Posts Tagged ‘Destruktionstrieb’

Peter liest die Übersetzung REICH ÜBER FREUD (Teil 3)

27. Juli 2026

Mittlerweile kenne ich keine Edition von Reichs Werken (abgesehen von Christian Fernandes‘ Neuausgabe von Christusmord), die nicht ein bedrückender Alptraum wäre. Eine klare Manifestation der Emotionellen Pest, die wenn nicht bewußt, dann unbewußt alles tut, um gegen die Genitalität, d.h. Wilhelm Reich vorzugehen! Offenbar wirkt in dieser universellen Sabotage ein tiefsitzender Widerstand gegen Reich, ein tiefsitzendes „Nein!“.

Die ganze editorische Problematik sieht man allein schon an dem Artikel „The Source of the Human ‚No‘“, den Reich 1955 in Elsworth F. Bakers Zeitschrift Medical Orgonomy veröffentlichte. Es handelt sich dabei um einen Ausschnitt des Eissler-Interviews. Als Higgins das 1982 in dem zusammengeklaubten Buch Children of the Future erneut veröffentlichte, war das merkwürdigerweise eine andere Version…

Warum haben Higgins und Raphael die Stelle mit dem „Gesellschaftsjesus“ („Society Jesus“) unterschlagen? (Higgins/Raphael, S. 60; Psychosozial, S. 73).

Manchmal ist die Übersetzung merkwürdig ungelenk. Beispielsweise wird aus: „In other words, if your destructiveness is just inhibited and you turn it against yourself and eat yourself up inside, then I agree with you fully“ (Higgins/Raphael, S. 72) – das folgende: „Wenn die Destruktivität gehemmt ist, und man sie gegen sich selbst wendet, weil man sich innerlich auffrißt, gewissermaßen – um es in einfachen Worten zu sagen –, dann stimme ich Ihnen vollkommen zu, ja“ (Psychosozial, S. 82). Das „Ihnen“ leitet fehl, da es aus Eissler einen Todestriebtheoretiker macht, was definitiv nicht gemeint ist. Warum „Ihnen“ nicht einfach streichen? Das vermeintlich so schlechte „Übersetzerkollektiv“: „wenn der Destruktionstrieb nur gehemmt ist, und er sich gegen die eigene Person richtet, man sich selber innerlich auffrißt, dann stimme ich mit ihnen vollkommen überein“ (Raubdruck, S. 47).

Über Karen Horney und ihre Theorie sagt Reich: „But without sex, without libido, without any bio-energy, without anything. She did a good job in taking many things“ (Higgins/Raphael, S. 74). Daraus wird im Deutschen das diametrale Gegenteil: aus einer pestilenten Diebin wird eine gute Arbeiterin! „Aber ohne Sex, ohne Libido, ohne jegliche Bioenergie, ohne all das. Sie hat eine gute Arbeit geleistet, um vieles zu erfassen“ (Psychosozial, S. 84). Im Original beklagt sich Reich darüber, sieht aber ein, daß das eh sinnlos ist. Folgt man der im Psychosozial Verlag erschienenen neuen deutschen Übersetzung wäre diese, seine Beschwerde sinnlos, da sie ja viel erfaßt und dabei gute Arbeit geleistet hat! Richtig wäre: „Aber ohne Sex, ohne Libido, ohne jede Bioenergie, ohne alles. Sie hat es verstanden, sich viele Sachen anzueignen“ (Raubdruck, S. 49).

Wie sehr Higgins und Raphael Reich verstümmelt haben, sieht man an diesem Beispiel:

You see, you couldn’t get at the mental-hygiene problem with ideas such as the oedipus complex. You couldn’t get at it. It didn’t make sense. What made sense was the frustration, the genital frustration of the population. Adolescents get frustrated. There is misery in marriage. Why is it so? How does it work? What can we do about it? And, here, you hit upon the social problem – the institution of marriage, laws, Catholic dogma, birth control, and all kinds of social stuff. Here we see sociology out in the open. (Higgins/Raphael, S. 79)

Hier, was die deutschen Übersetzer aus dem Transkript übersetzten:

R.: (…) Sehen Sie, man konnte an das Problem der mentalen Hygiene nicht mit Ideen wie dem Ödipuskomplex herangehen, verstehen Sie? So konnte man nicht herangehen Es machte keinen Sinn und führte zu nichts. Was Sinn macht bezüglich der mentalen Hygiene ist zuallererst die Frustration, die genitale Frustration der Bevölkerung im allgemeinen zu betrachten. Ist das klar?

