixierungen entschärfen kann, indem ihnen die Energie entzogen wird, und daß umgekehrt durch Störung der genitalen Abfuhr an sich harmlose Erfahrungen in der Kindheit (etwa inzestuöser Natur) im nachhinein pathogen werden können, weil sie mit Energie aufgeladen werden.

Unglaublicherweise will die Psychoanalyse die genitale Befriedigung aber eindämmen und durch „Sublimierung“ ersetzen, die, wie Reich hervorhebt, jedoch von der uneingeschränkten genitalen Befriedigung abhängt. Nur wer genital befriedigt ist, kann prägenitale Strebungen sublimieren. Man kann also mit Karl Kraus sagen, daß die Psychoanalyse die Krankheit ist, deren Heilung sie vorgibt.

In Die Traumdeutung (Fischer TB, 1961, S. 470f) beschreibt Freud seinen therapeutischen Ansatz wie folgt: Unbewußte Wünsche blieben immer rege.

Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man bekommt hiervon den stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der unbewußte Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nach dem sie sich den Zugang zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die dreißig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit der Erregung besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten und für einen primären Einfluß der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären, das Ablassen der Erinnerung und die Affektschwäche der nicht mehr rezenten Eindrücke, das sind in Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zustande kommen. Es ist das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie kann keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der Herrschaft des Vbw zu unterwerden.

Nach Reich ist das Verdrängte, das Unbewußte („Ubw“) identisch mit der Muskelpanzerung. Genauer gesagt: die innere Erregung wird chronisch so umgeleitet, daß es zu automatischen („unbewußten“) Verhaltens- und Denkmustern kommt. Reichs Ansatz beinhaltet die Auflösung dieser Panzerung, so daß der Körper wieder situationsangemessen reagieren kann. Bei Freud geht es ganz im Gegenteil darum, die „Herrschaft des Vorbewußten (Vbw)“ aufzurichten, d.h. die vorbewußte (also jeder Zeit bewußtseinsfähige, ansonsten aber automatisch ablaufende) Kontrolle zu verschärfen – den Menschen noch mehr zu verpanzern.

Freud schreibt weiter:

Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich irgendwo durch und schafft seine Erregung für dies eine Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des Vorbewußten, und seine Erregung wird durch dasselbe gebunden anstatt abgeführt.

Durch die systematische Beseitigung der Panzerung wollte Reich die „orgastische Potenz“ herstellen, d.h. die geregelte Abfuhr der vegetativen Energie in Arbeit und Sexualität. Freud ging es darum, diese „störenden“ Energien besser zu binden, d.h. die orgastische Impotenz zu vertiefen.

Man muß Psychoanalytiker und ihre „erfolgreich therapierten“ Patienten persönlich kennengelernt haben, um zu sehen, daß das alles mehr als bloße Theorie ist.

Konkret geschieht die psychoanalytische „Bindung“ der Energie durch Verstärkung der Kopfpanzerung („Intellektualisierung“). Ganz ähnlich ist es um das angebliche Gegenteil der Psychoanalyse bestellt, die kognitiv-behaviorale Therapie.

Schon früh hatte Reich erkannt, daß nicht etwa der Neurotiker mit seinen auffallenden Symptomen der wirklich Kranke ist, sondern der „Charakterneurotiker“, Homo normalis, der sich reibungslos in diese kranke Gesellschaft einpaßt. Psychotherapeuten sollen die Neurotiker wieder auf Linie bringen.

Im Grunde ist das die Aufgabe unserer gesamten Kultur: all die Feuilletons, schlauen Bücher und Diskussionsrunden. Deshalb ist es auch so abwegig, „Intellektuelle“ von der Orgonomie überzeugen zu wollen. Bestenfalls ist sie ihnen „zu banal“.

Eine der effektivsten Techniken, um bei Menschen eine Panzerung des okularen Segments hervorzurufen, ist die Verunsicherung. Wir alle kennen das Gefühl des Weggehens in den Augen, wenn wir von verwirrten Menschen unvermittelt etwa gefragt werden: „Waren sie schon mal alt?“ „Hatten Sie nicht eben eine Decke in der Hand?“ Insbesondere aber, wenn sie absurde Deutungen von alltäglichen Erscheinungen und Vorkommnissen geben. Man stößt irritiert aus: „Leute, ihr bringt mich ganz durcheinander“ und schüttelt spontan den Kopf, so als wolle man die künstlich induzierte Augenpanzerung wieder abschütteln. Wieviel schlimmer muß das sein, wenn derartiger Schwachsinn einem mit der Autorität des Arztes aufgezwungen wird! Genau dies geschieht bei den fast durchweg absurden Deutungen der Psychoanalyse. Man denke nur an die Erinnerungen des „Wolfsmanns“.

