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Die tugendhafte Lust in der Biologie

15. November 2024

LaMettrie war Arzt und entsprechend sind seine ersten philosophischen Schriften Naturgeschichte der Seele und Der Mensch als Maschine plus Der Mensch als Pflanze von der Physiologie geprägt. Hier führte er eine „Proto-Evolutionstheorie“ aus. Die Krux an seinem Maschinen-Bild ist die Kontinuität, die er zwischen Mensch und allen anderen Naturerscheinungen herstellt, bzw. wie er sie herstellt, es geht nämlich in beide Richtungen: der Mensch ist „auch nur eine Maschine“, aber umgekehrt kann die Maschine nur vom Menschen und seinem „Innenleben“ her verstanden werden, d.h. die Materie hat intrinsisch bereits „seelische“ Eigenschaften, die schließlich im Menschen, bedingt durch dessen Komplexitätsstufe, voll zutage treten. Das Bindeglied, das diese Konstruktion zusammenhielt, sollte schließlich der erste wirkliche Evolutionstheoretiker, Jean-Baptiste de Lamarck, finden. Dabei ist bemerkenswert, daß genauso wie LaMettrie im Zwischenbereich zwischen Physiologie, Psychologie und Soziologie mit seiner „tugendhaften Lust“ Reichs Orgasmustheorie vorwegnahm, Lamarck ein halbes Jahrhundert später das gleiche leistete in der erst von ihm von der Physiologie separierten Wissenschaft Biologie.

Aus Lamarcks Aussage, die Arten wären aus einem „inneren Bedürfnis“ (das er mit Aristoteles „Entelechie“ nennt) nach Weiterentwicklung entstanden, sollte Henri Bergson den Begriff „élan vital“ bilden, der Reich den Weg zur Entdeckung der Orgonenergie wies.

Es muß jeden Leser befremden, wenn er bei Reich liest, der Orgasmus sei das Grundphänomen des Lebens und daß die biologische Forschung und ganz allgemein die Wissenschaft nicht vorankomme, solange die Gesellschaft es unterlasse, diese Grundfunktion bei ihren Mitgliedern zu schützen und zu fördern. Dieses Befremden kommt nicht etwa daher, weil diese Aussage an sich befremdlich wäre. Ganz im Gegenteil, die Wissenschaft und das allgemeine Bewußtsein der Menschen in den letzten 200 Jahren hat eine denkbar befremdliche, leben(digkeit)sferne Richtung eingeschlagen.

In seiner 1809 erschienenen Zoologischen Philosophie hat Lamarck ausgeführt, der Orgasmus sei das „allgemeine Phänomen, von dem das Leben abhängt“. [Ich verdanke diesen Hinweis den entsprechenden Ausführungen des Kulturwissenschaftlers Peter Berz („Die andere Biologie des Wilhelm Reich“, In: Johler 2008, S. 109f).] Lamarck spricht in seinem Buch von „wirkenden und ausdehnenden Fluida, die die erregende Ursache der Lebensbewegungen bilden“. Sie dringen, so Lamarck, von außen in den Körper ein und werden wieder „ausgedünstet“ (Johler 2008, S. 55). In diesem Zusammenhang führt er den Begriff „Orgasmus“ ein. Dabei sei jedoch nicht „von dem besonderen Affekt, den man Orgasmus nennt“, die Rede, sondern von dem „eigenartigen Spannungszustand“ der Organe und Organsysteme, „der ihnen die Fähigkeit gibt, zu erschlaffen und sogleich zu reagieren, wenn sie irgendeinen Eindruck erhalten“ (Johler 2008, S. 56). Und weiter: „Der Orgasmus der bildsamen und inneren Teile der Tiere trägt mehr oder weniger zur Erzeugung der organischen Erscheinungen dieser lebenden Organismen bei; er wird hier durch ein (vielleicht auch mehrere) unsichtbares, ausdehnendes und durchdringendes Fluidum unterhalten, das mit einer gewissen Langsamkeit die Teile durchdringt und in ihnen die Spannung oder […] Erethismus [Erregbarkeit] hervorbringt […]“ (Johler 2008, S. 56).