E.: Ja.

R.: Es ist glasklar. Jugendliche sind generell frustriert Es gibt ein Elend in der Ehe. Wie entsteht das, wie funktioniert das, und vor allem, was kann man dagegen tun? Und hier trifft man sofort auf das soziale Problem, und auf das der Institution Ehe, des Gesetzes, der Gesetze sowie auf andere soziale Themen, auf das katholische Dogma, die Empfängnisverhütung auf direktem Weg, unmittelbar. Sofort. Und so weiter. Hier liegt die Soziologie offen vor uns. (Psychosozial, S. 87)

Englisch: „The admission of lay analysts into natural scientific psychoanalysis was a very great mistake” (Higgins/Raphael, S. 87). Deutsch: “Die Zulassung von Laienmedizinern zur naturwissenschaftlichen Psychoanalyse war ein sehr großer Fehler“ (Psychosozial, S. 94). Woher, um alles in der Welt, kommt das absurde Wort „Laienmediziner“?! Von Reich? Warum nicht schlicht: „Die Aufnahme der Laienanalytiker in die naturwissenschaftliche Psychoanalyse war ein großer Fehler“ (Raubdruck, S. 57).

Und: Wo ist die „Nachschrift“ Reichs an Eissler, die sich bei Higgins/Raphael und im Raubdruck findet, in der Reich nochmals auf den Inhalt des Gesprächs eingeht und Korrekturen anbringt, die sich aus seiner Lektüre der Freud-Biographie von Ernst Jones ergaben? Die Korrekturen betrafen Freuds Jüdischheit, seine vermeintliche genitale Gesundheit und die Libido als tatsächliche physische Energie.

Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 2. Die Funktion des Orgasmus, b. Sex wozu?

16. Juni 2026

Peter Nasselstein: Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 2. Die Funktion des Orgasmus, b. Sex wozu?

Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 1. Wilhelm Reich, e. Todestrieb und DOR-Energie

12. Juni 2026

Peter Nasselstein: Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 1. Wilhelm Reich, e. Todestrieb und DOR-Energie

Die Sexualökonomie der Cheyenne

3. Oktober 2025

1927 beschrieb Reich in der damaligen stark von Freuds Todestriebtheorie („Destruktionstrieb“) geprägten psychoanalytischen Begrifflichkeit den Zusammenhang zwischen „Sexualstauung, Aggression, Destruktion und Sadismus“:

Die Intensität real unbegründeter Destruktionsantriebe, besonders die der Brutalität und des Sadismus, hängt vom jeweiligen Zustand der sexuellen Befriedigtheit beziehungsweise von der Stärke der sexuellen Stauung ab.

Diese Abhängigkeit zeigt sich dem Beobachter sowohl auf körperlichem Gebiet als auch im Bereiche der seelischen Haltungen. In Wirklichkeit sind die seelischen Haltungen und die körperlichen Erregungen natürlich nicht zu trennen.

Schon bei der akuten Neurasthenie, die durch Zersplitterung der Befriedigung entsteht und auf sexueller Stauung beruht, sehen wir ein Anschwellen der Erscheinungen destruktiver Antriebe: Reizbarkeit und Ausbrüche des Ärgers über nichtige Vorkommnisse sowie starke motorische Unruhe. Die Destruktionsantriebe sind identisch mit muskulärer motorischer Spannung. Motorische Unruhe kommt bei Neurosen in der Weise zustande, daß unbefriedigte sexuelle Erregung den Muskelapparat erfaßt; sie erscheint aber hier nicht mehr als Sexualphänomen, sondern als Zerstörungsantrieb. Die unterdrückte Sexualerregung überträgt sich auf die Muskulatur, wenn sie nicht symptomatisch gebunden wird oder als Stauungsangst erscheint.

