Posts Tagged ‘Todestrieb’

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

31. August 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Über die Gegenwahrheit

 

nachrichtenbrief130

4. Mai 2019

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

25. Februar 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Über die Gegenwahrheit

 

Der verdrängte Christus: 24. Freuds Christusmord

19. September 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS:

24. Freuds Christusmord

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 3)

9. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

I. Die Spannungs-Ladungs-Funktion: 2. Die Entdeckung der Orgasmusfunktion

Wiederum war es klinische Beobachtung, die Reich einen Schritt weiterbrachte. Stand das Therapieziel der Herstellung der orgastischen Funktionsfähigkeit inzwischen fest, so blieb doch noch offen, wie dies zu erreichen sei. Die in der Behandlung durch Symptomauflösung freigesetzte seelische Energie, die bislang in den Symptomen gebunden war, reichte offenbar nicht aus, um die volle orgastische Funktion herzustellen. Die Kranken verloren zwar ihre Symptome, doch im Ganzen blieben sie gesperrt. Es drängte sich logischerweise die Frage auf, wo, außer in den neurotischen Symptomen sexuelle Energie gebunden ist. „Aufgrund der psychoanalytischen Neurosenlehre lag es nahe, die fehlende Energie für die Herstellung der vollen Orgasmusfähigkeit in den nichtgenitalen, also in den frühkindlichen prägenitalen Betätigungen und Phantasien zu suchen … Dadurch verschärfte sich die Anschauung, daß die einzelnen sexuellen Triebe nicht gesondert voneinander funktionieren, sondern eine Flüssigkeit in kommunizierenden Röhren, eine Einheit bilden. Es kann nur eine einheitliche Sexualenergie geben, die sich an verschiedenen erogenen Zonen und seelischen Vorstellungen zu befriedigen sucht.“1

Im Laufe der Entwicklung der Charakteranalyse2 fand Reich heraus, daß es der gesamte Charakter eines Patienten ist, der sich gegen die volle sexuelle Hingabe richtet und somit den Mechanismus darstellt, der alle Energie bindet. Bei der Charakteranalyse trat das, was die Patienten sagten, immer mehr in den Hintergrund. Wichtig wurde die Art und Weise, wie der Patient spricht und handelt; der Habitus des Patienten ist weit mehr Ausdruck seines Charakters als der Inhalt seiner Worte. Die einzelnen Charakterzüge sind voneinander abhängig und bilden zusammen ein einheitliches System der Abwehr gegen alle Emotionen, die als gefährlich empfunden werden. Die Gesamtheit und Starre des Abwehrsystems nannte Reich den Charakterpanzer. Dieser hat die Funktion, Unlust zu vermeiden. Bei der Untersuchung der Körperhaltungen, die die emotionalen Ausbrüche der Patienten begleiteten, zeigt sich, daß dem psychischen Panzer ein entsprechender somatischer Muskelpanzer gegenübersteht. Gab ein Patient in seiner seelischen Abwehrhaltung nach, brachen stets auch körperliche Affekte durch. Wurden umgekehrt muskuläre Verspannungen aufgelöst, so kam es zu Ausbrüchen von Wut, Haß, oder Angst oder auch zu sexueller Erregung. Das bedeutet, daß die sexuelle Energie durch dauernde muskuläre Spannungen gebunden werden kann und daß auch Lust und Angst durch muskuläre Spannungen abgebremst werden können. „Die charakterliche Panzerungen erscheinen nun als ‚funktionell identisch‘. Der Begriff ‚funktionell identisch‘ besagt nichts anderes, als das muskuläre und charakterliche Haltungen im seelischen Getriebe dieselbe Funktion haben, einander ersetzen und gegenseitig beeinflußt werden können. Im Grunde sind sie nicht zu trennen, in der Funktion identisch.“3 „Emotional“ bedeutet nicht mehr bloß etwas „Psychisches“, sondern meint die Bewegung von Energiepotentialen im Organismus.