Berz führt aus:

Vor ihm habe man, so Lamarck, „Sensibilität“ und „Reizbarkeit“ allen Organismen zugesprochen. Dann sei die Unterscheidung zwischen einer Sensibilität für Sinneseindrücke, die von einem eigenen Organ, dem Nervensystem, abhängt, und einer Sensibilität ohne Nervensystem eingeführt worden. Sie ist es, die Lamarck neu denkt und Orgasmus nennt. Aufs Ganze des Tierreichs gesehen ist nämlich die Existenz des Nervensystems, also eines Organs mit „Beziehungsmittelpunkt“, nach Lamarck eine äußerst seltene Erscheinung. Verstreute Reizbarkeit dagegen beobachtet man überall, schon „bei den einfachsten tierischen Organismen“. Damit Reizbarkeit bei ihnen sein kann, muß es Orgasmus geben. Plötzliches Zusammenziehen bei Reizung hat ein rasches „Ausströmen des unsichtbaren Fluidums“ an der gereizten Stelle zur Folge, während über die benachbarten Stellen ein „vorübergehendes Zittern“ geht; dann dehnt ein neues Quantum Fluidum die Teile aus: der Organismus wird wieder reizbar. Da sich die Pflanzen nur ganz langsam ausdehnen und zusammenziehen, sie weder reizbar noch sensibel sind, haben sie auch nur einen „dunklen Orgasmus“. Bei den Tieren dagegen, die durch Lungen atmen, ist der Orgasmus sehr stark. Schon das „abwechselnde Ausdehnung und Zusammenziehen“ der Höhle, die ihr Atmungsorgan enthält, zeugt von dieser Stärke. (Johler, S. 110)

Wirklich in jeder Beziehung vermeint man Reich zu lesen! Die tugendhafte Lust entspricht den kosmischen Formgesetzen, für die die konventionelle Biologie blind ist.

Peter liest Peter Gays Freud-Biographie

13. Februar 2018

Freud warf Jung vor, die Libido zu einer „universalen Energie“ zu verwässern. Adler habe die Libido durch eine „universale aggressive Kraft“ („Wille zur Macht“) ersetzt. Freud beharrte auf seinem explizit dualistischen Ansatz, da die „psychologische Aktivität im wesentlichen von Konflikten geprägt sei“ (Peter Gay: Freud, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, S. 447). „Seine Schriften sind voll von Gegenüberstellungen wie aktiv und passiv, männlich und weiblich, Liebe und Hunger und (…) Leben und Tod“ (S. 447).

Gay erwähnt Stefan Zweig: „Zweig mit seiner Begabung für die Übertreibung und die auffälligen Antithesen hat eine Strähne, eine sehr bunte Strähne, aus einem wirren Gewebe von Druck und Gegendruck herausgegriffen“ (S. 574). Das ist genau jene Fruchtbarmachung von Antithesen, die Reich in der Charakteranalyse vorexerzierte, zu der Freud aber weitgehend unfähig war.

Am nächsten kommt Freud dem „Universalen“ vielleicht mit seinem Konzept des Es, das er bei Groddeck entlehnt hatte. Groddeck über Das Ich und das Es: „Dabei hat (Freuds) Es nur bedingten Wert für die Neurosen. Er macht den Schritt in das Organische nur heimlich, mit Hilfe eines von Stekel und Spielrein genommenen Todes- oder Destruktionstriebes. Das Aufbauende meines Es läßt er beiseite, vermutlich um es das nächstemal einzuschmuggeln“ (z.n. Gay, S. 461). Freuds „Es“ bringt, so Freud am Ende von Das Ich und das Es „keinen einheitlichen Willen zustande“, weil in ihm Eros und Todestrieb miteinander ringen (S. 462).

Das „Aufbauende“, dessen Fehlen Groddeck monierte, kam beispielsweise in den Schlußworten zu Das Unbehagen in der Kultur zum tragen. Freud: „Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden ‚himmlischen Mächte‘, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten“ (z.n. Gay, S. 621).