Wir sehen, daß die motorische Unruhe, die Antriebe, zu zerstören oder zumindest den Muskelapparat zu betätigen, sowie die allgemeine Aggressivität bei sadistisch-triebhaften Charakteren um so stärker werden, je länger sie abstinent leben, und daß diese Impulse schwächer werden, wenn die Abstinenz auch nur für kurze Zeit aufgegeben wird. (Genitalität, S. 182)

Die Indianer des nordamerikanischen Kontinents waren nicht durchgehend matristisch, vielmehr gab es auch hier eher patristische, d.h. eher gepanzerte Stämme, bzw. entsprechende Traditionen, die sich aufgrund der Völkerverschiebungen infolge der Landnahme durch die Weißen ausbreiteten. Schließlich überlebten nur die patristisch geprägten Stämme, weil diese sich gegen die koloniale Aggression wehrten (James DeMeo: Saharasia).

Zu diesen gehörten die Cheyenne. Sie glaubten, was typisch für den Patrismus ist, an einen „obersten Gott“ und es gab bei ihnen eine scharfe Trennung zwischen der Sphäre des Krieges (Destruktion) und jener des Familienlebens (Prokreation). Der Anthropologe John H. Moore hat dies anhand der Kriegshäuptlinge der Cheyenne aufgezeigt.

Im Glauben der Cheyenne kam die Energie zum Leben und dessen Erfolg vom allerhöchsten Gott. Aufgabe des einzelnen Mannes sei es, diese allgemeine Energie in eine zielgerichtete Kraft umzuwandeln. Dann kann sie aber nicht mehr für andere Zwecke verwendet werden, weshalb insbesondere Zölibatsgelübde abgenommen wurden, wenn eine schwere Aufgabe anstand. Entsprechend lebten die Krieger, insbesondere aber ihre Anführer, im zeitweisen, teilweise sogar lebenslangen, Zölibat.

Ähnlich wird es bei entsprechenden Stammesgesellschaften in Afrika und auf dem eurasischen Kontinent ausgesehen haben. Das erklärt m.E. auch den Ursprung des Jainismus, Buddhismus und vielleicht der entsprechenden durchweg extrem sexualfeindlichen hinduistischen Guru-Linien aus der indischen Kriegerkaste. Siehe dazu meinen Aufsatz Die Massenpsychologie des Buddhismus.

Nietzsche und die Entwicklung des Menschen (Teil 3)

10. Juli 2025

Wenn das Leben seine Instinktsicherheit verliert, hat es, Nietzsche zufolge, die Vernunft als Tyrannen nötig, weil es sonst in der Anarchie seiner widerstreitenden Triebe, die nicht mehr von einem herrschenden Instinkt regiert werden, verloren ist (Götzendämmerung, Das Problem des Sokrates). Freud und Hans Hass teilen diese Meinung mit Nietzsche, während Reich die Diktatur durch eine „Arbeitsdemokratie“ funktionell ersetzen will. Anstelle dem Aufdämmen und der Regelung der Triebe durch geistige Moral und physische Panzerung tritt die sexualökonomische genitalorgastische Funktion. Nicht unsere Moral unterscheidet uns vom Tier (wir haben sie notwendig, wenn wir „regredieren“), sondern unsere Genitalität (die Moral erübrigt).

In seinem 1963 erschienen Buch Das sogenannte Böse, führte Konrad Lorenz den „Aggressionstrieb“ ein (gemeint ist natürlich „Destruktionstrieb“), den der Mensch mit allen höheren Tieren teile, aber zusammen mit seinen anderen atavistischen Trieben steuern, kontrollieren, unterdrücken und sublimieren müsse. So muß sich, Lorenz zufolge, der Mann zusammenreißen, um nicht gleich über jede Frau auf der Straße herzufallen. Die modernen Soziobiologen führen Rassismus und Nationalismus auf unsere „egoistischen Gene“ zurück, die wir zu beherrschen hätten. Dergestalt stellt sich die Frage der soziopathogenen Panzerung erst gar nicht, bzw. sie stellt sich umgekehrt: unsere Steinzeittriebe oder -gene sind für alles Unheil verantwortlich und wir müssen uns gegen sie abpanzern.