Einen Todestrieb, wie ihn Freud einführte, fand Reich in der klinischen Praxis nicht bestätigt. Vielmehr erwiesen sich alle seelischen Äußerungen, die als Todestrieb gedeutet werden konnten, als Produkte der Neurose. Das Motiv der Destruktion, des Tötens, ist nicht die ursprüngliche Lust an Destruktion, sondern das Interesse des Lebenstriebes, Angst zu ersparen und das Gesamt-Ich zu erhalten. Der Destruktionstrieb will nicht Lust erzielen, sondern das Ich von Unlust befreien, somit tritt die Destruktion in den Dienst des Lebenstriebes. Ein Masochist, der phantasiert, gepeinigt zu werden, um zu zerplatzen, erhofft sich dadurch Entspannung. Man kann also sagen, daß auch der Masochist dem Lustprinzip folgt und nicht einen Leidenstrieb (Todestrieb) agieren läßt.4

Immer noch war die Frage unbeantwortet, welcher Natur die sexuelle Energie sei. Sie kann nicht auf irgendwelche chemischem Stoffe zurückgeführt werden, die in den Eierstöcken und Zwischendrüsen des Hodens produziert werden. Dem widersprach unter anderem die Tatsache, daß Kastration nach der Pubertät die Erregungsfähigkeit des Menschen nicht ausschaltet und er zum Geschlechtsakt fähig bleibt. Auch kann die sexuelle Erregung keinesfalls alleine identisch sein mit Blutbewegung, denn es gibt Blutfüllungen der Genitalorgane ohne eine Spur von Erregungsgefühl. Reich vermutete schließlich, daß es sich bei der gesuchten Energie um Bioelektrizität handele. Er berief sich auf den Berliner Internisten Kraus, der festgestellt hatte, daß der Körper von elektrischen Prozessen gesteuert wird. Auch der Orgasmus mußte ein bioelektrischer Vorgang sein. Bei der sexuellen Reibung wird in den beiden Körpern zunächst Energie aufgeladen, dann im Orgasmus wieder entladen.

„Untersucht man den Vorgang genauer, so entdeckt man einen merkwürdigen Viertakt des Erregungsablaufs: Die Organe füllen sich erst mit Flüssigkeit: Erektion mit mechanischer Spannung. Dies führt eine starke Erregung mit sich …, elektrischer Natur: Elektrische Ladung. Im Orgasmus baut die Muskelzuckung die elektrische Ladung beziehungsweise sexuelle Erregung ab: Elektrische Entladung. Dies geht über in eine Entspannung der Genitalien durch Abfluß der Körperflüssigkeit: Mechanische Entspannung.“5 Es ergibt sich als Spannungs-Ladungs-Funktion, auch Orgasmusformel genannt, der Viertakt:

SPANNUNG – LADUNG – ENTLADUNG – ENTSPANNUNG

Zur Überprüfung der Orgasmusformel untersuchte Reich die elektrischen Oberflächenladungen der menschlichen Haut an den erogenen Zonen im Zustand von Lust und Angst.6 Die Experimente schienen die bioelektrische Erklärung der Sexualenergie zu bestätigen. An den sexuellen Zonen wurden Schwankungen des Oberflächenpotentiale bis zu 50 MV gemessen. „Einzig und allein biologische Lust, die mit dem Empfinden des Strömens und der Wollust einhergeht, ergibt Steigerung der bioelektrischen Ladung. Alle anderen Erregungen, Schmerz, Schreck, Angst, Druck, Ärger, Depressionen gehen mit Erniedrigung der Oberflächenladung des Organums einher.“7