Bei Reich war dies radikal anders, denn in der Charakteranalyse und Orgontherapie wird eben dem Patienten nicht gesagt, wogegen sich seine Abwehr richtet, vielmehr ist es Aufgabe des Patienten selbst zu ergründen, was sich hinter seiner Angst verbirgt. Die Psychoanalyse ist ein destruktiver Kult, der verboten gehört!

Die ganze Pestilenz der Psychoanalyse wird durch folgendes Zitat aus dem Jahre 1926 deutlich, als Freud in Die Frage der Laienanalyse schrieb:

Die sexuellen Regungen des Kindes finden ihren hauptsächlichsten Ausdruck in der Selbstbefriedigung durch Reizung der eigenen Genitalien, in Wirklichkeit des männlichen Anteils derselben. Die außerordentliche Verbreitung dieser kindlichen „Unart“ war den Erwachsenen immer bekannt, diese selbst wurde als schwere Sünde betrachtet und strenge verfolgt. Wie man diese Beobachtung von den unsittlichen Neigungen der Kinder – denn die Kinder tun dies, wie sie selbst sagen, weil es ihnen Vergnügen macht – mit der Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinnlichkeit vereinigen konnte, danach fragen Sie mich nicht. Dieses Rätsel lassen Sie sich von der Gegenseite aufklären. Für uns stellt sich ein wichtigeres Problem her.

Soweit, so lebenspositiv vernünftig, doch dann fährt der ach so aufgeklärte Freud fort:

Wie soll man sich gegen die Sexualbetätigung der frühen Kindheit verhalten? Man kennt die Verantwortlichkeit, die man durch ihre Unterdrückung auf sich nimmt, und getraut sich doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren zu lassen. Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der Kinder freigegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein starker Schutz gegen die spätere Erkrankung an individuellen Neurosen erzielt worden, aber nicht auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an der Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches spricht dafür, daß wir hier vor einer neuen Scylla und Charybdis stehen.

Für Freud ging die Kultur stets vor!

freudpestilenz

Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 1)

24. August 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Peter Crist: Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 1)

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Schmerz, Lust, Motivation, Emotion, Hauptwiderstand: Orgontherapie

6. Juli 2014

In der Orgontherapie gibt es zwei in den meisten Darstellungen vernachlässigte zentrale Elemente. Das erste Element verweist auf die Vergangenheit, d.h. auf den Grund, warum wir uns überhaupt abpanzern. Das zweite verweist auf die Zukunft, d.h. was an die Stelle der Panzerung tritt: das freie, lustvolle Strömen der organismischen Orgonenergie.

Meinem Spruchkalender zufolge hat der Kabarettist Anselm Vogt gesagt: „Er verfehlte die Lust, weil er den Schmerz vermeiden wollte.“ Genau dieser Mechanismus verursacht die Panzerung und erhält sie aufrecht. Beispielsweise sehen wir nicht die atemberaubende Schönheit dieser Welt und nehmen nicht am zwischenmenschlichen Dialog teil – an jenem grandiosen Roman, an dem die Menschheit seit Jahrtausenden kollektiv arbeitet –, weil wir schmerzvolle Dinge nicht sehen und nicht hören wollen. Das pulsierende Leben geht an uns vorbei. Stattdessen stolpern wir blind, taub und stumm durchs Leben und scheitern an ihm. Ein ganzes Leben verfehlt, nur weil wir einem kleinen, weil vorübergehenden Schmerz ausweichen wollten. Wir sind wie verschreckte Meeresmuscheln, die sich aus Angst nicht mehr öffnen. Menschen bleiben lieber ein ganzes Leben lang einsam und allein, nur weil sie vor dem Schmerz der Zurückweisung Angst haben. Ein „Ereignis“, das nur Sekundenbruchteile andauert. Wir nehmen lieber Jahrzehnte des Nachbarschaftsstreits auf uns, statt einmal (nämlich ganz zu Anfang) für ein oder zwei Minuten die offene Konfrontation zu suchen. Tatsächlich beruht fast unser gesamtes Rechtssystem darauf: daß die Menschen nicht ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, sondern allem ausweichen und sich hoffnungslos verheddern – verpanzern. Die Orgontherapie will diesen sprichwörtlichen Gordischen Knoten durchschlagen.