Reich hat 1942 in Die Funktion des Orgasmus dargelegt, daß es widersinnig ist, von einem „Aggressionstrieb“ zu sprechen, da er kein Trieb im eigentlichen Sinne sei, „sondern das unerläßliche Mittel jeder Triebregung. Diese ist an sich aggressiv, weil die Spannung zur Befriedigung drängt“. Demgegenüber faßt Hans Hass unter dieser Bezeichnung

sämtliche angeborenen und erworbenen Steuerungen zusammen, welche als Akte von Instinkt und Intelligenz dazu führen, daß der Mensch sich Mitmenschen gegenüber ärgerlich, gegnerisch, bösartig, feindlich, ja sadistisch verhält. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, 1978, S. 252)

Hass wendet sich gegen die Annahme, diese aggressiven Tendenzen des Menschen seien nur eine Antwort auf ihn frustrierende Umwelteinflüsse und daß ohne Frustrationen keine Aggressionen aufträten. Als abschreckendes Beispiel verweist Hass auf das Buch Frustration and Aggression (Yale 1939) der Psychoanalytiker Dollard, Miller, Doob, Mowrer und Sears, wonach durch Frustrationen, die das Kind in seiner Entwicklung erfährt, zur Aggression neigende Menschen entstehen.

In den Vereinigten Staaten empfahlen darum einige Psychologen den Müttern, ihre Kinder ohne Widerspruch und Strafe, also permissiv und möglichst frustrationsfrei zu erziehen. Diese Anregung (…) führte jedoch keineswegs zu einem überzeugenden Resultat. (ebd. S. 253f)

Betrachtet man jedoch extreme Formen von Destruktion, z.B. wenn ein SS-Wachmann in Auschwitz einer Mutter das Kleinkind aus den Armen riß, an den Beinchen packte, um den Schädel des Kindes an einer Betonwand zu zerschmettern, dann sieht man, daß da kaum der Affe durchbricht, sondern die Zivilisation. Freud und Lorenz und andere, die von „bösen Trieben“ reden, sehen mit ihrer „realistischen“ Weltanschauung sofort den angeborenen Aggressions- und Todestrieb am Werk, aber die weit grausigere Wahrheit ist, daß der SS-Mann dies als typischer Moralist tat, dem sein Gewissen befahl, seine natürlichen mitmenschlichen Gefühle mit aller Gewalt zu unterdrücken: „Wenn ich dies tue, zeige ich, daß du kein Mensch bist – und die Moral erlaubt mir, ja, zwingt mich, solch schädliches Ungeziefer auszurotten.“ Moral! Schließlich ist auch die Bibel auf seiner Seite, wenn er beim Religionsunterricht aufgepaßt hat (Ps 137,9)!

Die moderne Neurobiologie zeigt, daß das Mitgefühl ein „Trieb“ ist und damit die gängige Moral schlichtweg überflüssig und schädlich. Mitgefühl beruht schlichtweg darauf, daß wir mitfühlen – Moral kann das nur behindern. Ich zitiere aus David Holbrooks Weltnetzseite:

Ein anderes Thema in der Neurowissenschaft, das in den letzten Jahren sehr populär geworden ist, war die Entdeckung sogenannter „Spiegelneuronen“: „Mitte der 1990er Jahre fand der italienische Neurowissenschaftler Rizzolati … im prämotorischen Kortex von Makaken eine Klasse von Neuronen, die nicht nur bei selbstinitiierten Bewegungen feuerten, sondern auch bei der Beobachtung entsprechender Bewegungen bei anderen Affen …“ (Wallin 2007, S. 76). Mit anderen Worten, dieselben Motoneuronen, die gefeuert haben, als der Affe seinen Körper bewegte, wurden auch ausgelöst, als der betreffende Affe einen anderen Affen beobachtete, der ähnliche Bewegungen machte. Dies hat die 100 Jahre alte Doktrin, daß motorische und sensorische Neuronen zwei völlig getrennte Kategorien von Neuronen in separaten Bereichen des Gehirns sind, umgeworfen. Darüber hinaus „sind es nur beabsichtigte Aktionen, die das Feuern von Spiegelneuronen auslösen…“, d.h. Aktionen, die geplant und absichtlich ausgeführt werden. „Es ist offensichtlich nicht unsere Wahrnehmung von Handlungen per se, die eine mitschwingende Antwort auslöst, sondern vielmehr die Wahrnehmung von Handlungen, die den Eindruck vermitteln, daß eine Absicht dahinter steckt …“. Dies hat zu der Theorie geführt, daß Spiegelneuronen die neuronale Basis für das Phänomen der Empathie und für bestimmte Aspekte der Wahrnehmung der Motive oder Absichten der Handlungen anderer darstellen können. Das Interessante ist, daß diese Wahrnehmungen eng mit der Beobachtung somatischer, nonverbaler Ausdrucksbewegungen in anderen verbunden sind: „… Es sind nicht nur die wahrgenommenen beabsichtigten Zustände anderer, sondern auch ihre Emotionen und körperlichen Empfindungen, die unsere Spiegelneuronen dazu bringen können zu feuern …. es wurde theoretisiert (Iacoboni 2005), daß die Insula (ein Bereich des Gehirns) unsere Eindrücke der Affekte [Emotionen] anderer aus dem Kortex, der wahrnimmt, zur Amygdala [einem Kern im Gehirn] übermittelt, die dann im Beobachter körperliche Gefühle auslöst“ (S. 77). Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Neurowissenschaft den Weg weist für ein anatomisches und physiologisches Verständnis der Prozesse der nonverbalen, unbewußten, unwillkürlichen Übertragung von Emotionen von einer Person, oder einem Lebewesen, auf eine andere (für eine ausführliche Diskussion über die Entdeckung der Spiegelneuronen und ihre Implikationen siehe Iacoboni 2008).

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 127)

4. Mai 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

In seiner gegen Reich gerichteten Schrift Das Unbehagen in der Kultur klingt Freud fast wie Herbert Marcuse:

Von seiten der Kultur ist die Tendenz zur Einschränkung des Sexuallebens nicht minder deutlich als die andere zur Ausdehnung des Kulturkreises. Schon die erste Kulturphase, die des Totemismus, bringt das Verbot der inzestuösen Objektwahl mit sich, vielleicht die einschneidendste Verstümmelung, die das menschliche Liebesleben im Laufe der Zeiten erfahren hat. Durch Tabu, Gesetz und Sitte werden weitere Einschränkungen hergestellt, die sowohl die Männer als die Frauen betreffen. Nicht alle Kulturen gehen darin gleich weit; die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft beeinflußt auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit. Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang der ökonomischen Notwendigkeit folgt, da sie der Sexualität einen großen Betrag der psychischen Energie entziehen muß, die sie selbst verbraucht. Dabei benimmt sich die Kultur gegen die Sexualität wie ein Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung, die eine andere ihrer Ausbeutung unterworfen hat. Die Angst vor dem Aufstand der Unterdrückten treibt zu strengen Vorsichtsmaßregeln. Einen Höhepunkt solcher Entwicklung zeigt unsere westeuropäische Kultur. Es ist psychologisch durchaus berechtigt, daß sie damit einsetzt, die Äußerungen des kindlichen Sexuallebens zu verpönen, denn die Eindämmung der sexuellen Gelüste der Erwachsenen hat keine Aussicht, wenn ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet wurde. Nur läßt es sich auf keine Art rechtfertigen, daß die Kulturgesellschaft so weit gegangen ist, diese leicht nachweisbaren, ja auffälligen Phänomene auch zu leugnen. Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt, die meisten außergenitalen Befriedigungen als Perversionen untersagt. Die in diesen Verboten kundgegebene Forderung eines für alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die Ungleichheiten in der angeborenen und erworbenen Sexualkonstitution der Menschen hinaus, schneidet eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß ab und wird so die Quelle schwerer Ungerechtigkeit. Der Erfolg dieser einschränkenden Maßregeln könnte nun sein, daß bei denen, die normal, die nicht konstitutionell daran verhindert sind, alles Sexualinteresse ohne Einbuße in die offen gelassenen Kanäle einströmt. Aber was von der Ächtung frei bleibt, die heterosexuelle genitale Liebe, wird durch die Beschränkungen der Legitimität und der Einehe weiter beeinträchtigt. Die heutige Kultur gibt deutlich zu erkennen, daß sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund einer einmaligen, unauflösbaren Bindung eines Mannes an ein Weib gestatten will, daß sie die Sexualität als selbständige Lustquelle nicht mag und sie nur als bisher unersetzte Quelle für die Vermehrung der Menschen zu dulden gesinnt ist. Das ist natürlich ein Extrem. (Studienausgabe Bd. 9, S. 233f)