Gegen die Auffassung, bei der Bioelektrizität handele es sich um die bekannte bioelektromagnetische Energie (Elektrizität), wandte Reich mehrere Argumente ein. „Die elektromagnetische Energie bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit … Man beobachte nun die Art der Kurven und Zeitmaße, die die Bewegung der bioelektrischen Energie kennzeichnen, und man wird finden, daß der Charakter der Bewegungen der bioelektrischen Energie sich grundsätzlich von den bekannten Tempo- und Bewegungsarten der elektromagnetischen Energie unterscheidet. Die bioelektrische Energie bewegt sich außerordentlich langsam mit Millimettern in der Sekunde … Die Bewegungsform ist langsamwellig. Der Bewegungscharakter dieser biologischen Energie ähnelt den Bewegungen eines Darms oder einer Schlange … Man könnte zur Auskunft greifen, daß es der große Widerstand der tierischen Gewebe ist, der si Geschwindigkeit der elektrischen Energie im Organismus verlangsamt. Diese Auskunft ist unbefriedigend. Die Zuführung eines elektrischen Reizes am Körper wird augenblicklich empfunden und beantwortet.“8

Reich wies ferner darauf hin, daß Menschen feine Voltmeter durch Berühren beeinflussen. Aber die Quantitäten dieser Reaktion sind nach Reichs Auffassung im Verhältnis zu den Energieleistungen des menschlichen Organismus viel zu gering, als daß sie alleine dafür verantwortlich gemacht werden könnten. Also mußte nach eine andere, bislang unbekannte Energie die Grundlage der Bioelektrizität bilden.

Mit der Entdeckung der Orgasmusformel war aber der grundlegende Schritt zur Entdeckung dieser noch unerforschten Energie getan. Es zeigte sich, daß der Spannungs-Ladungsvorgang ebenfalls die Herzfunktion dirigiert. Ebenso folgen Darm, Harnblase und Lunge in ihrer Funktionsweise diesem Viertakt. Die Spannungs-Ladungsfunktion gilt für sämtliche Funktionen des autonomen Lebensapparates. Auch die Zellteilung unterliegt dieser Funktion. Die Teilung einer Zelle mit gespannter Oberfläche in zwei kleinere Zellen, bei denen der gleiche Volumeninhalt von einer weit größeren und daher weniger gespannten Oberflächenmembran umgeben ist, entspricht einer Spannungslösung.9 Ebenso folgen die Bewegungen von Würmern und Schlangen und Einzellern dem Rhythmus der Spannungs-Ladungsfunktion. „Ein Grundgesetz scheint also den Organismus als Ganzen ebenso wie seine autonomen Organe zu beherrschen. Die Gesamtorganismus zuckt im Orgasmus wie das Herz bei jedem Pulsschlag, Wir fassen mit unserer biologischen Grundformel den Kern des lebenden Funktionierens.“10 Die Orgasmusformel entpuppt sich somit als Lebensformel schlechthin. Der menschliche Organismus ist also am Höhepunkt der sexuellen Befriedigung im Grunde genommen nichts anderes als ein zuckender Plasmahaufen.

 

Fußnoten

  1. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 101
  2. Eine ausführliche Darstellung der Charakteranalyse findet sich in: Reich, W. Charakteranalyse, Frankfurt 1973, S. 23 – 252
  3. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 203
  4. Vgl. ebenda S. 189 – 193; u. Reich, W. Charakteranalyse, a.a.O., S, 213 – 253
  5. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus a.a.O. S. 206
  6. Vgl. ebenda S. 278 – 286
  7. ebenda S. 284
  8. ebenda S. 288
  9. Vgl. ebenda S. 204 – 214
  10. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Der Krebs, Frankfurt 1976, S. 29

Das Tor zur Hölle öffnet sich (Teil 3)

19. Juli 2018

Bei allem Wilhelminischen Bombast und seiner unfreiwilligen Komik: die Statuen, etwa das Armenius-Denkmal haben einen normalen Muskelaufbau und eine normale Ausstrahlung. Im Dritten Reich hingegen wirken die dargestellten Menschen durchweg wie Sektenmitglieder und die grotesk überbetonte und angespannte Muskulatur wirkt wie ein – Panzer. Interessant wird es, wenn man sich das plastisch gewordene Leitbild der Nachkriegszeit anschaut. Etwa diese Figur, deren Art man in Hamburg in öffentlichen Parks, vor Polizeistationen, etc. antrifft:

Wir haben die Abfolge vom normalen Menschen, zur „blonden Bestie“ und schließlich zum „Opfa“ mit häßlichen Glubschaugen vor uns. Aus Hypertonus wird Hypotonus, Anorgonie.