Wie macht sie das? Nicht durch den Appell an Vernunft und Einsicht, wie man aus den obigen Ausführungen vielleicht schließen könnte, und erstrecht nicht durch „Körperarbeit“, sondern mittels Mobilisierung der organismischen Energie. Dies natürlich in einem sehr spezifischen Sinne, d.h. im Sinne einer Stärkung der Motivation. Nur eine entsprechend große Motivation bringt uns nämlich dazu, den kurzen Schmerz auf uns zu nehmen. „Denke nicht an die mögliche schmerzhafte Zurückweisung, sondern an die ungeheure Lust, die du in ihren Armen genießen wirst!“ – Das ist natürlich leichter gesagt als getan, aber es geht ja schließlich auch nicht um „Motivationstraining“ („Tsjakkaa – Du schaffst es!“), sondern um den Kern der Orgontherapie: die zielgerichtete Mobilsierung von Emotionen: „Die Mobilisierung der plasmatischen Strömungen und Emotionen ist (…) identisch mit der Mobilisierung von Orgonenergie im Organismus“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 472).

Nun, jeder Idiot kann Emotionen mobilisieren. Schließlich ist das das Metier der Politiker, die alle ihrem ungeschlagenen Meister Adolf Hitler nacheifern. Es bedarf eines Therapeuten, der weiß was er tut. Es bedarf jemanden, der sich in der Welt der Psychopathologie, in der Welt der Neurosen und Psychosen auskennt (ein Psychiater) und da Emotionen immer auch etwas Körperliches sind, sollte er selbstredend Arzt sein. Und es bedarf jemanden, der sich in der Funktionsweise der organischen Orgonenergie auskennt: es bedarf eines medizinischen Orgonomen.

Er ist beispielsweise in der Lage einen Wutausbruch des Patienten zu unterbrechen, weil die Wut nur eine in diesem Moment wichtigere Emotion, etwa das Weinen, am Ausdruck hindern soll, also nichts anderes als Abwehr ist. Er denkt funktionell, nicht mechano-mystisch („Der Ausdruck von Wut ist [an und für sich] gut!“). Der medizinische Orgonom ist nicht Teil der anti-autoritären Kultur, in der jeder (fast!) alles und das zu jedem Zeitpunkt ausdrücken darf – nur nicht seine wahren (im Zweifelsfall „faschistischen“) Gefühle. Der medizinische Orgonom mißachtet das zentrale Dogma der anti-autoritären Gesellschaft und fällt Werturteile, aber er wird niemals moralistische Urteile fällen. Beispielsweise wird immer klar sein, daß er Homosexualität als neurotisches Symptom betrachtet, aber er wird niemals einen homosexuellen Patienten moralisch abwerten. Oder mit anderen Worten: der Patient ist 100%ig in sicheren Händen; ihm wird gesagt, was er wissen muß, um zu gesunden, aber er wird niemals und unter keinen Umständen in seiner Integrität angegriffen. Stelle dich deinen Ängsten, versuche sie auszuhalten und werde du selbst und damit Teil dieser wunderbaren Welt. Alles andere, alles andere als Orgontherapie, ist bloße Zeitverschwendung und macht alles nur noch schlimmer. Die Lebensenergie, das Orgon, wurde entdeckt, sie folgt gewissen Gesetzmäßigkeiten, die der medizinische Orgonom kennt und die ausschließlich er therapeutisch nutzen kann.

Ein mir immer mehr ins Auge springendes Problem ist, daß Leute, die brotlose Fächer, etwa Politologie oder Ethnologie, studiert haben (der wirkliche Bedarf an neuen Politologen und Ethnologen pro Jahr läßt sich mit den Fingern einer Hand ablesen!), statt Taxifahrer zu werden, sich als „Reichianische“ „Körperpsychotherapeuten“ niederlassen – und unglaublicherweise auch noch Leute finden, die sie bezahlen. Würden die auch zu einem Automechaniker gehen, dessen einzige Ausbildung ein Studium der, sagen wir mal, Slawistik ist?! Natürlich nicht. Aber in Sachen menschlicher Emotionen hält sich wirklich jeder für einen Experten – und findet Anhänger. Lauter kleine Adolf Hitlers mit ihrem debilen Gefolge auf dem Weg ins Verderben!

All das Muskelquetschen und „Energiemobilisieren“ und „Charakteranalysieren“ bringt rein gar nichts, wenn nicht immer wieder und wieder der Patient mit seinem charakterlichen Hauptwiderstand konfrontiert wird, bis er ihn schließlich existentiell als Symptom erfährt und aufgibt. In den unten dargestellten Fällen von Orgontherapie-Patienten wird das trotz aller notwendigen Kürze der Darstellung deutlich. Orgontherapie ist nicht wildes Herumschreien und Ausleben verdrängter Emotionen, sondern wohldurchdachte „biopsychiatrische Chirurgie“, die ausschließlich von ausgebildeten und ständig supervidierten Spezialisten durchgeführt werden kann.

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