Wenn man das aufmerksam liest, hat man Freuds „wissenschaftliche“ Widerlegung von Reichs Orgasmustheorie vor sich, vom Inzestverbot als größtem Einschnitt, über die objektive Notwendigkeit der Sexualunterdrückung, die aber vor allem der Prägenitalität gilt, während die Genitalität sozusagen nur sekundär unterdrückt werde. Der unüberwindbare Gegensatz von Freud/Marcuse und Reich wird überdeutlich.

Gegen diesen Absatz klingt Reich geradezu konservativ und reaktionär! Der darauffolgende Absatz in Das Unbehagen in der Kultur hingegen fast „Reichianisch“, dessen Schluß dann aber wieder drastisch Freudistisch-obskurantistisch. – Freud bietet wirklich für jeden etwas:

Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß es sich als undurchführbar, selbst für kürzere Zeiten, erwiesen hat. Nur die Schwächlinge haben sich einem so weitgehenden Einbruch in ihre Sexualfreiheit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer kompensierenden Bedingung, von der später die Rede sein kann. Die Kulturgesellschaft hat sich genötigt gesehen, viele Überschreitungen stillschweigend zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte verfolgen müssen. Doch darf man nicht nach der anderen Seite irregehen und annehmen, eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos, weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung befindlichen Funktion, wie unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung als Quelle von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung unseres Lebenszweckes, empfindlich nachgelassen hat. Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Befriedigung und dränge uns auf andere Wege. Es mag ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden. (ebd. S. 234f)

In einer Fußnote zu Das Unbehagen in der Kultur (ebd., S. 248) bezieht sich Freud auf Goethes Mephistopheles, der, so Freud, archetypisch den Destruktionstrieb verkörpere. Mit dem Faust-Zitat…

Der Luft, dem Wasser, wie der Erde

Entwinden tausend Keime sich,

Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!

Hätt‘ ich (Mephistopheles) mir nicht die Flamme vorbehalten,

Ich hätte nichts Aparts für mich.

…identifiziert Freud den Todestrieb mit dem Feuer. 6 Jahre später wird Reich in seinen Bionexperimenten zeigen, daß die besagten Keime aus dem Feuer hervorgehen!

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie

2. November 2020

Diese Arbeit von Klaus Heimann spiegelt die Orgonomie in Deutschland bzw. das orgonomische Wissen in Deutschland Mitte/Ende der 1970er Jahre wider. In diese Zeit reichen die Bemühungen zurück, die Orgonomie in Deutschland, nach der restlosen Zerstörung erster Anfänge auf deutschem Boden, die 1933 erfolgte, erneut zu etablieren. Das damalige orgonomische Wissen ist der Ausgangspunkt des NACHRICHTENBRIEFes und sollte deshalb von jedem, der neu zu unseren Netzseiten stößt, als Einführung gelesen werden, damit wir alle eine gemeinsame Grundlage haben. Klaus Heimanns Arbeit hat den Zauber des Anfangs an sich und möge in einer neuen Generation das Feuer von neuem entzünden:

ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DER ORGONOMIE von Klaus Heimann

Über Panzerung, Krieg und Frieden

6. Juni 2019

 

Paul Mathews:
Über Panzerung, Krieg und Frieden

 

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 3)

9. September 2018

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist heimann.jpg.https://www.orgonomie.net/Entstehungsgeschichte.pdf

Über Panzerung, Krieg und Frieden (Teil 2)

16. August 2018

Paul Mathews: Über Panzerung, Krieg und Frieden