Die bildende Kunst gibt unmittelbar die biophysische Struktur (die „Panzerung“) einer Gesellschaft wider. Das findet sich schon bei den Felszeichnungen in der Sahara. Je weiter sich die geographische und vor allem die emotionale Wüste konsolidierte, desto abstrakter und entarteter wurde die Darstellung des menschlichen Körpers (siehe James DeMeos Saharasia. Man braucht nur ein Museum für moderne „Kunst“ besuchen, um zu sehen, daß der Mensch nunmehr an seinem Endpunkt angelangt ist: ein zerfetztes Etwas. An den Wänden hängen photorealistische Bilder unserer Seelen! Währenddessen hören sich die Kinder Slipknot an:

Diese „Musik“ ist die Melodie der Herzen jener, die als Kinder gemobbt, geschlagen, sexuell mißbraucht wurden. Sie spendet ihnen Trost und Kraft. Vordergründig natürlich, weil sie in ihrem Leid nicht mehr alleine sind und weil Wut und Aggression zumindest etwas „Expansion“ bedeuten. Worum es aber wirklich geht… Ich verweise zurück auf Hellraiser:

Der diamantenförmige Leviathan im Mittelpunkt der Hölle sendet seine Dämonen aus, weil er wie Mephisto in Goethes Faust die ANORGANISCHE Ordnung liebt und die Lebewesen, ihr Fleisch und ihr Seelen, stehen für Unordnung. Sie müssen ZERRISSEN werden – damit Ruhe ist. Wie Reich in seinen Ausführungen über den Masochismus erläutert hat: die „Blase“ will zum Platzen gebracht werden – damit Ruhe ist… Siehe auch Reichs Ausführungen über die Rehabilitation von Freuds „Todestrieb“ in Gestalt von DOR: das schwarze „Licht“, das der Leviathan aussendet. Das ist der tiefste Grund, warum Menschen Buddhisten werden, bzw. Sufis, Sozialdemokraten, Anarchisten, Satanisten, etc., oder was es mit der Linie der Buddhisten Schopenhauer, Wagner, Hitler, Himmler auf sich hat: es soll Ruhe sein! Dafür wurden Menschen buchstäblich durch den Fleischwolf gedreht. Und es geht weiter, aber niemand hat ein Auge dafür.

Das Tor zur Hölle öffnet sich (Teil 2, Anhang 2)

17. Juli 2018

Es hat zwei Staaten auf der Welt gegeben, in denen der Film Hellraiser in all seiner fleischzerfetzenden Sadistik Wirklichkeit war: in Tibet unter dem Schreckensregime des Dalai Lama (zum Repertoire der Mönchspolizei gehörte beispielsweise das Abziehen der Haut bei lebendigem Leib) und neuerdings im Islamischen Staat. Die sekundäre Schicht der Charakterstruktur ist sequestriertes DOR. Es ist der „Todestrieb“, der alles Anorganisch machen will, die Leere, das Nirwana anstrebt.

Gemeinhin werden fünf oder sechs Weltreligionen genannt: Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus, chinesischer Universismus (Konfuzianismus/Taoismus/Mahayana-Buddhismus) und Judentum. Nur die ersten drei sind aber überall vertreten und betreiben aktive Mission, während die letzten drei völkisch gebunden sind und teilweise kaum als Religion im üblichen Sinne bezeichnet werden können.

Christentum, Islam, Buddhismus – wir haben hier ziemlich genau die biophysische Struktur des gepanzerten Menschentiers vor uns: der bioenergetische Kern, die mittlere Schicht der sekundären Triebe und die soziale Fassade.