Freud bezeichnete die Analytiker, sich selbst eingeschlossen, „als „im Grunde unverbesserliche Mechanisten und Materialisten“ (S. 498), doch immer wieder scheint das imgrunde mystische Grundwesen der Psychoanalyse durch. Von wegen „himmlische Mächte“!

Freud sprach stets von „die Wissenschaft“, doch was meinte er damit eigentlich konkret? Er, der sich spätestens seit 1900 kaum noch mit der Wissenschaft beschäftigte und vollkommen in einer „Psychologie“ aufging, die sich in Deutungen erschöpfte („Tiefenpsychologie“). Man denke nur an seinen Lamarckismus, der bei ihm einen dezidiert mystischen Charakter annahm („Geist über Materie“). Dazu Gays folgende Anmerkung:

Während des Krieges spielte er, wie er Abraham schrieb, mit der Möglichkeit, Lamarck für die Sache der Psychoanalyse zu rekrutieren, indem er zeigt, daß Lamarcks Idee des „Bedürfnisses“ nichts anderes ist als „die Macht der Vorstellung über den eigenen Körper. Wovon wir Reste bei der Hysterie sehen, kurz die ‚Allmacht der Gedanken‘“. (S. 414)

Andererseits: in seinem Dialog mit Romain Rolland, wo dieser von „ozeanischen Gefühlen“ sprach, die Grundlage des religiösen Empfindens seien, konnte Freud nur konstatieren, daß er dieses Gefühl nicht kenne (S. 612).

Die Psychoanalyse sei, so Gay über Freud, „die Kunst und Wissenschaft des geduldigen Zuhörens“ (S. 293). Immerhin hier konnte Reich Freud folgen: die Natur nicht im Kantschen Sinne „foltern“, sondern sie sprechen lassen.

Und was schließlich den orgonomischen Funktionalismus betrifft: In Gays Worten ist es „ein Gemeinplatz der psychoanalytischen Lehre, daß die dramatischten Unterschiede, wie weit auseinanderstehende Äste aus demselben Stamme entspringen können“ (S. 632). Beispielsweise schrieb Freud über die Gefühlskonflikte des „Rattenmanns“, sie seien „nicht unabhängig voneinander, sondern paarig miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt“ (S. 302).

Gepanzerte Kröten?

20. Juli 2016

Wandelnde Burgen – die heutige Funktion des Schildkrötenpanzers ist klar: Er schützt die langsamen und wehrlosen Reptilien vor Feinden. Doch offenbar stand diese Funktion gar nicht am Anfang der Entwicklungsgeschichte des Panzers: Seine Urform diente allein dem Graben, legen nun neue Fossilienfunde von Vorfahren der Schildkröten nahe. Erst später in der Evolutionsgeschichte verwandelten sich die ursprünglich nur verbreiterten Rippen dann in Rüstungen.

Damit ist die ab und an vorgebrachte These vom Tisch, der Panzer der Schildkröten sei irgendwie ein Analogon zum Muskelpanzer des neurotischen Menschen; eine „abpanzernde“ Reaktion auf eine bedrohliche Umwelt, die bei den Vorfahren der jetzigen Schildkröten, frei nach Lamarck, sozusagen über Generationen hinweg „in Fleisch und Blut übergegangen ist“.

Nach Hans Hass haben wir hier vielmehr eine „Funktionserweiterung“ vor uns (Organe und Werkzeuge lassen sich für unterschiedliche Aufgaben nutzen), gefolgt von einem „Funktionswechsel“ (ein Organ oder Werkzeug, das ursprünglich für die eine Funktionserfüllung entwickelt wurde, übernimmt eine grundlegend andere). Rippen, die ursprünglich Lunge und Herz einen möglichst flexiblen und nachgiebigen Halt geben sollten, wurden verbreitert, was zwar das Atmen erschwerte und die allgemeine Flexibilität des Körpers einschränkte, aber das Graben erleichterte (Funktionserweiterung). Aus diesen Strukturen entwickelte sich schließlich etwas ganz anderes, nämlich ein maximal rigider Ganzkörperpanzer (Funktionswechsel).