Der Buddhismus verkörpert explizit die Kernlosigkeit („An-Atman“). Er leugnet Gott und die Seele, ergeht sich in „Menschenliebe“ und ist in seiner tantrischen Ausprägung (Japan und Tibet) nur Maske: „Du wirst zum Buddha, indem du dir die Maske eines Buddha überstülpst“ (Mudra, Mantra, Mandala). Deshalb hat der Buddhismus auch so einen durchschlagenden Erfolg im Westen, der zunehmend von der Loslösung vom bioenergetischen Kern geprägt ist.

Der Islam ist ebenfalls vollständig vom bioenergetischen Kern abgetrennt, sozusagen ebenfalls „anti-biologisch“. Sein spiritueller Gehalt ist gleich null. Das, was man in dieser Hinsicht zu erkennen glaubt, insbesondere in der Architektur, geht auf die persische-zoroastrische Kultur zurück. Der Koran liest sich, als hätte ihn Satan höchstpersönlich geschrieben – wobei die Übersetzungen in zivilisierte Sprachen sogar noch durchweg geschönt und geglättet sind… Es geht in ihm darum, die „Gläubigen“ mit absurden Verhaltensmaßregeln zu quälen, ansonsten handelt er nur von Mord und Todschlag an den „Ungläubigen“. Der IS hat sich strengstens an diese Anweisungen gehalten! Bitte, man lese doch den Koran! (Die überwiegende Mehrzahl der Moslems sind freundliche und liebenswerte konservative Menschen nicht wegen, sondern trotz ihrer Religion, die sie, größtenteils des Arabischen nicht kundig und selbst ausgestattet mit einer rosaroten Brille gar nicht kennen.)

Das Christentum… Wohl keine Religion wurde und wird stärker angegangen. Keine andere Religion darf man straflos kritisieren, ihren Gründer verhöhnen und die Anhänger diskriminieren. Christen sind in der heutigen Welt Freiwild! Sie sind es, weil sie, ihre Religion und insbesondere Christus selbst für den bioenergetischen Kern stehen. Sie sind schlicht Opfer der Emotionellen Pest!

Historische Vorworte zur niederländischen Ausgabe von „Die Sexualität im Kulturkampf“ (Teil 2)

9. Juni 2018

VORWORT
ZUM ZWEITEN DRUCK DER NIEDERLÄNDISCHEN AUSGABE

Das politische und soziale Leben in den Niederlanden steht seit der Befreiung im Abschwung. Die klerikale Reaktion gewinnt an Boden und die Beschränktheit im Bereich der Sexualmoral nimmt mit jedem Tag zu.

Übrigens ist der Rückfall nicht auf die vorherrschenden Ansichten über Sexualität beschränkt, die Freiheit an sich steht auf dem Spiel. Was bedroht ist, gehört nicht ausschließlich zu den spirituellen Werten einer Handvoll fortschrittlicher, bewusster Menschen (und das ist glücklicherweise, auch jetzt, viel mehr als eine Handvoll), die ein Interesse am Ausgang des Kampfes zwischen Sklaverei und Freiheit haben, was jetzt in fast allen Bereichen des Lebens vor sich geht.

Daher ist die Neuauflage von „Sexualität und neue Kultur“, (die erste Ausgabe erschien 1939) eine der populärsten Arbeiten von Dr. Wilhelm Reich, dessen Bücher in der Regel nicht leicht zu verdauen sind, eine mutige Tat.

Mutig nicht nur wegen der ungewöhnlichen Offenheit mit der Reich über das Problem Sexualität schreibt, sondern vor allem, weil Reichs Ansichten sehr revolutionär sind und von allen Seiten angegriffen werden.

Die Seite Reichs zu wählen bedeutet in Vielem, auch in den fortschrittlichsten Kreisen, eine Bombe platzen zu lassen; die oft aus unbewussten, schwer zu formulierenden Motiven aufbrodelnden Widerstände gegen Reich bleiben äußerst stark. Ein bemerkenswertes Phänomen ist zum Beispiel, dass es in unserem Land bisher nicht gelingen durfte, Anhänger für die Theorien Wilhelm Reichs zu gewinnen. Einige Intellektuelle, selbstverständlich aus progressiven Haushalten, haben sich die Mühe gemacht, Reichs Schriften genauer zu studieren; sie haben sowohl schriftlich als auch verbal mutige Versuche gemacht, die neuen Theorien den Arbeitern näher zu bringen, aber leider erwies sich der Widerstand als zu stark. Die seltenen Bücher und Broschüren sind nicht verschwunden, nur hier und da findet man im Bücherregal eines links Orientierten ein fast vergessenes Stückchen Reich. Ein Gespräch darüber führt meist zu einem negativen Ergebnis: Man scheint von ihm nicht sonderlich beeindruckt gewesen zu sein, zumindest nicht in dem Maße, dass man die revolutionäre Bedeutung von Reich auch und vor allem für die traditionellen Ansichten zur Revolution sehen möchte. Die am häufigsten gehörte, aber auch die einfältigste Sichtweise, mit dem man das Gespräch gewöhnlich beendet, ist: „Nun, es war natürlich eine große Sache diese Theorie so darzustellen, aber seine Position ist schon wieder passé.“ Da zielt man denn auf die oft geäußerte Kritik, die darauf hinausläuft, dass Reichs bewiesener Zusammenhang zwischen sexueller Unterdrückung und Sklavenmoral schwer zu argumentieren scheint, dass aber die freieren sexuellen Beziehungen unter den heutigen Jugendlichen noch keine Garantien für ein wachsendes soziales Verantwortungsbewusstsein gezeigt haben. Diese Kritik ist oberflächlich und an den Haaren herbeigezogen. Denn die sexuellen Beziehungen, die sich ein Teil der heutigen jungen Menschen erlauben, deutet noch nicht auf das Vorhandensein einer wirklichen freien Sexualmoral hin. Sie ist schwer belastet mit Angst- und Schuldgefühlen, sie ist oft wenig mehr als „Onanieren zu zweit“. Übrigens gibt es noch mehr zu berichten über diese „Widerlegung“ von Reich, was jedoch die Spannweite eines allgemeinen Vorworts übersteigt.

Ein Vorwort bedeutet normalerweise nicht, eine Analyse des Autors oder des initiierten Buches zu geben, sondern eine Bemerkung über die Bedeutung der vorliegenden Ausgabe zu machen und den Leser daran zu erinnern, warum das eingeführte Buch für ihn von Interesse sein könnte.

Also muss ich zu meinem Ausgangspunkt zurückkehren. Zu Beginn meines Vorwortes habe ich eine Verbindung zwischen der Neuauflage dieser Übersetzung und der Bedrohung der Freiheit gelegt, die jetzt in eine akute Phase eingetreten ist. Sobald man den Kern von Reichs Ansichten erreicht hat, ist diese nicht schwer zu entdecken. Es ist sehr schwierig, diese Ansichten kurz zu formulieren, sie sind sehr schwer auf den Punkt zu bringen. Versucht man dies, so bleibt die gefundene Formel sehr ungenügend und unvollständig. Mit dieser Einschränkung muss Folgendes gelesen und kritisch gegenüber dem tatsächlichen Inhalt dieses Buches getestet werden.

Das Problem der Freiheit, so Reich, hat sehr viel, wenn nicht gar alles, mit der Sexualmoral zu tun. Die wirtschaftliche und geistige Sklaverei im Kapitalismus hat ihre Wurzeln in der Unterdrückung der natürlichen Triebbefriedigung. Dieser einfache Indikator weist in Richtung einer Synthese, die im Gehirn Reichs stattgefunden haben muss, nämlich eine bemerkenswerte Zusammenfassung zweier Denkweisen, die jeweils ihre eigenen Gründe abdecken und nach der Auffassung einiger Autoren sich total widersprechen: der historische Materialismus von Marx-Engels und die Psychoanalyse von S. Freud.

Die zunächst von Freud angenommene Spannung zwischen Lebenstrieb und Todestrieb wurde von Dr. Wilhelm Reich, von der Psychoanalyse und von Anhängern der marxistischen Theorie des dialektischen Materialismus in Frage gestellt und überarbeitet als grundsätzlicher Gegensatz zwischen dem Individuum und der Außenwelt, in diesem Fall der kapitalistischen Gesellschaft.

Und er beweist weiter, wie eng die Sexualmoral mit der Ideologie der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verwoben ist. Er kommt dann zu einigen Schlussfolgerungen, wovon die Wichtigste wohl diese ist: Rebellion gegen den Kapitalismus ist für die Arbeiterklasse nur negativ, wenn die Akzeptanz der sozialen Revolution nicht einhergeht mit der Eroberung einer neuen, eigenen Sexualmoral für sich selbst und die Gesellschaft. Tatsächlich kommt man nach dem Lesen von Reichs Büchern zu dem Schluss, dass die soziale Revolution sinnlos ist, solange der revolutionäre Geist sich nicht erstreckt auf den ganzen Menschen, sein Denken, Fühlen und Handeln, besonders mit Bezug zur Sexualität.

Die Akzeptanz von Obrigkeit, Autorität, Unterwerfung hängt weitgehend davon ab, in welchem Maße man seine sexuelle Moral unmittelbar und kritiklos der allgemeinen bürgerlichen Auffassungen entliehen hat, die in der Verneinung und das Verpöntsein des Sexualtriebs wurzeln.

Das meinte ich, als ich Reichs Buch eine aktuelle Bedeutung zuerkannte. Zurzeit erscheinen unzählige Bücher über das Sexualleben des Menschen, jedoch vermochte sich keiner soweit vorzuwagen wie Dr. Wilhelm Reich, so dass trotz der Vielfältigkeit des Lesematerials dieses Buch einzigartig bleibt, das nun einem erbitterten Kampf ausgesetzt sein wird.

Nichtsdestotrotz ist es notwendig, dass das Problem noch einmal aufgeworfen wird, und deshalb müssen wir der Herausgeberin für ihre mutige Tat dankbar sein. Besonders jetzt, wo die römische Heuchelei mehr Einfluss gewonnen hat, als es der Freiheit guttut.

Zu diesem Zeitpunkt ist eine große Dosis Zivilcourage vonnöten unter diesen Umständen für das Recht sexueller Befriedigung zu plädieren, für die Anerkennung der Sexualität als ein wertvolles Element des Lebens, für das Recht eines jeden Menschen auf Glück, das ohne sexuelles Glück unvollkommen ist.

Man braucht nicht in jeder Hinsicht mit den Ideen Wilhelm Reichs übereinstimmen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass der Aufbau eines sozialistischen Lebens- und Weltbildes die Annahme der vollständigen sexuellen Befriedigung einschließen muss, ohne die der Mensch kein Mensch und die soziale und kulturelle Freiheit keine Freiheit sein kann.

Deshalb bildet die Neuauflage dieser Übersetzung einen Beitrag zur Verteidigung der Freiheit in den Niederlanden.

Möge dies von allen verstanden werden, die die Freiheit lieben, die verstehen, dass ein Mensch ohne Freiheit nichts als ein Haus- und Arbeitstier ist.

JACQUES REES

ZUKUNFTSKINDER: 6. Das sexuelle Elend der Jugend, f. Die sexuelle Revolution

12. April 2018

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ZUKUNFTSKINDER:

6. Das sexuelle Elend der Jugend, f. Die sexuelle Revolution

Peter liest Peter Gays Freud-Biographie

13. Februar 2018

Freud warf Jung vor, die Libido zu einer „universalen Energie“ zu verwässern. Adler habe die Libido durch eine „universale aggressive Kraft“ („Wille zur Macht“) ersetzt. Freud beharrte auf seinem explizit dualistischen Ansatz, da die „psychologische Aktivität im wesentlichen von Konflikten geprägt sei“ (Peter Gay: Freud, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, S. 447). „Seine Schriften sind voll von Gegenüberstellungen wie aktiv und passiv, männlich und weiblich, Liebe und Hunger und (…) Leben und Tod“ (S. 447).

Gay erwähnt Stefan Zweig: „Zweig mit seiner Begabung für die Übertreibung und die auffälligen Antithesen hat eine Strähne, eine sehr bunte Strähne, aus einem wirren Gewebe von Druck und Gegendruck herausgegriffen“ (S. 574). Das ist genau jene Fruchtbarmachung von Antithesen, die Reich in der Charakteranalyse vorexerzierte, zu der Freud aber weitgehend unfähig war.

Am nächsten kommt Freud dem „Universalen“ vielleicht mit seinem Konzept des Es, das er bei Groddeck entlehnt hatte. Groddeck über Das Ich und das Es: „Dabei hat (Freuds) Es nur bedingten Wert für die Neurosen. Er macht den Schritt in das Organische nur heimlich, mit Hilfe eines von Stekel und Spielrein genommenen Todes- oder Destruktionstriebes. Das Aufbauende meines Es läßt er beiseite, vermutlich um es das nächstemal einzuschmuggeln“ (z.n. Gay, S. 461). Freuds „Es“ bringt, so Freud am Ende von Das Ich und das Es „keinen einheitlichen Willen zustande“, weil in ihm Eros und Todestrieb miteinander ringen (S. 462).

Das „Aufbauende“, dessen Fehlen Groddeck monierte, kam beispielsweise in den Schlußworten zu Das Unbehagen in der Kultur zum tragen. Freud: „Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden ‚himmlischen Mächte‘, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten“ (z.n. Gay, S. 621).

Freud bezeichnete die Analytiker, sich selbst eingeschlossen, „als „im Grunde unverbesserliche Mechanisten und Materialisten“ (S. 498), doch immer wieder scheint das imgrunde mystische Grundwesen der Psychoanalyse durch. Von wegen „himmlische Mächte“!

Freud sprach stets von „die Wissenschaft“, doch was meinte er damit eigentlich konkret? Er, der sich spätestens seit 1900 kaum noch mit der Wissenschaft beschäftigte und vollkommen in einer „Psychologie“ aufging, die sich in Deutungen erschöpfte („Tiefenpsychologie“). Man denke nur an seinen Lamarckismus, der bei ihm einen dezidiert mystischen Charakter annahm („Geist über Materie“). Dazu Gays folgende Anmerkung:

Während des Krieges spielte er, wie er Abraham schrieb, mit der Möglichkeit, Lamarck für die Sache der Psychoanalyse zu rekrutieren, indem er zeigt, daß Lamarcks Idee des „Bedürfnisses“ nichts anderes ist als „die Macht der Vorstellung über den eigenen Körper. Wovon wir Reste bei der Hysterie sehen, kurz die ‚Allmacht der Gedanken‘“. (S. 414)

Andererseits: in seinem Dialog mit Romain Rolland, wo dieser von „ozeanischen Gefühlen“ sprach, die Grundlage des religiösen Empfindens seien, konnte Freud nur konstatieren, daß er dieses Gefühl nicht kenne (S. 612).

Die Psychoanalyse sei, so Gay über Freud, „die Kunst und Wissenschaft des geduldigen Zuhörens“ (S. 293). Immerhin hier konnte Reich Freud folgen: die Natur nicht im Kantschen Sinne „foltern“, sondern sie sprechen lassen.

Und was schließlich den orgonomischen Funktionalismus betrifft: In Gays Worten ist es „ein Gemeinplatz der psychoanalytischen Lehre, daß die dramatischten Unterschiede, wie weit auseinanderstehende Äste aus demselben Stamme entspringen können“ (S. 632). Beispielsweise schrieb Freud über die Gefühlskonflikte des „Rattenmanns“, sie seien „nicht unabhängig voneinander, sondern paarig miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt“ (S. 302).